Eröffnung Desert Flower Center in Berlin: Medizinische Hilfe für Betroffene von Genitalverstümmelung

Das Berliner Klinikum Waldfriede und die Desert Flower Stiftung von Waris Dirie haben am 11. September 2013 ihr gemeinsames Center eröffnet in dem Frauen nach einer Genitalverstümmelung auch ohne Krankenversicherung eine wiederherstellungschirurgische und psychologische Behandlung erhalten können sollen. TERRE DES FEMMES war zu den Eröffnungsfeierlichkeiten eingeladen.

Waris Dirie, die UN-Sonderbotschafterin gegen weibliche Genitalverstümmelung, steht am Rednerpult des Waldfriede Klinikums und ist wütend: 140 Millionen an ihren Genitalien verstümmelte Frauen gab es, als sie Mitte der 90er den Kampf gegen diese Menschenrechtsverletzung begann. Heute sind es mindestens genau so viele. Sie hat ihr Leben einem Verbrechen gewidmet. Sie hat viel erreicht, vielen Betroffenen eine Stimme gegeben und noch mehr Menschen motiviert, ihre Stimme gegen die Verstümmelung von Mädchen zu erheben. Und nun eröffnet sie ein medizinisches Center, das die Spuren der Tat verschwinden lässt, das rekonstruktiv statt präventiv wirkt. So dachte sie, als sie erstmals von der Idee einer Kooperation erfuhr.

Heute eröffnet sie das Desert Flower Center gern um den Betroffenen Frauen zu helfen und, wie Aktivistin Evelyn Branda aus Kenia illustriert, auch so zur Beendung der weiblichen Genitalverstümmelung beizutragen: Frauen, die sich in Kenia für ihre unbeschnittenen Genitalien entscheiden, werden ausgegrenzt, missachtet und diskriminiert. Frauen, die in Folge einer Genitalverstümmelung inkontinent werden, Fisteln bilden, schwere Komplikationen bei der Geburt erleben oder keine eigene sexuelle Lust kennen, auch. Insofern hilft die Rekonstruktionsoperation um in der Gesellschaft zu verankern, dass genitalverstümmelte Frauen leiden und Linderung ihrer Beschwerden wünschen. Es zeigt, dass die unbeschnittene Vulva besser für die Frauen, für Geburten, für die Ehe und die ganze Gesellschaft ist. Es stärkt den kulturellen Wandel hin zum Ende der Genitalverstümmelung.

Um weibliche Genitalverstümmelung zu beenden, braucht man umfassende Aufklärung der Bevölkerung, klare Gesetze, Unterstützung der Betroffenen und starke Vorbilder, die sich beharrlich für Frauen und ihre Rechte einsetzen. V.l.n.r: Irmingard Schewe-Gerigk, Waris Dirie. Foto: ©TERRE DES FEMMESUm weibliche Genitalverstümmelung zu beenden, braucht man umfassende Aufklärung der Bevölkerung, klare Gesetze, Unterstützung der Betroffenen und starke Vorbilder, die sich beharrlich für Frauen und ihre Rechte einsetzen. V.l.n.r: Irmingard Schewe-Gerigk, Waris Dirie.
Foto: ©TERRE DES FEMMES
Seit „Stop FGM Now“, der Kampagne gegen weibliche Genitalverstümmelung, kennen und schätzen sich Waris Dirie und die TERRE DES FEMMES Vorstandsvorsitzende Irmingard Schewe-Gerigk. Die beiden Frauen eint ein jahrelanger Kampf gegen die frauenfeindliche Menschenrechtsverletzung FGM (Female Genital Mutilation) und die Überzeugung, dass viele Schritte in die richtige Richtung eine erhebliche Verbesserung für Frauenrechte weltweit bedeuten.

Irmingard Schewe-Gerigk: „Die Eröffnung des Desert Flower Center zeigt, dass politische Organisationen und medizinische Einrichtungen sehr gut kooperieren und gemeinsam zur Hoffnung für viele Betroffene werden können. Dass auch Frauen ohne Versicherungsschutz ohne lange Wartezeit geholfen wird, ist in Deutschland sonst nicht üblich. Ich rufe dazu auf, dass auch andere Kliniken und Institutionen Partnerschaften mit humanitären Organisationen eingehen. So wird aus Expertise und Solidarität beider Seiten zu realer Hilfe.“

TERRE DES FEMMES führt bereits seit 1983 das Referat „weibliche Genitalverstümmelung“, das sich ausschließlich mit der Unterstützung von AktivistInnen in Gesellschaften mit hoher sozialer Akzeptanz von FGM und der Sicherung der Frauenrechte in Deutschland befasst. In den Jahren haben wir u.a. das Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung in den Bundestag gebracht, die einzige deutsche Studie unter GynäkologInnen zu ihrem Wissen zu und ihrem Umgang mit Betroffenen durchgeführt, mehrere Publikationen zu den Ursachen für und dem Engagement gegen FGM veröffentlicht und eine umfangreiche Ausstellung produziert, die auf Anfrage verliehen werden kann.

Wir treten derzeit für eine Fortsetzung der 2009 ins Leben gerufenen und dann leider eingeschlafenen Arbeitsgruppe aus Vertretern der Bundesregierung, den Ländern und Nichtregierungsorganisationen ein damit endlich ein nationaler Aktionsplan gegen Genitalverstümmelung erarbeitet und etabliert werden kann. Außerdem wollen wir, dass alle Kinder bei den regelmäßigen U-Untersuchungen auch auf die Unversehrtheit ihrer Genitalien untersucht werden und die Schweigepflicht der KinderärztInnen gelockert wird. Und wir treten dafür ein, dass das Wissen um weibliche Genitalverstümmelung, die Ursachen, Folgen und angemessene Handlungsmöglichkeiten in allen medizinischen Ausbildungen zum Pflichtbestandteil werden.

Expertenaustausch: Dr. Scherer, der Chefchirurg des Desert Flower Center, TDF-Referentin Katharina Kunze und Vorstandsvorsitzende Irmingard Schewe-Gerigk. Foto: ©TERRE DES FEMMESExpertenaustausch: Dr. Scherer, der Chefchirurg des Desert Flower Center, TDF-Referentin Katharina Kunze und Vorstandsvorsitzende Irmingard Schewe-Gerigk.
Foto: ©TERRE DES FEMMES
Bei der Eröffnung des Desert Flower Center trafen interessierte MedizinerInnen mit engagierten AktivistInnen und zahlreichen PressevertreterInnen zusammen. Neben weiblicher Genitalverstümmelung als Tradition wurde auch über Frauenrechte im Allgemeinen sowie andere Ursachen für Verstümmelung an weiblichen Genitalien referiert. Die bewegenden Vorträge und die informative Podiumsdiskussion wurden von einem Quartett der Berliner Philharmonika musikalisch begleitet und fanden ihren Abschluss in einem Stehempfang.

Dieser Abend hat das Potential, der Start einer langen Reihe vielfältiger Initiativen zu sein, bei denen Medien, Wirtschaft/Medizin und AktivistInnen gemeinsam für das Ende der weiblichen Genitalverstümmelung eintreten. So würde Waris Diries Traum doch noch wahr...

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