24.08.2014: Positionspapier zum Thema Prostitution von TERRE DES FEMMES - Menschenrechte für die Frau e.V.

Das Ziel von TERRE DES FEMMES (TDF) ist eine Gesellschaft jenseits des Patriarchats und damit auch eine Gesellschaft ohne Prostitution. Dieses Ziel ist mit der Bekämpfung von Armut, Diskriminierung und Gewalt, nicht aber mit der Kriminalisierung von Prostituierten zu erreichen. TDF spricht sich daher ausdrücklich gegen jegliche Form der Stigmatisierung von Prostituierten aus und fordert effektive Maßnahmen zu ihrem Schutz. Zugleich fordern wir einen Perspektivenwechsel hin zu den Sexkäufern und ProfiteurInnen des Sexgeschäfts durch ein Verbot des Sexkaufs.

Situationsbeschreibung Prostitution in Deutschland - kein „Beruf wie jeder andere“

Das Prostitutionsgesetz von 2002 sollte die rechtliche und soziale Lage der Frauen in der Prostitution verbessern und die Doppelmoral der Sittenwidrigkeit aufheben. Aus diesem Grund hat TDF dieses Gesetz damals unterstützt. Eine Evaluierung des Gesetzes im Auftrag der Bundesregierung im Jahr 2007 hat jedoch gezeigt, dass die Ziele nicht erreicht wurden. 1

Nach Schätzwerten leben in Deutschland ca. 400.000 Frauen, die in der Prostitution tätig sind. 2 Sie setzen jährlich 14,5 Mrd. Euro um und bedienen dabei ca. 1,2 Mio. Männer täglich. 3 Prostitution ist ein weltweites Multimilliardengeschäft – für die ProfiteurInnen der Sexindustrie. Männliche homosexuelle Prostitution findet in einem viel kleineren Umfang statt; der Anteil der heterosexuellen männlichen Prostituierten mit weiblicher Kundschaft ist verschwindend gering. 4 Schätzungen zufolge ist die Mehrheit der Prostituierten in Deutschland ausländischer Herkunft. 5 Die wenigsten Prostituierten haben einen Arbeitsvertrag oder sind über diese Tätigkeit sozialversichert. 6

Die Motive, aus denen Frauen sich veranlasst oder gezwungen sehen, der Prostitution nachzugehen, sind sehr unterschiedlich und oft mehrschichtig. Wirtschaftliche Not und fehlende alternative Verdienstmöglichkeiten stehen häufig im Vordergrund. Auch Bildungsbenachteiligung, prekärer Aufenthaltsstatus, Schulden, Drogenkonsum, emotionale Abhängigkeiten sowie die Absicherung des Lebensunterhalts der (Herkunfts-)Familie spielen eine wichtige Rolle. Die gleichen Faktoren bedingen in vielen Fällen, dass die Frauen sich kaum gegen ausbeuterische Bedingungen und riskante Praktiken (z.B. ungeschützten Geschlechtsverkehr) wehren können. Viele Prostituierte geraten dabei in einen Teufelskreis, aus dem ein Ausstieg nur schwer gelingt. Nur sehr wenige Frauen üben Prostitution aus freier Entscheidung und wirtschaftlich erfolgreich aus.

Prostituierte sind zudem in deutlich höherem Maße von Gewalt betroffen als die weibliche Gesamtbevölkerung Deutschlands. 7 Sie erleiden nicht nur häufiger im Privat- und Arbeitsleben Gewalt, sondern erfahren – gemessen an ihren Verletzungsfolgen – auch bedrohlichere Gewaltformen. 68 Prozent der Befragten geben an, Gewalt mit Lebensbedrohung erlebt zu haben. Über die Hälfte der Prostituierten wurde schon vergewaltigt. Neben den (Ex-)Partnern sind Sexkäufer die größte Tätergruppe der sexualisierten oder körperlichen Gewalt.

Prostitution ist frauenverachtend – Prostitution ist menschenverachtend

TDF steht für eine selbstbestimmte Sexualität, die auf Entfaltung der Person, gegenseitigem Einvernehmen und Respekt beruht.

