Internationale Kooperationen

Internationale Zusammenarbeit

TERRE DES FEMMES unterstützt weltweit Frauenrechtsorganisationen. Unsere Schwerpunkte sind die gleichen wie im Inland: Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung, Frauenhandel und Zwangsprostitution, Zwangsheirat und Gewalt im Namen der Ehre sowie Aktivitäten zur Verbesserung des Gewaltschutzes von Mädchen und Frauen. Derzeit arbeiten wir mit sechs Partnerorganisationen in Lateinamerika, Afrika und Asien zusammen. Regelmäßiger fachlicher Austausch und Projektbesuche vor Ort schaffen Transparenz und Vertrauen. Durch diese enge Kooperation sichern wir die Nachhaltigkeit unserer Projekte.

Ein weiteres Anliegen von TERRE DES FEMMES ist die Unterstützung bedrohter Frauenrechtsaktivistinnen weltweit, z.B. durch Schutzaufenthalte, Netzwerk- und Lobbyarbeit. Ziel ist, das Augenmerk auf die international zunehmenden Angriffe gegen Frauenrechte, Selbstbestimmung und Gleichberechtigung zu lenken.

TERRE DES FEMMES macht auch entwicklungspolitische Bildungsarbeit in Deutschland. Mit Veranstaltungsreihen, Ausstellungen und Bildungsmaterialien klären wir über die internationale frauenrechtliche Lage auf und regen zu eigenem entwicklungspolitischem Engagement an.  

Unser Einsatz folgt dem Motto: Menschenrechte sind Frauenrechte – weltweit! Das Recht auf Freiheit von allen Formen von Gewalt und Diskriminierung ist der Kern und das Ziel unserer internationalen Zusammenarbeit. Informieren Sie sich in unserer Chronik über die Ereignisse und Ergebnisse der vergangenen Jahre.

 

 

-> Beendete Kooperationen

  

BHUMIKA Women's Collective, Indien – Anlaufstelle für Frauen in Not

  • Übersicht

  • Hintergrund

  • Projektaktivitäten

  • Erfolge

  • Unterstützung

  • Weitere Informationen

Als Frau in Indien gewaltfrei und selbstbestimmt leben können - dafür kämpft BHUMIKA Women's Collective. Foto: © BHUMIKA Women's CollectiveEin selbstbestimmtes und freies Leben – dafür kämpft BHUMIKA Women's Collective.
Foto: © BHUMIKA Women's Collective

Projektgebiet: Hyderabad im Bundesstaat Telangana

Wird von TDF unterstützt seit: 2016

Zielgruppe: Von häuslicher und sexualisierter Gewalt betroffene Mädchen und Frauen

Projektaktivitäten:

  • In Polizeistationen integrierte Beratungsstellen zur rechtlichen und psychologischen Unterstützung von gewaltbetroffenen Mädchen und Frauen
  • Hilfe-Telefon für gewaltbetroffene Mädchen und Frauen
  • Durchführung von Seminaren für PolizistInnen, RichterInnen und AnwältInnen
  • Aufklärungs- und Präventionsarbeit
  • Lobbyarbeit auf politischer Ebene

Projektgründerin: Kondaveeti Satyavati

Kontakt: TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit (rl-iz@frauenrechte.de)

Projektflyer: TERRE DES FEMMES-Projektflyer (PDF-Datei)

Factsheet: Komprimierte Fakten zu Frauenrechten in Indien (PDF-Datei)

Testen Sie Ihr Wissen: Ein Quiz zu Frauenrechten in Indien!

Hintergründe und Projektbeschreibung

Die Situation der Frauen in Indien - Zeiten des Umbruchs

Das BHUMIKA Women's Collective macht gegen Gewalt an Frauen mobil. Foto: © Gina Rumsauer.Das BHUMIKA Women's Collective macht gegen Gewalt an Frauen mobil. Foto: © Gina Rumsauer. Das vergangene Jahrzehnt hat Indiens Frauenstimmen in Politik, Wirtschaft und Kultur, im öffentlichen Leben in Städten, aber auch auf dem Land lauter werden lassen. Gleichzeitig sind nur 11,6 Prozent der Sitze im indischen Parlament an Frauen vergeben. Lediglich 39 Prozent der Frauen haben einen Sekundarschulabschluss – versus 63,5 Prozent der Männer (Index für Geschlechterungleichheit, UNDP 2018). 

Ob eine Frau ein selbstbestimmtes und freies Leben führen kann, hängt stark von ihrer Religions- und Kastenzugehörigkeit, ihrer sozialen Schicht, ihrem Bildungsgrad und dem ihres Umfelds ab. Da zwei Drittel der Menschen in Indien Teil der Landbevölkerung sind, die häufig keinen vergleichbaren Zugang zu Bildung haben wie Menschen in der Stadt, ist ein Großteil der Frauen nach wie vor abgeschnitten von emanzipatorischen Bewegungen.

Parallel zur Entwicklung in Indiens Metropolen sind traditionell patriarchalische Strukturen weiterhin fest im Leben und Denken der Menschen verankert. Dazu gehört u.a. die patrilokale Familienordnung. Traditionsgemäß verlässt die Frau nach der Heirat die eigene Familie und gehört fortan zur Familie des Ehemanns. Den eigenen Verwandten ist sie damit von wenig Nutzen. Diese Ordnung hat weitreichende Konsequenzen für den gesellschaftlichen Wert, der Frauen zugeschrieben wird, und trägt zur strukturellen Diskriminierung von Frauen bei:

  • Der Wunsch nach Söhnen führt zur gezielten Abtreibung weiblicher Föten.
  • Da die Arbeit der Ehefrau „im Haus“ ist, wird bei Mädchen weniger Wert auf Bildung gelegt.
  • Der Brauch der Mitgift führt zu sogenannten Mitgiftmorden durch die Familie des Ehemanns, die durch eine weitere Heirat erneut Geld und/oder Güter erhalten kann.
  • In der Familie des Ehemanns nimmt die Frau zunächst die unterste Stufe in der Familienhierarchie ein und ist gewalttätigen Übergriffen der angetrauten Verwandtschaft daher schutzlos ausgesetzt.

Auch außerhalb der Familie sind Schutzräume für Frauen selten. Ein internationaler Aufschrei, der die prekären Verhältnisse für Frauen in Indien anprangert, erfolgte zuletzt nach der tödlichen Vergewaltigung einer jungen Studentin im Dezember 2012. Auch in Indien sorgte der Vorfall für großes Entsetzen und bewirkte, dass die öffentliche und private Sicherheit von Frauen zunehmend in den Fokus landesweiter Debatten rückte.  

Seitdem eingeführte Schutzmaßnahmen und Reformen zeigen allerdings kaum Wirkung: 2018 wurde Indien von der Thomson Reuters Stiftung wegen des hohen Risikos von sexueller Gewalt noch vor Afghanistan und Syrien, die die Plätze 2 und 3 belegen, als gefährlichstes Land für Frauen weltweit eingestuft.

Diskrepanz: Starkes Strafrecht, schwache Umsetzung

Strukturelle Diskriminierung findet sich in allen Lebensphasen von Frauen wieder. Foto: © TERRE DES FEMMESStrukturelle Diskriminierung findet sich in allen Lebensphasen von Frauen wieder. Foto: © TERRE DES FEMMES2012 richtete die Regierung Schnellgerichte ein, die die Täter rascher und konsequenter bestrafen sollen. Anfang 2013 wurde das indische Sexualstrafrecht verschärft: der Begriff der Vergewaltigung ist seitdem nicht mehr an die Anwendung von Gewalt oder konkrete Drohungen gekoppelt, sondern allein an das fehlende Einverständnis der Frau. Das Gesetz zum Schutz vor häuslicher Gewalt bietet Frauen ungeachtet ihres Familienstands, also auch außerhalb der Ehe, Rechtssicherheit bei körperlicher oder psychischer Gewalt.

Trotz der Bemühungen von Staat, Zivilgesellschaft und Bevölkerung, Frauen und Mädchen vor gewalttätigen Übergriffen zu schützen, sind die offiziellen Zahlen zu geschlechtsspezifischer Gewalt in ganz Indien nach wie vor hoch.

Nach der letzten landesweiten Umfrage des indischen Gesundheitsministeriums (NHFS-4 2015/16) ist jede dritte Frau zwischen ihrem 15. und 49. Lebensjahr häuslicher Gewalt ausgesetzt.

Aufklärung über Frauenrechte, hier an einer Schule, spielt eine große Rolle. Foto: © Gina RumsauerAufklärung über Frauenrechte, hier an einer Schule, spielt eine große Rolle. Foto: © Gina Rumsauer

Die Gewaltstatistik der Indischen Frauenkommission von Telangana spricht dieselbe Sprache: von insgesamt 138 Beschwerden, die 2017 bei der Kommission eingingen, waren 91, sprich über 65 Prozent, allein aus Hyderabad, wo der Sitz des BHUMIKA Women’s Collective ist.

Hyderabad ist nach Delhi die zweitgefährlichste Metropole für verheiratete Frauen in Indien. (Nationales Büro für Kriminalitätsstatistik 2016, PDF-Datei) Während 2016 in der fast 19 Millionen-Metropole Delhi 3.645 Fälle von häuslicher Gewalt durch den Ehemann oder seine Verwandten registriert wurden, waren es in Hyderabad mit nur sieben Millionen EinwohnerInnen immerhin 1.311.

Human Rights Watch berichtet, dass Polizeibeamte oft nicht bereit sind, Anzeigen gegen sexuelle Belästigung aufzunehmen. Weder die Betroffenen selbst noch relevante ZeugInnen erhalten zudem ausreichend Schutz bei Gewalt- oder Vergeltungsdrohungen durch den Täter oder sein Umfeld.

Grund für die Diskrepanz zwischen Rechtlage und gelebter Realität ist die nur langsame und oft unzureichende Umsetzung der Gesetze und Ahndung von Gewaltverbrechen gegen Frauen. BehördenvertreterInnen, die Fälle von gewalttätigen Übergriffen aufnehmen, sind oftmals ungeschult und kennen weder die Gesetzestexte noch den rechtlichen Verlauf einer Anzeigeerstattung. Außerdem fehlt es an Anlaufstellen und spezialisierten Einrichtungen, die Frauen und Mädchen bei Gewalterlebnissen unterstützen und medizinische Versorgung bereitstellen.

BHUMIKA Women's Collective – Anlaufstelle für Frauen in Not

Musste selbst für ihr Recht auf Bildung kämpfen: Kondaveeti Satyavati, Gründerin und Koordinatorin von BHUMIKAMusste selbst für ihr Recht auf Bildung kämpfen: Kondaveeti Satyavati, Gründerin und Koordinatorin von BHUMIKA
Foto: © ASW - Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt
Das von TERRE DES FEMMES geförderte Projekt des BHUMIKA Women’s Collective in Telangana unterstützt Mädchen und Frauen, die häuslicher und sexualisierter Gewalt ausgesetzt sind.

Die Geschichte der Frauenrechtsorganisation BHUMIKA Women's Collective nimmt 1993 ihren Lauf: Damals gab Gründerin Kondaveeti Satyavati zum ersten Mal ein feministisches Frauenmagazin mit dem Titel BHUMIKA heraus. Kondaveeti Satyavati stammt aus einfachen Verhältnissen und musste für ihr Recht auf Bildung kämpfen. Sie schaffte schließlich den Sprung auf die Universität und engagiert sich seit den 1970er Jahren für Frauen und Frauenrechte.

Das BHUMIKA Women’s Collective setzt sich auf mehreren Ebenen für eine bessere Begleitung und die emotionale und rechtliche Stärkung von Mädchen und Frauen ein, die von Gewalt bedroht oder betroffen sind. Auch Gewaltprävention ist ein wichtiges Anliegen für das BHUMIKA Women’s Collective.

Projektaktivitäten von BHUMIKA

Erstanlaufstelle und Beratung für Frauen in Not

Beratung für Frauen in Not - das A und O für einen gewaltfreien Neuanfang. Foto: © Gina RumsauerBeratung für Frauen in Not - das A und O für einen gewaltfreien Neuanfang. Foto: © Gina RumsauerDie Mitarbeiterinnen des BHUMIKA Women's Collective sind im Bundesstaat Telangana wichtige AnsprechpartnerInnen für gewaltbetroffene Mädchen und Frauen. Seit 2014 betreibt die Organisation in Hyderabad und Karimnagar insgesamt drei Beratungsstellen, die an Polizeistationen angegliedert sind – so genannte Support Centres for Women & Children. Diese Beratungsstellen werden in Städten oder Stadtteilen eingerichtet, in denen Gewaltverbrechen gegen Frauen besonders häufig vorkommen. BeraterInnen bieten dort rechtliche und psychologische Unterstützung an und helfen betroffenen Mädchen und Frauen, Anzeige zu erstatten. TERRE DES FEMMES unterstützt seit Juni 2017 die Beratungsstelle in Karimnagar.

Seit 2006 betreibt das BHUMIKA Women’s Collective zudem ein Hilfe-Telefon für Mädchen und Frauen.

Betreuung von schwerwiegenden Fällen

Bei schwerwiegenden Gewalttaten übernehmen die BeraterInnen der Support Centresfor Women & Children eine längerfristige Betreuung. Die Mitarbeiterinnen des BHUMIKA Women's Collective begleiten die Frauen etwa ins Krankenhaus, in eine Schutzunterkunft oder suchen den Kontakt zur Familie. Zeigen die Gesprächsversuche mit der Familie keinen Erfolg, unterstützt das BHUMIKA Women's Collective bei der Beantragung staatlicher Fördermittel und steht den Betroffenen bei Rechtsfragen zur Seite.

Aufklärungsarbeit und Prävention im Kampf gegen Gewalt an Frauen

BHUMIKA schult Beamte im Umgang mit Fällen von Gewalt an Frauen. Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveBHUMIKA schult Beamte im Umgang mit Fällen von Gewalt an Frauen. © BHUMIKA Women’s Collective

Das BHUMIKA Women's Collective organisiert zudem Seminare für PolizistInnen, RichterInnen und AnwältInnen, um diese für das Thema Frauenrechte und Gewalt gegen Frauen zu sensibilisieren. Trainings werden auch für Krankenhaus-Angestellte angeboten. Damit soll erreicht werden, dass gewaltbetroffene Mädchen und Frauen bei ihrer Suche nach Hilfe optimal begleitet werden und sich erfolgreich aus gewalttätigen oder -fördernden Strukturen lösen können.

Lobbyarbeit auf politischer Ebene soll den Druck auf die Regierung erhöhen, sich gezielter für den Gewaltschutz von Mädchen und Frauen einzusetzen: „Auf dem Papier existieren zwar Gesetze zum Schutz der Frauen, in der Realität werden diese jedoch kaum umgesetzt“, beklagt Gründerin Satyavati. Die Support Centres for Women & Children sind Teil einer Initiative, Regierungsbeamte ganz praktisch und nachhaltig in frauenrechtliche Arbeit einzubinden.

Erfolge des Projekts

Hilfe aus einer Hand – BHUMIKA-Beratungsstelle und Polizei teilen sich ein Gebäude . Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveHilfe aus einer Hand – BHUMIKA-Beratungsstelle und Polizei teilen sich ein Gebäude. Foto: © BHUMIKA Women’s Collective

Seit Juni 2017 unterstützt TERRE DES FEMMES eine Beratungsstelle für Mädchen und Frauen in Not in der Stadt Karimnagar.

Das BHUMIKA Women’s Collective betreibt die Beratungsstelle seit 2016, nachdem Karimnagar 2015 die höchste Gewaltrate gegen Mädchen und Frauen im ganzen Bundesstaat aufgewiesen hatte. Begleitend werden PolizistInnen, AnwältInnen und RichterInnen in Seminaren zu den Hintergründen, Folgen und zum Umgang mit geschlechterspezifischer Gewalt geschult.

