Kartenspiel

100 - Wertvolle Früchte

Die Präferenz männlicher Nachkommen ist ein globales Problem, das seit langem existiert und sich in mehreren Ländern bis heute nicht verändert hat. V. a. in Asien wünschen sich Eltern oft Söhne.

Dies hat in erster Linie mit patriarchalen Strukturen und Überzeugungen zu tun, die Frauen als Männern untergeordnet verorten und ihnen weniger gesellschaftlichen sowie wirtschaftlichen Wert zumessen. So kann Land und anderer Besitz meist nur über die männliche Linie vererbt werden. Zudem können einige religiöse und kulturelle Praktiken in Indien, wie z.B. Beerdigungsriten, nur von Söhnen durchgeführt werden, da Reinheitsgebote oder andere kulturspezifische Tabus Töchtern dies verunmöglichen. Auch wird der Familienname und damit das Fortbestehen des Stammbaums ausschließlich durch Männer gesichert. Eltern sind im Alter in Ermangelung funktionierender Sozial- und Rentensysteme auf die Versorgung und Pflege durch ihre Söhne angewiesen, da Töchter den Geschlechternormen und Rollenidealen zufolge in eine andere Familie einheiraten und ab dann als der Familie des Ehemanns zugehörig gelten. Viele Familien sehen Frauen als den Reichtum einer anderen Familie an: die produktiven Kapazitäten einer Frau kommen nicht oder nur für sehr begrenzte Zeit ihrer Herkunftsfamilie zugute, sondern primär ihrer Schwiegerfamilie, also der Familie, in die sie einheiratet. In Indien ist auch das Sprichwort gängig: In eine Tochter zu investieren ist so wie einen fremden Garten wässern.

Daher wird u.a. auf die (Aus-)Bildung der Söhne deutlich größerer Wert gelegt als auf die der Töchter. Außerdem ermöglicht die uneingeschränkte Teilhabe am Arbeitsleben Männern, zum Familieneinkommen beizutragen. Von Frauen wird dagegen i.d.R. erwartet, unentgeltlich den Haushalt zu führen, die Kinder zu versorgen und erziehen sowie alte oder kranke Angehörige der Schwiegerfamilie zu pflegen. Für die Heirat einer Frau muss in Indien außerdem trotz gesetzlichen Verbots immer noch häufig eine Mitgift entrichtet werden. Je nach Kontext können Mitgiftforderungen so hoch ausfallen, dass sie v.a. weniger wohlhabende Familien in den finanziellen Ruin stürzen. Häufig ist die Familie des Bräutigams mit der entrichteten Mitgift auch nicht zufrieden und verlangt sukzessive mehr. Dies kann in Bedrängung, Mobbing und schlimmstenfalls den Mitgiftmord der Braut münden. Bei Neuverheiratung eines Sohnes kann dann eine weitere Mitgift verlangt werden.

Auf dem individuellen und familiären Level bringt die Sohn-Präferenz für Frauen den enormen Druck mit sich, selbst Söhne gebären zu müssen. Erst mit der Geburt eines Sohnes können sie ihren eigenen sozialen Status aufwerten. Problematisch wird dies insbesondere dort, wo politische Maßgaben zur Reduzierung des Bevölkerungswachstums gelten, wie in China. Früher wurden meist so viele Kinder zur Welt gebracht, bis ein Sohn dabei war, wenn aber qua Ein-Kind-Politik nur ein Nachkomme pro Familie erlaubt ist, muss auf andere Weise sichergestellt werden, dass der Nachkomme tatsächlich männlich ist. In der Folge greifen manche Eltern zu drastischen Maßnahmen, wie z.B. Fötizid oder Infantizid von weiblichen Embryos bzw. Kindern. Neuere Technologien wie die Ultraschall-Untersuchung verschlimmern die Situation, da sie häufig zur pränatalen Geschlechtsbestimmung eingesetzt werden und es in der Folge zu geschlechtsselektiver Abtreibung kommt.

