Verwendung von Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu.

Ägypten: Weibliche Genitalverstümmelung erstmals angeklagt

Über 90 Prozent der Mädchen und Frauen in Ägypten sind genitalverstümmelt. Die 13jährige Suhair sollte am 6. Juni 2013 eine von ihnen werden, da ihre Familie in der Nähe von Mansoura überzeugt war, dass nur so ihre Töchter zu kontrollieren seien. Wie ihre ältere Schwester wurde Suhair zum Arzt gebracht, gemeinsam mit drei anderen Mädchen narkotisiert und an ihrem Genital beschnitten. Anscheinend hat der plötzliche Blutverlust einen Schock ausgelöst, an dem das Mädchen starb. Der Arzt bot der Familie 2.000 Euro, damit sie den Fall nicht öffentlich machen und die offizielle Todesursache „Penizillinallergie“ akzeptieren.

Ein Jahr später stehen Arzt und Vater vor Gericht. Erstmals findet in Ägypten ein Prozess wegen einer weiblichen Genitalverstümmelung statt, obwohl diese Menschenrechtsverletzung bereits seit 2008 gesetzlich verboten ist. Mobile medizinische Teams, der starke Einfluss der Muslimbruderschaft, die für dichotome Geschlechterrollen und ein Familienmodell, das der Emanzipation der Frau zuwider läuft eintreten sowie die Gesetzeslücke, die weibliche Genitalverstümmelung bei angeblicher "medizinischer Notwendigkeit" zulässt haben jedoch in den letzten Jahren zu einer erneuten erhöhten Betroffenenquote geführt.

Unsere Forderungen zum Schutz der Mädchen

Unterschriftenübergabe im Herbst 2012 an die ägyptische Botschaft in Berlin. 12.000 Menschen hatten sich dafür ausgesprochen, dass Ägypten das Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung umsetzt und mit Aufklärungskampagnen die Abschaffung fördert. Foto. © TERRE DES FEMMESUnterschriftenübergabe im Herbst 2012 an die ägyptische Botschaft in Berlin. 12.000 Menschen hatten sich dafür ausgesprochen, dass Ägypten das Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung umsetzt und mit Aufklärungskampagnen die Abschaffung fördert. Foto. © TERRE DES FEMMESAnfang 2012 hat TERRE DES FEMMES eine Unterschriftenaktion gestartet, um diese Gesetzeslücke zu schließen und der ägyptischen Regierung das internationale Interesse und den Widerstand gegen die aktuelle Handhabe deutlich zu machen. Ende des selben Jahres wurden 12.000 Unterschriften an den Botschafter in Berlin überreicht, der dieses Dokument der Solidarität und des Engagements für Menschenrechte seiner Regierung überreichen wollte. Trotz mehrfacher Nachfragen haben wir von keiner der zwischenzeitlich aktiven ägyptischen Regierungen bisher keine Stellungnahme zu der Petition und ggf. einer geplanten Gesetzesverschärfung erhalten.

Doch dass heute weibliche Genitalverstümmelung als Verbrechen wahrgenommen wird, dass sowohl der ausführende Arzt als auch der veranlassende Vater angeklagt wurden und dass das mediale Interesse an diesem Fall sehr groß ist, zeigt uns, dass auch in Ägypten langsam die Frauenrechte immer mehr Akzeptanz finden. Wir hoffen, dass das juristische Verfahren eine abschreckende Wirkung auf andere Eltern hat – nicht nur wegen der öffentlichen Diskussion und der erwarteten Strafe sondern vor allem, weil überdeutlich wird, dass ein vermeintlicher Routineeingriff die Töchter in Lebensgefahr bringt. Keine Tradition und kein Anspruch auf Kontrolle es rechtfertigen kann, dem eigenen Kind das Leben und die Unversehrtheit zu nehmen. Auf jeden Fall werden wir nicht nur dieses Verfahren sondern auch seine Wirkung auf die ägyptische Gesellschaft und Rechtssprechung beobachten und weiterhin darauf drängen, dass die von uns geforderten Maßnahmen zum Schutz von Mädchen endlich umgesetzt werden!

Weitere Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung im Nahen Osten

Während Ägypten zumindest formell weibliche Genitalverstümmelung verboten hat, ist man in vielen Ländern Asiens davon leider noch weit entfernt. Auch in der Golfregion, im Irak, Iran und Pakistan, sowie in Malaysia, Indonesien und Thailand wird weibliche Genitalverstümmelung praktiziert. In Malaysia und Indonesien, aber auch im Oman weisen lokale Studien daraufhin, dass 80-90 Prozent der Frauen verstümmelt sind. Von der internationalen Gemeinschaft ist diese Verletzung von Frauenrechten in Asien bisher kaum wahrgenommen worden. Das mag ein Grund dafür sein, dass bisher keine Gesetze die Praxis verbieten - mit Ausnahme Nordiraks - oder dass ein Verbot sogar wieder zurückgenommen wurde wie in Indonesien.

Aktualisierung Oktober 2014

Laut Medienberichten war die Urteilsfindung bereits für den 11. September und den 25. September angekündigt. Stattdessen wurde im September noch ein Gutachten des Gesundheitsministeriums als Beweisstück vorgelegt, das bestätigt, dass Suhair an den Folgen der Genitalverstümmelung starb und nicht - wie ein Kollege des Angeklagten zuvor "diagnostiziert" hatte - aufgrund der Penicillinintolleranz. Auch wenn dies die Schuldfrage klären dürfte, ist noch kein Urteil gefällt worden.

Ägyptische Frauenrechtlerinnen kritisieren die mangelnde Berichterstattung im eigenen Land und dass die Medien dieses Verfahren nicht nutzen, um weibliche Genitalverstümmelung aufzuklären. So praktizieren überall im Land ÄrztInnen weiterhin Genitalverstümmelungen für 1-15$ und riskieren das Leben ihrer unmündigen Patientinnen. Laut Expertinnen muss das ägyptische Gesetz weibliche Genitalverstümmelung ausnahmslos verbieten und Praktizierende konsequent bestrafen. Ob sich das aktuelle Verfahren als erster Schritt auf dem Weg zum Schutz der Mädchen herausstellt oder ob der Urteilsspruch selbst weibliche Genitalverstümmelung verharmlost, ist weiter abzuwarten.

 

Zum Weiterlesen: