30.05.2011: Stellungnahme zum "Kachelmann-Prozess": Die Macht der (prominenten) Männer

Der Fall Kachelmann und die Anzeige gegen Dominique Strauss-Kahn beschäftigt momentan die Medienberichterstattung und ganz Deutschland diskutiert über deren mögliche Täterschaft. Das Leid der beiden Opfer kommt dabei kaum zur Sprache.

Gewalt gegen Frauen symbolisiert auf schmerzhafte Art und Weise die immer noch deutlich existierende Machtdifferenz zwischen Männern und Frauen. Eine Vergewaltigung ist einer der schlimmsten Ausdrücke von Macht, die ein Mann an einer Frau ausüben kann. Im Gegensatz zu Häuslicher Gewalt, bei der in Ausnahmefällen auch Männer die Opfer sein können – worauf Männer gerne lautstark und übertrieben hinweisen, – wird sexuelle Gewalt fast ausschließlich von Männern an Frauen ausgeübt.

Vergewaltigungen geschehen täglich und meistens nicht durch einen Unbekannten. Die Hälfte  der Vergewaltigungen passiert innerhalb einer Beziehung, innerhalb der Familie oder innerhalb des Freundes- und Bekanntenkreises. Und es geschieht weitgehend unbemerkt: Die Dunkelfeldforschung geht davon aus, dass nur 5% der Sexualstraftaten überhaupt zu einer Anzeige gebracht werden. In Deutschland sind das immerhin 8.000 Fälle jährlich.

Die Gründe für die geringe Anzeigenbereitschaft auf Seiten der Frauen sind vielfältig: Die Hürde, seinen Partner oder einen Freund anzuzeigen, ist für viele Frauen eher hoch. Sie fürchten sich vor den Konsequenzen auch innerhalb ihrer Familie oder ihres Freundeskreises. Doch wie lässt sich eine Vergewaltigung innerhalb einer Beziehung beweisen? Sobald die Frau den Schritt zu einer Anzeige gewagt hat, erwartet sie eine langwierige Prozedur von Verhören und Gerichtsterminen. Dadurch werden bei ihr traumatische Gefühle wie Ohnmacht, Angst, Hilflosigkeit und Scham reaktiviert. Eine Frau muss sehr stark sein und eine gute Begleitung haben, um mit dieser belastenden Situation gut umgehen zu können. Beraterinnen sind inzwischen in der Bredouille, ob sie ihren Klientinnen überhaupt noch zu einer Anzeige und somit zu einem langwierigen und schwierigen Prozess raten sollen, der in der Regel zu einem Freispruch des Mannes führt.

Die Ungleichheit der Mittel

Für viele Frauen stellt ein Gerichtsverfahren auch ein finanzielles Problem dar, insbesondere, wenn sie gegen ihren Ehemann vorgehen oder, wie im Fall Kachelmann, gegen einen Prominenten. Hier zeigt sich sehr deutlich die Ungleichheit der Mittel: Herr Kachelmann konnte sich nicht nur zwei Anwälte leisten, sondern für ihn stellte es auch kein Problem dar, sich während des laufenden Verfahrens einen Hamburger Staranwalt als Verteidiger an seine Seite zu holen. Noch extremer verhält es sich bei der Anklage von Dominique Strauss-Kahn. Dem ehemaligen IWF-Chef steht der New Yorker Promianwalt Benjamin Brafman zur Seite. Laut SpiegelOnline wird Brafmann die Klägerin „gnadenlos zerpflücken“. Genug Erfahrung bringt Brafman dafür mit. Neben Footballstars, Mafiosis und Diskokönigen war Brafman zeitweise auch für Michal Jackson als Anwalt tätig. Er residiert mit seiner Anwaltskanzlei im 26. Stock eines Manhattener Hochhauses – die Hotelangestellte hingegen ist vor einigen Jahren aus einem der ärmsten Länder der Welt in die USA eingewandert und lebt im New Yorker Stadtteil Bronx. Den Fall als David gegen Goliath zu bezeichnen wäre wahrscheinlich eine große Untertreibung.

