Mehr Feminizide und Gewalt in der Türkei – Unterstützung unseres Partnerprojekts YAKA-KOOP 2018 umso wichtiger für Mädchen und Frauen

YAKA-KOOP mit den GewinnerInnen eines selbst initiierten Bildungswettbewerbs. Foto: © YAKA-KOOPYAKA-KOOP mit den GewinnerInnen eines selbst initiierten Bildungswettbewerbs. Foto: © YAKA-KOOP

Gewalt gegen Frauen, vor allem innerhalb der Familie, war auch 2018 ein großes Problem in der Türkei. Laut einer Studie der Kadir Has Universität Istanbul halten 61 Prozent der türkischen Bevölkerung Gewalt sogar für das größte Problem von Frauen in ihrer Gesellschaft.[i] Ganz drastisch spiegelt sich diese Einschätzung in der landesweiten Feminizid-Statistik wider: Kamen 2016 noch 328 Frauen gewaltsam zu Tode, so waren es 2017 bereits 409  und die Zahl stieg 2018 weiter auf erschreckende 440. Mit 62 Prozent kam die überwiegende Mehrzahl der Täter aus dem direkten familiären Umfeld der Frauen[ii].

Trotz des im Jahr 2011 verabschiedeten Gesetzes 6284 zum Schutz der Familie und zur Prävention von Gewalt gegen Frauen sind kaum Fortschritte hinsichtlich der Geltendmachung der Menschenrechte von Frauen und Mädchen auszumachen – die Hintergründe liegen vor allem in traditionell patriarchalen Gesellschaftsstrukturen und damit verbundenen Erwartungen an geschlechtsspezifischen Verhaltensnormen sowie in einer mangelhaften Umsetzung des o.g. Gesetzes.

Weitere Schwierigkeiten, mit denen Frauen und Mädchen in der Türkei zu kämpfen haben, sind Bildungsmangel und Arbeitslosigkeit[iii]. Genau diesen Herausforderungen stellt sich YAKA-KOOP zusätzlich zu ihren Beratungsangeboten im Gewaltfall. So ging YAKA-KOOP auch 2018 wieder in zahlreichen Dörfer der Region Van, hörte den Frauen zu, klärte sie über ihre Rechte auf und organisierte bedarfsorientiert Workshops und berufliche Fortbildungen.

Beispiel: Die Arbeit von YAKA-KOOP in Van

Ein YAKA-KOOP Seminar zu den Menschenrechten von Frauen und weiteren Themen in einem Dorf in der Region Van, Türkei. Foto: © YAKA-KOOPEin YAKA-KOOP Seminar zu den Menschenrechten von Frauen und weiteren Themen in einem Dorf in der Region Van, Türkei. Foto: © YAKA-KOOPSo auch im Dorf Kaşıkara, das YAKA-KOOP erstmalig 2014 besuchte. Ausschlaggebend war eine hohe Suizidrate unter Frauen. In Kaşıkara leben 628 Menschen, davon sind 302 Frauen. Die DorfbewohnerInnen beziehen ihren Lebensunterhalt aus der Landwirtschaft und Viehzucht. Die meiste Arbeit wird von den Frauen verrichtet, die Einnahmen fließen aber an die Männer. Entsprechend ist die Mehrzahl der Frauen finanziell von ihren Partnern abhängig.

Die Mädchen im Ort sind schon früh in die Hausarbeit eingebunden, weshalb ihre Schullaufbahn oft mit der Grundschule endet.

Die Bevölkerung in Kaşıkara folgt streng patriarchalen Strukturen. Eine Ausnahme stellen Schwiegermütter dar, ohne deren Einverständnis eine Braut streng genommen nichts tun darf. Dies engt den Gestaltungs- und Entfaltungsraum junger Frauen – zusätzlich zu mangelnder Bildung, schlechter medizinischer Versorgung und klar vorgezeichneten Rollenerwartungen – noch weiter ein.

Im Rahmen ihrer Aufklärungs- und Beratungsarbeit sprach YAKA-KOOP mit den Frauen und Mädchen in Kaşıkara ausführlich über Frauenrechte, Kindererziehung, Bildung, Gesundheit und Sexualität. Für viele junge Frauen war die Aussicht, auch als Ehefrau einen Sekundarbildungsabschluss erwerben und/oder bspw. ein Fernstudium absolvieren zu können, interessant und hoffnungsstiftend.

Auch das sensible Thema Gewalt gegen Frauen griff YAKA-KOOP auf und erklärte, wie die eigenen Rechte im Gewaltfall geltend gemacht und die persönlichen Lebensumstände verbessert werden könnten. Das Interesse der Mädchen und Frauen war sehr groß und zusätzliche Informationsmaterialien wie Broschüren und Flyer wurden dankend angenommen.

