36 - Dunkle Ecken

1. C ist richtig. Zwei Drittel aller Vergewaltigungen finden dort statt, wo sich Frauen und Mädchen besonders sicher fühlen sollten. Das eigene Zuhause ist dabei der gefährlichste Ort. Nur wenige Tatpersonen üben sexualisierte Gewalt aufgrund einer psychischen Erkrankung aus. Die meisten planen ihre Handlungen gezielt und sind sich darüber bewusst, was sie tun.

Jede 7. Frau in Deutschland (13 % bzw. fast 5,5 Mio.) war bereits von sexualisierter Gewalt betroffen (BMFSFJ 2004), 56 % davon mehrmals. 6 % gaben an, vergewaltigt worden zu sein. Sexualisierte Gewalt gegen Frauen wird zu 99 % durch erwachsene Männer verübt und kommt überall vor: zu Hause, in der Öffentlichkeit, in der Schule, am Arbeitsplatz, im Internet und in den sozialen Medien, in sozialen Einrichtungen, Vereinen und in der Therapie. Das Bestehen von Abhängigkeitsbeziehungen birgt dabei eine besondere Gefahr für Frauen. Die Statistik zeigt, dass die Tatperson den Betroffenen in vielen Fällen bekannt war – die verbreitete Annahme, dass Frauen sich schützen könnten, indem sie bestimmte Orte wie Parks, einsame Plätze und dunkle Straßen meiden, ist folglich falsch oder jedenfalls nicht ausschlaggebend. Nach bundesdeutscher Statistik fand Missbrauch mit Körperkontakt 2019 am häufigsten in der Wohnung der Betroffenen (rund 35 %), in der Wohnung der Tatperson (25 %) und draußen im Freien (20,5 %) statt. Die Tatpersonen kommen überwiegend aus dem näheren Umfeld der Frauen, nur knapp 15 % sind Unbekannte. Am häufigsten wurden (männliche) (Ex-)Partner als Tatpersonen genannt. Daneben zählten auch (männliche) Freunde, Bekannte, Verwandte, Mitschüler/ Kommilitonen/ Kollegen, Chefs, Lehrer und Sporttrainer zu den Tatpersonen.

2. Die Dunkelziffer liegt bei 85 % bis 95 %. 2019 wurden in Deutschland 9.523 Betroffene von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff im besonders schweren Fall erfasst, 94 % davon weiblich (BKA 2020). Nach Dunkelfeldstudien entspricht das lediglich 5 % bis 15 % der tatsächlichen Fälle (BMFSFJ 2004). Kriminalexpertinnen zufolge wird etwa alle 5 Minuten eine Frau in Deutschland vergewaltigt. Damit kommen in Deutschland jährlich rund 10 angezeigte Vergewaltigungen auf 100.000 Einwohnerinnen. Das entspricht dem unteren Mittelfeld im europäischen Vergleich. Schwedens Meldequote liegt mit über 46 Anzeigen auf 100.000 Einwohnerinnen viermal höher. Die Verurteilungsquote in Deutschland ist seit 2000 von durchschnittlich 20 % auf 13 % gefallen. Damit ist sie im europäischen Ländervergleich unterdurchschnittlich. Entgegen dem weit verbreiteten Stereotyp, Falschanschuldigungen seien bei sexualisierter Gewalt häufig, beträgt ihr Anteil bei Vergewaltigungen in Wahrheit nur 2 - 8 %. Die Autorin Sandra Newman kommt nach der Analyse zahlreicher Studien zu dem Schluss, dass nahezu alle Falschbeschuldigerinnen 3 Gruppen zugeordnet werden könnten: Teenager, die ihren Eltern eine Erklärung für eine ungewollte Schwangerschaft oder ihr nächtliches Verschwinden präsentieren wollen. Psychisch kranke Menschen, die am Münchhausen-Syndrom leiden, sprich körperliche Erkrankungen inkl. Gewalt vortäuschen oder absichtlich hervorrufen; sowie Menschen, die bereits vorher mit Betrugsdelikten kriminell auffällig geworden waren.