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Sudan

© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2013. Country Profile: Sudan.© UNICEF Data: Monitoring the Situation of Children and Women. 2013. Country Profile: Sudan.Vorkommen

In Sudan und Südsudan sind 88% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) genitalverstümmelt. Mit Ausnahme von drei kleineren Regionen liegt die FGM-Rate überall bei über 80%.

Historisch gesehen war weibliche Genitalverstümmelung (FGM - Female Genital Mutilation) im Sudan ein Privileg der sozial höher angesehen Klassen und dies hat die starke Verbreitung unter allen EinwohnerInnen bedingt. Denn durch FGM konnte das Ansehen der eigenen Familie und Nachkommen verbessert und ggf. sogar Zugang zu den angesehenen Schichten erreicht werden. Auch heute noch gehören 91% der genitalverstümmelten Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) zu den besser gestellten Schichten des Landes.

Beim Großteil der sudanesischen Bevölkerung ist die Genitalverstümmelung im Kindesalter üblich. Einzig die Beja im Ostsudan praktizieren die Verstümmelung an Säuglingen. Hier soll der Eingriff vor dem dritten Monat stattfinden. Ansonsten ist es üblich, zwischen April und Juli, also während der großen Schulferien die Mädchen genitalverstümmeln zu lassen. Wer unversehrt aufwächst bis die eigene Hochzeit bevorsteht, wird üblicherweise zu diesem Anlass dazu gedrängt, die Genitalien beschneiden zu lassen, da dies nach Überzeugung vieler Sudaneser für eine akzeptable Ehefrau unerlässlich ist.

Zahlen

Betroffene: 37% der Mädchen (0-14 Jahre) und 88% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Befürworterinnen: 42% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre)
Beschneidungsalter: 12% der Mädchen werden vor ihrem 4. Lebensjahr genitalverstümmelt und 74% zwischen ihrem 5. und 9.

44% der Beschneidungen werden durch traditionelle Beschneiderinnen durchgeführt, 55% von medizinischen Fachkräften

Formen

1990 stellte eine Untersuchung zur Demographie und Gesundheit im Sudan fest, dass abgesehen vom südlichen Sudan die Verstümmelung von Mädchen und Frauen dem Normalfall entspricht und das an 85% der Betroffenen Typ III (Infibulation) von FGM vorgenommen wurde. Das heißt, dass ihnen alle sichtbaren Genitalien entfernt und die Wunde bis auf eine kleine Öffnung zugenäht wurde. In einer weiteren Studie vom Jahr 1999 wurde sogar ein Anstieg der Praktik festgestellt. Zu diesem Zeitpunkt waren 99% der Frauen im Norden verstümmelt und von der Gesamtbevölkerung mussten 60% der Frauen die schwerste Form der Genitalverstümmelung erleiden.

Begründungsmuster

AktivistInnen kritisieren, dass sich im Sudan noch kein religiöser Führer explizit gegen die weibliche Genitalverstümmelung ausgesprochen hat. Hier, wie auch in vielen anderen Ländern wird FGM religiös begründet, obwohl keine religiöse Schrift diese Praktik nennt. Der Körper und die Seele der Frau sollen mit Hilfe des Schmerzes und des Gefühlsverlustes „gereinigt“ werden. Es wird mitunter auch angenommen, dass das unveränderte Genital einer Frau zerstörerische Wirkung hat und die Potenz des Mannes, das Leben ihres Kindes, die Ernte in ihrem Hof und ihre eigene Gesundheit gefährden kann. Diese und ähnliche Mythen führen dazu, dass Frauen, an denen kein FGM praktiziert wurde, schwer verheiratet werden. Allerdings ist wirtschaftlich unabhängiges Leben als Alleinstehende in vielen Gesellschaften nicht vorgesehen. Zusätzlich gilt die beschnittene Vulva als ästhetisch. Außerdem geht in Gemeinschaften, die Typ III praktizieren, das Gerücht um, dass Organe oder Embryos ohne Zunähen des Genitals herausfallen können.

Gesetzliche Lage

Auch wenn der Sudan die Konvention zur Abschaffung jeder Diskriminierung von Frauen (CEDAW) nicht unterzeichnet hat, verpflichten den Staat eigentlich andere internationale Verträge zum Schutz der Mädchen: 1991 wurde die Kinderrechtskonvention ratifiziert, 2008 wurde das Maputo Protokoll unterzeichnet und die Afrikanische Charta für Menschen- und Völkerrecht wurde bereits 1986 ratifiziert. Dennoch wurde die Aufklärung über weibliche Genitalverstümmelung nicht wirksam betrieben. Seit den 1970er Jahren setzen sich zivilgesellschaftliche Institutionen für eine Abschaffung dieser Menschenrechtsverletzung ein, die im Sudan nachweislich bereits im 19. Jahrhundert praktiziert wurde. Da weder medizinische noch religiöse Stellen dieses Engagement mittrugen, hatten die Bemühungen wenig Einfluss auf das Verhalten der praktizierenden Gesellschaften.

Das nationale Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung wurde bereits 1946 von der britischen Kolonialverwaltung erlassen, bisher aber sehr selten angewandt. Es bestraft die Infibulation (Typ III) und erlaubt „mildere“ Formen wie die Entfernung der Klitorisvorhaut mit oder ohne Verletzung der Klitoris. Mit Einführung der Scharia im Jahr 1983 wurde der ganze Paragraph aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Zuletzt wurde im Jahr 2009 von den Ministern Sudans das Verbot von traditionellen Praktiken aus dem Kinderschutzgesetz gestrichen. Für medizinisches Personal ist es allerdings unter Strafandrohung verboten, FGM durchzuführen.

Lokale Gesetze gegen weibliche Genitalverstümmelung existieren bereits in Süd Kordofan, Gedaref und West Dafur, Red Sea und Darfur. Andere Distrikte wollen folgen.

Haltung und Tendenzen

Eine kritische Haltung gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung entwickelt sich langsam: zwischen dem Jahr 2000 und 2010 ging der Anteil der betroffenen Frauen von 90% auf 88% zurück. 53% der Mädchen und Frauen (15-49 Jahre) und 64% der Jungen und Männer (15-49 Jahre) sind der Meinung, dass FGM stoppen soll. Die Befürwortungen für die Praktik von FGM gingen seit 1989 von 79% auf 48% (Jahre 2010) zurück.

Anmerkung: Für Südsudan liegen uns derzeit leider keine Daten vor.

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Stand 09/2016

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