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Irak

Vorkommen © UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2013. Country Profile: Irak.© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2013. Country Profile: Irak.

Dass im Irak weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation – FGM) praktiziert wird, wurde durch Umfragen unter Kurden im Norden des Landes bekannt. Dadurch ging man lange davon aus, dass sich die Verbreitung dieser Menschenrechtsverletzung auf kurdische Gebiete im Norden beschränken würde. Im Januar/Februar 2014 wurde erstmals eine Studie mit 1000 TeilnehmerInnen in Qadisiyah und Wasit durchgeführt. Die Ergebnisse beweisen, dass FGM auch unter den im Süden lebenden Schiiten praktiziert wird.

In Kurdistan werden die Mädchen im Kindesalter auf Wunsch der Eltern beschnitten. Dabei findet die Mehrzahl der Genitalverstümmelungen vor dem 10. Lebensjahr der Mädchen und in Privathäusern statt. Die Praktik wird vor allem von Hebammen und älteren Frauen, mitunter auch der eigenen Großmutter, durchgeführt.

 

Unter der schiitischen Bevölkerung ist weibliche Genitalverstümmelung stark medikalisiert und wird oft unmittelbar vor der Pilgerreise nach Mekka vorgenommen, um den Körper und Geist der Frau zu reinigen. Dies führt dazu, dass die Verstümmelung meist an erwachsenen Frauen (zwischen ihrem 19. und 45. Lebensjahr) auf deren Eigeninitiative hin im Krankenhaus durchgeführt wird und oft als Schönheitsoperation getarnt ist.

Die starke Tabuisierung dieses Themas erschwert die Aufklärung über gesundheitliche und hygienische Aspekte.

Zahlen

Betroffene: 8% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 5% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Beschneidungsalter: 27% der Verstümmelungen werden vor dem 4. Lebensjahr durchgeführt, 40% zwischen dem 5. und 9., 6% zwischen dem 10. und 14. und nochmals 1% nach dem 15. Lebensjahr
29% der Eingriffe werden von einer traditionellen Beschneiderin durchgeführt

Formen

Nahezu alle irakischen Frauen, die FGM erlebt haben, wurden gemäß Typ I der WHO-Klassifikation verstümmelt. Das heißt, dass die Klitoris und/oder Klitorisvorhaut beschnitten wurden.

Begründungsmuster

Sowohl Tradition als auch Religion oder medizinische Gründe werden als Erklärung für weibliche Genitalverstümmelung angegeben. Mädchen, die nicht beschnitten sind, wird oft das Servieren von Speisen und Getränken untersagt. Zudem haben viele Mütter Angst, dass eine unbeschnittene Tochter keinen Ehemann findet. In den größeren Städten, in denen weibliche Genitalverstümmelung von medizinischem Fachpersonal angeboten und vorgenommen wird, spricht man oft eher von ästhetischer Chirurgie und nur hinter vorgehaltener Hand über die „sunna“-Beschneidung, also die durch den Propheten „empfohlene“ Praktik. Dementsprechend gibt es eine große Grauzone bei Praktizierenden und Betroffenen zwischen rein optisch und rein spirituell begründeten Eingriffen.

Gesetzliche Lage

Aufgrund des starken Tabus, über Sexualität öffentlich zu diskutieren, ist es sehr schwierig ein Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung im Irak zu implementieren. Durch die Forschungen der Nichtregierungsorganisation WADI e.V. und die eindeutigen Datenlage ist es zumindest gelungen, die kurdische Regionalregierung zu einer eigenen Forschung zu bewegen. Aufgrund der eindeutigen Ergebnisse wurde 2011 ein Gesetz gegen häusliche Gewalt erlassen, das sich auch explizit gegen weibliche Genitalverstümmelung richtet. Während FGM nun in der kurdischen Autonomieregion verboten ist, bleibt die Praktik im Zentralirak weiterhin erlaubt.

Haltung und Tendenzen

88% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) sind der Ansicht, FGM muss aufhören.

Die Nichtregierungsorganisation WADI e.V. macht seit Jahren Aufklärungs- und Lobbyarbeit auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene. Im Nordirak z. B. besuchten „WADI’s Mobile Teams“ die Dörfer und klären über weibliche Genitalverstümmelung auf, woraufhin die FGM-Rate dort stark gesunken ist. Auch in Erbil, der Region mit der höchsten Prävalenz von FGM, ging die Beschneidungsrate deutlich zurück.

 

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Stand 10/2016

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