50 - Kein Entkommen

1. B ist richtig. Die Schuldige bekam i.d.R. keine Unterhaltszahlungen und hatte oft das Nachsehen beim Sorgerecht für die Kinder. Frauen wurden damit hochgradig diskriminiert, weil sie v.a. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts meist vollständig finanziell von ihrem Ehemann abhingen bzw. nur mit seiner Genehmigung außer Haus arbeiten durften und der Verzicht auf Unterhalt zwangsläufig Armut für sie bedeutet hätte. Der Schuldspruch im Verfahren hatte für eine Frau deshalb meist erheblich gravierendere Konsequenzen als für den Mann. Für sie brach damit die finanzielle Lebensgrundlage zusammen, für den Mann in der Regel nicht.

Das Zerrüttungsprinzip, welches das Schuldprinzip ablöste, stellte das Scheidungsrecht auf eine objektive Grundlage. Danach kann eine Ehe geschieden werden, wenn die Beziehung objektiv zerbrochen ist und eine Wiederherstellung nicht in Aussicht steht. Auch die Ehe einseitig zu beenden wurde möglich, da die Zustimmung der Ehepartnerin nun nicht mehr als Voraussetzung für eine Scheidung gilt. Versorgungsausgleich und Unterhaltsanspruch gewährleisten eine gerechte Versorgung der Eheleute.

2. In 72 Ländern: In 28 haben Frauen nicht das gleiche Recht wie Männer, eine Scheidung zu beantragen. In 44 sind die Anforderungen höher, um die Scheidung durchzusetzen (v.a. in West- und Südasien sowie in West- und Nordafrika). In 32 Ländern dürfen Frauen in einem bestimmten Zeitraum nach ihrer Scheidung nicht erneut heiraten. In 103 Ländern gilt die Enteignung von Frauen nach dem Tod ihres Ehemanns nicht als Verbrechen.

Die Benachteiligung von Frauen im Familienrecht ist weltweit besonders groß. Das Familienrecht beinhaltet das Eherecht einschließlich der Regelungen zum Mindestheiratsalter und zur freien Partnerinnenwahl, das Erbrecht, das Recht auf Haushaltsführung, das Recht auf Scheidung und Eigentumsverteilung sowie das Recht auf Unterhalt für Kinder. Das Familienrecht hat Auswirkungen weit über die Privatssphäre eines Menschen hinaus und in besonderem Maße auf das Leben von Frauen, u.a. mit Blick auf ihre Chancen auf Arbeit, Reisen, Zugang zu Einkommen, Kredit und anderen finanziellen Ressourcen, Zugang zu Bildung sowie Übernahme von Führungspositionen auch in der Politik und Justiz. Von allen Rechtskatalogen sind das Familienrecht bzw. darin enthaltene Diskriminierungen gegen Frauen am schwersten zu reformieren, da sie i.d.R. tiefsitzende Sozialisierung, Glaubenssätze und Gebräuche einer Gesellschaft widerspiegeln. Oft greifen familienrechtliche Diskriminierungen auch ineinander. Wenn Frauen z.B. nicht besitzen oder nur dann arbeiten dürfen, wenn der männliche Haushaltsvorstand es ihnen genehmigt, dann hilft ihnen auch ein eventuell fortschrittliches Scheidungsrecht nicht weiter. Sie werden sich aufgrund des bestehenden Abhängigkeitsverhältnisses und zu erwartender Existenznöte voraussichtlich nicht scheiden lassen, auch wenn der Ehemann sie ggf. schlecht behandelt oder sogar Gewalt gegen sie ausübt.

Das Scheidungsrecht weltweit muss immer im Kontext von Religion und dem Stand der Gleichberechtigung der Geschlechter betrachtet werden. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein lehnten die meisten westlichen Kirchen eine Ehescheidung kategorisch ab. Besonders katholisch geprägte Länder brauchten lange, bis sie der Auflösung einer Ehe zustimmten: Malta erlaubte dies erst im Jahr 2011! In Südamerika wurde die Scheidung von Ehepartnerinnen zuletzt 2004 in Chile möglich. In Asien gilt allein auf den Philippinen heute noch ein Scheidungsverbot, selbst in Fällen von häuslicher Gewalt oder totaler Vernachlässigung, ebenso wie im Vatikanstaat. In islamisch geprägten Ländern ist eine Scheidung grundsätzlich Männern und Frauen möglich. Im traditionellen Islam kann der Ehemann allerdings ohne Nennung von Gründen eine Scheidung bewirken, indem er die Frau dreimal mit einer bestimmten Formel verstößt. Der Frau ist die Scheidung hingegen nur mit Begründung erlaubt, z.B. bei Unfähigkeit des Mannes, für ihren Unterhalt aufzukommen. Unbegründet ist eine Scheidung der Frau nur mit Zustimmung des Ehemanns erlaubt. Die Scheidung durch die Ehefrau kann nur vor Gericht erfolgen, die Verstoßung durch den Ehemann dagegen zu jedem Zeitpunkt, in schriftlicher oder mündlicher Form.