Fachtag „Let`s talk about sex“: TERRE DES FEMMES Referentin stellt Ihre Erfahrung über die Arbeit mit geflüchteten Mädchen beim Kongress Armut und Gesundheit vor

Workshopimpression. Foto: © Gesundheit Berlin-Brandenburg / Foto: André Wagenzik. Workshopimpression. Foto: © Gesundheit Berlin-Brandenburg / Foto: André Wagenzik. Um das Sexualleben von geflüchteten Mädchen in Deutschland und in anderen Ländern verständlich zu machen und den Erfahrungsaustausch über die praktische Arbeit mit geflüchteten Mädchen in der Praxis zu ermöglichen, zu informieren und auszutauschen, fand unsere Veranstaltung „Let`s talk about sex: Erfahrungsaustausch in der Arbeit mit geflüchteten Mädchen“ (Nr. 98) beim Kongress Armut und Gesundheit am Dienstag, den 20.03.2018, von 14:15 Uhr bis 15:45 Uhr statt. In Zusammenarbeit mit dem VIA Verband für Interkulturelle Arbeit im Berlin wurde die Podiumsdiskussion mit Statements von Cornelia Bauschke und Falko Kranert (Zentrum für sexuelle Gesundheit Mitte in Berlin), Halah Alhhayik und Line Göttke (VIA Verband für Interkulturelle Arbeit), und Diana Craciun (Familienplanungszentrum Balance e.V) organisiert.

TERRE DES FEMMES Fachreferentin für Flucht und Frauenrechte Dr. Abir Alhaj Mawas schilderte ihre Erfahrungen aus der Praxis anhand des Empowermentprojekts „Mädchenschulung für geflüchtete Jugendliche“. Sie machte deutlich, dass die Themen Pubertät und Sexualität insbesondere in patriarchalischen islamischen Gesellschaften tabuisiert werden. Sexualkundeunterricht und Aufklärung über die Geschlechtsorgane und deren Funktion gibt es in vielen Ländern nicht, weshalb vielen Mädchen das Recht auf Wissen über ihren eigenen Körper verwehrt wird. Gerade mit dem Beginn der Pubertät kommen bei jungen Mädchen viele Fragen auf, wie beispielsweise das Thema Menstruation oder die Zusammenhänge zwischen Periode, Pubertät, Sex und Schwangerschaft. Mit den neuen Informationen und der Aufklärung durch das Projekt, fühlen sich die Mädchen entlastet und haben die Möglichkeit ihren Körper besser kennenzulernen. Basierend auf ihrem großen Interesse gegenüber der Thematik sprachen die Mädchen in späteren Sitzungen häufiger über die Themen Liebe, Sexualität und Menstruation.

Weiterhin berichtete Dr. Mawas, dass einige der Mädchen Schmerzen bei der Periode beklagten. Daraus ergab sich der Bedarf an der Aufklärung über Schmerzmittelalternativen, wie Wärmflaschen und Tees, aber auch über das Recht zum Frauenarzt oder Kinderarzt zu gehen und über mögliche Ursachen der Schmerzen zu sprechen. Aufgrund ihrer Erfahrung mit patriarchalen Kulturen, weiß Dr. Mawas, dass es Mädchen und jungen Frauen meist verwehrt ist zum Frauenarzt zu gehen. Anhand der eindrücklichen Schilderungen und dem aufgebauten Vertrauen erfuhr Dr. Mawas, dass eines der Mädchen „Viagra“ gegen ihre Schmerzen nimmt. Die Tabletten, die das Mädchen aus Afghanistan mitgebracht hatte und auch mit Mitschülerinnen teilt, helfen ihr angeblich bei Unterleibskrämpfen. Auch die Anwendung von Tampons war ein Diskussionsthema: Wie wendet ein Mädchen sie an? Wird das Jungfernhäutchen verletzt? Warum dürfen deutsche Mädchen Tampons nutzen und sie nicht?

