44 - Unberührt

1. C ist richtig. Die Kontrolle weiblicher Sexualität ist ein wesentliches Merkmal patriarchaler Gesellschaften. Sie drückt sich v.a. in den Geboten der vorehelichen Jungfräulichkeit von Mädchen und der ehelichen Treue von Frauen aus. Daran hängt oft die Familienehre. Nach der Hochzeitsnacht wird in manchen Kontexten ein blutiges Bettlaken als Beweis verlangt. Dass die Jungfräulichkeit anhand des Jungfernhäutchens medizinisch fast nicht nachweisbar ist, wissen nur Wenige. Der Mythos Jungfernhäutchen als vermeintlicher Garant von Jungfräulichkeit wird immer wieder dazu genutzt, Frauen in ihrer Lebensgestaltung zu begrenzen und ihnen sexuelle Selbstbestimmung zu verweigern.

Durch den großen sozialen Druck, der auf junge Frauen ausgeübt wird, steigt die Nachfrage nach sogenannten Rekonstruktionsoperationen, bei denen das Jungfernhäutchen wiederhergestellt werden soll. Diese Operationen sind nicht nur riskant und teuer, sie garantieren auch keine Blutung in der Hochzeitsnacht. Alternativ wird manchmal eine Kunststoffmembran in die Vagina implantiert, die im entscheidenden Moment eine beweiskräftige Dosis Kunstblut freigibt. Am schwersten wiegt in beiden Fällen, dass der Mythos um die Jungfräulichkeit am Leben erhalten wird. Die Vorstellung von einem Häutchen, das beim ersten Geschlechtsverkehr zerstört wird, trifft aus medizinischer Sicht nicht zu. Beim Jungfernhäutchen oder fachsprachlich Hymen handelt es sich um einen Gewebesaum, der den Scheideneingang ringförmig umschließt. Manchmal ist dieser Saum stark perforiert, manchmal fehlt er ganz. Er bleibt ein Leben lang erhalten, auch wenn eine Frau mehrere Kinder geboren hat. Die Form bzw. das Fehlen des Hymens liefert folglich keinerlei Auskunft über die Jungfräulichkeit und die sexuellen Erfahrungen einer Frau. Auch kann kein Mann am Widerstand des Hymens spüren, ob er ein Mädchen entjungfert hat oder nicht. Ebenfalls medizinisch unhaltbar ist die These, dass jede Frau beim ersten Geschlechtsverkehr blutet. Denn in Wahrheit blutet die Mehrheit aller Frauen nicht, und wenn doch, hat das andere Ursachen, z.B. eine Verletzung der nicht ausreichend feuchten oder verkrampfenden Scheidenöffnung. Die Angst davor, die erwarteten Entjungferungstrophäen nicht liefern zu können, löst dennoch oft extreme soziale und psychische Belastungen bei Mädchen aus.

Alle Gesellschaften, in denen Jungfräulichkeit hochgehalten wird, müssen als patriarchal bezeichnet werden. Jungfräulichkeit gilt als Indikator für männliche Kontrolle über weibliche Körper. Auch Religionen stehen seit Jahrtausenden in enger Verbindung mit der dem Kriterium Jungfräulichkeit beigemessenen Bedeutung. Der Genderbias religiös motivierter Gegensatzpaare bzw. Ambivalenzen wie gut und böse, rein und unrein, jungfräulich und sexuell aktiv zeigt sich schon in den Begriffen Jungfrau und Jungfräulichkeit selbst – zwar werden sie heute auch für Männer benutzt, sprachlich und historisch beziehen sie sich jedoch klar auf junge Frauen. Von diesen wird erwartet, bis zur Ehe mit dem Geschlechtsverkehr zu warten. Für Männer gilt diese Erwartungshaltung in vielen Fällen nicht. Wie sollen junge Männer angesichts dieses Widerspruchs aber eine Partnerin finden? Prostitution, sexualisierte Gewalt und/oder Untreue werden in einem solchen System vorausgesetzt, und dabei zugleich die daran beteiligten Frauen automatisch abgewertet. Um die Anforderungen an männliche Sexualität zu erfüllen, muss auch weibliche Sexualität existieren, diese wird jedoch als unrein und unmoralisch dargestellt. 

2. In 117 von 198 Ländern (59 %). Auch religiöse- und Gewohnheitsrechte erlauben Frühehen oft. Auf den Philippinen ist die Ehe ab 21 Jahren erlaubt, für Musliminnen gilt aber: Mädchen dürfen ab der Pubertät und Jungen ab 15 Jahren heiraten. In 20 % der Länder liegt das Heiratsalter für Mädchen unter dem für Jungen (PewResearchCenter 2016). Auch Jungen sind von Frühverheiratung betroffen. Für sie hat diese i.d.R. andere Konsequenzen als für Mädchen und doch bürden ihnen eine ggf. frühe Vaterschaft und der wirtschaftliche Druck, für die Familie materiell sorgen zu müssen, eine Verantwortung auf, der sie oft noch nicht gewachsen sind. Auch ihr Zugang zu Bildung und Entwicklung kann durch eine Frühverheiratung stark eingeschränkt sein. Weltweit gelten 150 Millionen Jungen und junge Männer als minderjährig verheiratet (UNICEF 2020).