Polygamie im Kontext von Flucht: „Geflüchtete Syrerinnen flohen vorm Krieg und auf der Flucht waren Prostitution und Zwangs-Frühehen ihr Schicksal“

Foto: ©  TERRE DES FEMMESFoto: © TERRE DES FEMMESTradition, Religion und der Verlust von finanzieller und physischer Sicherheit durch die Flucht und den Bürgerkrieg sind wichtige Ursachen für den Anstieg der Polygamie und Frühehe in Syrien.

“Die Liebe ist Gewohnheitssache und entwickelt sich nach der Heirat!“

Die Tradition der streng patriarchalen islamischen Gesellschaft räumt den Mädchen und Frauen wenige Rechte ein. Es gibt eine Vielzahl von Sprichwörtern, die dieses verdeutlichen „Die Zukunft eines Mädchens ist nur Ehe und Kinder“. Immer wieder wird betont, dass es normal ist, wenn Mädchen früh heiraten. Besonders gilt dies für Jungfrauen, die sich nicht im Schulsystem befinden. Frauen, die älter als 18 und nicht an der Universität sind, wird häufig geraten den nächstbesten Mann zu heiraten, bevor es zu spät ist.

In den traditionellen Familienschichten muss eine Braut ihren Bräutigam nicht vor der Hochzeitsnacht kennen. „Die Liebe kommt nach der Heirat“, heißt es; „Im Schatten des Mannes zu leben ist besser als im Schatten einer Mauer“ oder „Heirat ist wichtiger als Schule“. Mädchen ohne jede Erfahrungen mit Männern gelten als ideale Ehefrauen. Somit spielt die Jungfräulichkeit eine wichtige Rolle: „Wir wollen eine Braut für unseren Sohn, die nur von ihrer Mutter geküsst wurde.“ Nicht selten wird die Religion zur Rechtfertigung heran gezogen: „Der Prophet hat mehrere Frauen geheiratet.“ Nach den Vorschriften des Korans, darf ein Mann bis zu vier Ehefrauen gleichzeitig haben. "Und wenn ihr befürchtet, nicht gerecht hinsichtlich der Waisen zu handeln, dann heiratet, was euch an Frauen gut scheint, zwei, drei oder vier. Wenn ihr aber befürchtet, nicht gerecht zu handeln, dann (nur) eine oder was eure rechte Hand besitzt. Das ist eher geeignet, dass ihr nicht ungerecht seid.."[i]

Die Ursachen von Polygamie damals wie Heute?

Vor 1500 Jahren war Polygamie eine der wichtigen Bestandteile des Islams. Besonders nach Ende eines Kriegs. Durch den Verlust der vielen Männer im Krieg, war das die einzige Chance auf Sicherheit als Frau, eine der vielen Ehefrauen der übrig gebliebenen Männer zu werden.

Polygamie ist heute nicht nur aufgrund der islamischen Zeremonie in Syrien weit verbreitet, sondern wird auch als eine Folge des Bürgerkrieges häufig hingenommen. Sowie zu Zeiten des Propheten herrscht auch heute ein Männermangel als Folge von Krieg, Rekrutierung oder Flucht in Syrien. Aus diesem Grund bleiben viele Frauen ohne Schutz, sowohl zuhause als auch auf der Flucht. Diese Faktoren führten zu dem Anstieg der Polygamie-quote in Syrien. Zudem stört es viele der Frauen nicht die Zweit- oder Drittfrau zu werden.

Während des Bürgerkrieges spielen wirtschaftliche Faktoren eine besonders große Rolle. Häufig befinden sich die Familien in einer finanziellen Notlage: Viele Familienväter haben kriegsbedingt ihre Arbeitsplätze oder ihr Hab und Gut verloren.  Um sich aus dieser finanziellen Notlage zu befreien, versuchen die Familien, die Verantwortung für ihre Töchter durch eine Vermählung an den Ehemann und dessen Familie abzugeben. Hinzu kommt, dass die Eltern hoffen, dass ihre Töchter so vor Vergewaltigungen und Entführungen sicher sind.

