Tatmotiv Ehre? – erschreckende Zunahme digitaler Verbreitung von patriarchaler Gewalt an geflüchteten Frauen

Lena Ganssmann / photocase.comLena Ganssmann / photocase.comIn Zeiten der regelmäßigen Nutzung sozialer Medien finden Hetzen und Hassreden vermehrt eine Bühne. Im März 2018 diente Facebook erneut als Plattform für Gewaltdarstellungen und Hetze. Brutale Gewalttaten an Frauen wurden präsentiert, kommentiert und geteilt. Täter und Opfer sind auch unter Geflüchteten zu finden. Wir präsentieren exemplarisch zwei Fälle und lassen geflüchteten Frauen  zu Wort kommen, die das Geschehen einordnen.

Am Freitag, 02.03.2018 hat ein 41-jähriger syrischer Geflüchteter im Baden-Württembergischen Mühlacker seine geschiedene Frau in Anwesenheit ihrer Kinder erstochen. Er nahm eine Videobotschaft nach seiner Tat auf und stellte es auf Facebook online. Mit blutenden Händen, hasserfüllt und wütend, hat er seine Tat gerechtfertigt. Er beschrieb wie er die Frau mit vier Messerstichen in den Hals attackierte und forderte die Zuschauer zur Verbreitung des Videos auf. Für das Video nutzte er seinen minderjährigen Sohn aus, der seinen Vater im Video verteidigte. Der Täter rief zum „Ehren“-Mord auf: „Jede Frau, die ihren Mann verarscht, wird geschlachtet.“ Sein Ziel war sein Opfer zu skandalisieren.

Die Familie floh gemeinsam aus Aleppo in die Türkei. Dort arbeitete seine 37-jährige Frau in einer Gastronomie, um Geld für die weitere Flucht nach Deutschland zu verdienen. Sie flüchtete mit einem Kind weiter nach Deutschland und holte ihren Mann mit dem zweiten Kind im Rahmen des Familiennachzugs nach. In Deutschland trennte sie sich von ihrem Mann und heiratete einen Mann einer anderen religiösen Gruppe. Nach der Trennung erhielt die geschiedene Frau das Sorgerecht für die Kinder. Der Täter verurteilte im Video das deutsche Sorgerechtssystem, beschimpfte auf das Übelste seine Frau, weil sie ihm alles genommen hätte, richtete allgemeine Morddrohungen gegen in Deutschland lebende syrische Frauen, die ihre Männer verlassen wollen und berief sich darauf, dass er in Deutschland nur zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird, danach wieder frei sei.

Schockierend war wie der kleine Junge ihm dabei zustimmte und wie erschütternd groß die Zustimmung im Internet darüber war, dass die Frau es verdient habe, zu sterben.

Gewaltverbreitung im Internet

Wenige Tage später, am 06.03.2018 griff ein syrischer Geflüchteter seine hochschwangere Frau in Laupheim an. Er stach ihr in die Brust. Der 34-jährige Mann war wütend darüber, dass seine 17 Jahre jüngere Frau sich in einen anderen Mann verliebt hatte. Zusammen mit ihrem Bruder stach er auf die Schwangere ein. Auch diese Tat wurde aufgenommen, fotografiert und auf Facebook gestellt.

Facebook bietet leider auch Männern die in ihren patriarchalischen Denkstrukturen fest stecken die Möglichkeit sich untereinander auszutauschen und Frauen Angst einzujagen. Es gibt eine YouTube-Seite auf der vermehrt Videos gestellt werden in denen syrische Männer Frauen die nach Deutschland kommen wüst beschimpfen und verleumden.

Das Problem ist, dass die Männer aus patriarchalischen Gesellschaften kommen, in denen sie eine dominante Rolle in der Familie einnahmen und diese regierten. Mit der Flucht nach Deutschland entsteht ein Kulturschock. Frauen verfügen über eine neue Position, sie sind Männern in Deutschland gleichgestellt und können ein selbstbestimmtest und finanziell unabhängiges Leben führen.