Zwischen 1976 und 1977 wurden an einem städtischen Krankenhaus in Indien 96 % der Föten, deren Geschlecht pränatal als weiblich bestimmt worden war, abgetrieben. Dagegen kamen alle 250 Föten, deren Geschlecht als männlich bestimmt worden war, auf die Welt – sogar dann, wenn eine angeborene Fehlbildung diagnostiziert worden war. In einer Mumbaier Klinik waren alle der 15.914 abgetriebenen Föten nach der pränatalen Geschlechtsbestimmung im Jahr 1984/85 weiblich. Der Einsatz der Ultraschall-Technologie zur Geschlechtsbestimmung wurde 1994 in Indien verboten und doch greifen Eltern auch heute noch auf diese Methode zurück (Ritchie und Roser 2019). Geschlechtsselektion findet aber nicht nur pränatal statt, manchmal bringen Eltern neugeborene Mädchen auch postnatal um oder das Kind stirbt im Verlauf der ersten Lebensjahre an schlechter Behandlung oder Vernachlässigung. Jedes 9. Mädchen in Indien stirbt so noch vor dem 5. Geburtstag. Das übliche Geschlechterverhältnis bei Geburt liegt bei 105 Jungen zu 100 Mädchen, in Indien aber bei 111 und in China bei 118 zu 100. Von weltweit 142,6 Mio. fehlenden Frauen kommen 45,8 Mio. auf Indien und 72,3 Mio. auf China (UNFPA 2020).

Der Männerüberschuss führt zu mehr Zwangsheirat und Frauenhandel. 27 % der Frauen in Indien gehen als Kinder in die Ehe. In absoluten Zahlen leben in Indien die meisten frühverheirateten Mädchen weltweit: fast 15,65 Millionen. Am höchsten sind die Frühverheiratungsraten in Zentral- und Westindien. Allein in den Bundesstaaten Rajasthan und Bihar liegt die Kinderehenrate bei 47 % bzw. 51 % (Girls not Brides 2021). Frauen ohne Bildung werden in Indien sechsmal häufiger minderjährig verheiratet als Frauen, die 10 Jahre oder länger zur Schule gegangen sind.

Auch die Rate von sexualisierter Gewalt ist in Indien sehr hoch. 2019 wurden nach Angaben der indischen Kriminalstatistikbehörde NCRB täglich 88 Vergewaltigungen gemeldet. Am höchsten lag die Vergewaltigungsrate im Bundesstaat Rajasthan mit 6.000 Fällen, gefolgt von Uttar Pradesh mit 3.065 Fällen im Jahr 2019. Arme Frauen, Frauen indigener Herkunft und Frauen, die einer sogenannten niederen Kaste angehören, wie z.B. den Dalits, die auch als Unberührbare bezeichnet werden, sind am stärksten betroffen. Wie in einem Artikel von Sudha Ramachandran in The Diplomat vom 5.10.2020 dargestellt, waren die Betroffenen in 11 % der 2019 gemeldeten 32.033 Vergewaltigungsfälle in Indien Dalit-Frauen.

Die Populärkultur in Indien setzt Männlichkeit häufig mit Aggressivität gleich. Männer und Jungen werden dazu angehalten, Frauen und Mädchen sexuell nachzustellen und sie, wenn nötig, gefügig zu machen bzw. ihnen eine Lektion zu erteilen. Die Vergewaltigung einer Dalit-Frau beruht aber nicht nur auf Misogynie und einem schädlichen Verständnis von Männlichkeit. Nicht nur die Betroffene selbst soll bestraft und erniedrigt werden, sondern auch ihre Familie und Gemeinschaft. Die Vergewaltigung soll die Machtlosigkeit der niederen Kaste und v.a. deren männlicher Angehöriger, ihre Frauen zu beschützen, unterstreichen sowie die Omnipotenz und Straflosigkeit der Aggressoren.

Trotz einer Strafrechtsreform 2013 ist die Vergewaltigungsrate in Indien zwischen 2009 und 2019 um 31 % gestiegen. Was diesen alarmierenden Trend eventuell umkehren könnte, wären verlässliche und konsequente Bestrafungen der Taten. 2019 endeten jedoch nur 27 % der Vergewaltigungsprozesse in Indien mit einer Verurteilung.

99 - Speed-Dating

Dating-Plattformen zeigen: Es gibt zig Vorstellungen von der idealen Frau, dem idealen Mann und der idealen Beziehung. Dabei werden oft Merkmale gefiltert, die sich angeblich jede am anderen oder gleichen Geschlecht wünscht. Wie seht ihr das? Kann man solche Merkmale oder Eigenschaften verallgemeinern? Und was ist mit intersexuellen oder Transpersonen?

Welche Eigenschaften und Werte wir an unserer Partnerin lieben, ist individuell. Genau wie das Gestalten einer Beziehung. Eine gleichberechtigte Beziehung kann für verschiedene Menschen bzw. die Beziehungspartnerinnen selbst ganz unterschiedlich aussehen. Für manche beginnt Gleichberechtigung dort, wo sich beide übereinstimmend auf konkrete Rollenmodelle einigen, auch wenn diese ggf. traditionell sind, für andere müssen alle Pflichten des Zusammenlebens genau gleich aufgeteilt sein, wieder andere verbinden Gleichberechtigung stärker mit gegenseitiger Unterstützung bei der persönlichen Entwicklung usw.

Aus Sicht von TERRE DES FEMMES ist v.a. das Bewusstsein wichtig, dass alle die gleichen Rechte haben und keine Ideologie vorgeben darf, wie eine Frau, ein Mann, ein Mensch jenseits der binären Geschlechterordnung oder eine Beziehung sein muss, um als richtig oder normal zu gelten. Die einzige Grenze ist das Recht der anderen. Denn so besagt es auch unser Grundgesetz: jede hat das Recht auf die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit, soweit sie nicht die Rechte anderer verletzt.

Leider kam und kommt es von Seiten (meist männlicher) Machthaberinnen bzw. Regierungen oder einflussreicher Personen aus Religion, Wissenschaft, Wirtschaft und anderen Sektoren jedoch immer wieder zu Eingriffen in das Selbstbestimmungsrecht der Frau. Dabei hat kein Mann das Recht, über seine oder irgendeine Frau bzw. deren Leben zu bestimmen! Eingriffe dieser Art manifestieren sich gesetzlich, aber auch über soziale Normen und Einstellungen. Eine richtige Frau gilt in einer Gesellschaft oder einem Milieu dann z.B. nur als eine, die verheiratet ist, Kinder (bzw. Söhne) hat, an ihren Genitalien verstümmelt ist oder heterosexuell liebt usw. Diese Kriterien sind dabei je nach kulturellem und zeitlichem Setting variabel. Insbesondere sexuelle und reproduktive Rechte werden vielen Frauen nach wie vor verwehrt oder nur sehr eingeschränkt zuerkannt. Auch über Heirat und Scheidung dürfen viele Frauen qua Gesetz oder traditionellem Recht bzw. Gewohnheitsrecht nicht selbst bestimmen, sondern nur in Abhängigkeit von ihrem oder irgendeinem Mann.

Aus Sicht von TERRE DES FEMMES müssen Frauen selbst darüber entscheiden können, ob und wenn dann, wen und wann sie heiraten wollen. Auch müssen Frauen selbst wählen können, ob und wenn ja, wie viele und wann sie Kinder haben möchten, und mit wem. Dazu gehört auch das Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch. Nicht zuletzt müssen Frauen auch über ihren Körper und ihre Sexualität frei und ohne männliche Bevormundung selbst bestimmen dürfen. Genauso wie Männer seit jeher über all diese Dinge selbst entscheiden dürfen, ohne dass Frauen sie davon abhalten, über sie bestimmen oder über sie richten.

97 - Ende ohne Happy

Eine Frühehe bedeutet meist das abrupte Ende der Kindheit. Oft können Mädchen die Schule nicht beenden oder einen Beruf erlernen und haben so auch keine Möglichkeit, sich berufliche Zukunftsperspektiven und finanzielle Unabhängigkeit zu erschließen. Mit jedem Jahr, das ein Mädchen früher in die Ehe geht, sinkt die Wahrscheinlichkeit eines höheren Schulabschlusses um bis zu 10 % (Weltbank 2017). Sowohl bei den Alphabetisierungsraten als auch in der Grundbildung zeigte eine Überblicksstudie zu 31 Ländern in Afrika südlich der Sahara und fünf asiatischen Ländern ein starkes Ungleichgewicht zwischen jungen Frauen, die minder- oder aber volljährig in die Ehe gegangen waren: Mädchen, die vor ihrem 18. Geburtstag in die Ehe gegangen waren, hatten durchschnittlich nur 2,9 (Afrika) bzw. 3,9 (Asien) Jahre Schulbildung genossen, im Vergleich zu 5,3 bzw. 7,7 Jahren bei Mädchen, die nach ihrem 18. Geburtstag geheiratet hatten. Kinderehen münden gerade bei Mädchen oft in ein lebenslanges Abhängigkeitsverhältnis.

Auch wird von jungen Ehefrauen häufig erwartet, rasch ein Kind zu bekommen. Dem Weltbevölkerungsbericht 2020 von UNFPA zufolge erfolgen 90 % der Geburten durch 15- bis 19-Jährige im Globalen Süden in der Ehe (WHO 2008). In Afrika südlich der Sahara haben 96 % der Frauen zwischen 20 und 24 Jahren, die vor dem 18. Geburtstag verheiratet waren, schon mindestens ein Kind geboren. 56 % von ihnen haben im ersten Ehejahr entbunden und 28 % weniger als 24 Monate nach der ersten Geburt ein weiteres Kind zur Welt gebracht. In Lateinamerika und der Karibik hatten 86 % der minderjährig verheirateten Frauen bereits vor ihrem 20. Geburtstag ihr erstes Kind entbunden. Bei Schwangerschaft und Kindergeburt im Alter zwischen 15 und 19 Jahren treten sehr viel häufiger Komplikationen auf als in einem späteren Alter. Häufig ist der Körper einer Minderjährigen noch nicht ausreichend entwickelt, um eine Schwangerschaft auszutragen.

Eines der Hauptrisiken für Mädchen, die zu jung gebären, sind Scheidenfisteln - ein Hohlraum zwischen Scheide und Rektum, Blase und Rektum oder auch Beiden, was zu andauernder Inkontinenz führt. Oft wird eine Frau dafür von Ehemann oder Familie verstoßen und von der Versorgung ausgeschlossen. Mit 90 % ist ein stark verzögerter Geburtsverlauf die Hauptursache für Scheidenfisteln. Ist die Beckenöffnung noch zu klein und der Kopf des Babys bleibt im Geburtskanal hängen, wird das weiche Gewebe der Vagina eingeklemmt und der anhaltende Druck verursacht die Fistel.

Bei minderjährigen Müttern gibt es ein erhöhtes Risiko für Totgeburten, eine höhere Sterblichkeitsrate bei Neugeborenen, ein niedrigeres Geburtsgewicht sowie mehr Krankheits- und Todesfälle bei Säuglingen und Kindern. Die Wahrscheinlichkeit einer Totgeburt oder des Todes des Neugeborenen liegt bei Gebärenden unter 20 Jahren sogar um 50 % höher als bei jungen Frauen, die später gebären (WHO 2017). Zudem sind Komplikationen während der Schwangerschaft und bei der Geburt weltweit die häufigste Todesursache bei Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren. Das Risiko der Müttersterblichkeit ist für Mädchen in diesem Alter rund 28 % höher als für Frauen zwischen 20 und 24 Jahren. Schon durch die Hinauszögerung der ersten Geburt bis zum 20. Geburtstag einer Frau kann das Risiko der Müttersterblichkeit also erheblich reduziert werden. Frühverheiratete Frauen, die jung Mutter werden, bekommen zudem im Durchschnitt mehr Kinder als Frauen, die später heiraten.

Auch werden minderjährige Ehefrauen oft von ihren Herkunftsfamilien, Freundinnen und dem weiteren sozialen Umfeld isoliert. Deshalb und aufgrund ihrer schwächeren Position, die sich oft allein aus dem Altersunterschied zum Ehemann ergibt, sind sie häufiger häuslicher Gewalt, sexuell übertragbaren Infektionen wie HIV, und ungewollten Schwangerschaften ausgesetzt. Häufig kennen junge Frauen auch ihre sexuellen und reproduktiven Rechte noch nicht oder können diese gegenüber dem meist älteren Ehemann nicht durchsetzen bzw. zumindest die Verwendung von Verhütungsmitteln verlangen. Kinderehen sind eng mit geschlechtsspezifischer Gewalt verbunden, weil sie durch Altersunterschiede, das Machtungleichgewicht zwischen den Eheleuten, eingeschränkte weibliche Autonomie und Selbstbestimmung, soziale Isolation und geschlechtsspezifische Normen gekennzeichnet sind, welche männliche Kontrolle und Gewalt rechtfertigen oder zumindest dulden.
Junge Ehefrauen tragen sehr früh schon Verantwortung für die Versorgung von Kindern und einen Haushalt, der oft noch weitere Angehörige des Ehemanns einschließt. Die Nachteile können sich auch in die nächste Generation fortsetzen, denn Kinder von jungen Müttern haben schlechtere Überlebens- und Bildungschancen.

Auch frühverheiratete Jungen werden in Rollenmodelle gezwungen, für die sie oft noch nicht bereit sind. So kann ihnen im jugendlichen Alter die Pflicht auferlegt werden, für eine ganze Familie materiell zu sorgen und alle wesentlichen Lebensentscheidungen für jedes einzelne Familienmitglied zu treffen. Ihre eigenen Bildungs- und Entwicklungschancen werden so ebenfalls stark eingeschränkt.

In 20 Ländern weltweit liegt das Mindestalter für eine Heirat ohne besondere elterliche oder gerichtliche Zustimmung für Mädchen und/oder Jungen bei 17 Jahren oder darunter. Gesetze sind ein wichtiger Schritt zur Verhinderung von Frühehen, aber bei weitem nicht der Einzige: Ehe und Familie gelten in etlichen Ländern als Schlüssel für das Überleben und Wohlergehen von Mädchen und Frauen. Gleichzeitig sind sie häufig ein Schauplatz von Diskriminierung und Gewalt, schädliche Praktiken eingeschlossen.

Wo Frauen und Mädchen aufgrund des sozialen und wirtschaftlichen Wandels und sich verändernder Geschlechternormen Alternativen zu einer Heirat und einen stärkeren Einfluss auf Familienplanung bzw. Entscheidungen über Zeitpunkt und Anzahl der Kindergeburten haben, findet fast automatisch ein Umdenken statt. Durch den öffentlichen Diskurs müsste dieses Umdenken aber noch gefördert werden. So sollte eine Frage z.B. lauten, inwieweit die Ehe eine Quelle von Ressourcen und Respekt sein kann, und eine andere, welche anderen Quellen einen gleichberechtigten Zugang zu Land, bezahlter Arbeit, Erbschaft und Bildung für Frauen und Mädchen gewährleisten.

98 - Bevormundung

Eine Vormundschaft im heutigen Deutschland ist laut dem Gabler Wirtschaftslexikon eine gesetzlich geregelte und staatlich beaufsichtigte Fürsorge für die Person und das Vermögen einer Person, die ihre Angelegenheiten nicht selbst erledigen kann und daher schutzbedürftig ist. Der Rechtsbegriff der Geschlechtsvormundschaft hat in Deutschland keine Gültigkeit mehr, existiert aber noch in der Gesetzgebung anderer Länder. Geschlechtsvormundschaft heißt, dass Frauen in einigen Rechtsbereichen einen männlichen Vormund, z. B. ihren Vater oder Ehemann, brauchen.

Das bekannteste Beispiel für die Präsenz und Vielgestaltigkeit von Geschlechtsvormundschaft ist Saudi-Arabien. Erst im August 2019 wurden Reformen zur Abschwächung wirksam, die Geschlechtsvormundschaft hat aber nach wie vor Bestand. Als männlicher Vormund einer Frau tritt in Saudi-Arabien zunächst der eigene Vater und nach der Heirat der Ehemann auf. Sollte der Vater oder Ehemann sterben, kann auch der Bruder oder Sohn der Frau als Vormund fungieren. Bis zu den Reformen im August 2019 wurden Frauen in Saudi-Arabien gesetzlich wie Minderjährige behandelt. Sie durften nur mit Erlaubnis ihres männlichen Vormunds arbeiten gehen, Geburten und Todesfälle behördlich eintragen und beurkunden lassen, das Familienstammbuch einsehen sowie medizinische Entscheidungen über ihren Körper, ihre Schwangerschaften und Kindergeburten treffen.

Zudem war ihnen untersagt, ohne männliche Begleitung ins Ausland zu reisen oder sich dort aufzuhalten.

Dafür hatte die saudische Regierung sogar eine App mit dem Namen Absher geschaffen, die über Google oder Apple bezogen werden konnte und dem männlichen Vormund ermöglichte, seiner Frau, Schwester oder Tochter eine Genehmigung zum Reisen zu erteilen oder zu verweigern.