BHUMIKA-Beratungsstelle in Karimnagar

Zwischen 2010 und 2018 erhielten rund 2.300 Menschen Unterstützung und Weiterbildungen durch MitarbeiterInnen des Support Centre for Women and Children in Karimnagar und des BHUMIKA Women’s Collective:

  • 1.300 Frauen besuchten die Beratungsstelle in Karimnagar
  • 1.000 StaatsbeamtInnen wurden mit Schulungen zu geschlechtsspezifischer Gewalt erreicht

Bei Hausbesuchen nach Ende der Beratung prüft BHUMIKA, ob es den Frauen weiter gut geht. Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveBei Hausbesuchen nach Ende der Beratung prüft BHUMIKA, ob es den Frauen weiter gut geht. Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveIn der ersten Jahreshälfte 2019 suchten 193 Frauen die Beratungsstelle in Karimnagar auf. Insgesamt fanden 345 Individualgespräche, 214 Partnergespräche und 382 Familiensitzungen statt. 68 Frauen und ihren Partnern konnte auf direktem Weg geholfen werden. Andere Frauen wurden nach den Sitzungen bei der Anzeigestellung oder ihrem Gerichtsprozess unterstützt bzw. in Frauenhäuser begleitet.

Mit einer Spende der eudim - Stiftung für soziale Gerechtigkeit wird die Beratungsstelle in Karimnagar ab November 2018 durch eine zusätzliche Honorarkraft personell aufgestockt. So kann das BHUMIKA Women’s Collective der großen Nachfrage noch besser gerecht werden und auf nachhaltige Veränderungen der Lebenssituation gewaltbetroffener Frauen hinwirken.

Hilfe-Telefon in Hyderabad

Das Hilfe-Telefon des BHUMIKA Women's Collective hat sich in Hyderabad einen Namen gemacht. Foto: © ASW - Aktionsgemeinschaft Solidarische WeltDas Hilfe-Telefon des BHUMIKA Women's Collective hat sich in Hyderabad einen Namen gemacht. Foto: © ASW - Aktionsgemeinschaft Solidarische WeltBis April 2017 hat TERRE DES FEMMES ein Hilfe-Telefon für Mädchen und Frauen in Not in der Stadt Hyderabad in einer Dreieckskooperation mit der Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt (ASW) gefördert. Das Hilfe-Telefon ist seit seiner Gründung 2006 immer bekannter geworden und wird unverändert stark nachgefragt:

  • 52.000 Anrufe gingen zwischen 2006-2014 beim Hilfe-Telefon des BHUMIKA Women’s Collective ein
  • 15 bis 20 Anrufe erhalten die Mitarbeiterinnen des BHUMIKA Women’s Collective pro Tag
  • Die häufigsten Gründe, weshalb Mädchen und Frauen beim Hilfe-Telefon anrufen, sind häusliche und sexualisierte Gewalt, Schikanen durch Ehemann und Schwiegereltern, sowie Frühverheiratungen

Dem BHUMIKA Women’s Collective ist es gelungen, die Finanzierung mit indischen Fördermitteln längerfristig zu decken. Deshalb hat sich TERRE DES FEMMES gemeinsam mit ihrer Partnerorganisation einen neuen Schwerpunkt gesetzt.

 

 

 

Aktiv werden & Spenden

Kämpfen Sie mit uns für ein gewaltfreies und selbstbestimmtes Leben von Frauen! Foto: © BHUMIKA Women’s CollectiveSpenden auch Sie, damit mehr Frauen in Indien gewaltfrei und selbstbestimmt leben können. Foto: © Gina RumsauerAuch in Zukunft benötigt BHUMIKA Ihre Unterstützung für:

  • Beratung und Begleitung von gewaltbetroffenen Frauen im Support Centre for Women and Children in Karimnagar
  • Einzelbetreuung von besonders schwerwiegenden Notfällen
  • Seminare zu geschlechtsspezifischer Gewalt für PolizistInnen, RichterInnen und AnwältInnen
  • Bildungsangebote zur Gewaltprävention und kritischen Auseinandersetzung mit geschlechtsspezifischen Rollenmustern

Unterstützen Sie BHUMIKA mit einer einmaligen Spende oder spenden Sie regelmäßig und werden Sie FörderIn!

 

Sie können auch mit dem Stichwort „Indien“ auf folgendes Konto spenden:

EthikBank
IBAN DE35 8309 4495 0103 1160 00
BIC GENODEF1ETK

 

Weitere Informationen

Projektflyer

Jahresbericht

Jährlich veröffentlicht die ehrenamtliche Projektkoordinatorin einen Bericht für die Mitfrauenversammlung von TERRE DES FEMMES über die Projektaktivitäten des BHUMIKA Women’s Collective:

Interviews

Sonstige Informationen

 

Weitere Informationen erhalten Sie bei 

TERRE DES FEMMES e.V.
Brunnenstr. 128, 13355 Berlin
Tel: 030 - 40 50 46 99-0
E-Mail: Kontaktformular

oder bei den

ehrenamtliche Projektkoordinatorinnen Patricia Maag und Jessica Espinoza (indien@frauenrechte.org)

 

APDF, Mali – Gewaltschutzzentrum für Mädchen und Frauen

  • Übersicht

  • Hintergrund

  • Projektaktivitäten

  • Erfolge

  • Unterstützung

  • Weitere Informationen

Das Leitungsteam von APDF (2017): Bintou Diawara Coulibaly (rechts) und Aminata Koné Diakité Foto: © TERRE DES FEMMESDas Leitungsteam von APDF (2017): Bintou Diawara Coulibaly (rechts) und Aminata Koné Diakité
Foto: © TERRE DES FEMMES

Projektgebiete: Gewaltschutzzentrum in Bamako und Mopti sowie weitere Projektstandorte in ganz Mali

Wird von TDF unterstützt seit: 2009

Zielgruppe: gewaltbetroffene Mädchen und Frauen

Projektaktivitäten:

  • Gewaltschutz und Notunterkunft für Mädchen und Frauen
  • Medizinische, psychologische und juristische Betreuung betroffener Frauen
  • Aufklärungs- und Lobbyarbeit
  • Unterstützung beim Aufbau ökonomischer Selbstständigkeit durch Schulungen für einkommensschaffende Maßnahmen und die Bereitstellung der benötigten Materialien und Werkzeuge

Projektgründerin: Fatoumata Siré Diakité († Oktober 2016)

Kontakt: TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit(rl-iz@frauenrechte.de)

Projektflyer: Informationsflyer zu APDF (PDF-Datei)

Factsheet: Komprimierte Fakten zu Frauenrechten in Mali (PDF-Datei)

Testen Sie Ihr Wissen: Ein Quiz zu Frauenrechten in Mali!

Hintergrund

Frauen warten vor dem Projektgebäude auf Beratung. Foto: © TERRE DES FEMMESFrauen warten vor dem Projektgebäude auf Beratung. Foto: © TERRE DES FEMMES

Im Human Development Index des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen liegt Mali auf Platz 184 von 189 (Stand 2020), das Land zählt zu den ärmsten in Afrika: Rund die Hälfte der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze. Zudem gibt es einen Bevölkerungszuwachs von jährlich 3 Prozent, was die Wirtschaft vor große Probleme stellt. Seit dem Militärputsch im März 2012 und der parallel dazu voranschreitenden Besetzung des Nordens des Landes zunächst durch die Tuareg und später durch islamistische Extremisten ist Mali fortwährend politischen Unruhen ausgesetzt. Seit Juli 2013 bemüht sich die UNO-Mission MINUSMA (zu Dt.: Multidimensionale Integrierte Stabilisierungsmission der Vereinten Nationen in Mali) um Sicherheit und Konsolidierung, doch nach wie vor herrscht ein Klima der Instabilität, und besonders die weibliche Bevölkerung leidet unter nicht aufgeklärten und teils noch weiter erfolgenden Kriegsverbrechen.

Im August 2020 putschte das malische Militär gegen die Regierung des demokratisch gewählten Präsidenten Ibrahim Boubacar Keïta, weniger als ein Jahr später folgte im Mai 2021 ein weiterer Putsch gegen die Übergangsregierung unter Bah N’Daw. Als neuer Übergangspräsident wurde Oberst Assimi Goïta vereidigt, der Wiederaufbau stabiler demokratischer Strukturen scheint erneut in weiter Ferne. Zugleich verschärft sich die Sicherheitslage insbesondere im Norden Malis zunehmend: Islamistische Gruppen bauen ihre Präsenz im Land aus und verüben regelmäßig terroristische Angriffe, und auch den malischen Sicherheitskräften selbst werden immer wieder schwere Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

Lage für Frauen und Mädchen

Causerie debat au centre de BamakoEin Gesprächskreis mit Frauen zur Aufklärung über ihre Rechte im Gewaltschutzzentrum Bamako, Bildrecht: APDFDie Situation der weiblichen Bevölkerung ist besonders besorgniserregend. Eine Übersicht von UN OCHA zu den humanitären Bedarfen 2021 zeigt, dass angesichts der prekären Sicherheitslage in Mali, die geprägt ist von bewaffneten Konflikten, Terroranschlägen, Spannungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen sowie erhöhten Flucht- und Migrationsbewegungen, ein verstärktes Risiko von sexueller Gewalt für Frauen in den Regionen Kidal, Gao, Timbuktu, Mopti, Ségou, Ménaka und Taoudeni besteht. In ganz Mali wurden allein 2020 insgesamt 6.605 Fälle von geschlechtsbedingter Gewalt dokumentiert. 99 Prozent der Betroffenen waren Frauen, 58 Prozent noch unter 18 Jahren. Darüber hinaus wurden 1.090 Fälle von Gruppenvergewaltigungen in den Regionen Mopti, Gao und Timbuktu gemeldet. Die Dunkelziffer sexueller Übergriffe liegt aller Wahrscheinlichkeit nach noch wesentlich höher.

Das Gewaltschutzhaus in Bamako. Foto: © TERRE DES FEMMESDas Gewaltschutzhaus in Bamako. Foto: © TERRE DES FEMMES

Auch außerhalb der Krisenregionen haben Frauen in Mali einen besonders schwierigen Status. Eine malische Frau bekommt im Durchschnitt 5,8 Kinder. Früh- und Zwangsehen sind weit verbreitet, 54 Prozent der Mädchen heiraten vor Vollendung des 18. Lebensjahrs, 16 Prozent sogar vor ihrem 15. Geburtstag. Ein weiteres Problem ist die unverändert weit verbreitete weibliche Genitalverstümmelung (engl. Female Genital Mutilation - FGM): 89 Prozent der Mädchen und Frauen werden beschnitten, 90 Prozent von ihnen vor ihrem 5. Geburtstag. Als eines der wenigen Länder weltweit hat Mali bis heute kein gesetzliches Verbot gegen FGM erlassen. Zu den Hintergründen zählt vor allem der Fortbestand von Gewohnheitsrecht und traditionellen Praktiken, welche sich an patriarchalen Herrschaftsstrukturen ausrichten und nach wie vor hohe gesellschaftliche Akzeptanz in Mali erfahren. Die Benachteiligung von Mädchen bei der Teilhabe an Bildung ist ebenfalls gravierend. Laut der Internationalen Bewegung ONE zur Bekämpfung extremer Armut und vermeidbarer Krankheiten bis 2030 liegt Mali auf Platz 6 der Länder, in denen Mädchen die größten Schwierigkeiten haben, zur Schule zu gehen (2017).

Aus all diesen Gründen sind Frauenrechtsinitiativen wie die TDF-Partnerorganisation APDF unverzichtbar.

 

 

Projektaktivitäten von APDF

Eine Frau bedruckt einen Stoff während eines Kurses von APDF. Foto: © TERRE DES FEMMES	Eine Frau bedruckt einen Stoff während eines Kurses von APDF. Foto: © TERRE DES FEMMES

Die "Association pour le Progrès et la Défense des Droits des Femmes" (APDF) ist die einzige Organisation in Mali, die im Bereich Gewaltschutz sowohl Notunterkunft als auch umfassende soziale, medizinische, psychologische und juristische Dienste unter einem Dach anbietet. Mit ihren ca. 30.000 Mitgliedern, die teilweise durch Regionalbüros in den acht Regionen Malis vertreten sind, ist sie Frauenrechtsorganisation und Frauenbewegung zugleich.

Die wesentlichen Ziele von APDF sind:

  • Die fundamentalen Rechte von Mädchen und Frauen zu fördern, zu schützen und zu verteidigen.
  • Frauen über ihre Rechte zu informieren.
  • Gegen alle Formen geschlechtsspezifischer Gewalt einschließlich schädlicher Praktiken und Traditionen zu kämpfen.
  • Auf ein Ende der weiblichen Genitalverstümmelung hinzuarbeiten.
  • Alle Formen der Diskriminierung von Frauen zu bekämpfen.
  • Dafür zu kämpfen, dass Frauen in Entscheidungsgremien auf allen Ebenen und in allen Bereichen eingebunden werden.
  • Die soziale Rolle und ökonomische Teilhabe der malischen Frau zu stärken.
  • Frauen durch Ausbildungen in ihrem Bestreben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit zu unterstützen.
  • Die korrekte Einhaltung der regionalen und nationalen Rechtstexte und Abkommen gegen Diskriminierung zu überwachen.

Schutz, Beratung und Empowerment

Nähkursteilnehmerinnen. Foto: © TERRE DES FEMMES Nähkursteilnehmerinnen. Foto: © TERRE DES FEMMES

Entsprechend dieser Zielsetzungen betreibt APDF Frauenschutzhäuser in Bamako und Mopti. Dort finden von Gewalt und Diskriminierung betroffene Mädchen und Frauen ganzheitliche Hilfs- und Unterstützungsangebote. Damit die Frauen sich ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen können, werden ihnen Schulungen zu einkommensschaffenden Aktivitäten angeboten, wie z.B. Stofffärben, Schneidern, Herstellung von Seifen und Verarbeitung von lokalen Anbauprodukten zu getrockneten Tomaten, Kräutern oder Zwiebeln etc.). Nach den Kursen bekommen die Frauen die benötigten Materialien und Werkzeuge mit nach Hause und können sich so in ihren Dörfern mit Produktion und kleinen Verkaufsständen ein eigenes Einkommen erwirtschaften. Darüber hinaus geben sie ihre neu erlernten Fähigkeiten an andere Dorfbewohnerinnen weiter, wodurch sich der Erfolg der Schulungen vervielfacht.

Die MitarbeiterInnen von APDF sind beteiligt, wenn neue Gesetzestexte beraten werden, sie sensibilisieren Sicherheitspersonal von Polizei, Gendarmerie und Armee. Außerdem führen sie Aufklärungskampagnen, z.B.  gegen FGM, durch. APDF besitzt eine eigene Bibliothek, in der alle Veröffentlichungen zum Thema Frauenrechte dokumentiert werden.

Aktuell steht für die Kooperation APDF-TDF das neue Gewaltschutzzentrum in Gao, Nordmali, im Vordergrund. Der Bedarf einer kompetenten Beratungsstelle im Norden Malis ist immens, denn der Großteil, der bei APDF Zuflucht suchenden Frauen kommt aus dem Norden des Landes. Im Rahmen des TDF-Projektbesuchs 2017 wurden die notwendigen Vorbereitungen und Voraussetzungen geschaffen. Im Januar 2018 wurde die Baugenehmigung erteilt und im Februar 2018 der Bauvertrag unterzeichnet. Im Dezember 2018 konnte der Bau erfolgreich abgeschlossen werden. Aufgrund der Sicherheitslage musste von einer feierlichen Eröffnung abgesehen werden, viel wichtiger ist aber, dass gewaltbetroffene Frauen nun auch in Gao unmittelbaren Schutz und umfassende Unterstützung erhalten. Das Frauenschutzhaus bietet 20 Schlafplätze. Wie in Bamako und Mopti, wird auch in Gao das ganzheitliche Schutz- und Beratungskonzept verwirklicht.