Für die meisten betroffenen Frauen ist ein solcher anwaltlicher Beistand, wie ihn Kachelmann und Strauss-Kahn erhalten, undenkbar. Häufig scheitert es schon an der Begleitung durch eine Beraterin einer Frauenberatungsstelle. Durch die Unterfinanzierung von Frauenberatungsstellen können die Beraterinnen eine solch zeitintensive und selbst von RichterInnen gewünschte Arbeit meist nur schwer leisten.

Somit wundert es kaum, dass unter solchen Umständen von den angezeigten Fällen letztendlich etwa lediglich 14% zu einer Verurteilung führen. Vor dem Gericht sind alle gleich? Nein, auch vor Gericht zeigen sich in aller Deutlichkeit gesellschaftliche Machtverhältnisse auf.

Vergewaltigung als „Sex-Affäre“

Neben den Problemen bei einem Gerichtsverfahren haben Frauen, die ihre Vergewaltigung an die Öffentlichkeit bringen möchten, mit weiteren Problemen zu kämpfen: Sie müssen erleben, dass sie selbst mit Vorurteilen konfrontiert werden und dass ihnen die Verantwortung für das Geschehen zugewiesen wird. Somit machen in den Medien ausführlich diskutierte Fälle, wie der von Kachelmann und von Strauss-Kahn, betroffenen Frauen wenig Mut. Die öffentliche Demontierung der Klägerin im Kachelmann-Prozess und ihrer Glaubwürdigkeit ruft bei anderen betroffenen Frauen enorme Zweifel hervor, ihren eigenen Fall anzuzeigen.

Die Öffentlichkeit, die Medien und die Gesellschaft senden an gewalttätige Männer, an potenzielle und tatsächliche Täter ein falsches Signal. Ihnen wird nicht gezeigt, dass eine Vergewaltigung eine Straftat ist. Vergewaltigungen werden in anerkannten Medien als „Sex-Affäre“ bezeichnet und es wird somit ein Einverständnis suggeriert, das aller Wahrscheinlichkeit nach nicht vorhanden war. Männer, die der Vergewaltigung beschuldigt werden, haben einfach ihre Lust „nicht recht im Griff“, „stolpern über ihre Hormone“ und ihr Verhalten wird damit entschuldigt, dass sie „kein Kind von Traurigkeit“ sind. Prominente Beschuldigte werden von anderen Prominenten verteidigt. Bernard-Henri Lévy bezeichnet zum Beispiel die Verhaftung Strauss-Kahns als „puritanischen Irrsinn“. Anerkannte Journalistinnen schlagen sich bereits zu Beginn des Verfahrens gegen Kachelmann auf seine Seite und diffamieren die gesamte Wissenschaft  der Traumatologie als eine „Glaubensgemeinschaft“.

In der Gesellschaft herrscht kein Konsens darüber, dass das Schlagen, Vergewaltigen, Kaufen und Erniedrigen von Frauen ein extrem menschenverachtendes Verhalten ist. Nein, im Gegenteil: Bei einigen deutschen Großkonzernen, wie zuletzt bei der Ergo-Versicherungsgruppe, dürfen sich besonders erfolgreiche Vertreter zur Belohnung an Frauen in einer Sauna „bedienen“. Frauen werden zur Ware degradiert.

Und Kachelmann? Was sich genau in dieser Beziehung abgespielt hat wissen wohl nur die beiden Beteiligten. Der Medienrummel um diesen Prozess, die lautstarken Vorverurteilungen auch von einigen Frauen und die gut bezahlte Verteidigung des Prominenten haben auf jeden Fall dafür gesorgt, dass Frauen, die vergewaltigt wurden, sich in Zukunft noch stärker überlegen, ob sie sich einem Strafverfahren aussetzen sollen.

 

Berlin, 30.05.2011

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TERRE DES FEMMES ist eine gemeinnützige Menschenrechtsorganisation für Frauen und Mädchen, die durch Aktionen, Öffentlichkeitsarbeit, Einzelfallhilfe, Förderung von Projekten und internationale Vernetzung von Gewalt betroffene Frauen unterstützt. Schwerpunktthemen sind Häusliche Gewalt, Zwangsheirat und Ehrverbrechen, weibliche Genitalverstümmelung, Frauenhandel und Zwangsprostitution. 

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