Nicht zuletzt durften Frauen keine Vormundschaft für ihre Kinder übernehmen. Trotz der Lockerungen ist eine vollständige Gleichberechtigung der Geschlechter auch heute noch weit entfernt, denn saudische Frauen brauchen nach wie vor die Genehmigung eines männlichen Vormunds, um heiraten oder sich scheiden lassen zu dürfen, aus dem Gefängnis entlassen zu werden oder aus einem Frauenhaus auszuziehen. Unverändert können sie ihre Staatsbürgerschaft nicht an die eigenen Kinder weitergeben und ein männlicher Vormund darf seine Frau weiterhin für Ungehorsam belangen, u.a. wenn sie nicht zu Hause anzutreffen ist. Saudi-Arabien hat zwar die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (engl. CEDAW) unterzeichnet, jedoch nur unter dem Vorbehalt, dass CEDAW nicht eingehalten werden muss, wenn Bestimmungen den Vorgaben des islamischen Rechts, der Scharia, widersprechen.

In Europa gab es Geschlechtsvormundschaft schon in der Antike. Ehevormundschaft endete erst im 20. Jahrhundert. In Deutschland hatte ein Mann bis 1958 das alleinige Bestimmungsrecht über seine Ehefrau und die gemeinsamen Kinder. Eine Frau durfte nur mit Erlaubnis ihres Ehemannes arbeiten, und selbst wenn er dies erlaubte, stand die Verwaltung ihres Lohns ihm zu. Er konnte den Anstellungsvertrag seiner Frau zudem nach eigenem Ermessen und ohne ihre Zustimmung fristlos kündigen. Das änderte sich erst 1977! Ohne Zustimmung des Ehemanns durfte eine Frau bis 1962 kein eigenes Bankkonto eröffnen. Erst nach 1969 wurde eine verheiratete Frau als geschäftsfähig anerkannt. Lehrerinnen mussten bis 1950 zölibatär leben. Heirateten sie, mussten sie ihren Beruf aufgeben. Erst 1957 wurde deutschlandweit die Regel aufgehoben, dass Lehrerinnen nach ihrer Heirat nur dann berufstätig bleiben durften, wenn das Familieneinkommen für ihre Versorgung nicht ausreichte. Der Erwerb des Führerscheins war beiden Geschlechtern ab 1909 möglich. Frauen mussten dafür bis 1958 jedoch die Erlaubnis ihres männlichen Vormunds einholen und blieben daher eine absolute Ausnahme am Steuer.

Bis 1977 galt außerdem das Schuldprinzip: es war nicht möglich, sich scheiden zu lassen, ohne dass eine der Partnerinnen die Schuld für das Scheitern der Ehe auf sich nahm. Die Schuldige bekam i.d.R. keine Unterhaltszahlungen und nur selten das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder. Frauen wurden damit hochgradig diskriminiert, weil sie finanziell oft vollständig von ihren Ehepartnern abhingen und der Verzicht auf Unterhalt zwangsläufig in Existenznot gemündet hätte. Erst seit 1991 dürfen Frauen nach der Eheschließung ihren Nachnamen beibehalten.

Nicht nur in Saudi-Arabien, sondern auch in vielen anderen Staaten bestehen v.a. die eheliche Geschlechtsvormundschaft oder geschlechtsbasierte Diskriminierungen im Familienrecht mit ähnlicher Stoßrichtung und Wirkung fort. In 40 Ländern der Welt ist heute per Gesetz nur der Mann Haushaltsvorstand (OECD 2019), v.a. im westlichen und mittleren Afrika sowie im westlichen Asien. In 27 Ländern muss eine Ehefrau ihrem Ehemann qua Gesetz gehorchen. Rechtliche Folgen für Frauen, die dies nicht tun, sehen 16 Länder vor. Das Sorgerecht von Frauen für ihre Kinder schränken 34 Länder ein.

96 - Verquere Familienehre

Manche mögen Stolz und Zugehörigkeit damit verbinden, andere Pflichten und Druck. In stark patriarchalen Kontexten kann der Erhalt der Familienehre Grund für eine (frühe) Zwangsverheiratung sein. Dabei wird mind. eine der Beteiligten durch Gewalt oder Drohungen zum Eingehen einer Ehe gezwungen. Bei einer Zwangsverheiratung im Namen der vermeintlichen Familienehre wollen Eltern oft sicherstellen, dass ihre Tochter als Jungfrau verheiratet wird.