Aufklärung an Schulen

Fortschritte beim Bau des Frauenschutzhauses in Gao/Nordmali. Foto: © Michael DeutschmannFortschritte beim Bau des Frauenschutzhauses in Gao/Nordmali. Foto: © Michael Deutschmann

Seit Ende 2019 kooperieren TDF und APDF im Rahmen eines Projekts zur gesundheitlichen und menschenrechtlichen Aufklärung an Schulen zudem mit Häuser der Hoffnung und der Association Malienne pour le Développement Durable (AMDD). Ziel des Projekts ist die Sensibilisierung von Lehrkräften und SchülerInnen zur Verhinderung von schädlichen traditionellen Praktiken wie FGM und Frühehen. Diese geben ihr Wissen dann auf vielfältige Weise an die eigenen Gemeinden weiter. Auch Informationen über die sexuellen und reproduktiven Rechte der Frau und Möglichkeiten der Familienplanung sind ganz zentral. Im Zuge der Corona-Pandemie nahmen die Schulen Aufklärung über Schutzmaßnahmen in ihr Repertoire auf und verteilten Hygienesets. Vor allem kreative Ansätze wie das Entwickeln und Aufführen von Theaterstücken begeistern die SchülerInnen.

Erfolge der Organisation

BamakoTeilnehmerinnen an der Berufsbildung mit ihrer selbst hergestellten Seife, Bildrecht: APDF Das Zustandekommen der Partnerschaft von APDF und TDF ist auf die großzügige Unterstützung eines Kölner Unternehmers zurückzuführen. Er hat im Jahr 2009/2010 nicht nur die Baumaßnahme zum Aufbau des Gewaltschutzzentrums in Bamako finanziert, sondern immer wieder auch die Projektaktivitäten von APDF unterstützt.

TDF hat diese Zusammenarbeit flankierend begleitet und baut die Kooperation mit APDF seit 2015 weiter aus. Hierbei geht es TDF vor allem darum, die Betreuung der hilfesuchenden Mädchen und Frauen in den Gewaltschutzzentren in Bamako und Mopti sowie in dem neu errichteten, 2019 eröffneten Frauenschutzhaus in Gao in Nordmali zu unterstützen.

  • APDF ist die einzige Organisation in Mali, die im Bereich Gewaltschutz für Frauen sowohl Notunterkunft, als auch umfassende soziale, medizinische, psychologische und juristische Dienste unter einem Dach anbietet.
  • APDF ist mit 47 dezentralisierten Projektbüros in 8 Regionen Malis vertreten.
  • Allein im ersten Halbjahr 2021 fanden rund 40 Mädchen und Frauen in den Gewaltschutzzentren von Bamako und Gao Zuflucht und ein sicheres temporäres Zuhause. Zudem wurden 278 Frauen und Mädchen in den Schutzhäusern versorgt, rechtlich beraten und psychologisch betreut.
  • Im ersten Halbjahr 2021 hatten 208 Frauen und Mädchen in Bamako und Gao die Möglichkeit, Kenntnisse im Schneidern, Nähen, Sticken, in der Verarbeitung lokaler Agrarprodukte, der Herstellung von Seife und im Friseurhandwerk zu erwerben, die ihnen den Einstieg in ein stärker selbstbestimmtes Leben erlauben.
  • Mit den Schulungen zu einkommensschaffenden Aktivitäten werden pro Jahr mehr als 300 Frauen direkt erreicht, durch Wissensweitergabe in den Dörfern sogar noch weitaus mehr.
  • Durch regelmäßige Projekte und Veranstaltungen, wie beispielsweise zum 6. Februar, dem Internationalen Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung, schafft APDF Bewusstsein in der Bevölkerung Malis für Probleme wie Gewalt an Mädchen und Frauen oder FGM und mobilisiert diese gleichzeitig, sich dagegen einzusetzen.
  • Darüber hinaus ist APDF eine anerkannte Frauenrechtsorganisation in Mali, deren Expertise von vielen Seiten aus Politik und Zivilgesellschaft angefragt wird.

Aktiv werden & Spenden

Verkauf von Stoffen, Nähprodukten und hergestellten Lebensmitteln. Foto: © TERRE DES FEMMES Verkauf von Stoffen, Nähprodukten und hergestellten Lebensmitteln. Foto: © TERRE DES FEMMES Damit APDF ihre Projekte für ein Leben frei von Gewalt weiterhin nachhaltig durchführen kann, ist die Organisation auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

Unterstützen Sie APDF mit einer einmaligen Spende oder spenden Sie regelmäßig und werden Sie FörderIn!

Auch über die Spendenplattform betterplace.org können Sie APDF in ihrer Arbeit unterstützen!

Sie können auch mit dem Stichwort "Mali" auf folgendes Konto spenden:

EthikBank
IBAN DE35 8309 4495 0103 1160 00
BIC GENODEF1ETK

 

 

 

Weitere Informationen

Flyer

Jahresberichte

Die ehrenamtliche Projektkoordinatorin Susanne Meister berichtet jährlich zu den Projektentwicklungen:

Reiseberichte

Öffentlichkeitsarbeit

Betterplace

Im Rahmen unserer Spendenaktion auf betterplace.org informieren wir zudem regelmäßig über Neuigkeiten aus unserer Partnerorganisation.

Weitere Informationen erhalten Sie bei

TERRE DES FEMMES e.V.
Brunnenstr. 128, 13355 Berlin
Tel: 030 - 40 50 46 99-0
E-Mail: Kontaktformular

 

MIRIAM, Nicaragua – Für ein Leben frei von Gewalt

  • Übersicht

  • Hintergrund

  • Projektaktivitäten

  • Erfolge

  • Unterstützung

  • Weitere Informationen

MIRIAM kämpft für die Rechte von Frauen auf Gewaltfreiheit und Bildung. Foto: © LuceroMIRIAM kämpft für die Rechte von Frauen auf Gewaltfreiheit und Bildung. Foto: © Lucero

Projektgebiete: Regionen Estelí, Managua, Matagalpa in Nicaragua

Wird von TDF unterstützt seit: 2012

Zielgruppe: von Gewalt betroffene Mädchen und Frauen aus finanziell prekären Verhältnissen

Projektaktivitäten:

  • Beratung und Aufklärung über die Rechte der Frau
  • psychologische Betreuung, rechtliche Beratung und anwaltliche Vertretung für Frauen mit Gewalterfahrungen
  • Durchführung von Alphabetisierungs-, Grundschul- und berufsbildenden Kursen
  • Unterstützung bei der Businessplanung und beim Einstieg in die berufliche Selbstständigkeit
  • Bildungsarbeit, Seminare, Workshops
  • Projekte zur Prävention und strafrechtlichen Verfolgung von sexueller Ausbeutung, Menschenhandel und Kinderarbeit
  • politische Lobbyarbeit und Öffentlichkeitsarbeit
  • Vergabe von Stipendien für Universitätsstudien

Projektgründerin/Leiterin: Yolanda Acuña Urbina

Kontakt: Ehrenamtliche Projektkoordinatorin Wencke Loesener (nicaragua@frauenrechte.org) oder
TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit(rl-iz@frauenrechte.de)

Projektflyer: Informationsflyer MIRIAM (PDF-Datei)

Factsheet: Komprimierte Fakten zu Frauenrechten in Nicaragua (PDF-Datei)

Testen Sie Ihr Wissen: Ein Quiz zu Frauenrechten in Nicaragua!

Hintergründe und Projektbeschreibung

„Nos están matando“ – Sie töten uns. Demonstration gegen Frauenmorde in Nicaragua, Foto: © Birgitta Hahn„Nos están matando“ – Sie töten uns. Demonstration gegen Frauenmorde in Nicaragua, Foto: © Birgitta Hahn

Gewalterfahrungen gehören zu den größten Problemen von Frauen in Nicaragua und stellen eine Bedrohung für ihre physische und psychische Gesundheit dar. Die Rate der Femizide, d.h. der Tötungen von Frauen aus geschlechtsspezifischen Gründen, nimmt stetig zu: 2018 wurden 57 Femizide in Nicaragua begangen, 2019 waren es 63 und 2020 sogar 71. Auch 2021 scheint sich diese erschreckende Tendenz fortzusetzen, allein in den ersten acht Monaten wurden bereits 42 Femizide registriert. Gleichzeitig nimmt die Brutalität dieser Verbrechen zu und kann z.B. von Folter und Verstümmelungen begleitet sein. Femizide sind die Spitze des Eisbergs. Alltagsgewalt, in aller Regel innerhalb der Familie verübt, zeugt von der strukturellen Diskriminierung von Frauen.

Laut einer Studie der panamerikanischen Gesundheitsorganisation ist jede dritte Frau in Nicaragua von häuslicher Gewalt betroffen, nach einer Studie der Nationalen Universität Managua bis zu 67 Prozent. In ihrer Partnerschaft muss sich fast jede zweite Frau Beschimpfungen oder Beleidigungen anhören. Von sexualisierter Gewalt sind in Nicaragua v.a. minderjährige Mädchen betroffen: Auswertungen rechtsmedizinischer Gutachten zeigen, dass 82 Prozent aller Sexualdelikte gegen Mädchen unter 18 Jahren verübt werden. Nicaragua ist das Land mit der höchsten Rate an Teenager-Schwangerschaften in ganz Lateinamerika und der Karibik - 42 Prozent der Mädchen werden aufgrund von sexuellem Missbrauch schwanger. Nicaragua ist zudem eines der wenigen Länder weltweit, das per Gesetzgebung Abtreibung unter allen Umständen verbietet, d.h. auch nach einer Vergewaltigung oder bei Gefahr für das Leben der werdenden Mutter (was gerade bei Teenager-Schwangerschaften häufig der Fall ist, da der Körper noch nicht weit genug entwickelt ist).

Der jüngste Polizeibericht über Gewalt an Frauen aus den Jahren 2016/17 legte 1.080 angezeigte Vergewaltigungen offen. Die Dunkelziffer gilt als weit höher. Das Fehlen aktuellerer Polizeiberichte oder Statistiken anderer staatlicher Behörden zeugt vom Umgang der nicaraguanischen Regierung mit diesen Verbrechen – der Verzicht auf die Veröffentlichung und oft bereits Erfassung entsprechender Daten macht Gewalt an Frauen in der gesellschaftlichen Wahrnehmung unsichtbar und verleugnet sie als systemisches Problem, das nicht zuletzt staatliches Handeln erforderlich machen würde.

„Machismo“ fördert Gewalt

Nicaragua Hintergrund 2Durch Bildung Zukunft schaffen – Frauen in der MIRIAM-Schule , Bildrecht LuceroHintergrund für diese alarmierenden Zahlen ist vor allem der unverändert fest verwurzelte „Machismo“ in Nicaragua, demzufolge Frauen als das „schwache Geschlecht“ und Männern untergeordnet gelten. Die Akzeptanz und beständige Reproduktion patriarchal-konservativer Normen bringt es mit sich, dass den Tätern, oft aber auch den betroffenen Frauen, das Unrechtsbewusstsein fehlt. Verschiedene Formen von Gewalt werden nicht als solche erkannt und Wissen über die Rechte von Mädchen und Frauen ist kaum verbreitet. Viele Mädchen lernen in ihrer Sozialisation traditionelle geschlechtsspezifische und soziale Rollenmodelle als gängig und erstrebenswert kennen. Ein niedriger Selbstwert, die Wiederholung der Spirale von innerfamiliärer Gewalt und psychosomatische Erkrankungen prägen die Realität vieler Mädchen und Frauen.

Bildungsmangel verschärft die Situation: Bildung wird besonders in ländlichen Regionen von vielen Familien nicht als notwendig angesehen, da die Frau ohnehin heiraten und sich um die Familie kümmern soll. Es ist daher häufig üblich, dass Mädchen bereits die Grundschule abbrechen. Sie tragen anstelle dessen zum Einkommen der Familie bei oder übernehmen Arbeiten im Haushalt. Frühe Schwangerschaften führen ebenfalls zum vorzeiten Schulabbruch.

Familienharmonie auf Kosten von Frauenrechten

Das Rollenverständnis der Frau spiegelt sich auch in der Politik wider. Besonders negativ ins Gewicht fällt dabei der Schulterschluss mächtiger Institutionen wie Staat und Kirche, die die „natürliche Ordnung“ der traditionellen Familie und deren Erhalt um jeden Preis propagieren. Bei seiner Wiederwahl im Jahr 2006 war der Spitzenkandidat der Sandinistischen Nationalen Befreiungsfront (span. Frente Sandinista de Liberación Nacional bzw. FSLN) und auch 2021 noch amtierende Präsident Daniel Ortega vor allem um Wählerstimmen aus dem einflussreichen Lager der katholischen Kirche bemüht. Im Gegenzug erließ er nach seiner Wahl zum Präsidenten eines der schärfsten Abtreibungsverbote weltweit. Neben Ortega rief auch seine Ehefrau und heutige Vizepräsidentin Rosario Murillo zur „Stärkung der nicaraguanischen Familie durch christliches und solidarisches Handeln“ auf. Dieser Maxime folgend sollen Frauen ihre individuellen Bedürfnisse und Interessen dem vermeintlich höheren Ziel des „Familienschutzes“ opfern. Daraus resultieren die Benachteiligung von Frauen und die Missachtung ihrer Rechte.

Gesetze allein helfen nicht

Nicaragua Hintergrund 3In Workshops bei MIRIAM setzen sich Frauen mit Machismo, Gewalt und ihren Rechten auseinander. Foto: © LuceroIn Nicaragua gibt es zwar Gesetze und Einrichtungen zum Schutz der Frau, es mangelt aber an politischem Willen, diese adäquat umzusetzen bzw. finanziell auszustatten. So wurden in den 1990er-Jahren von der Polizei landesweite Kommissariate für Frauen, Kinder und Jugendliche (span. Comisarías de la Mujer, Niñez y Adolescencia) eingerichtet. Dahinter stand die Idee, dass speziell geschultes Personal Anzeigen gegen innerfamiliäre Gewalt entgegennehmen, die Retraumatisierung betroffener Frauen verhindern und diese an geeignete Stellen zur weiterführenden Betreuung verweisen sollte. Trotz anfänglicher Erfolge wurden die Erwartungen aufgrund fehlender finanzieller Mittel, häufig wechselnden Personals, mangelnder Rechtsdurchsetzung von staatlicher Seite und überwiegender Straffreiheit der Täter nicht erfüllt. Mittlerweile hat die Regierung die meisten spezialisierten Kommissariate geschlossen. Die wenigen, die noch existieren, sind kaum funktionsfähig.

2012 wurde das umfassendes Gesetz 779 zum Schutz von Frauen vor Gewalt erlassen, nur um durch zahlreiche Reformen ab 2013 wieder entkräftet zu werden. Eine der fundamentalen Errungenschaften des neuen Gesetzes war z.B. das Verbot der Mediation zwischen Täter und gewaltbetroffener Frau. Mittlerweile wurde sie für die meisten Fälle wieder eingeführt. Reformbefürwortende vertreten die Auffassung, dass Frauen eine Mitschuld an häuslicher Gewalt tragen und Familien zerstören, wenn sie den Täter anzeigen. Ziel der Mediation ist, dass sich die Frau mit ihrem Aggressor aussöhnt und auf eine Strafanzeige verzichtet. Auch hat sich der Rechtsweg für gewaltbetroffene Frauen geändert: anstelle in ein spezialisiertes Kommissariat zu gehen, muss sich die Frau nun an eine so genannte „Nachbarschaftsberatung“ wenden, in der einflussreiche Personen aus ihrem Wohnviertel sitzen. Wird ihr Fall dort als „schwer“ eingestuft, darf sie zur Polizei und Strafanzeige stellen. Wird er aber als „minder schwer“ eingestuft, muss die Frau zur Mediation. Dort wird ihr Fall weder polizeilich noch statistisch erfasst. Betroffene Frauen werden so nicht nur unter Druck gesetzt, den „Familienzusammenhalt“ über ihre Rechte und Sicherheit zu stellen, sondern auch völlig unzureichend vor (weiterer) Gewalt geschützt.

MIRIAM steht für ein selbstbestimmtes Leben frei von Gewalt

Nicaragua Hintergrund 4Das MIRIAM-Leitungsteam mit Birgitta Hahn vom Referat für Internationale Zusammenarbeit , Bildrecht MIRIAMMIRIAM ist eine anerkannte Frauenrechtsorganisation, die sich für die Menschenrechte und ganzheitliche Förderung von Frauen, Jugendlichen und Kindern einsetzt. Im Mittelpunkt des Engagements stehen das Recht auf ein Leben frei von Gewalt und das Recht auf Bildung. Frauen und Mädchen werden darin unterstützt, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln, ihre Rechte zu kennen und zu vertreten sowie an gesellschaftlichen Veränderungen mitzuwirken.

Entstanden ist MIRIAM durch eine private Initiative, um nicaraguanischen Frauen mittels finanzieller Unterstützung für ein Universitätsstipendium ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Einige der Stipendiatinnen gründeten 1989 die NRO MIRIAM.

1995 wurde die rechtliche Beratung für gewaltbetroffene Frauen ins Leben gerufen. Ein Jahr später kamen Alphabetisierungs-, Grundschul-, und berufsbildende Kurse für Frauen dazu, die aus dem staatlichen Schulsystem ausgeschlossen sind. Weitere Projekte zur Prävention von Kinderarbeit, Menschenhandel und sexueller Ausbeutung folgten.

Projektaktivitäten von MIRIAM

Die Psychologinnen von MIRIAM begleiten und stärken Frauen auf ihrem Weg aus der Gewalt. Foto: © Lucero Die Psychologinnen von MIRIAM begleiten und stärken Frauen auf ihrem Weg aus der Gewalt. Foto: © Lucero

Rechtsberatung durch Anwältinnen

Die Anwältinnen informieren Mädchen und Frauen über ihre Rechte, unterstützen sie bei der Anzeigeerstattung, gerichtlichen Verfahren und begleiten sie zu den jeweils zuständigen Instanzen.

Betreuung durch Psychologinnen

Neben der psychologischen Einzelberatung unterstützt der Austausch in Selbsthilfegruppen die Frauen in der Auseinandersetzung mit und Bewältigung von eigenen Gewalterfahrungen und deren Folgen. Der Austausch in der Gruppe hilft den Frauen, sich neu zu orientieren und sich als aktive Protagonistinnen ihres Lebens zu begreifen.

Workshops und Ausbildung zu Multiplikatorinnen

Workshops und die Arbeit von Multiplikatorinnen bilden eine wichtige Strategie der Gewaltprävention und Unterstützung in Gewaltsituationen. In Workshops informieren sich Frauen und/oder Männer über die Rechte der Frau, reflektieren gemeinsam über Gewaltstrukturen und entwerfen gewaltfreie Lebensperspektiven. Als Multiplikatorinnen ausgebildete Frauen informieren in ihrer Gemeinde zu verschiedenen Themen und bieten Hilfestellung für Mädchen und Frauen mit Gewalterfahrungen.

Arlen, Unternehmerin und Absolventin der Berufsbildung in Kunsthandwerken. Foto: © LuceroArlen, Unternehmerin und Absolventin der Berufsbildung in Kunsthandwerken. Foto: © Lucero

Alphabetisierungs-, Schul- und berufsbildende Kurse

MIRIAM hat eine eigene Schule für Frauen ab 14 Jahren. In Alphabetisierungskursen lernen die Frauen lesen, schreiben und rechnen. Sie können ihren Schulabschluss nachholen und berufsbildende Kurse in Schneiderei/Modedesign, Friseurhandwerk/Kosmetik, Kunsthandwerken/Handarbeiten und PC-basierter Textverarbeitung/Grafikdesign belegen. Die Kurse sind staatlich zertifiziert und ermöglichen den Frauen, ein eigenes Einkommen zu erwirtschaften und so finanziell unabhängiger zu werden.

Vergabe von Stipendien für Hochschulstudien

Das Stipendienprogramm von MIRIAM unterstützt Frauen, die aufgrund fehlender finanzieller Mittel nicht studieren können. Mit dem Stipendium können die Frauen die Studiengebühren und -Materialien bezahlen und einen Teil ihres Lebensunterhalts finanzieren. Neben der Stipendienvergabe unterstützt MIRIAM die Frauen in ihrer Persönlichkeitsentwicklung durch die Auseinandersetzung mit Gender-Themen in Workshops. Die Stipendiatinnen multiplizieren die erhaltene Unterstützung, indem sie sich ehrenamtlich für MIRIAM oder in sozialen Projekten außerhalb engagieren.

Koordination und Öffentlichkeitsarbeit

SelbsthilfeIn Selbsthilfe-Gruppen unterstützen und solidarisieren sich die Frauen miteinander. Foto: © LuceroMIRIAM arbeitet mit Organisationen der Zivilgesellschaft und staatlichen Institutionen für gesellschaftliche Veränderungen in der Wahrnehmung und im Umgang mit Gewalt auf familiärer, kommunaler und nationaler Ebene. Mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit sensibilisiert MIRIAM zu Themen wie häuslicher und sexualisierter Gewalt: das Schweigen über Gewaltdelikte wird gebrochen und Gewalt als gesamtgesellschaftliches Problem thematisiert. MIRIAM klärt die Menschen über Formen und Folgen von Gewalt und Gesetze zum Schutz der Frau auf. Auch wird über Hilfsangebote und Möglichkeiten der Strafverfolgung informiert.

Unterstützung dringender denn je - politische Krise und Repression

Im April 2018 entbrannten in Nicaragua landesweite Unruhen gegen die zunehmende Autokratie und Korruption der Regierung Ortega, die von staatlicher Seite teils blutig niedergeschlagen wurden. Seitdem geht der Machterhalt immer stärker zu Lasten von Demokratie und Rechtsstaat – KritikerInnen wurden verhaftet, die Medienfreiheit eingeschränkt und die Arbeit zivilgesellschaftlicher Organisationen immer einschneidender reguliert.

Protestierende Frauen und FrauenrechtsaktivistInnen im April 2018. Foto: © LuceroProtestierende Frauen und FrauenrechtsaktivistInnen im April 2018. Foto: © Lucero

Der Atlas der Zivilgesellschaft, ein von Brot für die Welt und Civicus entwickeltes Messinstrument zur Lage der organisierten Zivilgesellschaft bzw. zum Grad der Demokratie, stuft Nicaragua als unterdrückt ein. Seit Herbst 2018 wird diese Repression zunehmend gesetzlich verankert. Das im Oktober 2020 in Kraft getretene Gesetz 1040 betrifft alle Organisationen und Einzelpersonen, die Geldzahlungen aus dem Ausland erhalten, und verpflichtet sie, sich als „ausländische AgentInnen“ beim Innenministerium zu registrieren. Scheitern sie an den hohen bürokratischen Hürden, müssen sie erhebliche Strafzahlungen oder eine Konfiszierung ihrer Rechtspersönlichkeit und ihres Eigentums befürchten. Jegliche Finanztransaktion muss nun im Voraus gemeldet und bewilligt werden, alle Aktivitäten sind detailliert offenzulegen und werden engmaschig kontrolliert. Das Gesetz soll vorgeblich Destabilisierung durch Einflussnahme aus dem Ausland verhindern, dient jedoch der Verdrängung kritischer Stimmen aus der Öffentlichkeit.

Zudem können AktivistInnen auf Basis des neuen Gesetzes 977 gegen Terrorakte und Geldwäsche weitgehend willkürlich inhaftiert werden. Gerade Frauenrechtsverteidigerinnen sind auf dem Radar, wurden sie im Zuge der Proteste doch wiederholt als „Putschistinnen“ und „Terroristinnen“ verunglimpft. Ähnlich funktioniert das neue Gesetz 1042 zur Verhinderung der Cyberkriminalität und die Reform an Artikel 37 der Verfassung, welcher nun lebenslange Haftstrafen für sogenannte Hassverbrechen ermöglicht. Dem Vorgehen in allen Fällen gemein ist, dass der Handlungsspielraum der organisierten Zivilgesellschaft erheblich beschnitten wird und sie unzulässiger Einflussnahme durch den Staat ausgesetzt sind.

Berufsbildender Kurs in Kosmetik/Friseurhandwerk in Estelí.. Foto: © LuceroBerufsbildender Kurs in Kosmetik/Friseurhandwerk in Estelí. Foto: © Lucero

Erfolge der Organisation

Von 2018 bis 2020 konnten trotz der politisch angespannten Lage in Nicaragua und der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie zahlreiche Frauen und Mädchen in Not ihre Menschenrechte geltend machen, eigene Lebensbedingungen verbessern und v.a. aus dem Zyklus der Gewalt aussteigen. Im Einzelnen wurden die folgenden Ergebnisse mit den bei TERRE DES FEMMES eingegangenen Spenden und der finanziellen Unterstützung durch das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung erzielt:

  • Für 665 Frauen rechtliche Beratung (2.578 Einzel- und 27 Gruppensitzungen) und bei Bedarf anwaltliche Vertretung bei häuslicher oder sexualisierter Gewalt, Scheidung, Unterhaltsansprüchen und Anerkennung der Vaterschaft (121 erfolgreiche Gerichtsprozesse, 146 noch laufende Verfahren)
  • Für 254 Frauen psychologische Beratung und bei Bedarf moderierte Selbsthilfegruppen (4 in Managua und 4 in Estelí) zur Auseinandersetzung mit der erlittenen Gewalt und schädigenden Beziehungsmustern, Bewältigung persönlicher Traumata, Solidarisierung mit anderen Betroffenen und Unterstützung beim Ausstieg aus der Gewalt
  • Für 69 Frauen Reflexionstreffen und Workshops zur persönlichen Entwicklung, politischen Bildung und Stärkung des Selbstwertgefühls
  • Für 147 Frauen ab 14 Jahren aus finanziell prekären Verhältnissen Teilnahme an und zertifizierter Abschluss von berufsbildenden Kursen in zwei Ausbildungsbereichen (Schneiderei/Modedesign und Kunsthandwerken/Handarbeiten)
  • Für 101 Absolventinnen der berufsbildenden Kurse erfolgreiche Businessplanung und Gründung von eigenen Kleinunternehmen oder Kooperativen nach Beratung durch MIRIAM
  • 356 Hausbesuche bei Frauen, die die Rechtsberatung ausgesetzt hatten, z.B. weil sie von Familie oder Umfeld unter Druck gesetzt worden waren, ihre Strafanzeige zurückzuziehen, oder im Zuge der politischen Krise und gewaltsamer Ausschreitungen im öffentlichen Raum MIRIAM nicht mehr aufsuchen konnten; die Frauen wurden bei diesen Besuchen über den Bearbeitungsstand ihrer Verfahren informiert und darin bestärkt, die Einforderung ihrer Rechte weiter zu verfolgen.
  • Fortbildungen für 30 Mitarbeiterinnen und ehrenamtlich Aktive von MIRIAM zu den Themen Intervention im Gewaltfall, Selbstschutz, Notfallplanung, Konfliktmediation und kooperatives Wirtschaften

Dem selbstbestimmten Leben näher: Schneiderei-Absolventin Darís in ihrem Modeatelier. Foto: © LuceroDem selbstbestimmten Leben näher: Schneiderei-Absolventin Darís in ihrem Modeatelier. Foto: © Lucero

In den letzten 32 Jahren hat MIRIAM rund 36.200 Mädchen, Jungen, Frauen und Männer unterstützt:

  • 5.300 Frauen ab 14 Jahre nahmen an Alphabetisierungskursen teil, beendeten die Grundschule, erlernten einen Beruf oder erhielten ein Stipendium für ein Universitätsstudium
  • 11.700 von Gewalt betroffene Frauen wurden über ihre Rechte aufgeklärt, psychologisch betreut, von Anwältinnen beraten oder durch die Instanzen des Rechtssystems begleitet
  • 19.200 Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer wurden geschult und aktiv einbezogen zum Schutz vor häuslicher Gewalt, sexueller Ausbeutung oder Ausbeutung durch Kinderarbeit und Menschenhandel.

 

 

Aktiv werden & Spenden

Unternehmerin Urania kann heute selbstbestimmt leben. Helfen Sie auch anderen Frauen, das zu erreichen! Foto: © LuceroUnternehmerin Urania kann heute selbstbestimmt leben. Helfen Sie auch anderen Frauen, das zu erreichen! Foto: © Lucero

Damit MIRIAM Frauen in Nicaragua zur Durchsetzung ihrer Rechte auf Gewaltfreiheit und Bildung verhelfen kann, sind wir dringend auf Ihre Unterstützung angewiesen.

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Weitere Informationen

Aktuelle Informationen über MIRIAM erhalten Sie auf dem Blog "Frauenprojekte in Nicaragua".

Flyer

Jahresbericht

Jährlich veröffentlicht Wencke Loesener, ehrenamtliche Projektkoordinatorin, einen Bericht für die Mitfrauenversammlung von TERRE DES FEMMES über die MIRIAM-Projektaktivitäten: 

Reiseberichte

Interviews und Neuigkeiten

Öffentlichkeitsarbeit für MIRIAM in Deutschland

Weitere Informationen erhalten Sie bei

TERRE DES FEMMES e.V.
Brunnenstr. 128, 13355 Berlin
Tel: 030 - 40 50 46 99-0
E-Mail: Kontaktformular

oder bei der

ehrenamtlichen TERRE DES FEMMES-Projektkoordinatorin
Wencke Loesener
E-Mail: nicaragua@frauenrechte.org

 

Neswan Social Association, Afghanistan – Bildungsarbeit für ein selbstbestimmtes Leben

  • Übersicht

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  • Projektaktivitäten

  • Erfolge

  • Unterstützung

  • Weitere Informationen

Projektgebiete:Aqelah Nazari-Hossain Dad, ehrenamtliche Projektkoordinatorin Afghanistan, auf Besuch bei TERRE DES FEMMES im Juli 2018. Foto: © TERRE DES FEMMESAqelah Nazari-Hossain Dad, ehrenamtliche Projektkoordinatorin Afghanistan, auf Besuch bei TERRE DES FEMMES im Juli 2018. Foto: © TERRE DES FEMMES

“Afghanische Frauen sind mutige Frauen. Unter den Taliban haben wir eine geheime Mädchenschule eingerichtet, aus der später die Neswan Social Association und das Frauenzentrum in Shahrak hervor gingen. Wir haben schon viel erreicht, aber es liegt noch ein langer Weg vor uns bis wir Freiheit und Gleichberechtigung für Frauen in Afghanistan erreicht haben. Dieser Weg ist hart und er ist steinig, aber wir gehen ihn mit aufrichtigem Mut.”
Aqelah Nazari-Hossain Dad
Shahrak, westlich von Herat

Wird von TDF unterstützt seit: 2004

Zielgruppe: Mädchen und Frauen aus der Region Herat im westlichen Afghanistan, insbesondere Angehörige der schiitischen Hasara-Minderheit

Projektaktivitäten:

  • Akademische Bildung: z.B. Alphabetisierungskurse, Computer – und Englischkurse sowie Buchhaltungskurse
  • Berufliche Bildung: z.B. Nähkurse und Arbeitsgruppen zum Anfertigen von Stickarbeiten, Grafikdesign- und Handyreparaturkurse
  • Aufklärung von Frauen über ihre Rechte und Handlungsmöglichkeiten im Gewaltfall
  • Empowerment von Frauen, z.B. durch Workshops in Konfliktmediation und Gesundheitsvorsorge
  • das Frauenzentrum verfügt über eigene Verkaufsflächen, auf denen die Frauen ihre hergestellten Produkte ausstellen und verkaufen können und so wirtschaftlich unabhängiger werden
  • das Frauenzentrum bietet zudem einen geschützten Ort, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen

Projektleiterin: Aqelah Nazari-Hossain Dad

Kontakt: Ehrenamtliche Projektkoordinatorin Aqelah Nazari-Hossain Dad (afghanistan@frauenrechte.org - Mails bitte in Englisch verfassen)
oder TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit (rl-iz@frauenrechte.de)

Factsheet: Komprimierte Fakten zu Frauenrechten in Afghanistan (PDF-Datei)

Testen Sie Ihr Wissen: Ein Quiz zu Frauenrechten in Afghanistan! 

