Interview mit Mitarbeiterin von AIM in Sierra Leone: "Sie hielten uns für schamlos."

Ein Interview mit Margaret Harding, einer Frauenrechtsaktivistin aus Sierra Leone

Margaret Harding; © Foto: Dörte Rompel, TERRE DES FEMMES

Margaret Harding (geboren 1956) arbeitet für die Frauenrechtsorganisation "Amazonian Initiative Movement" (AIM), die ihren Hauptsitz in der Kleinstadt Lunsar im Norden Sierra Leones hat. AIMs Hauptziel ist die Überwindung der weiblichen Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation), von der über 90 Prozent der weiblichen Bevölkerung des Landes betroffen sind. Frau Harding, besser bekannt als Mama Harding, arbeitet als Feldanimateurin im Marampa Chiefdom. Sie geht offen auf Menschen zu und beweist in ihrer täglichen Frauenrechtsarbeit viel Geduld. Die stolze Großmutter ist immer guter Stimmung und enthusiastisch über ihre Arbeit bei AIM. In naher Zukunft wird sie für das neue Informationszentrum von AIM in Lunsar zuständig sein.

Interview: Dörte Rompel, TERRE DES FEMMES-Projektkoordinatorin (Dezember 2009)

Wie kamen Sie zu AIM?
Ich hörte das erste Mal von AIM durch eine Stellenausschreibung, auf die ich mich sofort bewarb. Auch ich wurde zwar durch die Beschneidung in die Geheimgesellschaft der Frauen, die Bondo heißt, initiiert, doch keine meiner Töchter oder Enkelinnen hat diese Praxis erlitten. In der Bibelschule lernte ich, dass FGC nicht Gottes Wille ist. Während viele meiner ehemaligen Mitschülerinnen FGC weiterhin im Namen der Tradition fortführten, wurde ich eine überzeugte Gegnerin dieser schmerzvollen Praxis. Daher war ich glücklich, als ich am 1. April 2004 meine Arbeit bei AIM aufnehmen konnte. Heute bin ich nicht nur das älteste, sondern neben Rugiatu and James auch das am längsten aktive Mitglied des Vereins.

Wie haben die Menschen reagiert, als Sie angefangen haben, bei AIM zu arbeiten?

Die meisten sagten, es sei falsch, dieser Bewegung beizutreten. Man attackierte uns meist verbal, doch es passierte auch, dass wir physisch angegriffen wurden. Uns wurde vorgeworfen, uns nur gegen FGC zu engagieren, um Geld von den Weißen zu bekommen. Es hieß, wir stellten unsere Kultur zur Schau und verrieten unsere Geheimnisse. Die Weißen hätten doch ihre eigene Kultur, um die sie sich kümmern sollten. Wann immer ich an Ihnen vorbei ging, sagten sie: "Schaut euch diese Frau an. Sie spricht über die Klitoris." Einer meiner Kollegen wurde sogar Herr Klitoris genannt. Sie gaben uns alle möglichen Namen. Sie hielten uns für schamlos.

Die Frauen führten immer wieder das Argument an, dass die Mehrheit von ihnen in Bondo initiiert sei und dass die Beschneidung schon deshalb nicht falsch sein könne. Wir machten ihnen ihre Haltung nicht zum Vorwurf. Wir verstanden, dass sie einfach nicht wussten, welche Gefahren mit FGC im Zusammenhang stehen. Wir hatten eine Menge Aufklärungsarbeit vor uns, die nur mit Geduld zum Erfolg führen würde.


Wie hat Ihre Familie reagiert, als Sie AIM beigetreten sind?
Als ich angefangen habe, bei AIM zu arbeiten, sagte mir meine Mutter, dass ich in unserem Heimatdorf niemals über meine Arbeit sprechen sollte. Sie hielt meine Arbeit für schlecht und beschämend. Wenn die Leute davon wüssten, würden sie uns aus dem Dorf verbannen, so dachte sie. Ich befolgte diesen Rat niemals und sprach ganz offen mit den Menschen. Heute ist meine Mutter meiner Meinung. Das liegt wohl auch daran, dass ich mich um sie kümmere. Sie hat quasi keine andere Wahl (sagt sie lachend).

Und was hat Ihr Ehemann gesagt?
Mein Ehemann arbeitete damals als Lehrer. Anfangs wollte er, dass ich zu Hause bleibe. Seine damalige Haltung entspricht der Einstellung vieler Männer. Wenn eine Frau finanziell unabhängig wird, bekommt der Mann Angst, dass sie ihn nicht mehr respektieren könnte. So denken sie und das ist der Grund, warum man in den Büros so wenige Frauen arbeiten sieht. Doch ich wollte unbedingt arbeiten. Die Lebensbedingungen gestalteten sich so schwierig, dass ich unseren Haushalt unterstützen wollte. Rugiatu, die Direktorin von AIM, hat meinem Mann die Aufgabe erleichtert, meine neue Arbeit gutzuheißen. Sie besuchte uns daheim und bot auch ihm eine Teilzeitstelle an. Seither kooperiert er mit mir. (Sie lacht.) Da ich meine Aufgaben im Haus weiterhin erledige, gibt es keinen Grund für Auseinandersetzungen. Ich stehe morgens um 5 Uhr auf, bereite das Essen für die Familie vor, mache im Haus und Garten alles fertig und gehe dann zur Arbeit.

Mit AIM zu arbeiten ist für meinen Mann und mich sehr bereichernd. Wir haben eine Menge für unser Privatleben gelernt. Es kam vor, dass ich nicht wusste, wie ich mit den Kindern umgehen sollte. Die Menschenrechtsbildung hat mir geholfen, zu erkennen, dass Kinder ihre Menschenrechte haben, die wir Erwachsenen respektieren müssen.