Nach zwei erfolgreichen Diskussionssitzungen zum Thema Liebe, Sexualität und Periode zogen sich die Mädchen nach und nach zurück. Sie begannen andere Termine als Ausrede zu benutzen, obwohl das Treffen samstags stattfand, um nicht mit der Schule zu kollidieren. Dr. Mawas bemühte sich, die behandelten Themen vorsichtig zu behandeln, um die Mädchen nicht in Gefahr zu bringen. Den Mädchen wurde ihr Selbstbestimmungsrecht auf den eigenen Körper und praktische Kenntnisse über diesen vermittelt.

Da die Neugierde bei den Mädchen nicht abnahm, ist zu vermuten, dass die Eltern mit den Themen der Sitzungen nicht einverstanden waren. Die anfängliche Vermutung bestätigte sich leider: Eines der Mädchen hatte ihr Kopftuch während der Gesprächsrunde abgelegt. Als die Mutter an die Tür klopfte und hereinkam beschimpfte sie ihre Tochter wüst. Sie reagierte nicht auf die Anmerkung, dass ihre Tochter sich in einem reinen Mädchenkreis befand und niemand anders sie sah. In diesem Moment war Dr. Mawas klar, dass sie und die anderen Mädchen von den Eltern kontrolliert werden.

Dr. Mawas machte deutlich, dass viele Migrantinnen aufgrund ihrer Tradition und Religion, der Armut und des Krieges in ihren Herkunftsländern nur geringe Chancen oder keine gute Schulbildung hatten. In Deutschland haben diese Mädchen endlich die Möglichkeit eine moderne Schulbildung zu genießen. Leider empfinden das nicht alle Eltern als positiv und begleiten ihre Kinder nicht auf diesem Weg, sondern erweisen sich als Hürde in Bezug auf gute und qualitätsvolle Schulbildung. Hinzu kommt, dass Eltern, die ihre Mädchen nach dem traditionell islamischen Erziehungsmuster erziehen, befürchten, ihre Kinder vermeintlich schädlichen westlichen Einflüssen auszusetzen. Diese Einstellung tritt besonders hervor, wenn die Mädchen in die Pubertät kommen, sichtbar durch außergewöhnliche Kontrolle und Machtausübung der männlichen Familienmitglieder.

Mädchen in patriarchalischen Strukturen werden früh auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet. Sie haben gelernt, dass die Ehre der Familie von ihrem Verhalten abhängt und sie diese nicht durch ihr „Fehlverhalten“ verletzen dürfen. Die Geschlechtertrennung zwischen Jungen und Mädchen wird als Maßnahme der Aufrechterhaltung der Ehre vorgenommen. Mädchen lernen in vielen Moscheen, dass sie nicht die gleichen Rechte wie Jungen haben. In den streng islamisch religiösen Familien in Deutschland ist die Lage für Mädchen noch schwieriger, da der Kontrast zwischen der modernen Realität Deutschlands und die Unterdrückung durch die Familie noch größer ist. Die betroffenen Mädchen fühlen sich zwischen den vom Elternhaus vermittelten Werten und Traditionen, und der westlichen Gesellschaft oft hin und her gerissen. Sie werden oftmals von ihren Bezugspersonen massiv unterdrückt und gefährdet.

Viele der rund 40 interessierten Personen, die zu der „Let's Talk about sex“ Veranstaltungen an die Technische Universität Berlin kamen, beteiligten sich am Gespräch. Unter ihnen befanden sich MitarbeiterInnen vom Gesundheitsamt, sowie von sozialen und gesundheitlichen Einrichtungen (z.B. Hebammen und Krankenschwestern) und ehrenamtliche Engagierte.

Aufgrund unserer Arbeit mit den geflüchteten Mädchen hat sich herausgestellt, dass das Thema Sexualität deutlich mehr Aufmerksamkeit erfahren sollte. Geflüchtete Frauen und Mädchen haben wegen patriarchalischer Strukturen oft zu wenige Möglichkeiten sich mit diesen wichtigen Themen zu beschäftigen und aufgeklärt zu werden.

Dr. Abir Alhaj Mawas

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