YAKA-KOOP schaffte es, durch mehrmalige Besuche eine Vertrauensbasis aufzubauen. Vier Tage nach einem ihrer Besuche im Jahr 2018 trat eine alleinerziehende Mutter aus Kaşıkara an sie heran und berichtete, dass ihre zwölfjährige Tochter von ihrem Nachbarn sexuell missbraucht worden sei und der Täter nun versuche die Familie zum Schweigen zu bringen. YAKA-KOOP unterstützte die Frau und ihre Tochter bei der Erstattung einer Anzeige, tritt nun als Nebenklägerin im Gerichtsverfahren auf und steht der Familie auch psychologisch weiter zur Seite.

Prozessführung

TDF-Referentin Birgitta Hahn und ehrenamtliche Projektkoordinatorin Dilek Okur während ihrer Dienstreise in der Türkei im Austausch mit Mitarbeiterinnen von YAKA-KOOP und den Vorsitzenden der Anwaltskammer von Van. Foto: © YAKA-KOOPTDF-Referentin Birgitta Hahn und ehrenamtliche Projektkoordinatorin Dilek Okur während ihrer Dienstreise in der Türkei im Austausch mit Mitarbeiterinnen von YAKA-KOOP und den Vorsitzenden der Anwaltskammer von Van. Foto: © YAKA-KOOPUnterstützung bei Gerichtsverfahren ist neben der Aufklärungs- und Beratungsarbeit in den Städten und Dörfern der Region ein wichtiges Tätigkeitsfeld von YAKA-KOOP. Auch 2018 trat die Organisation in fünf Fällen als Nebenklägerin auf und konnte dadurch u.a. strafrechtliche Urteile gegen Sexualstraftäter bewirken.

Den Betroffenen wird kostenfrei anwaltliche Unterstützung zur Verfügung gestellt. YAKA-KOOP steigt als Nebenklägerin in den Prozess ein. 2017 wandten sich beispielsweise zwei Schülerinnen aus Edremit an die Polizei, weil sie von ihrem Lehrer vergewaltigt worden waren. Nach den ersten Befragungen durch die Polizei wurde der Lehrer jedoch wieder freigelassen. Seine wohlhabende Familie versuchte daraufhin, die Familien der Betroffenen finanziell zu bestechen. Während eine Familie dieses „Angebot“ annahm, verweigerte es die andere.

YAKA-KOOP machte den Fall öffentlich, sorgte dafür, dass er neu aufgerollt und gerichtlich verhandelt wurde und unterstützte die klagende Familie anwaltlich. Nach acht Gerichtsverhandlungen wurde der Lehrer 2018 schließlich zu 25 Jahren Haft verurteilt.

Ausblick auf 2019

Auch in diesem Jahr plant YAKA-KOOP die Arbeit in den Dörfern der Region Van fortzusetzen. Vor allem dort sehen sie einen erhöhten Bedarf an Aufklärungs- und Beratungsarbeit, da Zwangs- und Frühehen noch deutlich häufiger im ländlichen als im städtischen Raum geschlossen werden. Die Zusammenarbeit mit wichtigen WortführerInnen der Region und UnternehmerInnen, die im Hochzeitsgeschäft tätig sind, trägt jedoch dazu bei, dass die Akzeptanz von Frühehen in der Region sinkt.

Zudem sollen Bildungsangebote, die sich in den letzten Jahren bewährt haben, wie z.B. Kurzausbildungen in den Bereichen Textilherstellung und Gastronomie, wiederholt und bedarfsorientiert auf weitere Sektoren ausgedehnt werden.

Durch ihren proaktiven und inklusiven Ansatz erreicht YAKA-KOOP viele Menschen in der Region und wird auch weiter daran arbeiten, dass die Akzeptanz von Gewalt gegen Frauen in der Region sinkt und mehr Frauen ihre eigenen Rechte kennen und einfordern. Unterstützen Sie YAKA-KOOP dabei!

 

Stand 01/2019

 

Quellen:

[i] Kadir Has University – Gender and Women Studies Research Center (2018). The Perception of Gender and Women in Turkey 2018.

[ii] Menschenrechtsplattform „We will stop femicides” (2018). 440 Women were murdered and 317 women were sexually assaulted. http://kadincinayetlerinidurduracagiz.net/veriler/2870/440-women-were-murdered-and-317-women-were-sexually-assaulted. Letzter Zugriff: 24.01.2019.

[iii] Kadir Has University – Gender and Women Studies Research Center (2018). The Perception of Gender and Women in Turkey 2018.

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