75 - Hohe Zahlen

Um FGM/C wirksam abbauen zu können, sollte…

1) ... der Ansatz die ganze Bevölkerung einbinden. Oft ist es leichter, zuerst Personen mit gesellschaftlichem Einfluss ins Boot zu holen, also respektierte Gemeindemitglieder wie etwa traditionelle und religiöse Führungspersonen, Wort- und Meinungsführerinnen, Lehrkräfte, Gesundheitspersonal und Beschneiderinnen. Danach lassen sich viele Menschen in einem zweiten Schritt leichter überzeugen.

2) ... Kulturelles von Bedeutung für die Menschen nicht abgewertet werden. Eine Lösung sind z. B. alternative Übergangszeremonien: Alle Rituale bleiben erhalten – außer FGM/C. Ersetzt werden kann FGM/C in diesen Ritualen z.B. durch Kurse zur Aufklärung über die eigenen Rechte und Bildungsperspektiven oder zur Stärkung des Selbstbewusstseins für die Teilnehmerinnen.

3) ... Beschneiderinnen der Aufbau neuer Existenzgrundlagen ermöglicht werden, denn sie leben von FGM/C. Die Fortsetzung der Praktik sichert ihr eigenes und das Überleben ihrer Familien. Beschneiderinnen sind häufig nicht alphabetisiert und haben keine weitere Berufstätigkeit erlernt. Alphabetisierungs- und berufsbildende Kurse können also eine entscheidende Rolle spielen, um Beschneiderinnen dazu zu bewegen, FGM/C aufzugeben.

Macht und gesellschaftlicher Status, die Beschneiderinnen aufgrund ihrer Tätigkeit oft innehaben, können erhalten bleiben, indem sie für alternative Übergangsrituale (ohne FGM/C) weiter verantwortlich bleiben und/oder einen Beruf erlernen, für den sie statusträchtige Vorkenntnisse einsetzen können (z.B. den der Hebamme unter Einbindung ihrer häufig vorhandenen medizinischen Vorkenntnisse). 

TERRE DES FEMMES verfolgt z.B. in Burkina Faso ein Dreistufenmodell: Zunächst versucht die TERRE DES FEMMES-Partnerorganisation Association Bangr Nooma (ABN), die Dorfchefs zu überzeugen. Stehen diese dem Anliegen NEIN zu FGM/C offen gegenüber, dann wählen sie eine geeignete Frau und einen geeigneten Mann aus dem Dorf aus, die für die Aufklärungsarbeit und –kampagnen zu FGM/C ausgebildet werden. Der Schwerpunkt dieser Aufklärungsarbeit liegt zuerst auf der Sensibilisierung von lokal einflussreichen Personen wie Lehrerinnen, Polizistinnen, Hebammen und Beschneiderinnen. In einer zweiten Phase der Aufklärungsarbeit wird die gesamte Bevölkerung als Zielgruppe eingebunden, um sie davon zu überzeugen, dass ein NEIN zu FGM/C notwendig ist. Durch kontinuierliche Gespräche wird versucht, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Diskussionsrunden zu FGM/C werden angeleitet und durch Filme, Theatersketche oder andere bewusstseinsbildende Techniken ergänzt. Am Ende der Kampagnenarbeit wird ein Dorfkomitee gegründet, das die Verantwortung dafür übernimmt, gefährdete Mädchen in der eigenen Dorfgemeinschaft zu schützen. Zum Kampagnenabschluss findet eine große Zeremonie statt - dies ist eine Dorfversammlung, bei der alle wichtigen Dorfchefs, Dorfkönige, Traditionshüterinnen und Religionsführer, ehemalige Beschneiderinnen, Präsidentinnen von lokalen Gruppierungen etc. das NEIN zu FGM/C zur neuen sozialen Norm erklären. Die Zeremonie wird durch das feierliche Begräbnis der Beschneidungswerkzeuge symbolisch untermauert. Danach ist das eingesetzte Dorfkomitee für die Umsetzung des NEIN zu FGM/C verantwortlich. Die ehemaligen Beschneiderinnen spielen hier eine entscheidende Rolle, erfahren sie doch von geplanten Beschneidungen und können diese zur Anzeige bringen. Gemeinsam mit den Dorfkomitees vertieft ABN die Aktivitäten in einer dritten Phase und kommt währenddessen regelmäßig in die Dörfer, um zu überprüfen, dass die neue soziale Norm tatsächlich Bestand hat.

Danach arbeiten die Komitees unabhängig und führen die Arbeit eigenständig fort.

In Europa bieten sich wiederum andere Vorgehensweisen besser an. Hier ist es v.a. wichtig, aus den Diasporagemeinden heraus Aufklärungsarbeit zu leisten. Sensibilisierung durch Community-Externe scheitert häufig allein am sprachlichen und kulturellen Zugang. Wesentlich in allen Länderkontexten ist, Männer sowohl als Multiplikatorinnen als auch als Zielgruppe in die Aufklärungsarbeit einzubeziehen, da sie die gesellschaftliche Einstellung gegenüber FGM/C maßgeblich beeinflussen können. Häufig sind sie noch weit weniger über FGM/C informiert als Frauen. Wenn Männer z.B. bereit sind, unbeschnittene Frauen zu heiraten, machen sich Eltern weniger Sorgen um die Zukunft bzw. gesellschaftliche Akzeptanz und materielle Absicherung ihrer Töchter, wenn diese nicht beschnitten werden wollen.

Es gibt zahlreiche internationale und regionale Abkommen, in denen explizit die Abschaffung von FGM/C gefordert wird, so z.B. in Art. 12 und 14 des Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW), in Art. 3 und 5 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR), in Art.1 der Anti-Folter-Konvention (CAT), in Art. 19 und 24 der Kinderrechtskonvention (CRC), dem Maputo-Protokoll oder in Art. 38 des Übereinkommens des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt (Istanbul-Konvention). Traditionelle und gesellschaftliche Gründe sorgen dafür, dass häufig trotzdem noch an FGM/C festgehalten wird. Verbindliche Gesetze, Aufklärungsarbeit und eine Änderung diskriminierender sozialer Normen sind deshalb entscheidend, um die schädliche Praktik wirksam zu bekämpfen.