87 - Protest tanzen

14 der 25 Länder mit der höchsten Femizid-Rate liegen in Lateinamerika/ Karibik. 2019 starben dort 4.640 Frauen durch Femizid (CEPAL 2020). Dieser meint den Mord an einer Frau aufgrund des Geschlechts. Hintergrund ist die Machtungleichheit der Geschlechter, aus denen manche Männer einen Bestimmungsanspruch über Frauen ableiten. Zivilgesellschaftliche Akteurinnen verwenden den Begriff zudem, um explizit die staatliche Duldung oder sogar Förderung dieser Verbrechen hervorzuheben, die sich vor allem in einer extrem hohen Straflosigkeit der Tatpersonen ausdrückt.

Neben Drogenhandel, Bandenkriminalität, Perspektivlosigkeit und schwachen Institutionen, welche die in vielen Ländern allgemein hohen Gewaltraten gegen Frauen befördern, gelten eine weit verbreitete Macho-Kultur sowie weitgehende Straflosigkeit als Ursachen für das extreme Ausmaß der geschlechtsbedingten Gewalt gegen Frauen in Lateinamerika. Angesichts der Schwere des Problems in der ganzen Region haben fast alle Länder Gesetze zum Schutz von Frauen verabschiedet, welche in den meisten Fällen jedoch erhebliche Defizite aufweisen (UNDP 2017).

Zwar gab es im Jahr 2017 in 24 der lateinamerikanischen und karibischen Länder Gesetze gegen häusliche Gewalt, davon jedoch nur 9, die die unterschiedlichen Dimensionen von Gewalt gegen Frauen im privaten und öffentlichen Raum anerkennen. 2018 waren in 18 Ländern der Region Gesetze zur strafrechtlichen Verfolgung von Femiziden gültig (UNODC 2018). Nur 13 dieser Gesetze schlossen jedoch Maßnahmen zu Prävention, Schutz und Wiedergutmachung für die Betroffenen oder deren Hinterbliebene ein.

Mit ihrem Protesttanz machte Las Tesis auf das extreme Ausmaß an Gewalt gegen Frauen in ihrem Land, auf dem lateinamerikanischen Kontinent, aber auch weltweit aufmerksam. Las Tesis kritisiert v.a., dass Frauen selbst die Schuld an Vergewaltigungen gegeben wird und der Staat die Gewalt nicht oder zu milde bestraft. Hier der vollständige Liedtext:

Ein Vergewaltiger auf deinem Weg

Das Patriarchat ist ein Richter, der uns bei Geburt schon verurteilt
und unsere Strafe ist die Gewalt, die du nicht siehst.
Es ist Femizid
Straflosigkeit für meinen Mörder
Es ist Entführung
Es ist Vergewaltigung
Und schuld war nicht ich, nicht wo ich war, nicht was ich trug
Der Vergewaltiger warst du
Der Vergewaltiger bist du
Es sind die Bullen
Die Richter
Der Staat
Der Präsident
Der unterdrückerische Staat ist ein vergewaltigender Macho
Der Vergewaltiger warst du
Der Vergewaltiger bist du
Schlaf ruhig, unschuldiges Mädchen,
ohne dich um den Banditen zu kümmern,
denn deine süßen und lächelnden Träume
bewacht dein Liebhaber, der Polizist ist.
Der Vergewaltiger bist du.

Neben dem Protesttanz ist auch die Ni Una Menos-Bewegung, die ihren Ursprung in Argentinien hat, weltweit bekannt geworden. Auslöser war der Mord eines Jugendlichen an seiner 14-Jährigen, schwangeren Freundin im Jahr 2015. Eine Gruppe von Journalistinnen hatte die Proteste organisiert, an denen in Buenos Aires und 80 anderen argentinischen Städten bis zu 500.000 Menschen teilnahmen. Die Bewegung Ni Una Menos war geboren und verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Lateinamerika und dann weltweit. Die Forderungen lauteten u. a.: tatsächliche Anwendung der Gesetze zum Schutz von Frauen vor Gewalt, konsequente Bestrafung und Beseitigung von Gewalt an Frauen, Bereitstellung von kostenlosem Rechtsbeistand für Gerichtsprozesse und Eröffnung von Frauenhäusern.

Femizide sind keineswegs nur ein Problem des Globalen Südens. 2020 starben in Deutschland 123 Frauen durch Paargewalt – an jedem dritten Tag eine und 4,4 % mehr als im Vorjahr (2019 waren es 117 Frauen). Die Bundesregierung erkennt allerdings keine Definition von Femizid an. Daher lassen sich keine Angaben zu der Anzahl der in Deutschland verübten Femizide machen, denn diese kommen auch außerhalb von Partnerschaften vor. Die Medien berichten anstelle von Femizid von Beziehungstaten und Familiendramen, was die Brutalität und strukturelle Ursachen wie hierarchische Geschlechterverhältnisse, Unterdrückung und Misogynie individualisiert und verharmlost.