Ferien von der Gemeinschaftsunterkunft – Abenteuer im Spreewald

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„Raus aus der überfüllten Unterkunft und rein in die Natur“, das dachten sich zwei Frauen vom Verein Lieberlesen e.V. Sie organisierten, unterstützt von zwei TERRE DES FEMMES-Mitarbeiterinnen und einem pensionierten Lehrerehepaar, ein Camp im Spreewald für elf geflüchtete Mädchen. Dr. Abir Alhaj Mawas, TERRE DES FEMMES-Referentin für Gleichberechtigung und Integration, kannte die Mädchen schon von den gemeinsamen Mädchenschulungen, die ebenfalls in Kooperation mit Lieberlesen e.V. 2017 stattfanden. Ihre Praktikantin Jana Machacek unterstützte das Betreuungsteam und fungierte aufgrund ihres Alters als Generationsbrücke zwischen den Mädchen und den Erwachsenen. Das Camp sollte den Mädchen die Gelegenheit bieten, sich fernab ihres Alltags und möglichen Zwängen frei bewegen und entfalten zu können. Sie sollten Neues entdecken, soziale Kompetenzen schulen und selbstbewusster werden.

Die Mädchen im Alter von 11 bis 15 Jahren kommen aus Afghanistan, Syrien, Iran und Irak und leben seit zwei bis drei Jahren in Berlin. Sie alle sind bis heute nur geduldet, leben also in ständiger Sorge vor einer Abschiebung. Alle Mädchen gehen zur Schule und sprechen sehr gut deutsch. Obwohl die meisten von ihnen ohne Kopftuchzwang und Gewalt aufwachsen, gibt es leider auch einige, die unterdrückt werden und Gewalt erfahren. Im Camp haben die Mädchen entschieden, wie sie aussehen wollen. Sie konnten sich ohne Kopftuch bewegen, kurze Hosen, Kleider und Make-up tragen.

Sonne, Strand, See

Aufgrund des guten Wetters gingen wir fast jeden Tag zum nahegelegenen See. Alle Mädchen haben das Seepferdchen oder höhere Schwimmabzeichen. Sie schwimmen sehr gerne und bewegten sich ausgelassen im Wasser. Einige haben sich sogar getraut mit der von uns mitgebrachten Schnorchelausrüstung zu schnorcheln. Nach einer kurzen Einweisung probierten sie begeistert das neue Spielzeug aus. Der vorhandene Steg wurde zum fröhlichen Springen ins Wasser genutzt. Jedes Mädchen trug einen Badeanzug oder Bikini, Burkinis waren von unserer Seite aus nicht erlaubt und dies auch mit den Eltern abgesprochen.

Ein 12-jähriges Mädchen weigerte sich, nur im Badeanzug ins Wasser zu gehen. Schlussendlich erlaubten wir ihr ausnahmsweise, mit Kleidung zu schwimmen. In mehreren Gesprächen kam heraus, dass sie von häuslicher Gewalt betroffen ist und dazu gezwungen wird, sich zu verschleiern. Aus diesem Grund ist sie auch seit einem Jahr lang nicht mehr beim Schwimmunterricht, obwohl sie davor engagiert und mit viel Freude dabei war. Ein anderes Mädchen erzählte uns, sie möchte keine Söhne bekommen, da diese ebenfalls zu gewalttätigen und unterdrückenden Männern heranwachsen könnten.

Entdecken, erleben, verstehen

Neben dem Schwimmen konnten die Mädchen auf dem Campinggelände Kettcar fahren, auf dem Spielplatz toben, mit Insektengläsern Insekten fangen und beobachten, malen, basteln und tanzen. Außerdem wurde ihnen der richtige Umgang mit Hunden beigebracht, und dass sie keine Angst vor ihnen haben brauchen. Zwei mutige Mädchen haben daraufhin mit einem Hund gespielt und ihn gestreichelt. In arabischen Ländern sind Hunde keine Haustiere, werden entweder als Hütehunde gehalten oder sie sind wild und dadurch auch manchmal eine Gefahr für Menschen. Da in Berlin sehr viele Hunde leben, ist es wichtig, dass die Mädchen keine Angst vor ihnen haben und wissen, wie sie sich in Gegenwart von Hunden verhalten müssen. Auch Szenen zum Thema Mobbing spielten wir mit den Mädchen durch. Sie sollten sich in ausgegrenzte Mädchen hineinversetzen und Lösungswege für diese Konflikte finden. Spontan organisierten die Mädchen eigens einen kleinen Tanzwettbewerb und beim Kindertanzen auf dem Marktplatz des Camps tanzten sie anfangs schüchtern und kurze Zeit später dann ausgelassen.

Untereinander tauschten sie Kleidung, vor allem kurze Hosen und Kleider mit Mädchen, die solche Kleidungsstücke nicht besitzen und tragen dürfen. Zu Beginn waren die Mädchen dem einzigen männlichen Betreuer gegenüber eher verschlossen, vor allem beim Schwimmen. Dies änderte sich nach einer kurzen Eingewöhnungsphase. Da er ehemaliger Sport- und auch Schwimmlehrer ist, veranstaltete er mit ihnen kleine Wettkämpfe und achtete darauf, dass sie auch alle schwimmfähig sind. Die anfängliche Scham legten sie bald ab und behandelten ihn beinahe so wie uns Frauen.

