10 - Erklär’s mir!

1. B ist richtig. Frauen werden oft für das Ausleben ihrer Sexualität, ihr Auftreten oder ihre Kleidung angegriffen, wenn diese nicht den Erwartungen der (patriarchalen) Gesellschaft an akzeptables weibliches Sexualverhalten entsprechen, z.B. wenn sie häufiger wechselnde Partnerinnen haben. Männer hingegen können in derselben Situation durchaus ein High Five kassieren.

Slut-Shaming (dt. Schlampen-Beschämen) redet Frauen oder Mädchen Scham-, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle ein, wenn sie ihre Sexualität aggressiver oder individueller beanspruchen als andere (Frauen oder Mädchen) und konsequent nach ihren sexuellen Gefühlen handeln. Frauen können jedoch auch für ihr generelles Auftreten oder ihren Kleidungsstil von Slut Shaming betroffen sein. Ein provokantes Outfit wird dann z.B. als sexuelle Aufforderung interpretiert, nach dem Motto: Die hat heute Sex nötig, wenn sie sich so anzieht. Slut Shaming verletzt nicht nur die angegriffenen Frauen, sondern auch Frauen als gesellschaftliche Gruppe. Es kann von Männern und Frauen ausgehen. Das Phänomen zieht sich durch sämtliche Lebensbereiche, u.a. durch die gesamte Popkultur. Wenn es darum geht, wie und auf wen Vorwürfe im Umgang mit der eigenen Sexualität angewendet werden, gilt unverändert eine Doppelmoral – der Regelsatz für Männer und Jungen ist ein anderer als der für Frauen und Mädchen. Z.B. existiert in manchen gesellschaftlichen Gruppen die Vorstellung, dass Männer aus jedem Grund Geschlechtsverkehr haben dürften, Frauen aber nur, wenn sie verliebt oder vergeben seien. Diese Doppelmoral basiert auf einer Ambivalenz im patriarchalen Frauenbild, demzufolge sich nur anständige Frauen als Beziehungspartnerinnen qualifizieren, diese aber gleichzeitig vollkommen offen für Sex, d.h. idealerweise erfahrene Jungfrauen, sein sollen. Offen unanständige Frauen werden in dieser Logik dagegen vorwiegend als Objekt zur Befriedigung der eigenen sexuellen Wünsche von Männern angesehen und sozial abgewertet. Sich selbst gestehen Männer im patriarchalen Wertesystem i.d.R. das umfassende Ausleben ihrer Sexualität und die Vereinbarkeit von sexueller Freiheit und einer partnerschaftlichen Beziehung zu.

2. §177 StGB sieht für Vergewaltigung eine Freiheitsstrafe von 2 bis max. 15 Jahren vor. In schweren Fällen (z.B. beim Tragen einer Waffe) fällt die Strafe i.d.R. nicht unter 3 Jahren aus, und in besonders schweren Fällen (wenn die Tatperson eine Waffe verwendet, die Betroffene schwer misshandelt oder sie durch die Tat in die Gefahr des Todes bringt) nicht unter 5 Jahren. Stirbt die Betroffene, beträgt die Strafe mind. 10 Jahre. In Deutschland beträgt die Verjährungsfrist für Vergewaltigung 20 Jahre. Bei Betroffenen im Alter von unter 30 Jahren beginnt die Verjährungsfrist allerdings erst ab Vollendung des 30. Lebensjahres.

Kaum ein Verbrechen in Deutschland wird so selten bestraft wie Vergewaltigung – dabei zählt sie zu den häufigsten Gewaltformen gegen Frauen. Laut Dunkelfeldforschung wird etwa alle 3 Minuten eine Frau in Deutschland vergewaltigt - insgesamt ca. 160.000 Vergewaltigungen jährlich. 2019 wurden 66 % aller Sexualdelikt-Verfahren eingestellt (rbb 24 Recherche/Kontraste).