Friedensnobelpreis 2018 – Ein starkes Zeichen gegen Gewalt an Frauen und Mädchen

Das Friedensnobelpreiskomitee lenkt 2018 die Aufmerksamkeit auf ein Thema, das in der Öffentlichkeit lange nicht berücksichtigt wurde: Das systematische Einsetzen von Vergewaltigung als Kriegswaffe. TERRE DES FEMMES begrüßt die Entscheidung, den Friedensnobelpreis an Nadia Murad und Denis Mukwege zu verleihen, da zwei Menschen geehrt werden, die ihr Leben dem Kampf gegen Gewalt an Frauen und Mädchen gewidmet haben. Es wird ein richtiges und wichtiges Zeichen gesetzt gegen sexualisierte Gewalt an Frauen und die weltweite Aufmerksamkeit auf ein tabuisiertes Thema gelenkt. Der Arzt Denis Mukwege und die Menschenrechtsaktivistin Nadia Murad haben Herausragendes geleistet im Kampf gegen Kriegsverbrechen an Frauen und Mädchen. Beide haben auf ihre Weise dazu beigetragen, sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe besser sichtbar zu machen, sodass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden können, erklärt das norwegische Nobelkomitee in Oslo.

Denis Mukwege – „Der Mann, der die Frauen repariert“

Sexualisierte Gewalt ist seit Jahrhunderten ein brutales Phänomen, das wir im Krieg beobachten können. Sexualisierte Gewalt wird als Instrument genutzt, um gesellschaftliche Strukturen zu zerbrechen und den Gegner zu brechen. Während der Bürgerkriege der 1990er Jahre und auch in den letzten zwei Jahrzehnten ist zu beobachten, dass die Rücksicht auf das humanitäre Völkerrecht bei nichtstaatlichen Gewaltakteuren immer stärker abnimmt. Häufig wird der Kongokrieg als Beispiel herangeführt. Das Pazi Hospital von Denis Mukwege ist sehr nah am Konfliktgeschehen in Bukavu im Osten des Kongo. Dort kann man beobachten, dass Rebellengruppen den Gegner zermürben, indem sie Frauen gezielt zu Opfern machen und nicht nur vergewaltigen, sondern die Geschlechtsorgane zerstören, um die Fortpflanzung anderer Bevölkerungsgruppen zu verhindern. Die Region wird seit 1996 immer wieder von Kriegen überzogen, da verschiedene Rebellengruppen sich ausbreiten konnten und einen rücksichtslosen Krieg um die zahlreichen Bodenschätze (z.B. Gold, Diamanten, Platin und Coltan) der Region führen. Sexualisierte Gewalt wird dabei systematisch als Kriegswaffe eingesetzt. Die Pazi Foundation, die das Krankenhaus in Bukavu finanziert, spricht von einer „Epidemie sexualisierter Gewalt seit zwanzig Jahren“. Der 63-Jährige Gynäkologe, Denis Mukwege, gilt als weltweit führender Experte für die Behandlung von Verletzungen durch Gruppenvergewaltigungen und ist Aktivist gegen sexualisierte Gewalt.

In seinem Krankenhaus bietet er Patientinnen neben der Wiederherstellung ihrer Geschlechtsorgane auch psychologische, juristische und finanzielle Unterstützung an. Zudem trägt er immer wieder entscheidend dazu bei, dass Täter vor Gericht gestellt werden. Nach eigenen Angaben haben er und sein Team schon mehr als 50.000 Frauen behandelt. In seiner Heimat trägt Denis Mukwege den dort ehrenvollen Titel „der Mann, der die Frauen repariert“. Denis Mukwege erklärt in einem Interview: „Der Preis hat eine große Bedeutung. Die Welt hat begonnen Frauen zuzuhören“.

Nadia Murad – Mutige Kämpferin gegen sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe

Die 25-Jährige Jesidin Nadia Murad wurde dagegen selbst eine Betroffene sexualisierter Gewalt, als der sogenannte „Islamische Staat“ im Sommer 2014 große Teile des Irak überrannte. Die sunnitische Dschihadistenmiliz ging in ihrem Herrschaftsbereich besonders gnadenlos gegen die jesidische Bevölkerungsgruppe vor. Sie raubten alles von Wert und ermordeten innerhalb kürzester Zeit tausende Männer und ältere Frauen. Die jüngeren Frauen und Kinder, unter ihnen Nadia Murad, entführten und vergewaltigten sie, dann verkauften sie sie weiter. Nadia Murad selbst hat schwerste sexualisierte Gewalt durch die Täter erlebt, konnte aber in Mossul aus ihrer Gefangenschaft fliehen. Bei dem Angriff der Miliz auf ihr Dorf wurden 18 Familienmitglieder von Nadia Murad getötet. Nach ihrer Befreiung floh sie nach Deutschland, um zu überleben. Baden-Württemberg gewährte Ende 2014 1.100 Jesidinnen und Jesiden ein humanitäres Aufenthaltsrecht. Nadia Murad war die erste Überlebende, die erzählte, was ihr zugestoßen war. Obwohl Vergewaltigung in ihrer Kultur stark tabuisiert ist, brach sie das Schweigen. Durch ihre öffentlichen Auftritte und ihren besonderen Mut über das Erlebte zu sprechen, schaffte es Nadia Murad dafür zu sorgen, dass die Scham dort ankommt, wo sie hingehört – bei den Tätern. Als Menschenrechtsaktivistin und UN-Sonderberaterin kämpft sie für die Betroffenen sexualisierter Gewalt weltweit.

TERRE DES FEMMES hofft, dass dieser Preis Frauen Gerechtigkeit bringt, die unter sexualisierter Gewalt leiden, denn sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe muss verurteilt und die Täter müssen zur Rechenschaft gezogen werden.

Tabuthema sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe ist ein Tabuthema, das bislang in unserer Öffentlichkeit nicht angekommen ist. Allerhand Kriegswaffen werden geächtet, doch dass sexualisierte Gewalt an Frauen als Kriegswaffe eingesetzt wird, wird noch nicht hart genug kritisiert und verurteilt. Zwar existiert seit 2008 eine entsprechende Resolution des UN-Sicherheitsrats, dass sexualisierte Gewalt ein Kriegsverbrechen und ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist, doch werden Vergewaltigungen nach wie vor kaum geahndet. Schwache und korrupte Justizsysteme, mangelnde Datenerhebungen und Sanktionsmechanismen sowie fehlender Zugang zur Justiz stehen einer wirkungsvollen Strafverfolgung im Weg.

TERRE DES FEMMES macht seit der Gründung 1981 auf die geschlechtsspezifische Gewalt, die Frauen in kriegerischen Konflikten besonders betreffen, aufmerksam. Diese Gräueltaten waren überhaupt nicht Thema der männlich dominierten UN-Institutionen. 1992 begann TERRE DES FEMMES die Unterstützungsarbeit für vergewaltigte und vertriebene Frauen im ehemaligen Jugoslawien und wenige Jahre später begleitete TERRE DES FEMMES die Aktionen der koreanischen Trostfrauen und ihrer UnterstützerInnen. Die sogenannten Trostfrauen sind Frauen, die vom japanischen Militär verschleppt und zu Prostitutionszwecken für Soldaten in Lager gesperrt wurden.

Für Betroffene geschlechtsspezifischer Gewalt stellt es damals wie heute ein großes Problem dar, sich öffentlich zu äußern, eine Anzeige zu erstatten und sich Hilfe zu holen.

Im Jahr 2017 wurden in Deutschland 11.181 Fälle von Vergewaltigung und sexueller Übergriffe polizeilich erfasst. Ungefähr 93% der erfassten Fälle bleiben ohne Verurteilung. Die Anzahl der Vergewaltigungen, welche Frauen in der Prostitution erleben, sind hierbei nicht berücksichtigt. Die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen ist extrem hoch. Jedes Jahr werden auch in Deutschland und Europa tausende Mädchen und Frauen sexualisierter Gewalt ausgesetzt und ausgebeutet. Vergewaltigungen bedeuten eine massive Verletzung der Selbstbestimmung der Betroffenen und haben oft gravierende psychische Folgen. Oft finden die Betroffenen kein Gehör. Um diese Frauen zu schützen, setzt sich TERRE DES FEMMES in Deutschland dafür ein, dass Betroffene einen Rechtsanspruch auf Hilfe bei Gewalt erhalten. TERRE DES FEMMES geht sogar noch einen Schritt weiter und verbindet mit der Ächtung der sexualisierten Gewalt als Kriegswaffe und der Sexlager in Kriegsgebieten auch die Forderung nach einem Sexkaufverbot in Deutschland. Prostitution ist Ausdruck eines grundlegenden Machtungleichgewichts zwischen Geschlechtern, suggeriert eine permanente Verfügbarkeit der Frau als Sexualobjekt und verstößt gegen die Menschenwürde.

Es ist mutigen Frauen wie Nadia Murad zu verdanken, dass sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe in der Weltöffentlichkeit diskutiert und geächtet wird. Massenvergewaltigungen sind ein Beispiel für sexualisierte Gewalt, die bewusst als Mittel der Kriegsführung eingesetzt werden. Sie zerstören die sozialen Strukturen der Gesellschaft des Kriegsgegners und werden als brutale Kriegswaffe für Macht, Unterdrückung und Herrschaft genutzt. Wir sind aufgefordert, dass sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe geahndet wird, wie es ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit verdient. Nadia Murad betont: „Diese Welt hat nur eine Grenze. Sie heißt Menschlichkeit“.

TERRE DES FEMMES kämpft für ein Umdenken in der Gesellschaft und will Frauen darin stärken den Mut zu haben das Schweigen zu brechen und sich nicht schuldig zu fühlen. Indem Frauen und Mädchen das Schweigen brechen, wird in der Öffentlichkeit die wichtige gesellschaftliche Debatte über sexualisierte Gewalt angestoßen. TERRE DES FEMMES bestärkt Frauen und Mädchen darin selbstbewusst und stark zu sein. Sexualisierte Gewalt in jeglicher Form ist ein schwerer Straftatbestand. Alles muss dafür getan werden, dass Täter verurteilt und Frauen und Mädchen vor sexualisierter Gewalt geschützt werden.

TERRE DES FEMMES gratuliert Nadia Murad und Denis Mukwege zum Friedensnobelpreis und unterstützt sie in ihrem Kampf gegen sexualisierte Gewalt und für Gerechtigkeit.

 

Stand: 12/2018

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