31 - Rape Culture

1. 4: A, C, D, E. Rape Culture (engl. rape - dt. Vergewaltigung und engl. culture - dt. Kultur) bezeichnet ein gesellschaftliches Umfeld, in dem Vergewaltigungen und andere Formen von sexualisierter Gewalt verbreitet sind und normalisiert, entschuldigt oder geduldet werden. Eine Vergewaltigungskultur überträgt die Verantwortung für die Verhinderung von sexualisierter Gewalt und für die Tat selbst teils oder ganz auf die Betroffenen (in der Regel Frauen), etwa indem ihnen vorgeworfen wird, eine Vergewaltigung durch die Wahl ihrer Kleidung, ihr Verhalten oder anderweitig provoziert zu haben. Die Umkehr der Schuldfrage wird auch als Victim Blaming bezeichnet (engl. victim - dt. Opfer und engl. blaming - dt. Beschuldigen). Damit geht die Verharmlosung von Vergewaltigungen und die Herabsetzung von Betroffenen einher. Anstatt dass Gesellschaften daran arbeiten, dass jede Form von Gewalt gegen Frauen als inakzeptabel gilt, sozial geächtet und konsequent bestraft wird, lernen Frauen schon als junge Mädchen, dass sie sich auf eine bestimmte Art verhalten sollen, um sich vor sexuellen Übergriffen zu schützen.

Die Verwendung von frauenfeindlicher Sprache, die Objektifizierung der Körper von Frauen und die Verherrlichung von sexualisierter Gewalt halten die Rape Culture in einer Gesellschaft aufrecht und führen zur Missachtung der Sicherheit und Rechte von Frauen. Rape Culture betrifft alle Frauen, denn die Vergewaltigung einer Frau bringt Abwertung, Terror und Einschränkungen für alle Frauen mit sich. Die meisten Frauen haben große Angst vor sexualisierter Gewalt, Männer in der Regel nicht. Sehr viele Mädchen und Frauen schränken deshalb ihr eigenes Verhalten ein, um sich vor einer Vergewaltigung zu schützen. Vergewaltigung ist ein machtvolles Mittel, um Frauen als soziale Gruppe in einer untergeordneten Position zu halten. Dieser Mechanismus funktioniert auch dann, wenn viele Männer selbst nie vergewaltigen und viele Frauen nie von Vergewaltigung betroffen sind - Angst hält die Rape Culture am Leben.

Typische Beispiele für eine Vergewaltigungskultur können sein:

- Sexualisierte Gewalt verharmlosen bzw. herunterspielen (Jungs sind nun einmal so)

- Victim Blaming bzw. der Betroffenen selbst die Schuld für den sexuellen Übergriff geben (Sie hat es herausgefordert!)

- die Weigerung, Vergewaltigungsanschuldigungen ernst zu nehmen bzw. ihnen Glauben zu schenken

- Potenziell Betroffene lehren, sich vor Vergewaltigung zu schützen, statt potenzielle Tatpersonen lehren, nicht zu vergewaltigen  

- Sexistische Witze

- Toleranz gegenüber sexueller Belästigung

- Öffentlich die Kleidung, mentale Gesundheit, Motive und den Bericht des Tathergangs von Betroffenen hinterfragen

- Unnötige geschlechtsspezifische Gewaltdarstellungen im Fernsehen und in Kinofilmen

- die Ansicht, dass ausschließlich sexuell sehr aktive/promiskuitive Frauen vergewaltigt werden

- die Ansicht, dass Männer nicht vergewaltigt werden oder ausschließlich schwache Männer vergewaltigt werden

- Männlichkeit mit Dominanz und sexueller Aggression gleichsetzen

- Weiblichkeit mit Unterordnung und sexueller Passivität gleichsetzen

Die taz fand in einem Artikel vom 12.01.2013 eine passende Analogie zu den Charakteristika von Rape Culture:

Man stelle sich vor, in einer Wohnung fängt der Weihnachtsbaum Feuer, bald steht das ganze Wohnzimmer in Flammen. Jemand ruft die Feuerwehr. Aber statt loszufahren, fragt diese erst mal nach: Sind Sie ganz sicher, dass es brennt? Gibt es Zeugen? Haben Sie sich fahrlässig verhalten oder das Feuer womöglich absichtlich gelegt? Ach, Sie haben schon Brandwunden? Die können Sie ja auch vom Plätzchenbacken haben. Kann es sein, dass Sie sich einfach wichtig machen wollen? Und finden Sie es nicht vielleicht auch ein bisschen geil, die Flammen zu sehen und die Hitze zu fühlen?

