79 - Abwägung

Bildung ist unbestritten wichtig: Frauen, die lesen und schreiben können und ihre Rechte kennen, entwickeln das Wissen und Selbstbewusstsein, Probleme anzusprechen. Daneben ist Bildung auch im Sinne von Aufklärung wichtig - Bildung zu Menschenrechten, Gleichberechtigung sowie den Hintergründen, Risiken und Folgen von FGM/C sollte Bestandteil aller Lehrpläne weltweit sein. In Burkina Faso z.B. werden seit 2000 FGM/C-Module in Schullehrpläne aufgenommen. Ein niedriges Bildungsniveau der Mutter erhöht nachweislich das Risiko von FGM/C bei der Tochter. In manchen Ländern, wie etwa Kenia, wurde zudem ein Zusammenhang zwischen FGM/C und dem Abbruch des Schulbesuchs bzw. einer verminderten Teilnahme an schulischen Aktivitäten festgestellt.

Oft ist die Konzentrationsfähigkeit der Mädchen infolge des traumatisierenden Eingriffs oder anhaltender Schmerzen eingeschränkt und die schulische Leistung sinkt ab. Fehlt es an der notwendigen schulischen Infrastruktur wie etwa eigenen Toiletten für Mädchen, können auch stärkere Blutungen oder Infektionen infolge von FGM/C ein Grund dafür sein, der Schule fernzubleiben. Andere Mädchen werden rasch nach dem Eingriff verheiratet und von der Schule abgemeldet, da dann ihre Rolle als Ehefrau und baldige Mutter im Vordergrund steht.

FGM/C gilt meist als soziale Norm. Dazu zählt, was Gemeinschaften glauben, wie sie agieren und welches Handeln sie von ihren Mitgliedern erwarten. Ob ein Mädchen einen Schul- und Berufsabschluss braucht und diese ihre Versorgung sichern, ist eine Frage der sozialen Norm. Ob eine Frau ihr Leben und ihre Sexualität selbst bestimmen sollte, auch. Vielerorts gelten nur beschnittene Mädchen als rein, heiratsfähig und gute Ehefrauen. Um die weibliche oder familiäre Ehre, das wirtschaftliche Auskommen und das gesellschaftliche Ansehen ihrer Töchter zu sichern, halten viele Eltern deshalb an der Praktik fest. Geschlechternormen prägen die Selbstwahrnehmung von Männern und Frauen, ihre Sexualität und die Verteilung von Macht und Ressourcen. Bevor eine Gemeinschaft sich entschließt, eine schädliche Praktik aufzugeben, müssen sich die sozialen und allen voran diskriminierende geschlechterbezogene Normen ändern. FGM/C wird dann langfristig aufgegeben, wenn der Wandel aus der Gemeinschaft selbst kommt und mehrheitlich von ihr gewollt ist. Partizipatorische Ansätze sind dabei erfolgreicher als Strategien, die auf Belehrung oder Erzwingung setzen.