Ereignisse aus dem Jahr 2014

Sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt kann verschiedenste Formen annehmen, die Vergewaltigung ist eine besonders schwere von ihnen. Weil sich Betroffene immer noch viel zu häufig davor fürchten  Anzeige zu erstatten, sei es aufgrund der Angst davor, sozial gebrandmarkt zu sein oder aber weil die Schilderung des Erlebten zu belastend ist, geht man von einer enorm hohen Dunkelziffer aus. Zwischen 7.000 und 8.000 Vergewaltigungen werden in Deutschland jährlich zur Anzeige gebracht – die Dunkelziffer liegt jedoch bei etwa 160.000. Und noch ein weiterer Faktor hält Betroffene davon ab, Anzeige zu erstatten: Die Verurteilungsquote in Deutschland liegt derzeit bei lediglich etwa 13 Prozent. Mit Blick auf die Dunkelziffer bedeutet dies, dass weniger als 1 Prozent der Täter bei einer Vergewaltigung bestraft werden.

Am 25. November 2013 haben wir darum die Unterschriftenaktion „Vergewaltigung – Schluss mit Straflosigkeit!“ gestartet, die bis Ende April 2014 lief. Knapp 29.000 Menschen haben unterschrieben und unterstützen unsere Forderungen nach einer Reform des Sexualstrafrechts und einem gesetzlichen Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung für Betroffene. Auch der Deutschen Juristinnenbund und das Deutsche Institut für Menschenrechte schlossen sich unseren Forderungen an und sehen Handlungsbedarf.

Zwar hat Deutschland diverse internationale Übereinkommen zum Schutz von Frauenrechten unterzeichnet, kommt diesen jedoch schlicht nicht nach. Das herrschende deutsche Sexualstrafrecht ist immer noch rückständig und reformbedürftig. In seiner aktuellen Form weist das Gesetz Schutzlücken auf und steht im Widerspruch zu internationalen Menschenrechtskonventionen und der UN-Frauenrechtskonvention CEDAW. Wir haben daher Justizminister Heiko Maas dazu aufgefordert, bei der bereits angekündigten Sexualstrafrechtsreform die internationalen Abkommen endlich umzusetzen. 

Am 7. Mai 2014 übergaben die damalige TDF-Vorsitzende Irmingard Schewe-Gerigk und TDF-Referentin Birte Rohles die Unterschriftenliste an das Justizministerium. Anschließend erörterten sie unsere Forderungen in einem Gespräch mit dem parlamentarischen Staatssekretär Christian Lange.

Um unseren Forderungen noch mehr Nachdruck zu verleihen, organisierte TDF gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (KOK) am 8. Oktober die Fachkonferenz Fokus Frauenrechte: Welche Konsequenzen haben die EU-Richtlinie gegen Menschenhandel und die Europaratskonvention von Istanbul?". Gemeinsam erarbeiteten die Teilnehmenden wesentlichen Punkte der Rechtsdokumente und deren Folgen für das deutsche Recht. Im Rahmen der Konferenz haben wir die Schwerpunktthemen Opferrechte und Opferschutz sowie das Sexualstrafrecht mit VertreterInnen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft sowie Zivilgesellschaft diskutiert.

In immer mehr Bundesländern besteht mittlerweile die Möglichkeit zur anonymen Spurensicherung (ASS). Nach einer Vergewaltigung können so Spuren gerichtsfest gesichert werden, ohne dass eine Anzeige bei der Polizei vorliegen muss. Damit Betroffene herausfinden können, wo die anonyme Spurensicherung angeboten wird, hat TDF eine Karte erstellt, die über unsere Homepage aufgerufen werden kann. Deutschlandweit werden hier Anlaufstellen für die anonyme Spurensicherung angezeigt. Lediglich Berlin und Thüringen bieten das Verfahren noch nicht an. Da viele Strafverfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt werden, ist die anzeigenunabhängige Spurensicherung ein wichtiges Mittel, um Spuren zu sichern, den Betroffenen aber trotz allem ausreichend Bedenkzeit einzuräumen, bevor sie sich für eine Anzeige entscheiden.

Häusliche Gewalt

Eine neue Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte  (FRA) zu Häuslicher, körperlicher, sexueller sowie psychischer Gewalt hat gezeigt, wie erschreckend weit verbreitet Gewalt gegen Frauen in Europa ist. Jede dritte der befragten Frauen gab an, seit ihrem 15. Lebensjahr schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Aufgrund der darauf folgenden hohen Resonanz in den Medien hat TDF nach der Veröffentlichung der Studie mehrere Interviews gegeben und sich dafür eingesetzt, dass Häusliche Gewalt nicht weiter als Tabuthema behandelt wird. Denn über Aufklärungsarbeit kann Betroffenen die Scheu davor genommen werden, sich an Beratungsstellen zu wenden und Hilfe zu suchen.

