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Weibliche Genitalverstümmelung unter weißen ChristInnen in den USA

Die 72-jährige US-amerikanische Künstlerin Renee Bergstrom hat vor kurzem im britischen The Guardian ihren Leidensweg als Betroffene von weiblicher Genitalverstümmelung in einem mutigen und sehr persönlichen Artikel mit der Öffentlichkeit geteilt, um zur Aufklärung des Themas beizutragen.

Denn entgegen aller Vorurteile ist Bergstrom eine weiße Christin aus Amerikas ländlichem Mittelwesten. Dem Guardian hat sie ihre Geschichte erzählt. 1947 wurde ihre Klitoris von einem Arzt entfernt. In einem christlichen Krankenhaus, welches solche Eingriffe an Mädchen vollzog, um sie vom Masturbieren zu “heilen”. Sie war zu diesem Zeitpunkt drei Jahre alt. Renee Bergstrom kann sich an furchtbare Schmerzen erinnern und an das Gefühl, betrogen worden zu sein. Ihr wurde verboten, über den Eingriff zu sprechen. Mit dem Eintritt in die Pubertät fing sie dann aber an, sich Fragen zu stellen. Was fehlte ihr genau? Wie fühlte es sich an, “komplett” zu sein? Sie konnte mit niemandem über diese Fragen sprechen.

Mit 15 suchte sie einen Arzt auf, weil das Narbengewebe ein Ziehen verursacht hatte. Ohne es zu wissen, landete sie in derselben Klinik, in der damals ihre Klitoris entfernt wurde. Der dortige Arzt beschämte sie und gab ihr lediglich eine Broschüre mit dem Titel “Die Sünde der Selbstbefriedigung”, anstatt sie zu behandeln. Bergstrom erzählt auch, wie sie fast an der Geburt ihres ersten Kindes gestorben wäre. Wie so viele Frauen auf der ganzen Welt wusste sie nicht, dass das Narbengewebe ihres Genitals sich nicht dehnte. Eigentlich wollte sie die Geburt bei vollem Bewusstsein miterleben, aber der anwesende Arzt musste einen umfangreichen Dammschnitt durchführen, für den er sie unter Vollnarkose setzen musste. Der Arzt war schockiert und reagierte mitfühlend, als sie ihm später von der Herkunft ihrer Narbe erzählte.

Bedauerlicherweise stand er für ihre nächsten beiden Schwangerschaften nicht mehr zur Verfügung. Der neue behandelnde Arzt sah sie als wissenschaftliches Experiment an. Ein weiterer Chirurg bot ihr an, eine ihrer Brustwarzen zu entfernen und als künstliche Klitoris zu verwenden. Sie fand diese Herangehensweisen abstoßend und lehnte sie ab. So lebte sie noch weitere 50 Jahre mit ihren Beschwerden, bis ihr Körper das Narbengewebe während der Wechseljahre schließlich von selbst abstieß.

Vergeben heißt nicht vergessen

Heute muss sie nicht länger mit der physischen Erinnerung an den Eingriff leben und hat denen, die daran beteiligt waren, verziehen. Verzeihen heißt für sie jedoch nicht vergessen, daher arbeitet sie heute gemeinsam mit anderen Frauen, die von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen sind. Zusammen mit ihrer Freundin Filsan Ali hat sie eine Aufklärungsbroschüre für schwangere infibulierte Frauen aus Somalia entworfen (Infibulation: Typ III nach WHO: vollständige Entfernung des weiblichen Genitals sowie Zunähen der vaginalen Öffnung). Die Broschüre ist für Schwangere und ihre ÄrztInnen vorgesehen und soll dazu anregen, die vernarbte Naht zu öffnen, anstatt unnötige Kaiserschnitte durchzuführen.

Als Antrieb für die Veröffentlichung ihrer Geschichte nennt Bergstrom die wachsende Sorge angesichts des zunehmenden Hasses und der Respektlosigkeiten, welche Frauen, anderen Kulturen und Religionen entgegenschlagen – ganz so, als hätten ChristInnen in den USA eine vollkommen unschuldige Vergangenheit.

Weibliche Genitalverstümmelung, so Bergstrom, sei keine Schande, sondern Teil ihrer Geschichte. Sie habe selbst durchlebt, wie christliche Religionen Selbstbefriedigung als Sünde bezeichneten, wie manche KirchenführerInnen und ÄrztInnen Beschneidung als Prävention davon propagierten, wie ÄrztInnen die Prozedur durchführten sowie davon, wie ihre eigene amerikanische Kultur diese Form des sexuellen Missbrauchs erst akzeptierte, um anschließend so zu tun, als hätte sie nie existiert.