Hintergründe und Projektbeschreibung

Frauenrechte in Afghanistan

Bereits 2018 sah eine Studie von Thomson Reuters Afghanistan auf Platz zwei der gefährlichsten Länder für Frauen weltweit. Anfang 2021 berichtete Human Rights Watch, dass 87 Prozent der afghanischen Frauen Menschenrechtsverletzungen erfahren haben. Diese reichen von Zwangsverheiratung und -Prostitution über Vergewaltigung bis hin zu Entführung und Ehrenmord. Ein Drittel der Mädchen wird in Afghanistan minderjährig verheiratet. Die Müttersterblichkeitsrate ist eine der höchsten weltweit. Auch der Frauen vorenthaltene oder aber unzureichende Zugang zu Bildung hat tiefe Spuren hinterlassen: UNESCO zufolge betrug die Analphabetismus-Rate unter Frauen 2020 fast 70 Prozent. Afghanistan wird seit langem von Kriegshandlungen und terroristischen Attentaten erschüttert, deren Auswirkungen v.a. für Frauen und Mädchen verheerend sind - 2020 lag Afghanistan im Global Terrorism Index des Instituts für Wirtschaft und Frieden auf Platz 1 von 135 untersuchten Ländern mit 1.422 Attentaten und 5.725 Toten. Die Taliban verübten davon mit großem Abstand die meisten Taten und schreckten nicht einmal vor Mädchenschulen und Geburtskliniken zurück.

Lage der Frauen nach Rückkehr der Taliban 2021

Foto Hintergrund 1Die Rückkehr der Taliban gefährdet alle in Afghanistan erreichten frauenrechtlichen Fortschritte. © Ehimetalor Akhere Unuabona (Unsplash)Die Rückkehr der Taliban an die Macht nach Abzug der NATO-Truppen im August 2021 hat die Lage erheblich verschärft. In den letzten zwei Jahrzehnten konnten sich afghanische Mädchen und Frauen zumindest laut Verfassung auf gleiche Rechte berufen, im Jahr 2009 trat sogar ein – wenn auch in der Praxis unzulänglich angewendetes – Gesetz zur Beendigung von Gewalt gegen Frauen in Kraft, das erstmals Vergewaltigung und innerfamiliäre Gewalt als Straftatbestände anerkannte. Frauenschutzhäuser wurden eingerichtet und spezialisierte Polizei- und Justizeinheiten zum Umgang mit Fällen von geschlechtsspezifischer Gewalt geschaffen. Unter den Taliban drohen diese Fortschritte und die Handlungsspielräume, die sich Frauen mühsam erkämpft haben, zunichte gemacht zu werden.

Zwar versprachen die Taliban im Bemühen um diplomatische Anerkennung und finanzielle Unterstützung durch die internationale Gemeinschaft, die Rechte afghanischer Mädchen und Frauen zukünftig zu achten. Die Realität spricht jedoch eine andere Sprache. Bereits wenige Wochen nach Machtantritt schafften die Taliban das Ministerium für die Angelegenheiten von Frauen ab und ersetzten es durch das Ministerium „für Gebet und Orientierung sowie zur Förderung der Tugend und zur Verhinderung von Lastern“ – Letzteres setzte während der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001 die Scharia bzw. deren ultrakonservative Auslegung auch mit Auspeitschungen und öffentlichen Hinrichtungen von Frauen durch. Frauenschutzhäuser wurden zwischenzeitlich geschlossen und gleichzeitig Gefängnisinsassen, darunter auch wegen häuslicher Gewalt Verurteilte, von den Taliban entlassen. Auch ehemalige Polizistinnen, Richterinnen und Menschenrechtsverteidigerinnen fürchten Vergeltungsakte einst inhaftierter Straftäter.

In der von den Taliban am 7. September 2021 vorgestellten Übergangsregierung sitzt keine einzige Frau. In dem am 21. September 2021 um 17 Personen erweiterten Kabinett ist weiter keine Frau vertreten. Von Regierungspositionen wurden alle Frauen entfernt und weibliche Medienschaffende mehrheitlich entlassen. Die einzigen zwei Arbeitsbereiche, zu denen Frauen aktuell – wenn auch eingeschränkt - Zugang haben, sind das Gesundheitswesen und der Bildungsbereich. Besonders prekär ist die Lage für alleinstehende und alleinerziehende Frauen. Häufig sind sie die Alleinversorgerinnen in ihren Familien. Wenn ihnen untersagt wird, zu arbeiten, oder mancherorts ohne einen männlichen Verwandten das Haus zu verlassen, hat das gravierende Folgen für ihre Existenzsicherung. Viele haben zudem Angst, zu einer Heirat mit Taliban-Kämpfern gezwungen zu werden.

Die Bewegungsfreiheit von Frauen wird erneut stark beschnitten – viele bleiben aus Angst vor den Taliban oder Schikanen bei Kontrollen der Kleiderordnung zu Hause. Auch der Zugang zu öffentlicher Gesundheitsversorgung ist für Frauen erschwert, da sie sich ausschließlich von weiblichen Fachkräften behandeln lassen dürfen, die nicht überall präsent sind. Die Ausübung von Sport wurde Frauen gänzlich untersagt. Allein der Grundschulbesuch ist Mädchen landesweit weiter möglich. Zum Besuch der Sekundarschulen wurden bei Wiederöffnung lediglich Jungen und männliche Lehrkräfte aufgerufen. Zunächst solle eine vollständige Geschlechtertrennung hergestellt werden. Ob, wie und wann diese bei Lehrkräfte- und Budget-Mangel, räumlichen Gegebenheiten und zeitlichen Herausforderungen wie separaten Unterrichtszeiten gewährleistet werden kann, bleibt derzeit offen.

Tausende Menschen haben Afghanistan verlassen oder halten sich aus Angst vor Verfolgung und Vergeltung im Land versteckt. Menschen- und insbesondere FrauenrechtsaktivistInnen schweben in besonderer Gefahr. Nichtsdestotrotz protestieren mutige Frauen weiterhin gegen die Taliban und Frauenrechtsverletzungen, und stellen sich der teilweise brutalen Reaktion des Regimes entgegen.

Aktuelle Lage der TERRE DES FEMMES-Partnerorganisation

Auch das Team der TDF-Partnerorganisation Neswan Social Association hielt sich nach Einnahme der Provinz Herat wochenlang versteckt. Aufgrund der anhaltenden Sicherheitsbedrohung z.B. durch Hausdurchsuchungen haben mehrere Mitarbeitende Afghanistan nun verlassen oder planen, dies zu tun. Die Projektarbeit liegt derzeit auf Eis. Spuren, die auf vorherige Lehr- und frauenrechtliche Arbeit im Frauenbildungszentrum von Neswan hindeuten könnten, wurden entfernt. Die TDF-Partnerorganisation hat den festen Vorsatz, weiter frauenrechtlich in Afghanistan aktiv zu bleiben, es gilt jedoch abzuwarten, wann, wie und in welchem Umfang dies möglich sein wird. Vorstellbar sind u.a. digitale Lehr- und Empowerment-Angebote für Frauen und Mädchen oder die Unterstützung anderer frauenrechtlicher Initiativen, die in Afghanistan aus dem Untergrund weiterarbeiten. TDF wird weiter fest an der Seite von Neswan stehen, die Existenzsicherung der Mitarbeitenden im Exil und v.a. den weiteren Einsatz für die vollständige Anerkennung und Durchsetzung der Rechte von Frauen und Mädchen in Afghanistan unterstützen.

Die Stadt Shahrak

Stadt ShahrakBlick auf die drittgrößte Stadt Afghanistans Herat. © Todd Huffman (Wikimedia Commons)Shahrak liegt im Westen Afghanistans in der Nähe der Stadt Herat und ist eine Siedlung der schiitischen Hasara-Minderheit. Obwohl die Hasara in Afghanistan die drittgrößte Volksgruppe bilden, wurden sie wegen ihrer religiösen und ethnischen Sonderstellung immer wieder Opfer von Verfolgung und Diskriminierung, insbesondere durch religiös-fundamentalistische Gruppen wie die Taliban und ISIS. Ursprünglich kommen die Hasara aus dem so genannten Hasarajat - einer Region in der Mitte Afghanistans.

Die Menschen in Shahrak waren bereits vor der Rückkehr der Taliban an die Macht stark von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen. Etliche Frauen haben ihre Männer im Krieg verloren und müssen allein für ihre Familien sorgen. Viele der EinwohnerInnen Shahraks haben während des ersten Taliban-Regimes im Iran gelebt, wo ihnen der Schulbesuch durch hohe Schulgebühren für Geflüchtete verunmöglicht wurde.

Neswan Social Association

Im Jahr 2003 wurde der Verein mit Hilfe der Deutsch-Afghanischen Initiative (DAI) in Freiburg gegründet. Den Impuls dazu gab eine bereits unter dem ersten Taliban-Regime heimlich eingerichtete Mädchenschule. TERRE DES FEMMES unterstützt die Neswan Social Association und das Frauenbildungszentrum in Shahrak seit 2004.

Das Frauenbildungszentrum verfolgt mehrere Ziele:

  • Zugang von Frauen zu Bildung: Im Frauenzentrum werden Frauen, die aus finanziellen oder anderen Gründen nicht die Möglichkeit dazu haben, u.a. in Lesen und Schreiben unterrichtet und auf ihrem Weg in die finanzielle Unabhängigkeit unterstützt.
  • Im Frauenzentrum werden Frauen und Mädchen über ihre Rechte informiert und erhalten aufklärende Informationen zur Stellung der Frau im Islam und vor dem Gesetz. Dadurch werden traditionelle Rollenbilder hinterfragt und Selbstvertrauen gestärkt, um selbstbestimmte Wege zu gehen.
  • Treffpunkt für Frauen: Das Frauenzentrum ist ein Treffpunkt und Ort des Austauschs für Frauen, die Hilfe benötigen, z.B. wegen häuslicher Gewalt oder ungerechter Behandlung. Es bildet damit für die Frauen in der Region einen der wenigen Orte, an denen sie den strengen und männerdominierten Strukturen entkommen können.

Aktivitäten des Frauenbildungszentrums Shahrak (bis 08/2021)

Bildungsarbeit mit Mädchen und Frauen

Projektaktivitäten 1Nähkurs im Frauenbildungszentrum, © Neswan Social AssociationDie Neswan Social Association verfolgt das Ziel, Frauen und Mädchen den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Die Mitarbeiterinnen organisieren ein breit gefächertes Kursprogramm, darunter Alphabetisierungs-, Englisch-, Computer-, Friseurhandwerks-, Handyreparatur- und Nähkurse sowie weitere Aktivitäten in Textilproduktion und -vermarktung. Außerdem finden Workshops und Seminare zu Themen wie Frauenrechte und gesundheitliche Aufklärung statt. 2019 wurde zudem ein psychologisch begleitetes Seminar zu Methoden der Gewaltminderung und Konfliktmediation in Familien eingeführt. Diese Angebote finden regen Zulauf, häufig gibt es Wartelisten. Allein 2019 nahmen 595 Mädchen und Frauen an den Kursen teil. Im Jahr 2020 konnten 185 Teilnehmerinnen erreicht werden – obwohl die Corona-Pandemie die Neswan Social Association dazu zwang, den Unterricht fast ein halbes Jahr lang auszusetzen. 

Etwa 25 Kursabsolventinnen schlossen sich 2016 in einem Verbund mit dem Namen Zanane Andishmand („Vorankommende Frauen“) zusammen, um auf Märkten und bei Veranstaltungen ihre Produkte aus der Textilverarbeitung gemeinsam zu verkaufen. Im Dezember 2016 veranstaltete das Frauenzentrum eine einwöchige Ausstellung mit Verkaufsmöglichkeit, an der Frauen aus der Region mit eigenen Produkten teilnahmen. 2018 wurde im Rahmen des Weltfrauentags am 8. März eine weitere Ausstellung im Beisein von 500 Frauen eröffnet. Im gleichen Jahr begeisterten die Frauen 490 BesucherInnen mit dem Verkauf ihrer Handwerkskunst. Nicht zuletzt fand ebenfalls 2018 dank der Neswan Social Association zum ersten Mal eine Modenschau in Herat statt – ein großer Tabubruch in einer Region, in der Veranstaltungen wie Modenschauen, Konzerte etc. verpönt sind!

Projektaktivitäten 2Englischkurse sind besonders nachgefragt, © Neswan Social Association Und so ist das Frauenzentrum Shahrak nicht nur Bildungsstätte, sondern auch ein Versammlungsort, an dem sich die Frauen austauschen und Unterstützung finden. Um dies weiter zu fördern, wurde ein Café eingerichtet, in dem die Frauen sich treffen und ihre Erfahrungen austauschen können.

Wirtschaftliche Unabhängigkeit

Ein weiterer Schwerpunkt der Projektaktivitäten ist es, Frauen auf dem Weg in die finanzielle Unabhängigkeit zu unterstützen. Dazu bildet das Zentrum Frauen in Näherei, aber auch in Konditorei, oder zur Friseurin aus. Auch bei diesen Kursen ist die Nachfrage groß. Außerdem trifft sich im Zentrum eine Gruppe von Mädchen und Frauen, die Stoffe mit traditionellen Stickereien verziert und diese später verkauft.

Eigene Räume für das Frauenbildungszentrum

Projektaktivitäten 3Beim Computerkurs bleibt kein Platz leer, © Neswan Social Association Aufgrund der angespannten politischen Situation musste das Frauenzentrum in der Vergangenheit immer wieder seinen Standort wechseln. Deshalb hat sich die Neswan Social Association inzwischen eigene Räume geschaffen.

Dafür hat der Verein zunächst ein Grundstück erworben. Dank der Unterstützung durch die Deutsch-Afghanische Initiative und TERRE DES FEMMES konnte im Juni 2015 das neu gebaute Frauenzentrum mit acht Klassenräumen, einem Veranstaltungsraum und einem Verkaufsraum eröffnet werden. Es bietet Platz für 270 Frauen im Alter von 14-60 Jahren.

Ein eigenes Haus bedeutet zum einen die langfristige Existenzsicherung des Frauenzentrums. Zum anderen bietet es den Frauen durch den Verkaufsraum die Möglichkeit, selbst hergestellte Textilien aus den Nähkursen und Produkte wie Backwaren, reparierte Handys etc. zu verkaufen. Die Frauen verdienen so ihren eigenen Lebensunterhalt und können finanziell unabhängig werden. Neben geschützten Räumen zum Austausch und für die Bildungsarbeit mit Frauen und Mädchen schafft das Zentrum so auch wirksames wirtschaftliches Empowerment.

Unterstützung gerade jetzt notwendig

Aufgrund der erhöhten Gefährdungslage seit der Machtergreifung der Taliban im August 2021 muss das Frauenbildungszentrum der Neswan Social Association derzeit geschlossen bleiben – die Sicherheit des Teams und der Frauen, die sich an die TDF-Partnerorganisation wenden, hat oberste Priorität. Ihre Unterstützung braucht es dennoch dringender denn je!

Ihre Spende dient dem Schutz und der Existenzsicherung der afghanischen AkivistInnen, die ihre Stimme für sich und andere Frauen erhoben haben, und die sich jetzt versteckt halten oder ihr Land verlassen müssen. Gleichzeitig sind wir fest entschlossen, afghanische Mädchen und Frauen in und außerhalb Afghanistans weiter zu unterstützen. Vor allem bei der aktuellen Lage vor Ort, die sich für Frauen und Mädchen als extrem belastend, frustrierend und perspektivlos darstellt, dürfen wir nicht wegsehen. Mit den für Afghanistan eingeworbenen Spendengeldern hat TDF in einem ersten Schritt eine Demonstration zum Schutz der Frauenrechte in Afghanistan am 23. September 2021 in Berlin unter breiter Beteiligung der afghanischen Diaspora-Community auf die Beine gestellt und unterstützt zudem eine für Oktober 2021 geplante landesweite Frauenrechtsdemonstration in Afghanistan.