Eine weitere Aktion im Rahmen unserer Aufklärungsarbeit ist die Filmkooperation „Die Frau des Polizisten“, die ab März 2014 in den deutschen Kinos zu sehen war. Der deutsche Spielfilm von Regisseur Philip Gröning thematisiert häusliche Gewalt und wurde bereits bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Er zeigt die Zerbrechlichkeit von idyllischen Familienbildern und die gefährliche Dynamik von Abhängigkeit, Intimität und Gewalt in der Beziehung eines jungen Paares.

Auch Jugendliche sind bereits früh von Beziehungsgewalt betroffen. Um bei ihnen ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen, hat TDF auch 2014 ein Präventionsprojekt im Berliner Wedding weitergeführt, das wir bereits Anfang 2013 begonnen haben. Ziel ist es, Jugendliche über verschiedene Erscheinungsformen von Gewalt aufzuklären. Nicht nur eine Studie der Fachhochschule Fulda, sondern auch unsere eigenen Erfahrungen im Rahmen des Projektes zeigen, dass schon junge Menschen Gewalt und psychischem Zwang in Beziehungen ausgesetzt sind.

Im Februar und März haben die teilnehmenden Jugendlichen im Zuge des Projektes an Comic-Workshops teilgenommen, in denen sie Zeichnen gelernt haben und gemeinsam mit professionellen Comic-ZeichnerInnen und BeraterInnen an Perspektiven für gewaltfreie Beziehungsstrukturen arbeiten konnten.

ArbeitgeberInnen bleiben die massiven physischen und psychischen Belastungen, die Häusliche Gewalt hervorrufen kann oftmals nicht verborgen. Höhere Fehlzeiten und geringere Arbeitsleistung, aber auch unerwünschte Anrufe, E-Mails oder Besuche des Täters am Arbeitsplatz können Zeichen für Häusliche Gewalt sein. TDF setzt sich seit mehreren Jahren im Rahmen der Workplace Policy dafür ein, dass ArbeitgeberInnen lernen, diese Zeichen zu deuten und aktiv in die Bekämpfung von Häuslicher Gewalt eingebunden werden.

Dafür engagiert sich TDF in dem Deutschen Global Compact Netzwerk, einem Zusammenschluss von Unternehmen, die sich zur Einhaltung bestimmter Prinzipien zur verantwortungsvollen Unternehmensführung verpflichtet haben. TDF hat im Zuge dessen dieses Jahr in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk die Broschüre „Menschenrechte fördern, Unternehmen stärken“ veröffentlicht.

Auf internationaler Ebene ist TDF zudem Mitglied in dem Netzwerk DV@WorkNet, das sich im Herbst 2014 in Toronto, Kanada, getroffen hat. Ziel ist es, einen Austausch zwischen relevanten Akteuren aus dem Bereich „Häusliche Gewalt am Arbeitsplatz“ zu ermöglichen, sei es über Erfahrungen, erarbeitetes Wissen, Methoden oder aber entwickelte Maßnahmen, um dem Problem effektiv entgegenzuwirken.

Sexistische Werbung

Pünktlich zum Internationalen Tag „NEIN zu Gewalt an Frauen“ am 25. November hat TDF zum ersten Mal den „Zornigen Kaktus“ für besonders sexistische Werbung verliehen. Aus etwa 200 eingereichten Vorschlägen hat die Jury (bestehend aus Stevie Schmiedel/Pinkstinks, Stefanie Lohaus/Missy Magazin und Jasna Strick/#aufschrei) vier Vorschläge ausgewählt, über die abgestimmt werden konnte. „Gewinner“ war der Sportverein Füchse Berlin.

Leider werden in der Werbeindustrie immer noch viel zu häufig Geschlechterklischees und Rollenbilder genutzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Alltäglich ist der Anblick von leicht bekleideten Frauen, die Werbung machen für Produkte, bei denen ein inhaltlicher Zusammenhang nicht einmal im Entferntesten zu erkennen ist. Nach einer Demonstration gegen sexistische Werbung im Jahr 2013, bei der TDF-Referentin Birte Rohles bereits deutlich die Zusammenhänge zwischen frauenfeindlicher Werbung und Gewalt an Frauen aufgezeigt hat, macht TDF mit dem „Zornigen Kaktus“ weiterhin auf Missstände aufmerksam und setzt sich dafür ein, dass Rollenklischees und stereotypisierte Körperschönheitsideale aus der Werbung verbannt werden.

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