  • Prostitution ist eine der am längsten tradierten Formen sexueller Ausbeutung von Mädchen und Frauen im Patriarchat und ist damit Ausdruck eines grundlegenden Machtungleichgewichts zwischen den Geschlechtern.
  • Prostitution reduziert Sexualität jedoch zur Ware und verfestigt Geschlechterhierarchien.
  • Prostitution suggeriert eine permanente sexuelle Verfügbarkeit der Frau und eine grundlegende Triebgesteuertheit des Mannes. Entgegen der häufigen Behauptung schützt Prostitution niemanden vor sexualisierter Gewalt.

Prostitution verstößt grundsätzlich gegen die Menschenwürde und ist somit menschen- und insbesondere frauenverachtend.

Der Perspektivenwechsel

TDF fordert daher einen Perspektivenwechsel. Nicht die Regulierung der Prostitution, sondern die Bekämpfung ihrer Ursachen muss im Mittelpunkt der gesellschaftlichen Debatte und politischen Entscheidungsfindung stehen. Nicht die Prostituierten, sondern die Sexkäufer, die Zuhälter und die BordellbetreiberInnen müssen ins Visier der Gesetzgebung genommen werden. TDF fordert eine gesetzliche Regelung, die den Sexkauf verbietet und zugleich Maßnahmen, die Prostituierte schützen.

Unsere Forderungen im Einzelnen:

  • Ein gesetzliches Sex-Kaufverbot und damit Bestrafung und Ächtung der Sexkäufer. Hierzu fordert TDF eine einheitliche Regelung in der Europäischen Union.
  • Verbot der Profitnahme durch Dritte beim Verkauf von sexuellen Handlungen. Das heißt unter anderem: Verbot von Bordellen und Zuhälterei, Abschaffung der aus der Prostitution entstehenden Steuereinnahmen
  • Spezielle Schulungsprogramme zur Umsetzung der neuen gesetzlichen Regelungen für alle zuständigen BehördenmitarbeiterInnen

Keine Frau soll sich aus sozialen und ökonomischen Gründen gezwungen sehen, der Prostitution nachzugehen. Daher fordert TDF darüber hinaus:

  • Frauen in der Prostitution alternative Verdienstmöglichkeiten und andere Optionen der Lebensgestaltung zu eröffnen
  • den flächendeckenden Ausbau und die stabile Finanzierung von regelmäßigen, anonymen und kostenlosen Angeboten zur Gesundheitsversorgung
  • den flächendeckenden Ausbau und die stabile Finanzierung von niedrigschwelligen, aufsuchenden Beratungsangeboten, einschließlich einer Ausstiegsberatung für Prostituierte sowie spezielle Programme für besonders vulnerable Gruppen
  • Aufklärung über die psychisch und körperlich belastenden Bedingungen sowie über die erheblichen Risiken und Gefahren, die mit der Prostitutionsausübung einhergehen
  • den Ausbau von Sensibilisierungsprogrammen zur Geschlechtergerechtigkeit in Bildungseinrichtungen (wie Kita und Schulen) und für die Gesamtbevölkerung
  • Verstärkte Bekämpfung von sexualisierter Gewalt, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen 8

Jenseits der Forderung nach einem generellen Sexkaufverbot und der Ursachenbekämpfung, sieht sich TDF als Frauenrechtsorganisation aufgerufen, auf die soziale Realität von Prostitution zu reagieren. TDF schlägt dazu folgende Sofortmaßnahmen vor:

  • Strenge Regulierung von Prostitutionsstätten mit behördlich überprüfbaren Vorgaben
  • Klare Mindeststandards für Arbeitsbedingungen und Sicherheit der Prostituierten (etwa Schutz vor Gewalt, Aufhebung der Sperrgebietsverordnung, Kondompflicht)
  • Zuverlässigkeitsprüfung der BordellbetreiberInnen
  • Strafrechtliche Verfolgung von Sexkäufern, die wissentlich und willentlich die Situation einer Zwangsprostituierten ausnutzen
  • Verstärkte Aufklärungsarbeit, die auf Sexkäufer abzielt

Diese Maßnahmen könnten punktuell die Situation von Prostituierten verbessern, aber lassen die Nachfrageseite weitestgehend unangetastet. Außerdem könnten sie vielfältig unterlaufen werden. Für einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel sind das Sexkaufverbot und die Bekämpfung der Ursachen von Prostitution unabdingbar. Der Perspektivenwechsel ist ein notwendiger Schritt in eine Welt, in der Männer es nicht mehr als ihr selbstverständliches Recht betrachten, Sexualität von Frauen wie eine Ware zu konsumieren. Es ist ein Schritt auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der Mädchen und Frauen endlich gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei leben können.