 

Erfolge des Projekts (bis 08/2021)

Bildung als Schlüssel zu beruflicher Zukunft und Selbstbestimmung

Foto Erfolge 1Empowerment durch Bildung, © UN Photo/Sebastian Rich (Flickr)Die verschiedenen Kurse des Frauenzentrums Shahrak finden regen Zulauf – pro Jahr nehmen 500 - 600 Frauen und Mädchen daran teil. Für alle Kurse gibt es immer wieder lange Wartelisten. Viele junge Frauen haben durch die Teilnahme an den Angeboten ihre Schulbildung verbessern können. Regelmäßig schaffen rund 10 Mädchen jährlich den Übergang in die staatliche Oberstufe, nachdem sie sich in den Kursen in Shahrak auf die staatliche Aufnahmeprüfung vorbereitet haben. Ältere Teilnehmerinnen der Alphabetisierungskurse nutzen ihre neuen Kenntnisse im Alltag und empfinden ihre neuen Fähigkeiten als große Erleichterung. Teilnehmerinnen aus den Computer- und Englischklassen, bereiten sich entweder auf eine berufliche Tätigkeit in einer Bank oder einer NGO vor oder auf die Aufnahmeprüfung für die Universität Herat. Einige der Lehrerinnen am Frauenbildungszentrum sind Studentinnen der Universität Herat und leben so anderen Mädchen und Frauen im Zentrum vor, was auch sie erreichen können.

2020 wurde erstmals ein Kurs für Grafikdesign und Media-Content-Management eingerichtet, der sich an Studentinnen richtet. Vier Absolventinnen produzieren seitdem gemeinsam Podcasts, Hörbücher und Biografien erfolgreicher Frauen, um weitere afghanische Mädchen und Frauen zu erreichen und sie durch Identifikation mit Vorbildern in ihrer Selbstbestimmung zu stärken.

Empowerment von Frauen in der ganzen Region

Neben den persönlichen Erfolgen der Teilnehmerinnen verändert das Frauenbildungszentrum auch die Rolle und Wahrnehmung der Frauen in der Stadt Shahrak. Die Frauen werden inzwischen regelmäßig zu offiziellen Festen der Stadt eingeladen. Politische VertreterInnen der Stadt sprechen zu feierlichen Anlässen im Zentrum, wie z.B. zum Weltfrauentag am 8. März oder zur Eröffnung des neuen Zentrums. Die Neswan Social Association unterstützt außerdem PolitkerInnen, wie beispielsweise bei den Wahlen 2008, bei denen eine weibliche Kandidatin in den Provinzrat gewählt wurde. Zu anderen Aktivitäten zählt auch die Teilnahme an einem Frauenradrennen im Juli 2017. Vor allem von der männlichen Bevölkerung Afghanistans werden Frauen, die ein Fahrrad fahren, als „unehrenhaft“ empfunden, eine Folge der ideologischen Machtausübung der Taliban. Außerdem nutzen junge Frauen aus Shahrak, die nicht mehr an den Kursen teilnehmen, die Räume für regelmäßige Diskussionsnachmittage zu aktuellen Büchern und Filmen. Neben Workshops zu Themen wie Menschenrechte der Frau, Konfliktmediation und Gesundheitsvorsorge wird eine kostenlose Rechtsberatung und anwaltlicher Beistand vor Gericht angeboten. Auch die Etablierung einer solchen Anlaufstelle in Shahrak kann als großer Erfolg des Zentrums gewertet werden.

Aktiv werden & Spenden

Kursteilnehmerinnen bei der Alphabetisierung. Foto: © Neswan Social Association© Neswan Social AssociationIhre Spende wird besonders benötigt - unmittelbar

  • für die temporäre Existenzsicherung des Teams der Neswan Social Association und ihre evtl. Evakuierung aus Afghanistan
  • für Demonstrationen zugunsten der Unverhandelbarkeit und Sicherstellung der Menschenrechte der Frau in Afghanistan
  • für die Stärkung afghanischer Mädchen und Frauen in und außerhalb Afghanistans vor dem Hintergrund der erneuten Machtübernahme der Taliban
  • für die Fortsetzung der Bildungs- und Frauenrechtsarbeit der Neswan Social Association in neuem Format und ggf. auch die Kooperation mit anderen Frauenrechtsinitiativen, die in Afghanistan im Untergrund weiterarbeiten

Ihre Spende wird besonders benötigt - mittelfristig

  • für den Erhalt und die Sicherung des Frauenzentrums
  • um das vielfältige Kursangebot weiterhin aufrecht zu erhalten
  • für den Erwerb von Unterrichtsmaterialien
  • um die Vermarktung der Nähprodukte voranzubringen
  • für die Bezahlung qualifizierter Lehrerinnen und Ausbilderinnen

Unterstützen Sie die Neswan Social Association mit einer einmaligen Spende oder spenden Sie regelmäßig und werden Sie FörderIn!

 

Amazonian Initiative Movement (AIM), Sierra Leone – Schutz vor weiblicher Genitalverstümmelung

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Rugiatu Turgay. Foto: © AIM„Menschen bilden heißt sie stärken. Nur über ihre Denkweise können wir das Handeln der Menschen verändern.“ Rugiatu Turay, Gründerin und Leiterin von AIM. Foto: © TERRE DES FEMMES ArchivProjektgebiete: Die Stadt Lunsar, 80 km nordöstlich der Hauptstadt Freetown, und der umliegende Distrikt Port Loko

Wird von TDF unterstützt seit: 2009

Zielgruppe: Mädchen und junge Frauen, die von Genitalverstümmelung bedroht sind

Projektaktivitäten:

  • Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit gegen FGM
  • Zusammenarbeit mit Beschneiderinnen, die ihrem Beruf abschwören und sich als Aktivistinnen engagieren
  • Ein Schutzhaus für Mädchen, die vor der drohenden Verstümmelung und dem Druck ihrer Familie fliehen
  • Betreuung der Mädchen durch Sozialarbeiterinnen und Rechtsberaterinnen, Mediationsgespräche mit den Eltern
  • Ermöglichung von Schulbesuch, Ausbildung oder Studium  

Projektgründerin/Leiterin: Rugiatu Turay

Kontakt: 
Ehrenamtliche Projektkoordinatorin Veronika Kirschner (sierra-leone@frauenrechte.org) oder
TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit (rl-iz@frauenrechte.de)

Projektflyer: Informationsflyer AIM (PDF-Datei)

Testen Sie Ihr Wissen: Ein Quiz zu Frauenrechten in Sierra Leone!

Hintergründe und Projektbeschreibung

Weibliche Genitalverstümmelung in Sierra Leone

SL Hintergrund Foto 1Die Mädchen aus dem Schutzhaus mit Sozialarbeiterin Juliet (vorne) und Projektleiter James (hinten), Bildrecht: TERRE DES FEMMESIm westafrikanischen Sierra Leone sind nach Angaben von UNICEF 86 Prozent der Mädchen und Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren von Weiblicher Genitalverstümmelung (englisch: Female Genital Mutilation, kurz: FGM) betroffen. Es wird geschätzt, dass ca. 50.000 Beschneiderinnen (sogenannte „Soweis“) im Land tätig sind. Die meisten von ihnen sind in „Frauengeheimbünden“ (in Sierra Leone „Bondo Society“ genannt) landesweit organisiert. FGM ist Teil des Übergangsrituals vom Mädchen- zum Frausein und Voraussetzung für die Aufnahme in den Frauengeheimbund. In der Öffentlichkeit werden FGM und seine lebensgefährlichen Folgen immer noch größtenteils tabuisiert. PolitikerInnen in Sierra Leone fürchten den starken gesellschaftlichen Einfluss der Geheimbünde und beziehen daher nur selten öffentlich Stellung gegen FGM. Bis heute ist die schädliche Praktik in Sierra Leone nicht gesetzlich verboten. Das Maputo-Protokoll (Protokoll für die Rechte von Frauen in Afrika) wurde erst 2015 und nur unter Vorbehalt ratifiziert: Die Forderung, FGM abzuschaffen, wurde durch ein Mindestalter von 18 Jahren ersetzt. Eine nationale Strategie zur Einhaltung des Mindestalters lässt seit 2015 auf sich warten. Im Jahr 2018 wirkte AIM an einer zivilgesellschaftlichen Arbeitsgruppe zur Entwicklung eines Nationalen Aktionsplans zum Abbau von FGM mit, der das Konzept „ritual without cutting“ (Initiationsritual ohne FGM) priorisiert. Eine Reaktion der Regierung auf den Aktionsplan blieb aus. Dies scheint nicht verwunderlich, brüskierte Fatima Bio, First Lady von Sierra Leone, doch im Mai 2019 mit der Forderung, die Regierung solle Vergewaltigung, nicht aber FGM ahnden. Dass FGM Frauen schade, müsse erst einmal nachgewiesen werden. Heftige Kritik hagelte es darauf von AktivistInnen und betroffenen Frauen.

FGM während der Corona-Pandemie

SL Hintergrund Foto 2In der Pandemie hat AIM über den Schutz vor Corona und geschlechtsspezifischer Gewalt aufgeklärt, Bildrecht: AIMDie Pandemie wirkte sich auch in Sierra Leone drastischer auf Frauen als auf Männer aus. Rund einem Drittel der Haushalte in Sierra Leone stehen Frauen allein vor. Ihre Männer sind aufgrund von Scheidung, Migration oder Tod nicht (mehr) präsent. Diese Haushalte sind durchschnittlich ärmer und haben weniger Land- und Viehbesitz inne. Ihre Ernährungssicherheit ist häufig gefährdet. Wirtschaftliche Einbrüche wie zu Pandemiezeiten treffen sie übermäßig hart. Zudem ließen die Maßnahmen der Regierung zur Eindämmung des Virus akute Probleme wie geschlechtsspezifische Gewalt außen vor. Auch in Sierra Leone mussten öffentliche Einrichtungen, wie Schulen, mehrere Monate lang schließen. In Ermangelung dieser Schutzräume und externer Vertrauenspersonen wie LehrerInnen kam es zu einem deutlichen Anstieg von sexueller und häuslicher Gewalt, Teenager-Schwangerschaften und FGM. Einer Umfrage des International Growth Centre der London School of Economics zufolge gaben 40 Prozent der Befragten in Sierra Leone an, geschlechtsspezifische Gewalt komme in ihrer Gemeinde häufig vor. 23 Prozent berichteten, diese habe während des Lockdowns noch zugenommen. Nicht zuletzt lag der Fokus der medizinischen Versorgung auf Corona-PatientInnen. Einrichtungen wie Frauenhäuser konnten wegen der Hygienemaßnahmen noch weniger Plätze als ohnehin vorhanden anbieten. Zwar erließ die Regierung im Rahmen des Lockdowns ein Verbot für Versammlungen der „Bondo Society“, jedoch wurde FGM, AktivistInnen und Erhebungen wie der des britischen Orchid Project zufolge, weiter praktiziert, teils in größerem Ausmaß als zuvor.

Amazonian Initiative Movement (AIM)

In diesem Kontext arbeitet die Organisation Amazonian Initiative Movement (AIM), eine unabhängige Frauenrechtsorganisation, die sich das Ziel gesetzt hat, Weibliche Genitalverstümmelung abzuschaffen. Darüber hinaus engagiert sich AIM auch gegen Zwangsverheiratung und sexualisierte Gewalt. Ihren Hauptsitz hat AIM in Port Loko, etwa 80 km nordöstlich von der Hauptstadt Freetown. Dies ist auch der Heimatort der Frauenrechtsaktivistin Rugiatu Turay. Nach ihrer Rückkehr aus dem Bürgerkriegsexil im Nachbarland Guinea im Jahr 2003 gründete Turay dort zusammen mit Gleichgesinnten die Organisation AIM, um FGM in Sierra Leone den Kampf anzusagen.

Als die Organisation ihre Arbeit aufnahm, brach sie mit der öffentlichen Thematisierung von FGM ein Tabu. Mittlerweile ist das Wissen um den Tatbestand der Menschenrechtsverletzung, die gravierenden Schmerzen und langfristigen negativen Folgen von FGM in der Bevölkerung des Distrikts Port Loko weiter verbreitet. Der Name „Amazonen“ bleibt dennoch aktuell, denn ein Engagement bei AIM erfordert nach wie vor Mut und Durchhaltevermögen. Drohungen gegen Anti-FGM-AktivistInnen und ihre öffentliche Bloßstellung sind immer noch üblich.

SL Hintergrund Foto 3Das AIM-Team in Port Loko. Ganz rechts Rugiatu Turay. Bildrecht: TERRE DES FEMMES Gegenwärtig arbeiten ca. 15 Frauen und Männer für AIM. Daneben gibt es zahlreiche ehrenamtliche UnterstützerInnen. Rugiatu Turay ist durch ihre federführende Arbeit bei AIM und ihr politisches Engagement weit über Port Loko hinaus als Frauenrechtlerin bekannt. Von 2016 bis 2018 war sie stellvertretende Ministerin für Soziales, Gender und Kinder. In dieser Funktion hat sie das Thema FGM immer wieder auf die politische Agenda gesetzt und für Mädchenschutz und -Bildung mobilisiert. 2020 wurde Rugiatu Turay für ihren unermüdlichen Einsatz gegen FGM mit dem Menschenrechtspreis der Stadt Esslingen am Neckar ausgezeichnet. Vonihrem Ziel, FGM in Sierra Leone gesetzlich verbieten zu lassen und vollständig abzuschaffen, ist sie trotz aller Widerstände nie abgerückt. Doch die schädliche Praktik ist traditionell verwurzelt und gesellschaftlich noch akzeptiert. Ein Umdenken findet langsam statt. Aber es ist ein weiter Weg, bis FGM auch in Sierra Leone Vergangenheit sein wird.

AIM verfolgt einen integrativen Ansatz und versucht, alle an der Genitalverstümmelung beteiligten AkteurInnen, wie Beschneiderinnen, Kinder und Jugendliche, Eltern und LehrerInnen, Gesundheitspersonal, sowie politische, traditionelle und religiöse Führungspersonen in die Sensibilisierungs- und Aufklärungsarbeit mit einzubeziehen. Dieser Ansatz hat sich als sehr fruchtbar und wirkungsvoll erwiesen.

Projektaktivitäten von AIM

Ein Schutzhaus für Mädchen

Das Mädchenschutzhaus in Lunsar in neuem Anstrich. Foto: © Uman Deen KamaraDas Mädchenschutzhaus in Lunsar in neuem Anstrich. Foto: © Uman Deen KamaraEin Ergebnis der Aktivitäten von AIM ist, dass immer mehr Mädchen über die verheerenden Folgen der Genitalverstümmelung Bescheid wissen. Sie erfahren von ihren Rechten und der Möglichkeit, NEIN! zu sagen. Da sie aber gegen die Macht der lokalen Behörden, Autoritäten und Beschneiderinnen, sowie gegen den Druck ihrer Familien kaum etwas ausrichten können, bleibt vielen Mädchen nur die Flucht, um der Genitalverstümmelung zu entgehen. Die meisten dieser Mädchen wissen nicht wohin. Für sie hat AIM, mit der Unterstützung von TERRE DES FEMMES, ein Schutzhaus gebaut:

Das Schutzhaus liegt eineinhalb Kilometer von Lunsar entfernt. Es bietet bis zu 25 und häufig noch mehr Mädchen und jungen Frauen im Alter von acht bis 20 Jahren ein sicheres Zuhause. Sie suchen nicht nur Schutz vor einer drohenden Genitalver­stüm­melung, sondern häufig auch vor Zwangsver­heiratung, sexualisierter Gewalt oder Kinderarbeit.

