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Stellungnahme der AG Genitalverstümmelung zum Thema Kritisches Weißsein/ Rassismus bei TDF

März 2012

Die Geschichte der Begegnung zwischen den Kontinenten ist eine gewaltvolle Geschichte, die ihre Spuren hinterlassen hat. Rassismus hat die Menschheit nachhaltig zertrennt und Betroffene auf beiden Seiten hinterlassen. Um in der Welt miteinander zu kommunizieren, ist ein Bewusstsein darüber notwendig, wie ich auf mein Gegenüber wirke, wen ich repräsentiere, was für eine Geschichte ich in die Begegnung einbringe.
(Phoenix e.V.)

Warum beschäftigt sich die AG FGM mit diesem Thema?

Entstanden ist das Anliegen aus der Wahrnehmung, dass die AG in Bezug auf Weißsein weitgehend homogen ist: fast ausschließlich gehören ihr Weiße Frauen an. Warum ist das so?
Wen sprechen wir mit unserer Arbeit an und wen schrecken wir ab oder schließen wir gar aus? Mit welcher Motivation beschäftigen wir uns mit dem Thema FGM und wie sprechen wir darüber (bspw.: Öffentlichkeits-arbeit, Vorträge zum Thema)? Gerade im Zusammenhang mit dem Thema der AG FGM ist eine Auseinandersetzung mit der eigenen Positionierung von großer Wichtigkeit. Daher beschäftigt sich die AG FGM seit Februar 2010 intensiv mit den Themen Kritisches Weißsein/ Rassismus.

Was ist kritisches Weißsein?

Kritisches Weißsein ist keine Erfindung Weißer Menschen, sondern entwickelte sich u.a. aus den Perspektiven der afroamerikanischen Frauen- und Empowermentbewegung. Aus einer kritischen Weißsein Perspektive wird davon ausgegangen, dass es eine rassistische Struktur gibt, die Menschen in gesellschaftlichen Zusammenhängen hierarchisch positioniert. Weißsein bedeutet in dieser Hierarchie eine Position, die eine Norm darstellt und ein Herrschafts-prinzip etabliert. Während beim Thema Rassismus auf unterschiedliche Weise meist die als „Andere“ konstruierten im Mittelpunkt stehen, ist bei einer kritischen Weißsein Perspektive die Produktion von Weißsein der erklärungsbedürftige Gegenstand.

Warum die Kategorien Weiß und Schwarz?

Mit dem Konzept Weißsein wird eine analytische Trennung in Schwarz und Weiß vorgenommen. Dies ruft oft die empörte Frage hervor, ob diese Einteilung nicht ein geschichtlich überholtes rassistisches Konzept sei. Zwar ist das biologische „Rassenkonzept“ schon lange widerlegt, Rassismus aber ist damit leider nicht überwunden. Schwarz und Weiß bezeichnen also nicht die Hautfarbe von Menschen, sondern ist eine Einteilung von Menschen in Unterschiede, auf die zu achten erst gelernt wird. Es gibt hier Parallelen mit der gesellschaftlichen Konstruktion von Geschlecht.

Ziel der Thematisierung von Weißsein ist es, die Strukturen des Rassismus sichtbar zu machen, die Ungleichheit hervorbringen und festschreiben. Grundgedanke des Konzepts: (Macht-)Strukturen werden erst durch eine Sichtbarmachung und Benennung veränderbar, eine NichtBenennung macht sie noch mächtiger.

Was sind Weiße Privilegien?

Als Weiße haben wir aufgrund unseres Weißseins Privilegien. Dies sind strukturelle Vorteile, die ein Mensch durch Weißsein erhält. Aus der inneren Sicht der Weißen Perspektive ist es schwer, sich darauf einzulassen, weil das, was im Folgenden als Privilegien dargestellt wird, wir als Weiße nicht als Privilegien wahrnehmen, sondern als Normalität und Selbstverständlichkeit.

Beispiele für derartige Privilegien sind:

  • Wenn ich mich um einen Job bewerbe, denke ich nicht darüber nach, ob mein Weißsein für die Auswahl eine Rolle spielt.
  • Wenn ich von der Polizei angehalten werde, ist mein Weißsein nicht der Grund dafür.
  • Ich habe die Wahl mich mit Rassismus auseinander zu setzen oder auch nicht.

Rassismus als strukturelles Problem

Rassismus wird von sozial engagierten Weißen häufig als ein Thema behandelt, das nichts mit ihnen selbst zu tun hat. Die Perspektive auf Weißsein heißt, den Fokus nicht auf People of Color/Schwarze Menschen zu richten, sondern auf sich selbst, auf Weiße Menschen, die Rassismus tagtäglich bewusst oder unbewusst (re-)produzieren und von ihm profitieren.

Rassismus ist also kein nur in rechts-extremen Gruppierungen zu findendes Phänomen, sondern vielmehr eine Struktur unserer Gesellschaft. Ähnlich der Geschlechterhierarchie ist jede_r davon geprägt und reproduziert auch unbewusst diese Machtverhältnisse. Die Thematisierung von Weißsein will dazu aufrufen, Verantwortung dafür zu übernehmen.

Es geht dabei nicht um Schuld und Beschuldigungen, sondern darum, das Verstricktsein aller Menschen in Rassismus zu erkennen und anzuerkennen, dass wir alle durch Sozialisierung rassistische Denkstrukturen verinnerlicht haben. Es soll Selbstreflexion über die eigene Involvierung angestoßen werden, um Konsequenzen zu diskutieren und im eigenen Handeln umzusetzen. Wer bin ich als Weiße_r? Welche Privilegien habe ich als Weiße_r und wie kann ich verantwortungsvoller damit umgehen?

Wie hat sich die AG FGM bisher mit dem Thema auseinandergesetzt?

Neben der Auseinandersetzung mit unserer eigenen Positionierung als vorwiegend Weiße Frauen, haben wir auch unser Auftreten als Verein nach außen hin betrachtet. Dies passiert v.a. durch unsere Öffentlichkeitsarbeit (v.a. Flyer). So war ein Hauptergebnis dieses Prozesses die Überarbeitung der FGM Flyer anhand einer Checkliste des Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlags. Wir haben Texte und Bilder auf die Reproduktion von rassistischen Stereotypen hin überprüft sowie verbessert und geändert. Kritisch die eigene Stellung zu hinterfragen, sich eigenen Privilegien und den Umgang damit bewusst zu machen sowie das eigene vorurteilsbehaftete Denken zu erkennen, sind keine einfachen Prozesse und sie brauchen Zeit!

 

(Der Text ist eine Zusammenstellung aus verschiedenen Quellen, wie u.a.
ASA AG Weißsein (2010): Weißsein - Was bedeutet das?
Interaktiver Text; Eske Wollrad (2005): Weißsein im Widerspruch. Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion, Ulrike Helmer Verlag)