“Mein Traum für unser Land ist es, für unser Mitgefühl und unseren gerechten Umgang mit all jenen, die leiden oder gelitten haben, bekannt zu sein. Mein Traum für die Welt ist es, dass praktizierende Kulturen weibliche Genitalverstümmelung beenden, damit Frauen überall sich als Ganzes empfinden können. So wie es, wie ich glaube, von unserem Schöpfer vorgesehen ist. Meine Hoffnung ist es, dass wir uns von Unterdrückung und Missbrauch freifliegen können. Mit 72 habe ich, Renee die Künstlerin, meine Stimme all denen angeschlossen, die sich über den kulturellem und gesellschaftlichem Druck zum Stillschweigen erhoben haben und das Thema entschlossen zur Sprache bringen.”, so die bewegenden Worte der Künstlerin.

Weitere Fälle

Bergstrom ist bei weitem nicht die einzige weiße Christin, die in den USA Genitalverstümmelung erleiden musste. So berichten drei Frauen auf einer Aufklärungsseite, welche sich hauptsächlich gegen die in den USA fast universell praktizierte Jungenbeschneidung, genauso aber gegen jedwede andere Beschneidung wendet, davon, in jungen Jahren beschnitten worden zu sein.

Die erste Frau, die ihre Geschichte auf der Seite erzählt, ist eine irisch-jüdisch-stämmige Katholikin. Ihre jüdische Mutter war vor der Heirat mit ihrem Vater zum Katholizismus konvertiert. Sie berichtet davon, vom gleichen Kinderarzt, der auch ihre Brüder beschnitten hatte, als Kleinkind genitalverstümmelt worden zu sein: ihre Klitorisvorhaut sowie ihre inneren Schamlippen waren entfernt worden, als sie zwei Jahre alt war. Sie erfuhr dies nur, weil verschiedene Sexualpartner die ungewöhnlich “perfekte” Form ihrer Vagina kommentiert hatten. Nach mühsamer, monatelanger Suche fand sie den Kinderarzt, der den Eingriff damals vollzogen hatte – auf Wunsch ihrer Mutter. Als sie ihre Mutter damit konfrontierte, beharrte diese darauf, immer nur das Beste für ihre Kinder getan zu haben, weigerte sich danach jedoch, weiter davon zu sprechen. Heute leidet sie unter anderem darunter, dass schon der leichte Kontakt mit Unterwäsche ihre ungeschützte Klitoris wundreibt.

Die zweite Fallgeschichte handelt von einer Frau, die in den 50iger Jahren in den USA genitalverstümmelt wurde. Sie beschreibt sich selbst als “weiße angelsächsische Protestantin”. Auch ihr wurden die Klitorisvorhaut sowie die inneren Schamlippen entfernt. Sie erfuhr dies erst, als sie schon über 50 Jahre alt war. Ihr ganzes Leben lang stieß sie alle weg, die ihr nahe sein wollten, lebte voller Wut und Groll und wollte am liebsten tot sein – ohne zu wissen, warum.

Im Zuge ihrer Arbeit in der Krisenberatung begann sie, sich gegen die Beschneidung von Jungen einzusetzen. Durch eine Reihe von Zufällen, so berichtet sie, fand sie schließlich heraus, dass sie selbst beschnitten worden war. Nun machte alles Sinn – ihr Verhalten und ihre Gefühle waren all die Jahre lang die einer traumatisierten Frau. Sie fand einen Therapeuten, dem sie anvertrauen konnte, was mit ihr geschehen war, und konnte ihr Trauma mit seiner Hilfe bewältigen.

Heute ist sie selbst Hypnotherapeutin und hat eine Autobiografie über ihre Geschichte geschrieben: The Rape of Innocence (Die Vergewaltigung der Unschuld, bei Amazon erhältlich). Sie hofft, durch das Buch mehr Frauen zu erreichen, die dasselbe erlebt haben und sich mit ihr darüber austauschen wollen.