Den Töchtern bleibt keine andere Wahl. Viele Schulen sind geschlossen. Zu den wenigen Schulen, die geöffnet sind, werden die Mädchen aus Sorge um ihre Sicherheit nicht mehr hingeschickt. Viele Mädchen und Frauen sind traumatisiert und ohne Hoffnung auf Verbesserung ihren Situation. Sie sind zurückhaltend und unsicher und haben kaum eine Ausbildung erhalten. Sie lernten lediglich, zu allem und immer nur „Ja“ zu sagen. In der Spirale der Armut sind sie gefangen. Der Weg in ein selbstbestimmtes Leben ist ihnen verbaut, womit die Ehe als die einzige Zukunftsperspektive erscheint.

Fakten

In den islamischen und patriarchalischen Gesellschaften wie z. B  Syrien, Jordanien oder Libanon ist, die Eheschließung mit vier Frauen zugleich gesetzlich erlaubt. Dem Mann ist auch erlaubt nach der Scheidung mit einer Frau, eine weitere Frau zu heiraten.

In Syrien liegt das erlaubte Heiratsalter für Mädchen bei 17 Jahren und in Jordanien bei18. Jungen ist es erst erlaubt nach dem Abschluss des Militärdienstes zu heiraten, welcher 2,5 Jahre dauert. Dies wird durch das syrische Zivilrecht garantiert, um Mädchen vor Frühehen zu schützen. Des Weiteren ist der Richter verpflichtet, vor der Eheschließung mit der Braut privat zu sprechen, um von ihr bestätigt zu bekommen, dass sie nicht aus Zwang handelt. Diese Regelung gilt für alle Frauen, auch im Erwachsenenalter. Sollte sich eine Minderjährige dem Richter anvertrauen und sagen, dass sie diese Ehe nicht freiwillig eingeht, dann kann er die Vormundschaft übernehmen. In diesem Fall können Väter bei Gewaltanwendung und Zwangsausübung bestraft werden.[ii]

Trotz dieser klaren gesetzlichen Regelungen sind die Mädchen kaum geschützt. Viele Ehen werden illegal und nicht zivilrechtlich geschlossen. Islamische bzw. Imam- Ehen, welche kein Mindestheiratsalter berücksichtigen, sind in Syrien seit Kriegsausbruch weit verbreitet und werden in den meisten islamischen Ländern nicht als Straftat geahndet. Viele Paare, die aufgrund des Mindestalters bei einer Eheschließung nur nach der islamischen Scharia geheiratet haben, versuchen Wege zu finden, ihre Ehe trotzdem offiziell anerkennen zu lassen. Das ist unter folgenden Bedingungen möglich:

  • Wenn ein Mädchen schon sichtbar Schwanger ist (die Schwangerschaft muss rechtsmedizinisch bestätigt sein), sieht der Richter sich verantwortlich, die Ehe anzuerkennen, um Mutter und Kind die ihnen zustehenden Rechte zuzusichern.
  • Einer Eheschließungen nach einer Vergewaltigung wird ebenfalls zugestimmt, um das Mädchen vor Ehrenmord und Stigmatisierung zu schützen.
  • Aus demselben Grund kann auch einer Ehe zugestimmt werden, wenn bekannt wurde, dass das Paar schon vor der Eheschließung Geschlechtsverkehr hatte.

Die amtliche Bestätigung einer Ehe ist wichtig, denn das Kind einer Ledigen kann nicht registriert werden. In keinem islamischen Land dürfen Frauen ihren Kindern den eigenen Familiennamen geben. [iii]

Es wird Ehe genannt, in Wirklichkeit bedeutet es Vergewaltigung & Mädchenhandel!

Flüchtlingsunterkünfte sind auf der arabischen Halbinsel, die Vereinten arabischen Emirate,  ein großer Heiratsmarkt: Syrerinnen gelten als fleißig und gehorsam. Vor allem Minderjährige werden in großer Zahl von professionellen HeiratsvermittlerInnen mit wohlhabenden saudischen oder katarischen Männern verkuppelt.

