25 - Beispiel Sierra Leone

1. In Sierra Leone sind 86 % der Mädchen und Frauen von FGM/C betroffen (UNICEF 2018), auf dem Land sogar 92 % und in armen Haushalten 93 %. Meist werden Mädchen zwischen 5 und 14 Jahren beschnitten. FGM/C ist eine soziale Norm. Unbeschnittene Frauen werden oft stigmatisiert: Sie gelten als unrein und nicht vollwertig. Ihnen wird meist nachgesagt, sei seien promiskuitiv und Traditionsverräterinnen.

FGM/C ist in Sierra Leone Bestandteil eines traditionellen Übergangsrituals, das aus einem Mädchen eine Frau macht. Auch ist es die Voraussetzung für die Aufnahme in den sogenannten Frauengeheimbund, Bondo society genannt. Der Frauengeheimbund ist ausschließlich Frauen zugänglich und stellt einen der wenigen öffentlichen Räume dar, der Frauen uneingeschränkt die Einnahme und den Erhalt von Machtpositionen erlaubt. Durchgeführt wird FGM/C von traditionellen Beschneiderinnen, Soweis genannt. Ihnen wird wertvolles Wissen in Bereichen wie Familienplanung, Gesundheitsvorsorge, Ernährung, traditionelle Tänze und Flechtfrisuren nachgesagt und sie genießen hohes gesellschaftliches Ansehen. Der Anweisung einer Sowei zu widersprechen wagt kaum jemand. Selbst Politikerinnen fürchten den großen Einfluss der Soweis auf die Bevölkerung. Die Teilnahme an dem Übergangsritual bedeutet für Mädchen die Aufnahme in die Erwachsenenwelt und allgemein in die sierra-leonische Gesellschaft. Ohne FGM/C kann ein Mädchen sozial isoliert werden. Auch kann es deutlich schwieriger für unbeschnittene Mädchen sein, einen Ehemann zu finden. Eltern und v.a. Mütter halten auch deshalb die schädliche Praktik vehement aufrecht, weil sie ihren Töchtern gesellschaftliche Teilhabe und materielle Versorgung (z.B. durch eine Heirat) ermöglichen wollen. Eltern haben also häufig gute Absichten, im Ergebnis bedeutet FGM/C für Mädchen jedoch trotzdem einen irreparablen Einschnitt in ihre physische und psychische Gesundheit sowie ihre persönliche, schulische und berufliche Entwicklung mit verheerenden, oft lebenslangen Folgen.

2. 68 % der Frauen und 46 % der Männer in Sierra Leone befürworten FGM/C. Es ist Teil eines traditionellen Übergangsrituals vom Mädchen- zum Frausein und meist Voraussetzung für eine Heirat. Eltern halten oft an FGM/C fest, weil sie wollen, dass ihre Töchter Teil der Gesellschaft und materiell versorgt sind. Sowohl in der weiblichen wie männlichen Bevölkerung lautet die häufigste Begründung für die Fortsetzung von FGM/C, dass Mädchen bzw. Frauen dadurch soziale Akzeptanz erlangen. Lediglich 27 % der Frauen und 40 % der Männer sprechen sich klar für ein Ende der Praktik aus.

Immerhin scheint die Akzeptanz für die Praktik in der jüngeren Generation abzunehmen: während sich 80 % der 45-49 Jahre alten Frauen für eine Fortsetzung von FGM/C aussprechen, tun dies lediglich 56 % der 15-19-jährigen Mädchen und jungen Frauen. In ländlichen Regionen liegen die Zustimmungsraten mit 80 % insgesamt höher als in den Städten (56 %). Das Gleiche gilt für das Kriterium Einkommen bzw. Wohlstand: die ärmsten Haushalte halten zu 83 % an der Praktik fest, die reichsten befürworten sie zu 47 %. Dies korreliert zudem stark mit dem Bildungsstand: 81 % der Frauen und Mädchen mit gar keiner oder sehr niedriger schulischer Bildung sprechen sich für eine Fortsetzung von FGM/C aus, aber nur 52 % der Frauen und Mädchen mit Sekundarschul- oder noch höherem Bildungsabschluss.