22 - Schätzungsweise

1. Menschenhandel - das klingt im ersten Moment nach einem Relikt aus längst vergangenen Tagen. Weit gefehlt! 40,3 Millionen Menschen sind weltweit von Menschenhandel betroffen, 71 % davon weiblich und 25 % Kinder (ILO 2017). Seit Mitte der neunziger Jahre hat sich der weltweite Menschenhandel mehr als vervierfacht. Besonders bedroht sind Menschen ohne Aufenthaltsstatus und in finanzieller Not; sowie Kinder aus armen oder schwierigen familiären Verhältnissen und Waisen. Menschenhandel verletzt zahlreiche Menschenrechte, wie das Recht auf Leben, Freiheit, Gleichheit, Würde und Sicherheit, Nicht-Diskriminierung, Gesundheit und alle den Arbeitsschutz betreffenden Rechte. Die Betroffenen sind oft lebenslang traumatisiert.

Der jährliche Menschenhandel-Bericht der US-Regierung teilt die Länder der Welt in drei Kategorien ein, je nachdem, wie stark sie Menschenhandel bekämpfen. Deutschland wurde 2019 heruntergestuft und bekam auch 2020 weiterhin nur die Kategorie 2. Der Bericht kritisiert, dass in Deutschland nur wenige verurteilte Tatpersonen wegen Menschenhandel tatsächlich ins Gefängnis müssen. Ebenso wird kritisiert, dass es weiterhin keinen nationalen Aktionsplan, keine nationale Berichterstattung und keinen nationalen Mechanismus zur Identifizierung von Betroffenen von Menschenhandel gibt. Der Bericht kritisiert auch, dass Deutschland weiterhin nichts tut, um die Nachfrage nach Menschenhandel und Prostitution zu reduzieren.

2. Seit September 2013 ist FGM/C ein eigener Straftatbestand nach §226a StGB und wird mit bis zu 15 Jahren Gefängnis bestraft. Die Mindeststrafe beträgt ein Jahr. Die Altersgrenze für den Verjährungsbeginn liegt bei 21 Jahren, die Verjährungsfrist selbst beträgt 20 Jahre. All dies gilt auch bei einer Ferienbeschneidung, d.h. wenn ein Mädchen zur Durchführung von FGM/C in ein anderes Land gebracht wird. Zudem kann der Reisepass einer Person entzogen werden, wenn diese FGM/C im Ausland plant.

Der Nachteil: §226a StGB greift erst dann, wenn die Tat bereits begangen wurde – für ein betroffenes Mädchen zu spät. Daher setzen TERRE DES FEMMES und andere Menschenrechtsorganisationen in erster Linie auf Aufklärung und Prävention. Bis jetzt gab es in Deutschland außerdem noch keine Verurteilung wegen FGM/C.

Nach Angaben des europäischen End FGM Netzwerks leben in Europa 600.000 von FGM/C Betroffene (2019). In Deutschland waren 2020 nach der Dunkelzifferstatistik von TERRE DES FEMMES rund 20.000 Mädchen von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht und fast 75.000 Frauen davon betroffen. Wie in den Jahren zuvor verzeichneten die Zahlen einen deutlichen Anstieg. Zum Vergleich: 2019 waren rund 70.000 in Deutschland lebende Frauen von FGM/C betroffen und etwa 17.500 Mädchen liefen Gefahr, dem Eingriff unterzogen zu werden. In der längerfristigen Rückschau hat sich die Zahl der von FGM/C bedrohten Mädchen seit 2015 sogar mehr als verdreifacht (2015: fast 6.000 versus 2020: rund 20.000) und die Zahl der von FGM/C betroffenen Frauen mehr als verdoppelt (2015: fast 36.000 versus 2020: fast 75.000).