Rugiatu Turay, Gründerin von AIM, mit Mädchen aus dem Schutzhaus. Foto: © AIMRugiatu Turay, Gründerin von AIM, mit Mädchen aus dem Schutzhaus. Foto: © AIM

Die Mädchen und jungen Frauen werden von einer Sozialarbeiterin betreut, von einer Köchin versorgt und in der Nacht von einem Wachmann beschützt. Auf dem Grundstück des Schutzhauses bauen die Mädchen mittlerweile Gemüse an, das der Selbstversorgung dient und manchmal kleinere Verkäufe auf dem Markt erlaubt. Mit der Fortsetzung von Schulbesuch, Ausbildung oder Studium schaffen sich die Mädchen eine Zukunftsperspektive. Das ist ganz entscheidend, weil die Drohung, nicht weiter für die obligatorischen Schulgebühren aufzukommen, von vielen Eltern als Druckmittel eingesetzt wird, um FGM durchzusetzen. Außerdem führte AIM Mediationsgespräche mit allen Familien. In mehreren Fällen wirkte die Überzeugungsarbeit: die Mädchen konnten sicher in ihre Familien zurückkehren.

In Gesprächen mit der Sozialarbeiterin des Schutzhauses setzen sich die Mädchen u.a. mit FGM, Zwangsverheiratung, reproduktiver Gesundheit und der Wichtigkeit von Bildung auseinander. Die individuelle Betreuung und Orientierungshilfe soll ihr Selbstwertgefühl stärken und ihnen ermöglichen, in Ruhe und Sicherheit ihr volles Potential zu entfalten. Das gemeinschaftliche Leben im Schutzhaus ist sehr vielfältig: in ihrer Freizeit organisieren die Mädchen kleine Geburtstagsfeiern, erzählen sich Geschichten, singen oder tanzen zusammen.

Durch eine Spendenaktion auf dem Online-Portal betterplace.org konnten das Schutzhaus 2018 renoviert, neu gestrichen und zusätzliche Stockbetten beschafft werden. AIM wird der großen Nachfrage nun noch besser gerecht.

Eine neue Perspektive für BeschneiderInnen

(Ehemalige) Beschneiderinnen in einem Alphabetisierungskurs. Foto: © Veronika Kirschner(Ehemalige) Beschneiderinnen in einem Alphabetisierungskurs. Foto: © Veronika Kirschner

AIM möchte die Beschneiderinnen nicht durch öffentliche Bloßstellung und Stigmatisierung von der Genitalverstümmelung abbringen, sondern klärt sie über die gefährlichen und lebensbedrohlichen Folgen für die betroffenen Mädchen und Frauen während und nach dem Eingriff auf. Durch Bildungsmaßnahmen bietet AIM den ehemaligen Beschneiderinnen eine Einkommensalternative. Etliche Frauen nahmen zum Beispiel an einem sechsmonatigen Alphabetisierungs- und Landwirtschaftskundekurs teil, der von der örtlichen Berufsschule durchgeführt wurde. Während der Ebola-Epidemie wurden Beschneiderinnen als Multiplikatorinnen im Kampf gegen die Infektion ausgebildet und konnten wichtige Aufklärungsarbeit leisten, da sie in ihren Dorfgemeinschaften als Respektpersonen hohes Ansehen genießen.

Bildung und Aufklärung für Kinder

Jugendbotschafterinnen bei einem Rollenspiel zur Aufklärung gegen FGM. Foto: © Uman Deen KamaraJugendbotschafterinnen bei einem Rollenspiel zur Aufklärung gegen FGM. Foto: © Uman Deen Kamara

AIM engagiert sich immer stärker in der politischen Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche, denn sie sind besonders von Menschenrechtsverletzungen betroffen und gleichzeitig die wichtigsten AkteurInnen des sozialen Wandels. So hat AIM ein Menschenrechtsseminar entwickelt, das mittlerweile an über 15 Schulen interaktiv gelehrt wird und SchülerInnen über Menschen- und Kinderrechte informiert.

AIM organisiert an allen beteiligten Schulen und an Jugendzentren im Distrikt Port Loko außerdem Menschenrechtsclubs, die dabei helfen sollen, SchülerInnen und die weitere Bevölkerung für das Thema Menschen- und Kinderrechte zu sensibilisieren. Weiterhin unterhält AIM selbst zwei Schulen in Rolal und Mamusa, an denen 20 LehrerInnen angestellt sind.

Zwischen 2017 und 2019 setzte AIM mit Unterstützung von Sternstunden und TERRE DES FEMMES ein Projekt zur Ausbildung von JugendbotschafterInnen gegen FGM im Distrikt Port Loko um. 74 SchülerInnen und 16 Begleitpersonen wurden über Menschenrechte und Menschenrechtsverletzungen aufgeklärt und unterstützt, für ein unversehrtes und selbstbestimmtes Leben von Mädchen in ihren Schulen bzw. Clubs und Gemeinden mobil zu machen. Für ihr Engagement erhalten sie das Schul- oder Ausbildungsgeld für ein Jahr oder einen Zuschuss zur Gründung eines Kleinunternehmens.

Notfallhilfe während der Ebola-Epidemie

(Ehemalige) Beschneiderinnen im Kampf gegen Ebola. Foto: © AIM(Ehemalige) Beschneiderinnen im Kampf gegen Ebola. Foto: © AIM

Die Ebola-Epidemie, die 2014 in mehreren westafrikanischen Ländern ausbrach, versetzte auch Sierra Leone in einen absoluten Ausnahmezustand. AIM setzte sich mit Unterstützung von TERRE DES FEMMES für die Versorgung der Bevölkerung und gegen die Ausbreitung des Virus ein und involvierte dabei auch (ehemalige) Beschneiderinnen. Die Sensibilisierung zu Ebola wurde dabei von Anfang an mit Aufklärungskampagnen zu FGM verbunden. Die Schule in Rolal betreibt jetzt zudem ein Waisenhaus für 26 Kinder, die durch die Epidemie zu Waisen geworden sind.

 

Erfolge des Projekts

  • Die Mädchen aus dem Schutzhaus beim gemeinsamen Mittagessen. Foto: © Veronika KirschnerDie Mädchen aus dem Schutzhaus beim gemeinsamen Mittagessen. Foto: © Veronika KirschnerAIM bietet im Schutzhaus jederzeit bis zu 25 Mädchen eine sichere Unterkunft. Alle bisherigen Bewohnerinnen sind erfolgreich vor FGM bewahrt worden. Viele konnten nach Mediationsgesprächen in ihre Familien zurückgeführt werden und leben dort unversehrt weiter.
  • Alle bisherigen Bewohnerinnen des Schutzhauses sind weiter zur Schule gegangen oder haben ihre Ausbildung bzw. ihr Studium fortgesetzt. Einige haben mittlerweile erfolgreich ihren Abschluss gemacht oder eine Arbeitsstelle gefunden.
  • Bisher hat AIM durch Bildungsmaßnahmen insgesamt ca. 60 Beschneiderinnen davon überzeugt, der Weiblichen Genitalverstümmelung abzuschwören.
  • Etwa die Hälfte der ehemaligen Beschneiderinnen sind mittlerweile AIM-Aktivistinnen, die in ihrem Umfeld als Multiplikatorinnen gegen FGM wirken. Mindestens zwei der Frauen begleiten AIM bei jeder Sensibilisierungskampagne.

Zitate

Eine junge Bewohnerin in ihrer Schuluniform. Foto: © Veronika KirschnerEine junge Bewohnerin in ihrer Schuluniform. Foto: © Veronika Kirschner„Ohne das Schutzhaus hätte ich nie mein Potential entfalten können. Ich bin heute stolz auf meine Entscheidung. Die Welt braucht Mädchen, die sie verändern. Mythen und Praktiken, die uns schaden, müssen wir hinter uns lassen.“
Fatih Kargbo*, 14 Jahre, Bewohnerin des Schutzhauses
*Name wurde verändert

„Meine Eltern finden es mittlerweile auch gut, dass ich im Schutzhaus lebe –
da sie sehen, wie sich mein Leben verbessert hat."

Ramatu Bangura*, 17 Jahre, Bewohnerin des Schutzhauses
*Name wurde verändert

„Unsere Arbeit mit Jugendlichen hat Erfolg. Kinder sprechen frei und regen Diskussionen mit Gleichaltrigen und ihren Familien an. Es ist ein großer Fortschritt, dass sie keine Angst mehr haben, über Genitalverstümmelung zu sprechen. Das Schweigen wurde gebrochen.“
Margaret Harding, langjährige Mitarbeiterin von AIM

 

Aktiv werden & Spenden

SL Unterstützung Foto 1Mädchen aus dem Schutzhaus von AIM. Foto: © TERRE DES FEMMESAuch in Zukunft benötigt AIM finanzielle Unterstützung für

  • die laufenden Kosten des Schutzhauses.
  • die Instandhaltung und den Ausbau des Schutzhauses.
  • die dort stattfindende Rechtsberatung und psychologische Unterstützung.
  • die Gehälter für die Sozialarbeiterin, die Köchin und den Wachmann, die die Mädchen betreuen.
  • die Verpflegung und das Schulgeld für die Mädchen im Schutzhaus.
  • Mediationsgespräche mit den Eltern der Mädchen.
  • die Durchführung von Workshops über FGM und andere schädliche traditionelle Praktiken.
  • Schul- und berufsbildende Kurse für ehemalige Beschneiderinnen zum Aufbau von Existenzalternativen.
  • die Einrichtung eines Netzwerks von ehemaligen Beschneiderinnen.
  • die Bildung von Menschenrechtsclubs an Schulen.
  • die Ausbildung weiterer JugendbotschafterInnen für Menschenrechte.

Selbstbestimmt und unversehrt Teenager sein - das ist im Schutzhaus von AIM möglich. Foto: © Veronika KirschnerSelbstbestimmt und unversehrt Teenager sein - das ist im Schutzhaus von AIM möglich. Foto: © Veronika Kirschner

Unterstützen Sie AIM mit einer einmaligen Spende oder spenden Sie regelmäßig und werden Sie FörderIn!

Besuchen Sie auch unser neues Projekt auf der Spendenplattform Betterplace: Berufsbildung und Empowerment für sozial benachteiligte Frauen in Sierra Leone

Sie können auch mit dem Stichwort „SIERRA LEONE“ auf folgendes Konto spenden:

EthikBank
BIC GENODEF1ETK
IBAN DE35 8309 4495 0103 1160 00

Die ehrenamtliche Projektkoordinatorin Veronika Kirschner bietet Vortragsveranstaltungen an, bei denen sie umfassend über die Arbeit von AIM und die Situation von Mädchen und Frauen in der Region informiert. Nehmen Sie bei Interesse gerne Kontakt auf.

 

 

Weitere Informationen

Flyer

Jahresberichte

Jährlich veröffentlicht Veronika Kirschner, ehrenamtliche Projektkoordinatorin, einen Bericht für die Mitfrauenversammlung von TERRE DES FEMMES über die AIM-Projektaktivitäten:

Reiseberichte

Interviews und Neuigkeiten

Öffentlichkeitsarbeit für AIM in Deutschland

Weitere Informationen erhalten Sie bei

TERRE DES FEMMES e.V.
Brunnenstr. 128, 13355 Berlin
Tel: 030 - 40 50 46 99-0
E-Mail: Kontaktformular

 

Bangr Nooma, Burkina Faso – Schutz vor Genitalverstümmelung

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„Frauen müssen in jeder Hinsicht und besonders gegen traditionelle schädliche Praktiken gestärkt werden, damit sie mehr Selbstbewusstsein erlangen und eigenständig entscheiden können. Nur so werden wir auch die weibliche Genital­verstümmelung eines Tages besiegen. Dafür machen wir uns stark.“ Rakieta Poyga, Gründerin und Leiterin von Bangr Nooma. Foto: © Alexander GonschiorRakieta Poyga, Gründerin der Association Bangr Nooma.
Foto: © Alexander Gonschior

„Frauen müssen in jeder Hinsicht und besonders gegen traditionelle schädliche Praktiken gestärkt werden, damit sie mehr Selbstbewusstsein erlangen und eigenständig entscheiden können. Nur so werden wir auch die weibliche Genital­verstümmelung eines Tages besiegen. Dafür machen wir uns stark.“
Rakieta Poyga.

Projektgebiete:
Drei Provinzen im Königreich Mossi: Kadiogo, Sanmatenga und Nahouri sowie in Bezirken der Hauptstadt Ouagadougou mit umliegenden Wohnvierteln und Dörfern, Burkina Faso

Wird von TDF unterstützt seit: 1998

Zielgruppe: Dorfchefs, Religionsführer, LehrerInnen, ehemalige Beschneiderinnen etc., von FGM betroffene und bedrohte Mädchen sowie die gesamte Bevölkerung  
 
Projektaktivitäten:

  • Gezielte Aufklärungsarbeit und Sensibilisierungskampagnen zur Überwindung weiblicher Genitalverstümmelung
  • Schulung der MitarbeiterInnen für die Kampagnenarbeit (Animateur/Animatrice)
  • Bildungsarbeit mit dem Ziel der Bewusstseinsveränderung hin zur Ächtung von FGM
  • Einrichtung von Dorfkomitees zum Schutz bedrohter Mädchen
  • Hilfe für Betroffene durch Notoperationen
  • Vergabe von Mikrokrediten für (ehemalige) Beschneiderinnen zur Förderung der beruflichen Umorientierung
  • Ein Gewaltschutzzentrum bietet Mädchen und Frauen die von jeglicher Art von Gewalt bedroht sind, oder bereits Opfer von Gewalt geworden sind, Unterstützung, sowie psychologische und juristische Beratung. Die organisierten Gesprächskreise in den Dorfgemeinschaften, sowie Hausbesuche, geben den Frauen die Möglichkeit sich über FGM und ihre persönlichen Erfahrungen, aber auch über andere Sorgen und Probleme, die sie im Alltag belasten, auszutauschen.

Projektgründerin/Leiterin: Rakieta Poyga

Kontakt: TERRE DES FEMMES-Referat Internationale Zusammenarbeit (rl-iz@frauenrechte.de)

Projektflyer: Informationsflyer Bangr Nooma (PDF-Datei)

Factsheet: Komprimierte Fakten zu Frauenrechten in Burkina Faso (PDF-Datei)

Hintergründe und Projektbeschreibung

FGM in Burkina Faso

Quelle: Ruslan Olinchuk - Fotolia.comBurkina Faso gehört mit zu den ärmsten Ländern der Welt, im Jahr 2019 lag es im Human Development Index auf Platz 182 von 189. In der jüngeren Vergangenheit hat es wiederholt einen der letzten Plätze der Rangliste eingenommen. Weniger als ein Fünftel der Mädchen und Frauen kann lesen und schreiben. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung lebt in extremer Armut. Nach Angaben von UNICEF sind im westafrikanischen Burkina Faso ca. 76% aller Mädchen und Frauen im Alter von 15-49 Jahren von Genitalverstümmelung betroffen (Female Genital Mutilation: FGM). Ihnen wird meist ohne Narkose und unter unhygienischen Bedingungen die Klitoris entfernt. In vielen Fällen werden zusätzlich die inneren sowie die äußeren Schamlippen teilweise oder vollständig abgetrennt (Exzision). Viele der betroffenen Mädchen und Frauen leiden ein Leben lang unter Schmerzen, verursacht durch Fistelbildungen Verwachsungen oder Infektionserkrankungen. Auch die psychische Gesundheit der Frauen leidet oft nachträglich unter der Genitalverstümmelung. Nicht selten verbluten Mädchen bei der Prozedur. Bei Schwangerschaften und Geburten kommt es häufig zu lebensgefährlichen Komplikationen für Mutter und Kind. Ziel der nationalen Strategie ist es, FGM bis 2030 abzuschaffen.

Genitalverstümmelung ist in Burkina Faso seit 1996 gesetzlich verboten und das Gesetz gehört zu den härtesten in Afrika. Seit Gesetz No. 043/96/ADP werden BeschneiderInnen mit bis zu drei Jahren Haft und Geldstrafen bis zu 10.000 US Dollar zur Rechenschaft gezogen. Die 2018 aktualisierte Version des Strafgesetzbuches stellt die öffentliche Befürwortung der weiblichen Genitalverstümmelung in offiziellen Reden, religiösen Zeremonien oder schriftlichen Aufrufen stringent unter Strafe. Trotz all dieser Initiativen wird Genitalverstümmelung weiterhin praktiziert.