Eine rechtzeitige Verheiratung soll vor einem als schädlich, ggf. auch als zu westlich erlebtem Lebensstil schützen und folglich die Ehre der Familie sichern. Auch wenn Eltern homosexuelle Neigungen bei Tochter oder Sohn vermuten oder sich das eigene Kind geoutet hat, versuchen Eltern dieser oft als nicht akzeptabel oder sündhaft empfundenen sexuellen Orientierung mit einer Zwangsverheiratung entgegenzuwirken. Weitere Motive wie der Erhalt von Geld oder einem Aufenthaltstitel für die Eheschließung können eine Rolle spielen. Meist wird ein Ehemann ausgesucht, der aus dem Familienumfeld oder engen Freundeskreis kommt. Die Vermutung dahinter: so jemand stiehlt sich nicht einfach aus der Verantwortung, sondern wird die Tochter und deren Kinder lebenslang versorgen. 93 % der Betroffenen von Zwangsverheiratung in Deutschland sind weiblich (BMFSFJ 2011). Oft werden sie in den Ferien im Herkunftsland der Eltern gegen ihren Willen verlobt oder verheiratet. Aber: Freie Partnerinnenwahl ist ein Menschenrecht!

In fast allen Ländern der Welt ist eine Zwangsverheiratung gesetzeswidrig. In Deutschland wird Zwangsverheiratung nach § 237 StGB mit bis zu 5 Jahren Haft geahndet. Auch Heiratsverschleppung ins Ausland wird bestraft. Allein der Versuch ist strafbar. Zwangsverheiratungen, die im Ausland vollzogen wurden, sind ebenfalls strafbar, da der Straftatbestand in den Katalog der Auslandstaten aufgenommen wurde. Dementsprechend können Tatpersonen, unabhängig von der jeweiligen Gesetzeslage vor Ort, in Deutschland verurteilt werden, vorausgesetzt, die Betroffenen haben ihren Wohnsitz oder regelmäßigen Aufenthalt in Deutschland.

Die vom BMFSFJ in Auftrag gegebene und von der Hamburger Lawaetz-Stiftung durchgeführte Studie Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen von 2011 untersuchte die Problematik der Zwangsehe erstmals bundesweit. Datengrundlage waren die Angaben von 830 Beratungseinrichtungen aus dem Jahr 2008. Darüber hinaus wurden Untersuchungen u. a. in Schulen und Einrichtungen der Jugendhilfe durchgeführt. 2008 wurden insgesamt 3.443 Personen in den Beratungsstellen registriert. In 40 % der Fälle war bereits eine Zwangsheirat vollzogen worden, 60 % waren von einer Zwangsehe bedroht. Die Dunkelziffer muss schon deshalb als höher angesehen werden, da sich von 1.445 Beratungsstellen nur 830 Einrichtungen zurückgemeldet hatten. Zudem hatten 25 % der Befragten über weitere betroffene Familienmitglieder berichtet. Etwas mehr als die Hälfte der dokumentierten Zwangsverheiratungen (52 %) wurden im Ausland durchgeführt oder dort geplant. 36,2 % der von Zwangsverheiratung Bedrohten befürchteten, dauerhaft gegen ihren Willen im Ausland verbleiben zu müssen.
Zwangsverheiratete oder davon Bedrohte sind fast zur Hälfte (44 %) deutsche Staatsbürgerinnen, die Mehrheit der Beratenen hatte jedoch einen Migrationshintergrund. Die meisten wurden in Deutschland geboren (32 %), gefolgt von der Türkei (23 %), Serbien, Kosovo oder Montenegro (8 %) und dem Irak (6 %). Die Eltern der Betroffenen waren zu 83 % Muslime. Bei ihnen war die Türkei mit 44 % das häufigste Herkunftsland. Knapp zwei Drittel der Betroffenen von Zwangsehen (59,4 %) stammten aus stark religiösen Familien.

Die Studie legte auch den Zusammenhang zwischen Zwangsheirat und familiärer Gewalt offen: zwei Drittel der Betroffenen (67 %) erlebten psychische oder körperliche Gewalt, 27 % erzählten von Bedrohungen mit Waffen und/oder Morddrohungen, 11 % berichteten, sexualisierte Gewalt erlitten zu haben.