Die dritte Leidensgeschichte handelt von einer heute über 60-jährigen irisch-englischstämmigen Kanadierin. Zum Zeitpunkt ihres Blogeintrags hatte sie erst vor wenigen Wochen erfahren, dass sie genitalverstümmelt ist. Durch den Vergleich mit Bildern von Vaginas im Internet war ihr bewusst geworden, dass Teile ihrer eigenen Vagina fehlten. Sie rief daraufhin ihre jüngste Schwester an. Diese versicherte ihr, dass es in der oberen Vaginalregion etwas gab, das man spüren konnte und das sich gut anfühlte, wenn man es berührte: die Klitoris. Interessiert rief sie ihre andere Schwester an. Diese wollte nicht über das Thema sprechen, sondern sagte nur, dass sie an Selbsterkundung nicht interessiert und dass Sex für sie immer schmerzhaft gewesen sei. Im Nachhinein, schreibt sie, sei diese Schwester höchstwahrscheinlich auch genitalverstümmelt. Verwirrt recherchierte die Kanadierin danach im Internet weiter. Und stieß auf Informationen, die besagten, dass “Klitoridektomie” (Entfernen der Klitoris) in Nordamerika bis in die 50iger Jahre recht verbreitet und bis 1977 sogar vom Blue Cross Shield, dem größten Krankenversicherer Nordamerikas, übernommen wurde.

Kurz darauf begann sie, Flashbacks zu haben. Sie erinnerte sich daran, dass sie im Alter von drei oder vier Jahren ihre Mutter nach dem “Ding” zwischen ihren Beinen fragte und ihre Mutter, eine strenggläubige Katholikin, sie daraufhin davon überzeugte, dass das “Ding da unten” sie verstören und aufregen würde und sie es eigentlich gar nicht haben wollte. Sie würde sie deswegen “schön hübsch” machen lassen. An den eigentlichen Eingriff erinnert sich die Kanadierin nicht, jedoch daran, dass die Mutter öfters die Wunden pflegen musste und ihr dabei jedes Mal sagte, dass sie nun “schön hübsch” sei. Zu dem Zeitpunkt wollte sie, was sie eigentlich schon wusste, noch immer nicht wahrhaben. Trotzdem zeigte sie ihre Vagina einer Freundin, der sie vertraute. Die Freundin schließlich sagte ihr die traurige Wahrheit: ihre Klitoris sowie die Vorhaut waren entfernt worden. Es war kein Narbengewebe zu sehen – “schön hübsch” eben!

Nach dieser Erkenntnis folgten weitere Flashbacks. Erinnerungen an den Schmerz des Eingriffes und wie lange es danach noch wehtat. Wie weh es tat, zu urinieren. Außerdem entwickelte sie starke Phantomschmerzen, die sie all die Jahre komplett verdrängt hatte.Sie hat nun eine Erklärung dafür, warum sie häufig dissoziative Phasen hat, warum sie oft unsicher und ängstlich ist und so viel Zuspruch von außen benötigt – ein Teil von ihr hat das Kindheitstrauma der Genitalverstümmelung nie bewältigt und ist daher auch nie erwachsen geworden. Auch bezüglich ihrer Sexualität, sagt sie von sich, habe sie nie die Reife einer Erwachsenen entwickelt, sondern sich wie ein kleines Mädchen ausschließlich an ihrem Ehemann orientiert. In ihren eigenen, bitter aufstoßenden Worten: “Ich werde nie erfahren, was ich nie erfahren können werde.”

Tatsächlich ist gut belegt, dass weibliche Genitalverstümmelung auch in westlichen Gesellschaften eine lange Tradition hat. Im 19. Jahrhundert etwa wurde sie auch in Europa zur „Heilung“ einer ganzen Reihe von angeblichen „Frauenleiden“ wie Hysterie, Epilepsie, Katalepsie, Masturbation, sowie aus hygienischen Gründen durchgeführt. Da die Eingriffe stets von Fachpersonal aus scheinbar notwendigen medizinischen Gründen durchgeführt wurden, sah man sie als etwas völlig anderes als die „barbarischen Traditionen“ sogenannter „primitiver Völker“ an.

TERRE DES FEMMES kritisiert solche Formen medikalisierter Genitalverstümmelungen stark. Weibliche Genitalverstümmelung ist immer eine schwere Menschenrechtsverletzung und verfolgt ein Leben lang. Sie wurde und wird weltweit von unterschiedlichen Gruppen praktiziert. Betroffene leiden stark unter den physischen und psychischen Folgen.

TERRE DES FEMMES setzt sich für eine umfassende Aufklärung des Themas ein, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in praktizierenden Communities selbst. Jede Frau hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit!

 

 

Weiterführende Informationen:

 

Stand: 12/2016