 

Bericht von zwei geflüchteten Frauen (privates Interview, 10.-11.03.18)

Nur*, ehemalige Schulleiterin in Homs, Syrien, berichtet: „Das deutsche Gesetz kann uns nicht schützen. Klar gibt es in Deutschland Gesetze. Wenn ich die Polizei rufe dann kommt sie. Sie verweisen den Mann auf die Straße. Er rastet aus und ist gewalttätig. Wenn er zurückkehrt nimmt er Rache. Klar, wenn er nichts mehr in der Hand hat und alles verloren hat, hat er nichts weiter zu verlieren. Er nimmt Rache.“

Außerdem erzählt sie: „Wir sind Frauen, die genauso unterdrückt werden wie früher. Wenn eine Frau das Kopftuch ablegt, gilt sie als Schlampe und unreine Frau. Sie hat den Ruf keine Ehre zu besitzen“.

Sie erzählt weiter: „Wenn eine Frau sich gegenüber einem Mann wehrt oder scheiden lässt, wird sie zum Opfer von Diskriminierung. Aus diesem Grund haben viele Frauen Angst sich scheiden zu lassen, obwohl sie gerne würden. In Syrien durfte ich nicht mit meinem Mann und meinem Schwager an einem Tisch zu Abend essen. Das war unmoralisch. In Deutsch­land ist mein Mann anders. Er begegnet mir respektvoll... Er kann mich mit Respekt behandeln. Das ist jetzt gut. Wenn ich mich erinnere was in Syrien war, dann fühl ich mich verletzt. Er kann nichts. Er ist nicht fleißig. Er kann die Sprache nicht. Ich muss mich um vier Kinder kümmern, um die Papiere und Unterlagen. Mein Mann ist überfordert. Wissen Sie, arabische Männer wollen in Deutschland leben mit patriarchalischen und islamischen Ideologien. Das funktioniert in Deutschland nicht. Ich möchte niemals nach Syrien zurückkehren, weil ich hier in Freiheit, Respekt und Gleichberechtigung lebe. Ich fühle mich anders trotz aller Schwierigkeiten die wir haben.“

Sham*, seit 2015 in Deutschland, lebt in einer Frauenunterkunft in Berlin. Sie erklärt: „Wir Frauen leben in bestimmten Traditionen und Kulturen. Wir haben Angst vor anderen Menschen und Traditionen. Wir fügen uns den anderen Menschen aus Furcht. Die Situation zwischen den geflüchteten Familien in Deutschland eskaliert aufgrund der Unterdrückung und der patriarchalen Ideologie, die Männer mitbringen und fortführen wollen.“

Sham macht deutlich: „In Deutschland können Frauen mit der Scheidung umgehen. Sie führen ein selbstbestimmtes Leben. In Syrien haben sie Angst vor der Scheidung. Sie sind finanziell von ihren Männern abhängig. Sie dürfen nicht alleine wohnen nach der Scheidung. Sie haben Angst vor der Rückkehr zu ihren Familien, da Sie dann als Dienerin für andere Familienmitglieder arbeiten müssen.“ Sie fasst zusammen: „Unser Problem kommt von Unterdrückung und Patriachart die Geflüchtete mit nach Deutschland bringen.“

TERRE DES FEMMES fordert verbesserte Schutzmaßnahmen für bedrohte und betroffene Frauen, z. B. Aufnahme in ein staatliches Schutzprogramm. MitarbeiterInnen der Polizei und anderer Behörden müssen im Rahmen verpflichtender Fortbildungen zum Thema Häusliche Gewalt und Gewalt im Namen der Ehre geschult und sensibilisiert werden. TDF fordert bundesweit genügend Frauenhausplätze für alle bedrohten Frauen zur Verfügung zu stellen und die Betroffenen intensiv zu beraten, sowie besseren Schutz für Kinder bei Häuslicher Gewalt. Immer wieder sprechen RichterInnen den Vätern das Umgangsrecht zu, obwohl von Vätern massive Häusliche Gewalt ausgeübt wurde.

(Dr. Abir Alhaj Mawas)

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