2. 69 % der weiblichen Bundestagsabgeordneten! 64 % erhielten bereits Hassnachrichten, meist online. 22 % erlebten Angriffe auf sich, ihre Büros oder ihr Zuhause (SPIEGEL 2021). Eine Befragung von 55 weiblichen Parlamentarierinnen aus 39 Ländern der Interparlamentarischen Union aus dem Jahr 2016 kommt zu ähnlich erschreckenden Ergebnissen: 65 % erhielten bereits erniedrigende sexistische Kommentare, meist durch männliche Politiker, 44 % wurden Mord, Vergewaltigung, Schläge oder Entführung angedroht, meist per E-Mail oder über Social Media, und 42 % sahen sich mit der Veröffentlichung von erniedrigenden bzw. sexualisierten Bildern in sozialen Netzwerken konfrontiert. Studien zufolge wird eine weibliche Politikerin umso stärker belästigt, je sichtbarer sie ist. Bei Offline- und Online-Angriffen sind weibliche Politikerinnen Digitalexpertinnen zufolge häufig auf sich selbst gestellt: Parteien stellten sich nur in wenigen Fällen geschlossen hinter betroffene weibliche Politikerinnen, Sicherheitsprotokolle zum Schutz vor digitaler Gewalt seien selten.

Sexualisierte Attacken gegen Frauen müssen als mächtiges politisches Instrument betrachtet werden – Angreiferinnen wie Social-Media-Teams von Parteien, Anhängerinnen politischer Bewegungen, Influencerinnen, Incels und Maskulinisten gehen zunehmend professionell und koordiniert vor. Im Vorfeld der pakistanischen Wahlen 2018 wertete die Organisation Digital Rights Foundation hunderttausende Facebook-Kommentare aus: Angriffe gegen männliche Kandidaten bezogen sich meist auf deren politische Integrität statt auf das Aussehen, weibliche Politikerinnen dagegen wurden v.a. mit sexualisierten oder persönlichen Aussagen drangsaliert. Ein besonders drastisches Beispiel war die landesweite Diffamierungskampagne gegen die pakistanische Politikerin Ayesha Gulalai. Als eine der jüngsten Abgeordneten im Parlament wurde sie als Nachwuchshoffnung gefeiert. 2017 machte sie öffentlich, dass Imran Khan, der Vorsitzende der Partei Tehreek-e-Insaf, sie mit obszönen Textnachrichten belästigt hatte. Darauf wurde sie vor allem im Internet mit Vergewaltigungsdrohungen und Hassbotschaften bombardiert. Anhängerinnen von Khan forderten online dazu auf, Gulalai auszupeitschen oder mit Säure zu überschütten. Bei den Wahlen 2018 konnte Gulalais Partei keinen einzigen Sitz im Parlament mehr gewinnen, ihr politischer Einfluss schwand – Imran Khan hingegen ist Premierminister.

Dem Atlas der Zivilgesellschaft 2020 von Brot für die Welt und CIVICUS zufolge leben 83 % aller Menschen (fast 6,3 Milliarden) in Ländern, die die Grundrechte stärker einschränken (z.B. Ungarn), die Zivilgesellschaft unterdrücken (z.B. Russland) oder ein komplett geschlossenes Gesellschaftssystem geschaffen haben (z.B. China). Wenn Menschen die Machthaberinnen in diesen Ländern kritisieren, werden sie schikaniert, inhaftiert oder sogar getötet. In mehr als jedem fünften der von CIVICUS registrierten Fälle von Angriffen auf die Zivilgesellschaft waren Frauen und Frauenrechtsorganisationen das Ziel. Damit sind sie weltweit die am stärksten von Verfolgung betroffene Gruppe. Frauen sind nicht nur deshalb angreifbar, weil der öffentliche Raum nach wie vor von Männern dominiert wird. Frauen werden auch gerade deshalb angegriffen, weil sie Frauen sind und sich als solche zivilgesellschaftlich oder politisch engagieren. Von sexualisierten Beleidigungen über Attacken auf die vermeintliche Ehre bis hin zu sexualisierter Gewalt und Mord ist der Preis, den Frauen für ihr Engagement zahlen, besonders hoch. Das gilt für Kongress-Abgeordnete in den USA genauso wie für landlose weibliche Bäuerinnen in Indien.

63 % der weiblichen Journalistinnen weltweit waren bereits von verbalem Missbrauch betroffen (Europarat 2020). Im gegenwärtigen politischen Klima, mit seinem Rollback gegen die Menschenrechte, sind Frauen, die diese Rechte verteidigen, oft die ersten, die angegriffen werden, wird Michel Forst, UN-Sonderberichterstatter für die Situation von Menschenrechtsverteidigerinnen, zitiert. Treiber des Rollbacks gegen die Rechte von Frauen und LGBTQI* sind Rechtspopulistinnen, religiöse Fundamentalistinnen und Antifeministinnen. Diese vernetzen sich inzwischen international und stellen sich strategisch auf, was ihren Meinungen weltweit steigende Akzeptanz einbringt. Besonders eindringlich ist das am Beispiel des Weltfamilienkongresses erkennbar, der als ihr weltweit wichtigstes Treffen gilt. Er zeigt klar die Verflechtungen zwischen der Anti-Gender-Bewegung und rechtsnationalen Parteien. Frauenhass ist keine schützenswerte Meinung!