71 - Unangenehme Assoziationen

Die Weltgesundheitsorganisation definiert Weibliche Genitalverstümmelung (engl. Female genital mutilation/cutting oder FGM/C) als alle Verfahren, die eine teilweise oder vollständige Entfernung der äußeren weiblichen Genitalien oder andere Verletzungen der weiblichen Geschlechtsorgane aus nicht-medizinischen Gründen zum Ziel haben. Der gelegentlich alternativ (alleinig) verwendete Begriff Cutting bzw. Beschneidung erweckt den Eindruck, es handele sich bei weiblicher Genitalverstümmelung um das Pendant zur Beschneidung der männlichen Vorhaut. Da dies medizinisch jedoch falsch ist und die Praktik bagatellisiert, hat sich international der Ausdruck FGM bzw. Verstümmelung durchgesetzt. In der direkten (Beratungs-)Arbeit mit Betroffenen bevorzugen viele Aktivistinnen und Unterstützerinnen jedoch den Begriff Beschneidung, um die Frauen nicht als verstümmelt zusätzlich zu stigmatisieren oder als defizitär darzustellen. Daher werden heute meist beide Begriffe in Kombination genutzt: FGM/C.

Für den Eingriff werden u.a. Messer, Rasierklingen, Scheren, Glasscherben oder Skalpelle benutzt. Durch derlei ungeeignete Instrumente in Verbindung mit schlechten Lichtverhältnissen und nicht klinischen Bedingungen treten oft noch zusätzliche Schädigungen auf. Besonders in afrikanischen Ländern wird FGM/C traditionell häufig von einer eigens für die­se Aufgabe zuständigen älteren Frau oder von traditionellen Geburtshelferinnen des Dorfes praktiziert, wobei das betroffene Mädchen festgehalten wird, um sicherzustellen, dass es stillhält und sich nicht wehrt. Männer sind während des Eingriffs in der Regel nicht anwesend. Der Eingriff dauert 15 bis 20 Minuten, im Allgemeinen werden weder Betäubungsmittel noch Antisep­tika verwendet. Um die Blutung zu stillen, werden Salben­mischungen aus Kräutern, Asche, ortsüblichem Haferbrei o. Ä. auf die Wunde aufgetragen.

In Asien und im Mittleren Osten ist FGM/C durch medizinisches Fachpersonal, wie etwa Hebammen oder Ärztinnen, die häufigste Variante und nicht nur wohlhabenden Familien in Städten vorbehalten. In Ägypten z.B. wird FGM/C fast immer von medizinischem Personal durchgeführt. Aber auch in afrikanischen Ländern nimmt die Medikalisierung von FGM/C immer mehr zu, sowohl in West- als auch in Ostafrika. Ein gefährlicher Trend, denn die medikalisierte Form von FGM/C ist keineswegs besser als die von traditionellen Beschneiderinnen durchgeführte – FGM/C stellt in allen Fällen eine schwere Menschenrechtsverletzung dar. Der Eingriff hat für die Betroffenen fast immer gravierende körperliche, psychische und soziale Folgen, oft ein Leben lang. FGM/C gilt international als extreme Form von Gewalt an Mädchen und Frauen. Die Praktik verletzt ihre Menschenrechte auf Gesundheit, Sicherheit, körperliche und geistige Unversehrtheit, auf Freiheit vor Folter, grausamer, unmenschlicher und erniedrigender Behandlung, sowie oft ihr Recht auf Leben. Keine kulturelle oder religiöse Tradition kann FGM/C rechtfertigen.