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18. Mai: Nationaler Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung (FGM) in Burkina Faso

Neben dem 6. Februar als Internationalem Tag „Null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung“ existiert zusätzlich ein nationaler Tag gegen FGM in Burkina Faso - der 18. Mai. Im Jahr 2010 ist dieser Tag als nationaler Aktionstag im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung ausgerufen worden, anlässlich des 10-jährigen Jubiläums der Nationalen Kommission im Kampf gegen die Beschneidungspraxis („Commission nationale de lutte contre la pratique de l’excision“, CNLPE).

Weltweit sind mehr als 200 Millionen Mädchen und Frauen von FGM betroffen. In Burkina Faso nennt UNICEF alleine 76 % aller Mädchen und Frauen in der Altersgruppe von 15 bis 49 Jahren als genitalverstümmelt. Insgesamt gibt es vier verschiedene Formen von FGM: Typ II, die sogenannte „Exzision“, wird in Burkina Faso am häufigsten praktiziert. Dabei handelt es sich um die Entfernung des äußeren sichtbaren Teils der Klitoris und der inneren Schamlippen, manchmal auch mit zusätzlicher Entfernung der äußeren Schamlippen. Besonders auffällig ist, dass über 50 % der Mädchen und Frauen noch vor Vollendung ihres fünften Lebensjahres die Verstümmelung erleiden.

In Burkina Faso leben viele verschiedene Ethnien, in manchen Regionen beträgt die Prävalenzrate über 80 %, die niedrigste Prävalenzrate beträgt nach der im Jahr 2013 veröffentlichten UNICEF-Studie zur Lage in Burkina Faso 22 %. Die Studie widerlegt die vielgeglaubte Annahme, dass muslimische Vorschriften der Grund für eine Genitalverstümmelung seien, denn sie zeigt, dass 60-76 % der betroffen Frauen anderen Religionen anhängen. Obwohl seit 1996 Tat oder Mithilfe zu FGM in Burkina Faso gesetzlich mit bis zu drei Jahren Gefängnis oder 10.000 US Dollar bestraft wird, wird FGM immer noch weitläufig praktiziert und betrifft viele Mädchen und Frauen.

Erste Erfolge im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung

Die Regierung Burkina Fasos bemüht sich seit fast 30 Jahren für eine Abschaffung von FGM. 1990 wurde eine nationale Kommission zur Bekämpfung der Beschneidungspraktik eingerichtet. Im Jahr 1996 trat das erste offizielle Gesetz gegen weibliche Genitalverstümmelung in Kraft und ein Jahr später wurde auch ein Sekretariat mit exekutiver Macht gegründet, das dafür zuständig ist, dieses Gesetz auch in der Bevölkerung durchzusetzen. Es wurden finanzielle, personelle und juristische Ressourcen mobilisiert, um in der Bevölkerung eine Abschaffung der Praktik zu erwirken, z. B. auch durch die Einrichtung einer kostenlosen Hotline, unter der die Bevölkerung bei Verdacht oder tatsächlichen Fällen von FGM, Betroffene oder TäterInnen melden können. Die Regierung ist sich sicher, dass sie so bis zum Jahre 2030 eine vollständige nationale Überwindung der Praktik weibliche Genitalverstümmelung erreichen kann.

Trotz des Ziels, durch die Errichtung von sozialen und juristischen Maßnahmen einen Rahmen zur Verfolgung und Bestrafung von FGM herzustellen, bleibt es eine Herausforderung für die Regierung, die komplette Abschaffung einer so tief verwurzelten und jahrelang praktizierten Tradition zu erreichen und durchzusetzen.

Einer der Hauptgründe für die Weiterführung der Tradition von FGM sei, laut der UNICEF Studie von 2013, sozialer Druck bzw. soziale Akzeptanz in der Gesellschaft, weitere 26 % der Befragten geben Sauberkeit bzw. hygienische Gründe an. Immer noch wird diese streng gehütete Tradition von Generation zu Generation weitergegeben und ist fest in den Strukturen der Gesellschaft verankert.

Über den Zeitraum der letzten 30 Jahre ist allerdings schon ein Wandel festzustellen. Dies sieht man deutlich an der Erfassung der Betroffenen nach Generationen und Altersgruppen. Im Jahr 2010 waren in der Altersgruppe der 45-49-jährigen Frauen 88 % von FGM betroffen. In der Altersgruppe 15-19 Jahre waren es nur noch 58 %. Man sieht also, dass immer weniger Kinder beschnitten werden und die Zahlen zurückgehen. Inzwischen gibt es auch neue Studien, in denen sich 90 % der Frauen gegen die Weiterführung der Praktik ausgesprochen haben.

