Frühehen in Syrien: Die Folgen des Bürgerkriegs für junge Mädchen

DW Video Fatima lebt im Flüchtlingscamp Alzatari im Norden Jordaniens. Sie ist in Syrien auf dem Land aufgewachsen und gemeinsam mit ihrer Familie geflohen. Die 15-jährige und ihr Cousin, der 20-jährige Mohammad, sind am Tag ihrer Hochzeit von DW-Arabisch Reporter Jaafar Abdul Karim (Sabab talk) interviewt worden.

“Ich bin 15 Jahre alt. Es ist normal, wenn ich jetzt heirate“, sagt Fatima, „Wenn ich noch ein Jahr warte, kann ich keinen richtigen Mann finden und verliere meine Heiratschancen. Später kann ich nur einen verheirateten oder geschiedenen Mann heiraten oder einen, der eine andere Frau hat.“ Das Brautpaar heiratet nicht in einem Zimmer mit vier Wänden und einem Dach. Die Hochzeit findet in einem Container statt.

Mohammed sieht zufrieden aus. „Es ist gut, ein junges Mädchen zu heiraten. Ich kann sie selber auf meine eigene Art erziehen, sodass sie mich später richtig versteht und mir keinen Stress macht. So wird unser Leben funktionieren.“

“Wenn ich die Entscheidung für diese Ehe nicht getroffen hätte, würde ich meiner Tochter schaden“. begründet Fatimas Vater sein Vorgehen, „Dadurch beschütze ich sie. Wenn sie noch wartet, kann sie nur ältere oder geschiedene Männer heiraten. Sie wird dann keinen richtigen Mann mehr bekommen.“

Fatimas Vater hat Fatimas Mutter geheiratet, als diese 13 Jahre alt war und hat mittlerweile noch zwei andere Ehefrauen.

Und was ist mit der Schule?“, hakt Jafaar nach. „Warum sollte ich lernen? Ich muss sowieso heiraten. Ob früher oder später, letztendlich muss ich die Schule verlassen. Das macht keinen Sinn“, erwidert Fatima desinteressiert.

Plötzlich kommt die Oma, 72 Jahre alt, und unterbricht das Gespräch zwischen ihrem Kind, ihrer Enkeltochter und dem Reporter und sagt laut zu Jaafar: „Was redest du, ich habe so was noch nie im meinem Leben gehört! Was redest du?“ Bei uns ist es so, dass in der ersten Woche ein junger Mann kommt und fragt uns nach der Verlobung mit meiner Enkelin und in der zweiten Woche heiraten sie.“ Sie reagiert wütend und beendet das Gespräch. „So ist das bei uns.“ Die Ehe wird nur religiös geschlossen, weil Fatima minderjährig ist.

Vielen jungen Frauen weltweit wird durch Frühehen die Freiheit genommen, über ihr Leben zu entscheiden. Während des syrischen Bürgerkrieges kommt es vermehrt zu Eheschließungen minderjähriger Mädchen. Laut Sabab talk waren vor Ausbruch des Krieges in Syrien rund 13 Prozent der Bräute unter 18 Jahre alt. Im Alzatari-Camp wird jedes dritte minderjährige Mädchen nach islamischem Brauch verheiratet.

Mädchen werden aus Sorge um deren Sicherheit nicht mehr zur Schule geschickt oder der Schulbesuch wird vom IS verboten. Die ökonomische Belastung der männlichen Familienernährer, die ihre Arbeit verloren haben und durch Kriegsfolgen belastet sind, spielt ebenfalls eine Rolle. Um sich aus dieser finanziellen Notlage zu befreien, geben die Familien die Verantwortung für ihre Töchter an den Ehemann ab. Sie hoffen, dass ihre Töchter so vor Vergewaltigung und Entführung sicher sind.

Männer von der Arabischen Halbinsel nutzen die finanzielle Notlage der Entwurzelten, um sich eine junge Zweit- oder Drittfrau nach Scharia-Recht zu kaufen. Je jünger desto besser und teurer. Mindestens 300 Euro werden für ein 13-jähriges Mädchen gezahlt. Für „Jungfrauen“ zahlen die Männer mehr Brautgeld. Syrerinnen gelten als fleißig und gehorsam.

Sie werden in großer Zahl von professionellen Heiratsvermittlerinnen mit wohlhabenden saudischen Männern verkuppelt. Diese Ehen werden ohne Papiere geschlossen, denn das gesetzliche Mindestheiratsalter bei der Eheschließung liegt in diesen Ländern zwischen 17-18 Jahren. Den Eltern wird versprochen, dass die Papiere später angefertigt werden.

Die Hoffnung, die ganze Familie in Sicherheit zu bringen, ist häufig der Antrieb, einer Heirat zuzustimmen. Es wird ein Brautgeld vereinbart und es gibt viele Versprechungen: „Ich hole dich und deine Familie hier raus“. Nach ein paar Tagen im Hotel in Jordanien reisen die Männer mit dem Versprechen auf Papiere und Sicherheit wieder ab. Die jungen Mädchen bleiben in den Lagern zurück, nicht selten schwanger und ohne tatsächliche Aussicht auf die versprochene Sicherheit.

In Syrien gilt für Mädchen ein Mindestheiratsalter bei der Eheschließung ab 17 Jahren und in Jordanien ab 18 Jahren. Trotz dieser Gesetzgebung sind die Mädchen kaum geschützt, da viele Ehen illegal und nicht vor Gericht geschlossen werden. Religiöse Eheschließungen unter dem Mindestheiratsalter werden in allen islamischen Ländern als Straftat geahndet.

Die Folgen der Frühehe sind für junge Mädchen nicht nur seelisch und gesundheitlich verheerend. Mädchen wird auch der Zugang zu Bildung verwehrt. „Wenn du zur Schule gehst, lernst du noch, wie man Liebesbriefe schreibt“, heißt es. Das Bildungsverbot ist immer auch ein Mittel der Kontrolle und Unterdrückung. Ihnen wird der Weg zu einem selbstbestimmten Leben völlig verbaut: „Ein Mädchen hat drei Orte, zu denen es gehen kann: das Haus des Vaters, das Haus des Ehemannes und ihr Grab.“

 

Weiterführende Informationen:

 

Stand: 01/2018

 

Verwendung von Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.