Auch internationale Rechtsgrundlagen, welche Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung verurteilen, wie beispielsweise die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte (1948), das UN-Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (1979) und die Kinderrechtskonvention (1989) wurden von Burkina Faso ratifiziert. Ein großes Problem in der Umsetzung besteht jedoch darin, dass Gewohnheitsrecht, sowie kulturelle und traditionelle Praktiken in der Gesellschaft immer noch hohes Ansehen genießen. Hinzu kommt, dass vermehrt sehr junge Mädchen beschnitten werden. Denn die Beschneidung gilt vielerorts als Voraussetzung für eine Heirat. Religionsführer, Dorfchefs sowie die Beschneiderinnen selbst vertreten die Praktik von FGM und genießen hohes Ansehen innerhalb ihrer Dorfgemeinschaft, was die Arbeit von Bangr Nooma umso wichtiger macht.

 

Bangr Nooma - "Es gibt nichts Besseres als Wissen"

MitarbeiterInnen von ABN, die für die Aufklärungsarbeit zuständig sind (Animatrices/Animateurs). Foto: © TERRE DES FEMMESMitarbeiterInnen von ABN, die für die Aufklärungsarbeit zuständig sind (Animatrices/Animateurs). Foto: © TERRE DES FEMMESSeit 20 Jahren setzen sich Rakieta Poyga, die Gründerin und Leiterin der Assocation Bangr Nooma (ABN) sowie ihre MitarbeiterInnen für ein Ende der weiblichen Genitalverstümmelung in Burkina Faso ein. Sie arbeiten in den Provinzen Sanmatenga im Norden Zentralburkinas, in Nahouri im Süden des Landes, in Bezirken der Hauptstadt Ouagadougou sowie in umliegenden Wohnvierteln und Dörfern. Bangr Nooma bedeutet soviel wie "Es gibt nichts Besseres als Wissen". Die Organisation wurde 2001 offiziell als gemeinnützige Organisation anerkannt und zählt inzwischen etwa 300 ehrenamtliche Mitglieder und Aktive.

Die Organisation vertritt einen ganzheitlichen Ansatz und bezieht die gesamte Bevölkerung eines Viertels oder Dorfs in die Sensibilisierungskampagnen ein. Eine Kampagne dauert in der Regel mehrere Jahre. Dazu bildet ABN Animatricen und Animateure aus, die mit den Menschen über das tabuisierte Thema der Genitalverstümmelung sprechen und über die negativen Folgen der Praktik informieren. Ein Schwerpunkt liegt in der Schulung und Fortbildung lokal einflussreicher Personen, die als MultiplikatorInnen fungieren. Dazu gehören neben den Dorfchefs, Religionsführern, LehrerInnen, PolizistInnen, VertreterInnen von Frauenorganisationen und traditionellen Hebammen vor allem auch die ehemaligen Beschneiderinnen.

Die Organisation bietet außerdem medizinische Unterstützung in Form von Notoperationen für von FGM betroffene Frauen an.

2015 errichtete ABN außerdem ein Gewaltschutzzentrum in dem Mädchen und Frauen, die von jeglicher Form von Gewalt bedroht oder betroffen sind, Zuflucht suchen können und umfassende Unterstützung erhalten.

 

Projektaktivitäten von Bangr Nooma

Feierliches "Begräbnis" der Beschneidungswerkzeuge in Toukin nach erfolgreichem Abschluss der Aufklärungskampagne. Foto: © TERRE DES FEMMESFeierliches "Begräbnis" der Beschneidungswerkzeuge in Toukin nach erfolgreichem Abschluss der Aufklärungskampagne.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Die Aufklärungskampagnen von ABN verlaufen in drei Phasen:

  1. Bangr Nooma versucht die Dorfchefs für ihre Aktivitäten zu gewinnen. Stehen diese dem Anliegen NEIN zu FGM offen gegenüber, dann wählen sie eine geeignete Frau und einen geeigneten Mann aus dem Dorf aus, die zur Animatrice bzw. zum Animateur für die Aufklärungsarbeit und –kampagnen ausgebildet werden.
  2. Zunächst liegt der Schwerpunkt auf der Sensibilisierung von lokal einflussreichen Personen wie LehrerInnen, Polizisten, traditionellen Hebammen und Beschneiderinnen.
  3. In einer weiteren Phase der Aufklärungsarbeit wird letztendlich die gesamte Bevölkerung als Zielgruppe anvisiert, um sie davon zu überzeugen, dass ein NEIN zu FGM notwendig ist. Durch kontinuierliche Gespräche wird versucht, das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen. Diskussionsrunden zu FGM werden angeleitet und durch Filme, Theatersketche oder andere Sensibilisierungstechniken ergänzt. Am Ende der Kampagnenarbeit wird ein Dorfkomitee eingerichtet, welches die Verantwortung dafür übernimmt, gefährdete Mädchen in ihrer Dorfgemeinschaft zu schützen. Das Dorfkomitee wird während einer Zeremonie zum Kampagnenabschluss eingesetzt. Dies ist eine große Dorfversammlung, bei der alle wichtigen Dorfchefs, Dorfkönige, Traditionshüter und Religionsführer, ehemalige Beschneiderinnen, PräsidentInnen von lokalen Gruppierungen etc. das NEIN zu FGM als neue soziale Norm deklarieren. Die Zeremonie wird durch das feierliche „Begräbnis“ von Beschneidungswerkzeugen symbolisch untermauert.

Frauen beteiligen sich bei der Aufklärungsarbeit zur Weiblichen Genitalverstümmelung in Toukin: Foto: © TERRE DES FEMMESFrauen beteiligen sich bei der Aufklärungsarbeit zur Weiblichen Genitalverstümmelung in Toukin: Foto: © TERRE DES FEMMES

Danach ist das eingesetzte Dorfkomitee für die Umsetzung des NEIN zu FGM verantwortlich. Die ehemaligen Beschneiderinnen spielen hier eine entscheidende Rolle, erfahren sie doch von geplanten Beschneidungen und können diese zur Anzeige bringen. Da mittlerweile immer häufiger Mädchen im Babyalter beschnitten werden, sorgen die Dorfkomitees besonders für den Schutz von neugeborenen Mädchen. Gemeinsam mit den Dorfkomitees vertieft ABN die Aktivitäten und macht regelmäßige Monitoring-Besuche, um einen nachhaltigen Erfolg der Aufklärungsarbeit zu gewährleisten. Danach arbeiten die Komitees unabhängig und führen die Arbeit eigenständig fort.

Unterstützung für medizinische Notoperationen

Aufgrund der weiblichen Genitalverstümmelung leiden viele Mädchen und Frauen unter schweren medizinischen Folgeschäden. Es kann zu Wucherungen, Verwachsungen oder zu schlimmen Fistelbildungen kommen (z.B. Vesico-Vaginal Fistulae). Mädchen und Frauen, die Opfer von FGM geworden sind und deshalb unter starken Schmerzen leiden, kann durch medizinische Eingriffe geholfen werden.

Immer öfter kommen Eltern auf ABN zu. Sie haben ihre Töchter genitalverstümmeln lassen und wussten nicht, dass sie ihnen damit großen Schaden zugefügt haben. Erst deren leidvolle Schmerzen machen ihnen dies bewusst. Sie nehmen Kontakt mit Bangr Nooma auf und bitten um medizinische Notoperationen. ABN ist vernetzt mit Prof. Dr. Akotionga, der solche Operationen an von FGM betroffenen Mädchen und Frauen durchführt und auch junge Ärztinnen & Ärzten ausbildet. Bangr Nooma stellt den Kontakt her und begleitet sie zu den medizinischen Eingriffen. Um die ehrenamtliche Tätigkeit von Prof. Akotionga zu unterstützen, hat die Städtegruppe Nürnberg 2015/2016 von zwei unterschiedlichen medizinischen Einrichtungen wertvolle Sachspenden in Form von OP-Instrumenten bekommen.

Das C.A.E.C.F (Gewaltschutzzentrum)

Das Gewaltschutzzentrum bietet Betreuung für Mädchen und Frauen, die Gewalt erfahren haben oder davon bedroht sind. Dies kann jegliche Form von Gewalt sein (psychologische, verbale, physische, sexuelle, wirtschaftliche). Neben psychologischer und juristischer Beratung beteiligt sich das Zentrum außerdem aktiv an dem übergeordneten Ziel der Organisation: Dem Ende der weiblichen Genitalverstümmelung! Durch Gesprächskreise und Hausbesuche kommen die Animatricen und Animateure mit den Frauen in Kontakt und bieten ihnen so die Gelegenheit sich über FGM, aber auch über generelle Probleme, die sie belasten, auszutauschen. Die Aktivitäten des CAECF zeigen, dass Mädchen und Frauen in Burkina Faso vor allem durch finanzielle Sorgen und eine prekäre wirtschaftliche Situation stark belastet sind. Viele Frauen fragten ABN, wieso nicht mehr finanzielle oder materielle Unterstützung geleistet werden kann, denn sie bräuchten genau diese, um sich weiterzubilden und selbst versorgen zu können.

Erfolge des Projekts

Das Projektbüro von Bangr Nooma, welches mit Hilfe von TERRE DES FEMMES aufgebaut wurde, besteht seit 2005. Es ist eine wichtige Anlaufstelle für Mädchen und Frauen, die von Gewalt betroffen sind. Dort finden Mädchen, die vor einer drohenden Genitalverstümmelung fliehen, Beratung und Schutz. Für Frauen, die als Folge weiblicher Genitalverstümmelung unter massiven gesundheitlichen Problemen leiden, ermöglicht Bangr Nooma mit Unterstützung des Arztes Prof. Akotionga ca. 15-20 mal im Jahr Operationen für notleidende Mädchen und Frauen. In dieser Situation ist die Arbeit der Organisation unerlässlich und nicht mehr wegzudenken. Leider nimmt auch die Zahl der Binnenflüchtlinge zu, da diese vor dem Terror zu Hause flüchten. Auch diese Mädchen und Frauen sind auf Hilfe angewiesen.

Im Projektgebäude von ABN werden die Animatricen und Animateure regelmäßig fortgebildet. So bleiben sie in der Lage, die Menschen auf den Dörfern über Jahre hinweg immer wieder zu besuchen und nachhaltig dafür zu sorgen, dass nicht wieder heimlich Mädchen beschnitten werden. Einen wichtigen Beitrag hierzu leisten die ehemaligen Beschneiderinnen, die sich mit Hilfe von Kleinkrediten durch Bangr Nooma eine neue Existenz aufbauen konnten und sich danach in die Arbeit von ABN einbringen.

Frau Safiata Zongo. Foto: © TERRE DES FEMMESFrau Safiata Zongo. Foto: © TERRE DES FEMMES

Frau Safiata Zongo aus Ouagadougou war 51 Jahre alt, als Prof. Akotionga und ABN ihr im Jahr 2014 mit einer Notoperation helfen konnten. In einem Interview mit TERRE DES FEMMES hat sie stolz davon berichtet (Juni 2015).

Bangr Nooma konnte mit Hilfe der kontinuierlichen Unterstützung durch TERRE DES FEMMES ein Umdenken bei vielen Menschen bewirken.

  • FGM ist kein Tabuthema mehr, die Gesellschaft ist allgemein aufgeklärter und informierter über die Folgen von FGM.
  • Insgesamt erreichte die Organisation bislang über eine Millionen Menschen in Burkina Faso. Seit der Gründung von ABN konnten nachweislich unzählige Mädchen vor Genitalverstümmelung bewahrt werden.
  • In mehr als 1000 Dörfern gibt es Komitees gegen die Praktik von FGM.
  • Etwa 400 Beschneiderinnen und ihre Assistentinnen sowie Frauengruppierungen haben Kleinkredite bekommen, die Mehrzahl davon hat sich eine neue Existenz aufgebaut. Rund 180 von ihnen sind nun gemeinsam mit ABN aktiv im Kampf gegen FGM.
  • Im Gewaltschutzzentrum CAECF finden monatlich ca. 10-25 Mädchen und Frauen Notunterkunft und Beratung. Zunehmend auch Binnenflüchtlinge, die vor dem Terror zu Hause flüchten.
  • Durch Aufklärungsarbeit im schulischen Milieu konnten bereits mehr als 140 Schulkomitees eingerichtet werden, die sich für das Thema Gewaltschutz für Mädchen an ihrer Schule engagieren.
  • In über 35 Radiosendungen wurde das Thema Gewalt gegen Frauen durch die cAE cF-Mitarbeiterinnen unter spezifischen Aspekten auch in der breiten Öffentlichkeit diskutiert. Die Radiosendungen erreichen mehr als 90% der Bevölkerung.
  • Immer mehr Dorfchefs, traditionelle und religiöse Führer sowie die Bevölkerung selbst stehen überzeugt zu einem „Nein zu FGM“.
  • Durch gezielte Lobbyarbeit von burkinischen Frauenorganisationen (u.a. ABN) und in Kooperation mit dem Frauenministerium ist es im September 2015 erstmalig zur Verabschiedung eines Gewaltschutzgesetzes für Mädchen und Frauen gekommen. Ein Meilenstein für die Frauenrechte in Burkina Faso!
  • In der Region, in der ABN aktiv ist (Ouagadougou, Saaba und umliegende Dörfer), sind 36% aller Frauen von FGM betroffen. Über 90% der Menschen in dieser Region wissen über die Folgen von FGM Bescheid. Im Vergleich: In Burkina Faso sind insgesamt 76% der Frauen im Alter von 15 bis 49 Jahren betroffen. Die Aufklärungsarbeit wirkt sich somit positiv aus und wirkt nachhaltig.

 

 

Aktiv werden & Spenden

Abgabe von Kleidern und Esswaren während der Corona Pandemie an bedürftige Frauen (2020). Foto: © TERRE DES FEMMES Abgabe von Kleidern und Esswaren während der Corona Pandemie an bedürftige Frauen (2020). Foto: © TERRE DES FEMMESAuch in Zukunft benötigt Bangr Nooma finanzielle Unterstützung für:

  • Sensibilisierungs- und Aufklärungskampagnen in weiteren Dörfern des Einzugsgebietes von ABN,
  • Seminare und Schulungen vor allem für die Animatricen/Animateure von ABN, aber auch für die Beschneiderinnen, LehrerInnen und Aktiven in den Dorfkomitees,
  • die Finanzierung von Fahrrädern und Mopeds für die Animateure/Animatricen sowie deren Aufwandsentschädigungen,
  • Filmvorführungen sowie Auftritte von Theater- und Musikgruppen zur Unterstützung der Kampagnen,
  • die Vergabe von Kleinkrediten für die ehemaligen Beschneiderinnen, damit sie sich alternative Einkommensquellen schaffen können,
  • die Finanzierung des Krankenhausaufenthaltes und der Medikamente für die Notoperationen für betroffene Frauen mit gesundheitlichen Problemen.

UNTERSTÜTZEN AUCH SIE DIE ARBEIT DER ASSOCIATION BANGR NOOMA GEGEN GENITALVERSTÜMMELUNG AN FRAUEN UND MÄDCHEN!

Unterstützen Sie Bangr Nooma mit einer einmaligen Spende oder spenden Sie regelmäßig und werden Sie FörderIn!

Sie können auch mit dem Stichwort „Burkina Faso“ auf folgendes Konto spenden:

EthikBank
IBAN DE35 8309 4495 0103 1160 00
BIC GENODEF1ETK

Weitere Informationen

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Hintergrundinformationen

Gewaltschutzgesetz für Mädchen und Frauen in Burkina Faso (PDF-Datei)

Weitere Informationen erhalten Sie bei

TERRE DES FEMMES e.V.
Brunnenstr. 128, 13355 Berlin
Tel: 030 - 40 50 46 99-0
E-Mail: Kontaktformular

oder bei den ehrenamtlichen TERRE DES FEMMES-Projektkoordinatorin Justyna Grund
E-Mail: burkina-faso@frauenrechte.org