Wie haben sich die Arbeitsbedingungen für Frauenrechtsarbeit in Lunsar über die Zeit entwickelt?
Aktive Amazonen sind noch immer mit sozialem Ausschluss konfrontiert, was sehr schmerzvoll sein kann. Manche meiner Nachbarn beispielsweise halten aufgrund meiner Arbeit immer noch Abstand zu mir. Sie wollen FGC nicht beenden. Sie wenden ihre Gesichter oft ab, so dass sie nicht mit mir sprechen müssen. Doch im Allgemeinen ist unsere Arbeit einfacher geworden, weil sich die Anzahl unserer Gegner erheblich verringert hat. Außerdem hilft uns ein neues Gesetz. Als wir unsere Arbeit aufnahmen, war FGC legal. 2009 wurde ein Gesetz verabschiedet, dass die Genitalbeschneidung bei Mädchen unter 18 Jahren verbietet. Erlaubt ist FGC weiterhin bei über 18-Jährigen, die ihre Einwilligung gegeben haben. Daraufhin hat das Oberhaupt der Beschneiderinnen in Lunsar entschieden, mit uns zusammen zu arbeiten. Sie lehnt es seither ab, Beschneidungen bei unter 18Jährigen vorzunehmen. Erst kürzlich, als man ihr 10 Mädchen zur Beschneidung brachte, hat sie bewiesen, dass sie es ernst meint. Sie sagte: "Diese Kinder sind keine 18 Jahre alt und ich werde sie nicht beschneiden." Wir standen mit ihr zwar schon lange in Kontakt, sie ließ sich aber nicht zur Abkehr von FGC bewegen.

Sie finden das neue Gesetz gegen FGC also gut?
Ja, es ist sehr hilfreich. Wenn wir weiterhin Mädchen im Alter von 5 bis 18 Jahren aufklären, werden sie es nicht akzeptieren, anschließend beschnitten zu werden. Denn dann kennen sie alle Gefahren, die mit der Beschneidung einhergehen. Im Alter von 18 Jahren können sie sich wehren.

Doch was ist, wenn sie von ihren Eltern finanziell abhängig sind? Sind sie dann nicht gezwungen, dem Wunsch der Eltern Folge zu leisten?
Nein, es vollzieht sich gerade ein tiefgreifender Wandel. Die Mädchen werden dann fortlaufen. Das passiert schon heute. Dann können wir helfen. Wir sprechen mit den Eltern und versuchen, für den Konflikt eine Lösung zu finden. Dieser Prozess vollzieht sich schrittweise. Natürlich wünschen wir uns ein Gesetz, das FGC für Frauen jeden Alters verbietet; ich bete dafür. Aber immerhin hat die Regierung einen großen Schritt getan, indem sie das aktuelle Gesetz verabschiedet hat. Als wir unsere Arbeit aufgenommen haben, dachten die Leute, wir wollten nur spielen. Heute stärkt uns das Gesetz den Rücken und das erhöht den Druck erheblich.
Um ein vollständiges Verbot von FGC zu erreichen, müssen sich die Menschenrechtsorganisationen zusammentun und den Druck auf die Regierung erhöhen. Wir haben uns dafür bereits im Netzwerk NAMEP ("National Movement for Emancipation and Progress") organisiert; doch es bleibt viel zu tun, um die politischen Entscheidungsträger unserer Gesellschaft dazu zu bringen, ein solches Gesetz zu verabschieden.

2007 arbeiteten nur wenige Frauen bei AIM. Heute sind es viel mehr, vor allem auch junge Frauen. Wie erklären Sie das?
Heute ist es wie gesagt viel leichter für AIM zu arbeiten, weil die Leute schon mal von den Gefahren von FGC gehört haben. Wenn wir nun in die Gemeinden gehen, dann stößt unser Engagement oft auf Zuspruch. Unsere Menschenrechtsbildung mit Jugendlichen zeigt eine große Wirkung. Kinder sprechen frei und regen Diskussionen mit Gleichaltrigen und ihren Familien an. Es bedeutet viel, dass sie nicht länger Angst haben, über FGC zu sprechen. Das Schweigen wurde gebrochen.


Schafft das nicht auch Probleme mit den Älteren?
In der Tat. Viele Kinder wissen heute, dass das Ritual nicht gut und auch illegal ist. Sie weigern sich, es zu durchlaufen. Die Anzahl der Kinder, die vor ihren Familien fliehen und Schutz bei AIM suchen, steigt. Viele Mädchen fliehen auch vor Zwangsheirat. Ihre Eltern ermöglichen ihnen keine Bildung. Anstatt ihnen die Schulgebühren zu bezahlen, zwingen sie ihre Töchter zur Beschneidung und Heirat. Das ist sehr verbreitet und ich verstehe es als Folge von Armut. Als Konsequenz unserer Aufklärungsarbeit über Häusliche Gewalt, kommen mehr und mehr misshandelte Frauen zu uns und berichten uns vom gewalttätigen Verhalten ihrer Ehemänner. Wir beraten sie und versuchen, unter Einbezug ihrer Familien eine Problemlösung zu erarbeiten. Wenn keine Lösung gefunden werden kann, suchen wir sichere Orte, wo die Mädchen bleiben können. Mit der Hilfe von "TERRE DES FEMMES" bauen wir gerade ein Schutzhaus in Lunsar auf. Es wird Mädchen ein Zuhause bieten, die Schutz vor geschlechtsspezifischer Gewalt, vor allem FGC, benötigen. Dieses Haus wird es uns ermöglichen, mehr Mädchen zu schützen und gleichzeitig zu bilden. Mit Jugendlichen zu arbeiten ist sehr wichtig für uns, weil sie die Verantwortungsträger von Morgen sind und weil sie es anders machen werden.

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