78 - Soziales Abseits

Überall sollten Mädchen unterstützt werden, NEIN zu FGM/C zu sagen, und ihre Familien, diese Entscheidung zu respektieren und gegenüber ihrem sozialen Umfeld uneingeschränkt zu vertreten. Auch in diesem Fall hängt es allerdings vom speziellen Land bzw. kulturellen Setting ab, wie solche Unterstützungsmechanismen oder -strukturen gestaltet werden können.

In Sierra Leone fördert TERRE DES FEMMES z. B. ein Schutzhaus für Mädchen, die vor FGM/C von zu Hause fliehen. Mediation und Gespräche mit den Eltern überzeugen diese oft, von FGM/C abzusehen. Viele Eltern sind sogar ausgesprochen dankbar für die starken Argumente und das Aufzeigen von Alternativen zu FGM/C, wie etwa möglichen Bildungs- und Berufsperspektiven für die Tochter, die ihnen so an die Hand gegeben werden. In Burkina Faso, wo es – anders als in Sierra Leone – ein Gesetz gegen FGM/C gibt, zeigen Dorfkomitees drohende Fälle von FGM/C bei der Polizei an. Ganz grundlegend in allen Fällen ist natürlich Aufklärungsarbeit, die alle in FGM/C involvierten Personen einbezieht und eine möglichst große Reichweite erzielt, um langfristige Einstellungs- und Verhaltensveränderungen zu bewirken. Eines der Hauptziele des Projekts CHAIN von TERRE DES FEMMES auf europäischer Ebene ist darüber hinaus die Entwicklung von Interventionsketten, die Handlungsanweisungen in Fällen von drohender oder bereits erfolgter FGM/C und/oder Früh- bzw. Zwangsverheiratung in Berlin, Madrid, Mailand und Paris festlegen. Diese Interventionsketten werden im Rahmen einer nationalen Konferenz im jeweiligen Land vorgestellt und können so von anderen Regionen/Bundesländern adaptiert werden. Diese Interventionsketten funktionieren ähnlich wie vorab festgelegte Reaktionsketten im Katastrophenfall, wenn Handlungsmuster möglichst schnell ablaufen und dazu benötigte Kenntnisse (von erforderlichen Materialien, Kommunikationswegen, Sammelstellen etc.) dafür internalisiert bzw. regelmäßig eingeübt werden müssen (wie in Deutschland z.B. bei Feueralarm-Übungen der Fall).

Bei FGM/C sollte immer berücksichtigt werden, dass das, was entfernt wird, nicht mehr nachwächst - alle Formen von FGM/C sind irreversibel. Die WHO unterscheidet zwischen vier Typen von FGM/C: Typ I bezeichnet das Ausschneiden der Klitoris-Vorhaut und der Klitoris oder von Teilen davon. Typ 2 bezeichnet das Ausschneiden der Klitoris-Vorhaut, der Klitoris und der inneren Schamlippen oder von Teilen davon. Typ 3 bezeichnet das Ausschneiden von Teilen oder den gesamten äußeren Geschlechtsteilen (Infibulation). Anschließend werden die Stümpfe der äußeren Schamlippen zusammengenäht, so dass nur eine winzige Öffnung bleibt, damit Urin und Menstruationsblut ablaufen können. Vor Geschlechtsverkehr und Geburt muss die Narbe wieder geöffnet werden, was zusätzliche Schmerzen verursacht. Typ 4 bezeichnet jede andere Prozedur, bei der die weiblichen Geschlechtsteile verletzt oder beschnitten werden, etwa Anstechen, Durchstechen, Einschneiden oder Dehnen der Klitoris oder der Schamlippen, auch Vernarben durch Brandwunden, Abschaben der Vaginalöffnung oder Einführen von ätzenden Substanzen oder Kräutern, um die Vagina zu verengen.

In der Folge von FGM/C kann es zu Wucherungen, Verwachsungen oder Fistelbildungen kommen. Betroffenen Mädchen und Frauen, die unter starken Schmerzen leiden, kann durch medizinische Eingriffe geholfen werden. Das Desert Flower Center hat zusammen mit dem Krankenhaus Waldfriede das weltweit erste ganzheitliche Betreuungszentrum für Betroffene von FGM/C in Berlin eröffnet. Das Zentrum bietet Betroffenen rekonstruktive Operationen, gynäkologische und urologische Behandlung sowie psychologische Betreuung an. Für die Patientinnen, die keine Krankenversicherung haben, übernimmt das Zentrum die Behandlungskosten. Weitere Desert Flower Center gibt es mittlerweile in Schweden und Frankreich. Geplant sind zusätzliche Zentren in Afrika, Asien, den USA und Europa. 2014 wurde über die Desert Flower Foundation zudem ein Trainingszentrum für Chirurginnen, Gynäkologinnen und Urologinnen in Amsterdam eröffnet. Medizinisches Personal aus Frankreich, Deutschland, Österreich, der Schweiz, Spanien, Marokko, Ägypten, den Niederlanden, Belgien, Senegal, Italien, Brasilien, Großbritannien, Äthiopien und Sierra Leone haben bisher an den dort angebotenen Trainings teilgenommen. Einer UNICEF-Umfrage von 2005 zufolge wünschte sich die große Mehrheit (87,4 %) der 493 in Deutschland befragten Gynäkologinnen vor allem mehr Information über FGM/C in Form von Aus- und Fortbildungen.