„Nimm dir eine Frau aus der Alsham Levante (aus Damaskus) und du wirst ein gutes Leben haben“, lautet eine Redewendung der Araber. Viele Männer reisen aus Saudi-Arabien, anderen Golfstaaten, Türkei, und Europa an, um in den Flüchtlingslagern eine zweite oder dritte junge Braut zu „ehelichen“. Sie düsen mit ihren SUVs durch die Wüste und begeben sich auf Brautschau. Je jünger desto besser, wenn auch teurer. Mindestens 300 Euro werden für ein 13-jähriges Mädchen an den Vater gezahlt. In die Preisverhandlungen wird auch die Jungfräulichkeit einbezogen.

Diese Ehen werden oftmals ohne Papiere oder Gerichte geschlossen. Den Eltern wird versprochen, dass die Papiere später angefertigt werden. Die Flüchtlingsfamilien sehen den Handel mit ihren Töchtern zum einen als Einnahmequelle, zum anderen als Chance, zumindest ein Mitglied der Familien aus der Notlage zu befreien und in ein angeblich normal gesichertes Leben zu führen.

Diese Mädchen werden aus finanzieller Not von ihren Familien in die Prostitution gedrängt oder werden wiederholt „verheiratet“. Die sogenannte Imam-Ehe - eine Ehe von einem Imam nach islamischen „Recht“ für Kurzzeit - zwingt die jungen Frauen dazu, später wieder an andere Männer verheiratet zu werden.

Anfangs sind die Männer oft noch nett. Es wird ein Brautgeld vereinbart und es werden viele Versprechungen gemacht wie: „Ich hole dich und deine Familie hier raus“. Nach den Flitterwochen, zum Beispiel nach ein paar Tagen in einem Hotel in Jordanien, werden die Mädchen oft sich selbst überlassen.

TERRE DES FEMMES ist strikt gegen Polygamie und möchte nicht, dass diese sich in Deutschland verbreitet. Wir fordern, dass den Mädchen in den Flüchtlingscamps in den nahöstlichen Staaten mehr Schutz gewährt wird. Außerdem fordern wir mehr internationale Aufmerksamkeit für ihre Situation und härtere Strafen für die Täter. Die Gefahr ist groß, dass durch die Polygamie die Frühehe gefördert wird, da sie als Lösung für Minderjährige dem syrischen Bürgerkrieg zu entkommen gesehen wird. TERRE DES FEMMES sagt NEIN zu Polygamie und NEIN zu Frühehen.

Dr. Abir Alhaj Mawas

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[i] Koran Surah An- Nisa4 Vers 3. ( Die Frauen)

[ii] In Syrien werden die Ehen im Scharia Gericht durch einen Scharia Richter beschlossen.

In der Regel sollte bei der Eheschließung eine Vormundschaft der Braut anwesend sein, wenn sie im Alter zwischen 17 bis 18 Jahren ist. In diesem Fall muss der männliche Familienvormund mit der Vermählung des Mädchens einverstanden sein. Wenn die Braut volljährig ist kann sie ohne das Einverständnis des Familienvormundes heiraten.

Hinweis: Der Vormund muss männlich sein. Die Mutter kann diese nicht für ihre Kind übernehmen, selbst wenn der Vater gestorben ist. In solchen Fällen geht die Vormundschaft an den Onkel väterlicherseits.

[iii] Laut des UNCHR Berichts 2014 wurden „mehr als 50.000 syrische Kinder in den Nachbarländern geboren“. In einem Krieg, der hunderttausenden syrischen Kindern die Väter geraubt hat, ist das Risiko staatenlos zu werden somit sehr groß. Und selbst wenn der Vater zugegen ist, kann eine Geburt in vielen Gastländern nur registriert werden, wenn die offiziellen Heiratsurkunden vorhanden sind. Viele Flüchtlinge müssen auf ihrer Flucht jedoch alles zurücklassen oder verlieren ihre Papiere oder diese werden zerstört. Der UNHCR bestätigt, dass allein im Libanon 70 Prozent der Kinder keine Geburtsurkunden haben.

 

Stand: 03/2018

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