27 - Tabu

1. Tabus beruhen auf Regeln, die in einer Gesellschaft Verhalten ge- oder verbieten. Sie sind Teil unserer Sozialisation, der (moralische) Kompass für den Umgang mit Anderen und zur Erkennung gesellschaftlich akzeptierter Verhaltensformen. In jedem kulturellen Kontext gibt es v.a. Verbote, die nicht ungestraft verletzt werden dürfen: Gegenstände, die man nicht berührt; Orte, die man nicht betritt; Handlungen, die man nicht ausführt; Wörter, die man nicht ausspricht.

Tabus haben i.d.R. die Funktion, eine tiefere Auseinandersetzung mit bestimmten Themen zu vermeiden bzw. sie zu verbieten. Meist geschieht das, ohne dass diese Themen vollständig verstanden, erklärt oder hinterfragt würden, sondern lediglich mit dem seit der Kindheit vertrauten, peinlich berührten bis hin zu extrem schamhaft besetztem Darüber spricht man nicht. Oder wie Stephan Rudas (1994) es ausdrückt: Tabus bedeuten gehorchen ohne zu fragen.

Laut Hartmut Schröder (1995, 1997) stellen Tabus die Kehrseite des öffentlichen Diskurses dar, denn sie beinhalten all das, was aus der Öffentlichkeit ins Private verbannt und unter Verschluss gehalten wird. Tabuisierung bedeutet deshalb nicht bloß Schweigen, sondern ist vielmehr ein Herrschaftsmittel zur Ausübung politischer und sozialer Kontrolle.

Obwohl jede Gesellschaft ihre eigenen Verbote besitzt, finden sich 5 große Tabus fast überall wieder: Sexualität, Homosexualität, Tod, psychische Erkrankung und Religion. Auch alles, was mit dem menschlichen Körper zu tun hat, etwa Gerüche oder Ausscheidungen, ist in der Regel tabuisiert. In verschiedenen Gesellschaften können allerdings auch jeweils andere Aspekte eines Themas tabu sein. In Deutschland herrscht beim Thema Finanzen z.B. meist die stillschweigende Übereinkunft, nicht über das Gehalt oder umgekehrt eine finanzielle Notlage zu sprechen. Im Umgang mit Menschen mit einer Krankheit oder Behinderung spielt Hilflosigkeit eine zentrale Rolle. Das Unvermögen, diese Menschen normal zu behandeln und die damit verbundene Angst, sich falsch zu verhalten, führen oft dazu, diese Menschen letztlich ganz zu meiden.

Sexualität, v.a. weibliche Sexualität, gehört zu den größten Tabus weltweit. Das hat einerseits Schamgründe: Wenn es um Aufklärung im Elternhaus geht oder um die Verbindung von Sexualität und Gewalt, dann herrscht oft betretenes Schweigen. Andererseits geht es um die Kontrolle von weiblicher Sexualität aus patriarchalen Motiven. Die sexuelle Selbstbestimmung bzw. freie Entfaltung der Sexualität der Frau wird auch heute noch in vielen Ländern weltweit abgelehnt, be- oder verhindert. Insbesondere Männer streben danach, über den Körper und die Sexualität von Frauen zu eigenen Zwecken oder zum eigenen Vorteil zu bestimmen. Dies zeigt sich z.B. an diskriminierenden Ehe-, Scheidungs- oder Abtreibungsgesetzen, schädlichen traditionellen Praktiken wie Ehrenmorden, Frühverheiratung und weiblicher Genitalverstümmelung, aber auch subtil, etwa an der Vermeidung der Farbe Rot für das Menstruationsblut in Tampon- oder Damenbinden-Werbungen.

2. Beispiele: Joanne K. Rowling, Sahar Khalifa, Virginia Woolf, Toni Morrison, Juli Zeh, Chimamanda Ngozi Adichie