Prozessbeginn in Berlin: Deutsch-Libanese verklagt Eltern wegen Zwangsheirat (12.3.) - Versuchte Zwangsheirat und Entführung: Fall Nasser zeigt immense Schutzlücken auf (05.03.2015)

Berlin. Vor drei Jahren bekamen die Eltern des jetzt 18-jährigen Nasser aus Berlin heraus, dass ihr Sohn homosexuell ist. Dies konnten sie nicht akzeptieren, sie bedrohten und misshandelten ihn. Nasser lief von Zuhause fort. Zunächst landete er auf der Straße, denn spezielle Schutzeinrichtungen für betroffene Jungen gibt es nicht. Doch die Sehnsucht nach der Familie brachte ihn dazu zurückzukehren. Was er nicht wusste war, das die Zwangsehe mit einer Frau aus dem Libanon, dem Herkunftsland seiner Eltern, zu diesem Zeitpunkt bereits arrangiert war. Seine Eltern versuchten ihn in den Libanon zu entführen, doch das Auto wurde an der rumänischen Grenze gestoppt und Nasser kam zurück nach Berlin. Jetzt wartet er auf den Beginn des Prozesses gegen seine Eltern am Donnerstag den 12.03.15 am Amtsgericht Tiergarten.  

"Bei ExpertInnen ist seit langem bekannt, dass es an geeigneten Beratungs- und Unterbringungseinrichtungen für Betroffene bei Zwangsheirat fehlt. Das ist bei Jungen extrem aber auch bei Mädchen und jungen Frauen noch immer so", beklagt Christa Stolle, Bundesgeschäftsführerin von TERRE DES FEMMES.Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums, die 2011 veröffentlicht wurden, waren 2008 insgesamt fast 3.500 Zwangsheiratsfälle gezählt worden, darunter waren auch 252 Jungen oder junge Männer. Ein knappes Drittel aller Betroffenen war minderjährig.

"Um Jugendliche zu schützen, benötigen wir eine ganze Reihe Maßnahmen", so Stolle weiter, "Angefangen von pauschal finanzierten Notaufnahmeplätzen in spezialisierten Schutzeinrichtungen, damit Jugendliche nicht auf der Straße landen, über bessere Betreuung im Gerichtsverfahren. Denn viele verlässt der Mut angesichts der direkten Konfrontation mit ihren Familienangehörigen. Daher fordern wir einen Rechtsanspruch auf eine psychosoziale Prozessbegleitung auch für Volljährige".

Bei der besagten Studie von 2011 kam auch heraus, dass ein Drittel der Betroffenen ausschließlich durch eine soziale/religiöse Zeremonie zwangsverheiratet werden. "Diese Menschenrechtsverletzung steht in Deutschland noch immer nicht unter Strafe" kritisiert Stolle. Durch eine Änderung im Strafgesetzbuch beim § 237 (Zwangsheirat) wäre es möglich, auch religiös bzw. sozial geschlossene Zwangsverheiratungen endlich strafrechtlich zu verfolgen. "Auch daran arbeiten wir mit Hochdruck und sind im Gespräch mit dem Familienministerium", betont sie.

Für Nachfragen und Interviews wenden Sie sich bitte an TERRE DES FEMMES,  Astrid Bracht (Pressereferentin), Tel. 030/40504699-25, oder per Mail an presse@frauenrechte.de.

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