Mehr Informationen über TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V.

TERRE DES FEMMES – Menschenrechte für die Frau e.V. ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation für Mädchen und Frauen, die durch Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit, persönliche Beratung, Förderung von Projekten und internationale Vernetzung von Gewalt betroffene Mädchen und Frauen unterstützt. TERRE DES FEMMES klärt auf, wo Mythen und Traditionen Frauen das Leben schwer machen, protestiert, wenn Rechte beschnitten werden und fordert eine lebenswerte Welt für alle Mädchen und Frauen – gleichberechtigt, selbstbestimmt und frei! Unsere Schwerpunktthemen sind Häusliche und sexualisierte Gewalt, Zwangsheirat und Ehrverbrechen, weibliche Genitalverstümmelung, frauenfeindliche Werbung, Frauenhandel und Zwangsprostitution. Der Verein wurde 1981 gegründet, die Bundesgeschäftsstelle befindet sich in Berlin.

Das vorliegende Positionspapier ist das Ergebnis eines umfassenden Meinungsbildungsprozesses innerhalb des Vereins. Seine Autorinnen gehörten der ad-hoc-Arbeitsgruppe des Positionierungstreffens von TDF vom 29.-30. März 2014 an, zu dem alle Mitfrauen des Vereins eingeladen waren. Die Arbeitsgruppe repräsentierte die beiden vorherrschenden inhaltlichen Positionen und wurde durch Wahlen bestimmt. Das Papier wurde im Konsensprinzip formuliert und verabschiedet.

Berlin, 24. August 2014

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1 Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: „Bericht der Bundesregierung zu den Auswirkungen des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten“, 2007
2 Fundierte statistische Daten, wie viele Prostituierte es in Deutschland gibt, existieren nicht; lediglich Schätzungen liegen vor. Eine häufig zitierte Schätzung, die auf die Berliner Prostituiertenberatungsstelle Hydra e.V. zurückgeht, geht von bis zu 400.000 Prostituierten in Deutschland aus.
3 Vgl.: Judith Schwethelm,: „Prostitution als soziale Realität“. S.20 ff. In: Prostitution und Frauenhandel – Die Rechte von Sexarbeiterinnen stärken! Ausbeutung und Gewalt in Europa bekämpfen! Hrsg. Mitrovic, Emilija, Hamburg 2006
4 Fundierte statistische Daten, wie viele männliche Prostituierte es in Deutschland gibt, existieren nicht; lediglich Schätzungen liegen vor. Die meisten männlichen Prostitutierte haben männliche Kunden. „Eine Expertenschätzung aus Berlin ergab, dass dort 600 Callboys arbeiten, aber nur acht bis zwölf ausschließlich für Frauen“ aus Abendzeitung München 11.01.2012 in „Münchner Callboy packt aus“ „Andere sprechen von 3000 ´Stricher´ in Berlin, 700 bieten ihre Liebesdienste in München an“ aus Zeitschrift der Stern 30.10.2004 in „Die Freier wollen Frischfleisch“. Sieht auch Hagele, Nikolas: „Tabuthema männliche Prostitution. Eine Herausforderung für die soziale Arbeit.“ Diplomarbeit , Hamburg 2007
5 Vgl. TAMPEP: http://tampep.eu/documents.asp?section=reports
6 Vgl.: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: „Bericht der Bundesregierung zu den Auswirkungen des Gesetzes zur Regelung der Rechtsverhältnisse der Prostituierten“ 2007 S.19 ff
7 Vgl. hierzu: Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland.“ 2004.
8 Nach einer Prävalenzstudie haben 43% der 110 befragten Prostituierten sexuelle Gewalt in ihrer Kindheit und/oder Jugend erlebt. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend: „Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland.“ 2004.

 

 

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