TERRE DES FEMMES aktiv vor Ort

TERRE DES FEMMES engagiert sich seit über 35 Jahren für Frauenrechte und insbesondere im Kampf gegen weibliche Genitalverstümmelung. Nicht nur durch Aufklärungs- und Sensibilisierungsprojekte mit Communities in Deutschland sind wir aktiv, sondern auch im Rahmen von internationalen Kooperationsprojekten mit Frauenorganisationen in anderen Ländern.

Eine unserer stärksten Partnerorganisationen ist dabei die „Association Bangr Nooma“ (ABN), die seit vielen Jahren in drei verschiedenen Regionen in Burkina Faso im Kampf gegen FGM aktiv ist. Unsere ehrenamtliche Koordinatorin Irma Bergknecht war 2016 zu Besuch vor Ort, und hat ein Interview mit einer ehemaligen sogenannten Wäscherin, einer Assistentin der Beschneiderin, geführt. Sie sind es, die die Mädchen bei der Beschneidung an den Beinen festhalten, sie waschen und im Nachhinein die Wunden pflegen.

Hier ein Auszug aus ihrem Gespräch:

Frau Gira hat den Beruf von ihrer Mutter selbst gelernt und übernommen, aber nach über 25 Jahren Ausübung hat sie nun damit aufgehört. Sie konnte das mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren, aber auch weil sie die körperliche Kraft nicht mehr hatte, die Mädchen festzuhalten. All die Arbeit, das Leiden, die körperliche Anstrengung haben Frau Gira müde und auch sehr traurig gemacht. „Ach, wie viele sind verblutet, wie viele verstorben. Sie starben in meinen Händen.“

Fast jedes vierte Mädchen verblutet beim Eingriff oder stirbt an den Folgen. Der Eingriff wird oft mit stumpfen, spitzen Gegenständen unter mangelnden hygienischen Umständen durchgeführt. Durch die Arbeit der Association Bangr Nooma in dem Dorf von Frau Gira wurden viele BewohnerInnen über die Folgen und Hintergründe zu FGM aufgeklärt. Frau Gira konnte von einem der Mikrokredite durch ABN profitieren, der ihr dabei geholfen hat, sich nach dem Ausstieg beruflich umzuorientieren. ABN ist eine wichtige Organisation im nationalen Kampf gegen die Weiterführung der Beschneidungspraktik in Burkina Faso.

Die Arbeit der „Association Bangr Nooma“ in Burkina Faso

Die Association Bangr Nooma ist eine Partnerorganisation von TERRE DES FEMMES, gegründet im Jahr 1998 von Rakieta Poyga, die nach wie vor die Organisation leitet. ABN führt Projekte in drei Regionen Burkina Fasos durch, u. a. in der Hauptstadt. Sie betreiben Aufklärungsarbeit und sensibilisieren die Bevölkerung in enger Zusammenarbeit mit lokalen Dorfchefs und MultiplikatorInnen. Zur Überwindung der Praktik FGM gibt es ein initiiertes Dreiphasenmodell mit der Aktivierung von Dorfchefs zu Beginn, anschließend der Ausbildung von MultiplikatorInnen und schließlich der Sensibilisierung der Bevölkerung. Bangr Nooma unterstützt ehemalige Beschneiderinnen und deren Assistentinnen durch Mikrokredite, da diese zumeist durch die Aufgabe ihres Berufs nicht nur ihre gute Stellung sondern auch ihre Existenz verlieren, und bietet darüber hinaus auch medizinische Untersuchungen für Betroffene an. Einer ihrer größten Erfolge war zum Beispiel ein großes Fest im Jahr 2016 in der Dorfregion Toukin, bei der öffentlich in einer Zeremonie die Beerdigung von Beschneidungswerkzeugen zelebriert wurde als Symbol für die Beendigung dieser Tradition. Insgesamt haben über 1.000 Menschen an dieser Zeremonie teilgenommen, u. a. auch Vertreterinnen des Frauenministeriums und soziale Autoritäten wie die Dorfchefs.

Unterstützen Sie uns!

Um zu einem Wandel von traditionellen Normen zu gelangen, sodass künftige Generationen vor weiblicher Genitalverstümmelung geschützt und bewahrt werden, brauchen wir einen langen Atem und viel Unterstützung.

Wenn sie TERRE DE FEMMES oder auch unsere Partnerorganisation Association Bangr Nooma im Kampf gegen FGM unterstützen wollen, freuen wir uns über jede Initiative oder Spende

 

Quellen:

 

Stand: 05/2017

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