Neue Herausforderungen meistern

Die Mädchen hatten die Aufgabe, sich gegenseitig zu interviewen und vorzustellen. So sollten sie sich besser kennenlernen und das Sprechen vor einer Gruppe üben. Solche Interviews führten sie dann auch mit anderen Kindern und jungen Erwachsenen aus dem Camp. Einige waren anfangs sehr zögerlich, trauten sich nicht, fremde Menschen anzusprechen und waren auf die Hilfestellung der Erwachsenen angewiesen. Andere dagegen gingen zielstrebig zu den Nachbarjungen und interviewten sie sogar mehrmals. Diese Interviews liefen so gut, dass sich die Mädchen mit zwei Nachbarfamilien anfreundeten. Sie spielten zusammen UNO, unterhielten sich und planten für den nächsten Abend eine kleine Party, die ein voller Erfolg wurde.

Gefangen zwischen zwei Kulturen

Im Gespräch mit den Mädchen wird klar, dass manche Eltern ihre Töchter indirekt zwingen, sich zu verschleiern. Sie dürfen weder kurze Hosen, noch Make-up tragen. Die Mädchen werden von ihren Eltern oder Menschen aus ihrem Kulturkreis extrem unter Druck gesetzt. Um Ärger aus dem Weg zu gehen, fügen sie sich und behaupten, sie trägen es freiwillig. Nachdem wir die Mädchen in ihrer Unterkunft abgeholt hatten und zum Bus gingen, nahm eines der Mädchen ihr Kopftuch sofort ab. Das zeigt eindeutig, dass sie das Kopftuch nicht freiwillig trägt. Wie die meisten Mädchen in diesem Alter schminken sie sich gerne, tragen gerne Kleider und möchten über Jungs reden. Sie werden in ihrer Entwicklung und Entfaltung enorm eingeschränkt, werden in verstaubte Rollenbilder gepresst und dürfen sich nicht emanzipieren. Für alle Mädchen ist es undenkbar mit ihren Eltern über Jungs zu sprechen. Kleine Schwärmereien, die in diesem Alter absolut normal sind, sind ihnen offiziell verboten. So werden sie gezwungen, ein Doppelleben zu führen.

Tabuisierung und ihre Folgen

Fast alle Mädchen haben große Wissensdefizite in der sexuellen Aufklärung. So meinte ein Mädchen ganz überzeugt, dass Frauen schwanger werden, indem sie Tabletten aus der Apotheke nähmen. Wie eine Schwangerschaft entsteht und wie sie abläuft, ist vielen unklar. Die Themen Schwangerschaft, Menstruation und Sexualität sind schambehaftet und unterliegen der Verschwiegenheit. Dabei ist es für Mädchen in dieser Phase so wichtig, über die Entwicklungen im weiblichen Körper mit Gleichaltrigen und Erwachsenen zu sprechen. Sie müssen verstehen, was mit ihrem Körper passiert und dürfen nicht für eine ganz natürliche Sache wie die Menstruation bestraft werden.

Schicksale, die bewegen

Die meisten Mädchen wachsen in liebevollen Familien auf, ohne Gewalt und Unterdrückung. Manche Kinder jedoch berichteten von häuslicher Gewalt, Kontrolle und dass ihre ebenfalls minderjährigen Brüder im Gegensatz zu ihnen alle Freiheiten haben. Sie erzählten, dass sie gezwungen werden Kopftuch zu tragen, um Beleidigungen und Belästigungen in der Unterkunft zu vermeiden. Die Mehrheit der Mädchen gehen gerne in die Schule, sind fleißig und haben ehrgeizige Berufsziele wie beispielsweise Ärztin. Manche fühlen sich allerdings nicht so wohl in der Schule, werden gemobbt, ausgeschlossen oder haben keinen Spaß am Lernen. Diejenigen, die mit Kopftuch in die Schule gehen, werden manchmal rassistisch beleidigt und ausgegrenzt. Während der improvisierten Theaterstücke spielten die Mädchen auch solche Szenen nach, was uns sehr überraschte.

Hinsehen, Hinhören, aktiv werden

In offensichtlichen Fällen häuslicher Gewalt und Unterdrückung sollten LehrerInnen, SozialarbeiterInnen oder PsychologInnen genauer hinsehen und versuchen, das Gespräch zu finden – mit den Mädchen und deren Eltern. Sie benötigen Unterstützung und es liegt in unserer Verantwortung, dass diesen Mädchen ein freies, unabhängiges und gleichberechtigtes Leben hier in Deutschland ermöglicht wird. Außerdem ist die lange Ungewissheit über den Aufenthaltsstatus eine enorme psychische Belastung. Die Gesundheitsvorsorge sollte ebenfalls besser kommuniziert werden, da einige Mädchen nicht regelmäßig zu Vorsorgeuntersuchungen gehen. Darüber hinaus sollten geflüchtete Mädchen speziell in Sexualkunde, Geschlechtergerechtigkeit und ihren Rechten geschult werden. Wir sind uns bewusst, dass dies nicht einfach sein wird, es aber für die Mädchen besonders wichtig ist.

 

*zum Schutz der Kinder wurden keine Namen genannt und auf individuelle Geschichten verzichtet

Stand: 07/2018

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