Theaterpremiere „Female Refugees Warten auf Go.Dot“

v.r.n.l.: Gülcan Cerdik, Abir, Ulrike Düregger, Nadine da Cruz Oliveira. Foto: © TERRE DES FEMMESv.r.n.l.: Gülcan Cerdik, Abir, Ulrike Düregger, Nadine da Cruz Oliveira. Foto: © TERRE DES FEMMESAm 22.06.2018 fand im Acker Stadt Palast die Premiere des Theaterstücks „Female Refugees Warten auf Go.Dot“ von Ulrike Düregger & Compagnie und Total Plural e. V. in Kooperation mit TERRE DES FEMMES – Menschrechte für die Frau e. V. statt. Ulrike Düregger, gleichzeitig verantwortlich für Konzept, Regie und Textfassung, stand ebenfalls neben Gülcan Cerdik und Nadine da Cruz Oliveira auf der Bühne. Frau Dr. Abir Alhaj Mawas, Fachreferentin für Gleichberechtigung und Integration bei TERRE DES FEMMES, nahm an dem anschließenden Publikumsgespräch als Expertin teil. Zwei weitere Vorstellungen fanden jeweils am 23. und 24. Juni statt. Da die Produktion ohne öffentliche Mittel realisiert wurde, waren nur diese drei Vorstellungen möglich.

Das Stück beginnt mit der Flucht der Frauen. Sie rennen, mal schneller, mal langsamer, machen Pausen, stürzen, richten sich wieder auf und rennen weiter, stets untermalt mit lauter, hektischer Musik. Die Flucht über das Wasser wird durch im Hintergrund auf eine Leinwand projizierte Wellen szenisch untermalt. Die weiteren Szenen spielen in einer Küche einer Gemeinschaftsunterkunft. Während eine der Frauen den metaphorisch nicht passenden westlichen Schuh aus der Kleiderkammer versucht auszuziehen, weint eine andere bitterlich, während sie Gemüse schneidet. Die dritte Frau im Bunde versucht sich an der deutschen Aussprache mithilfe eines Langenscheidt-Wörterbuchs. Erst nach einigen Minuten ist es ihnen möglich zu sprechen und miteinander zu kommunizieren. Sie reden über „Go“, auf das sie sehnlichst warten, das „Go“ zum Verlassen der Notunterkunft.

Für die Anhörung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) üben sie, geben sich Tipps und erzählen, wie unangenehm eine solche Anhörung für eine geflüchtete Frau sein kann, da auch sehr intime Fragen gestellt werden. Sie klagen über die schmutzigen Küchen, den nächtlichen Lärm in den Schlafräumen und die allgemeine Enge in der Unterkunft. Aufgrund der erzwungenen Nähe in den Unterkünften haben sich Schicksalsgemeinschaften, wie diese der drei Frauen, gebildet. Sie spenden einander Trost, stehen sich sehr nahe, aber sind sich zugleich auch sehr fremd und gemein zueinander. Diese Hassliebe wird in dem Theaterstück sehr deutlich.

Nach und nach erzählen sie ihre jeweiligen Fluchtgeschichten. Eine Studentin, die mit ihrem Freund flüchten wollte, sich letztendlich allein auf den Weg machte und von ihrem schmerzlichen Abschied von ihrer Mutter berichtet. Eine Mutter, die aus Angst vor Repressionen der Regierung und vor drohender Zwangseinziehung ihrer Söhne in die Armee mit ihrer Familie floh. Eine junge Frau, die noch nie nach ihrer Meinung gefragt wurde und es immer noch nicht wird. Sie wurde nicht gefragt, ob sie ihre Heimat, ihre Familie und Freunde verlassen möchte, ob sie in ein viel zu kleines und überladenes Holzboot steigen möchte, um darauf gen Westen zu fahren, und sie wurde auch nicht gefragt, ob sie monatelang mit fremden Menschen in einem Zimmer eingepfercht leben will. Sie deutet an, dass sie auf der Flucht Opfer von sexueller Gewalt wurde. Aus lauter Verzweiflung versucht sie sich mit einem Küchenmesser das Leben zu nehmen, was von den beiden anderen verhindert wird.

Sie fühlen sich von der Gesellschaft abgewertet, Hunde würden besser behandelt und hätten mehr Rechte als sie. Das fehlende Zugehörigkeitsgefühl verstärkt ihre Probleme, die deutsche Sprache zu erlernen, was wiederum ein Integrationshindernis darstellt. Sie erzählen von Übergriffen während der Flucht, von den geifernden Blicken der Männer in den Gemeinschaftsduschen der Unterkunft und von der Last des hilflosen Wartens. Die Bitterkeit und Verzweiflung ist beinahe greifbar. Um Beleidigungen, Drohungen und sexuelle Belästigung zu vermeiden, bedecken sie ihre Körper mit Tüchern. Gegen diesen auferlegten Zwang rebellieren sie jedoch immer wieder, wälzen sich mit hochgezogenen Kleidern auf dem Boden und provozieren mit Gesten gegen die Unterdrückung des Patriarchats. Dann tanzen und albern sie wieder herum, necken sich gegenseitig und gleich darauf kehrt wieder die allgemeine Traurigkeit zurück und das über allen wie ein Damoklesschwert schwebende „Go“, die Anhörung durch das BAMF. Mit dem „Go“ steht und fällt alles für sie.

Ulrike Düregger und ihre KollegInnen haben mit viel Sensibilität und Engagement über Monate hinweg Vertrauen zu geflüchteten Frauen aufgebaut und auf diese Weise ihre Geschichten erfahren. So unterschiedlich die Geflüchteten, so unterschiedlich waren ihre Erfahrungen. Was sie jedoch alle eint, ist die Sehnsucht nach ihrer Heimat, ihren Freunden und ihrer Familie. Da immer nur über geflüchtete Frauen geredet wird und selten mit ihnen, sollte dieses Projekt den Frauen die Möglichkeit geben, ihre Geschichten, Gefühle, Träume und Ängste mit Außenstehenden zu teilen. Während des Publikumsgesprächs nach der Premiere erzählen die Schauspielerinnen wie berührend die Begegnungen waren, wie sehr sich auch ihre Meinung über Geflüchtete verändert hat. Manchmal passierte es, dass Frauen über Nacht abgeschoben wurden und für die drei Schauspielerinnen nicht mehr erreichbar waren. Geflüchtete Frauen haben ihre Würde und Menschlichkeit nicht in ihrer Heimat gelassen. Sie sind nicht unmündig, hilflos und unsicher. Sie sind stark, manchmal stolz, menschlich und bemüht, ihre Würde zu wahren, die ihnen nicht nur auf der Flucht versucht wird zu nehmen.

 

Stand: 07/2018

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