91 - The future is now!

Bringen solche Erfindungen Veränderung?

Es gibt bereits einige Erfindungen, die Menschen insbesondere vor sexualisierter Gewalt schützen sollen. Pfefferspray und Taschenalarm – ein kleiner Apparat, der Angreifende durch einen lauten Ton vertreiben soll – sind vermutlich besonders bekannt. Entwickelt wurde auch ein Armband namens XantusDrinkcheck: ein Papierstreifen, der am Handgelenk befestigt wird.

Auf dem Testfeld des Streifens können Trägerinnen, die in einem Club oder einer Bar auf ein Getränk eingeladen wurden, ein paar Tropfen desselben träufeln. Nach wenigen Minuten gibt der Papierstreifen darüber Aufschluss, ob K.O.-Tropfen hineingemischt wurden. Oder das Invi Bracelet, das bei Aktivierung des Armbands einen extrem übelriechenden Stoff freisetzt. Das soll Angreifende in die Flucht schlagen und zugleich die Aufmerksamkeit von Passantinnen erregen. Auch Anti-Vergewaltigungshosen sind auf dem Markt: Die sogenannte Safe Shorts ist eine Sporthose, die mit reißfesten Schnüren festgezurrt und abgeschlossen wird. Wenn jemand an den Shorts zerren sollte, lassen sich diese nicht nur nicht ausziehen, sondern es wird auch ein durchdringender Alarmton ausgelöst. Die Erfinderin entwickelte die Idee v.a. für Joggerinnen, die in einsamen Gegenden oder abends bei schlechter Beleuchtung laufen gehen, nachdem sie selbst beim Joggen angegriffen worden war. Mit Rape-aXe können sich Frauen, die bereits einem sexuellen Übergriff ausgesetzt sind, rabiater wehren: dafür muss vorab das Femidom in die Vagina eingeführt worden sein. In dessen Inneren sind Klingen befestigt, die sich im Fall einer Penetration in den Penis einhaken und dann nur noch mit medizinischen Fachkenntnissen entfernt werden können. Rape-aXe soll indirekt präventiv helfen, damit Tatpersonen nicht erneut vergewaltigen. Die WayGuard-App sendet GPS-Daten an zuvor ausgewählte Kontaktpersonen und an eine Leitstelle. So können sich Frauen auch auf Distanz begleiten lassen und im Notfall schnell Hilfe verständigen. Etwas anders funktioniert die Yes to Sex-App: dabei geht es darum, vor dem Sex nochmal kurz innezuhalten und über das Handy explizit die Zustimmung der Beteiligten durch das Setzen einiger Häkchen festzuhalten. U.a. gilt es, sich gemeinsam auf eine Verhütungsmethode zu einigen und ein lautes Ja oder Nein aufzunehmen.

Alle Innovation in Ehren – Erfindungen zum Schutz vor sexualisierter Gewalt verfestigen auch die Fehlannahme, dass Frauen zu Opfern werden, weil sie sich nicht genug schützen. Suggeriert wird z.B., dass sexuelle Übergriffe meist von Fremden in verlassenen oder dunklen Gassen, Parks oder Wäldern ausgehen. Gewalttätige Beziehungen, Vergewaltigungen durch Bekannte und gewalttätige Übergriffe im Arbeitskontext sind jedoch allein schon statistisch deutlich häufiger, von der Dunkelziffer ganz zu schweigen.

22 % der EU-Bürgerinnen glauben, dass Frauen Vergewaltigungsvorwürfe oft erfinden oder übertreiben. 27 % halten Sex ohne Einwilligung in manchen Situationen für gerechtfertigt (Eurostat 2016). Anstatt gegen solche Auswüchse der Rape Culture und die Objektifizierung von Frauen zu kämpfen, verschiebt der Schütz dich!-Diskurs die Verantwortung zur Verhinderung von sexualisierter Gewalt auf die potentiellen Betroffene. Impliziert wird: Frauen sollen Männer daran hindern, sie zu vergewaltigen, anstatt dass Männer selbst Verantwortung übernehmen und nicht vergewaltigen. Frauen schützende Tools an die Hand zu geben ist aber noch keine effektive Prävention.

Es kann sogar in Frage gestellt werden, ob Anti-Rape-Gadgets Tatpersonen im strafrechtlichen Kontext nicht eher in die Hände spielen. In Australien entschied z.B. vor einiger Zeit ein Richter, dass in einem Vergewaltigungsfall angeblich Konsens über den erfolgten Geschlechtsverkehr vorgelegen haben müsse, da die betroffene Frau enge Jeans trug, die ihr die Tatperson, so die Annahme, ohne Hilfe der Frau nicht hätte ausziehen können. Was also, wenn die Safe Shorts nicht funktionieren und von der Tatperson doch entfernt werden können? Wird frau dann in Zukunft vor Gericht selbst für die Vergewaltigung verantwortlich gemacht? Oder dafür, dass sie keine Safe Shorts getragen hat?

Echte Veränderung hieße, anzuerkennen, dass Frauen und Männer die gleichen Rechte haben, und Gewalt konsequent zu bestrafen. Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern muss in der familiären und schulischen Erziehung verankert und im Alltag gelebt werden. Sexualisierung und Objektifizierung von Frauen dürfen nicht toleriert werden. Sexualisierte Gewalt gilt es sozial zu ächten und konsequent zu bestrafen. Nichts rechtfertigt Gewalt. Zudem darf in keinem Kontext infrage gestellt werden, dass die Verantwortung für verübte Gewalt allein die Tatperson trägt.