Sexualisierte Gewalt an Hochschule: EU-Studie fördert drastische Zahlen zutage

Demo "Nein heisst Nein". Foto: © TERRE DES FEMMESDemo "Nein heisst Nein". Foto: © TERRE DES FEMMESSexualisierte Gewalt ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. In welchem Ausmaß Menschen davon betroffen sind, wird uns nun erneut durch #metoo vor Augen geführt - ein Tweet, der Betroffene von sexualisierter Gewalt dazu ermutigt, ihre Stimme zu erheben und eigene Erfahrungen zu teilen. Die Posts bewegen Millionen von Menschen dazu, das Thema in den sozialen Medien zu diskutieren. Die Vergewaltigungs- und Missbrauchsvorwürfe gegen den US-Filmproduzenten Harvey Weinstein waren Anlass für den medialen Aufruhr und zeigen auf drastische Weise, wie weit verbreitet Sexismus und sexualisierte Gewalt in der Filmindustrie sind.

Dabei beschränken sich solche Geschehnisse nicht auf die Branche des Films und Fernsehens. Sexismus und sexualisierte Gewalt sind allgegenwärtig: von Schulen über Hochschulen bis zum Arbeitsplatz. Damit verbunden ist häufig ein Machtgefälle, das es den Betroffenen extrem schwer macht, sich gegen die Taten zur Wehr zu setzen.

Mehrere nationale und EU-weite Studien der letzten Jahre zeichnen ein erschreckendes Bild von sexualisierter Gewalt auch an Hochschulen: besonders junge Frauen zwischen 18 und 29 sind von sexueller Belästigung betroffen,  erlebt haben sie fast 40 Prozent unter ihnen allein im Jahr 2013. Die Studie “Gender Based Violence, Stalking and Fear of Crime”, an der fünf EU-Mitgliedsstaaten, darunter auch Deutschland, teilnahmen, ergab, dass zwischen 30 und fast 50 Prozent der Frauen in höheren Bildungseinrichtungen schon einmal schwere Formen sexualisierter Gewalt erlebt haben. Bei der Frage nach Erlebnissen verbunden mit sexueller Belästigung gaben fast 50 bis knapp 70 Prozent der Befragten an, diese schon einmal erfahren zu haben. Täter waren dabei in den meisten Fällen Männer (96 bis 97 Prozent), häufig Kommilitonen, gelegentlich auch Lehrende. Das von der EU geförderte Projekt „It stops now. - Ending Sexual Harassment and Violence in Third Level Education“ (ESHTE) setzt sich auf Grundlage der Studien der letzten Jahre daher für ein institutionenübergreifendes Gesamtkonzept gegen sexualisierte Gewalt an Hochschulen ein und arbeitet Präventiv- ebenso wie Interventionsmaßnahmen aus.

Sexuelle Belästigung und schwerere Formen sexualisierter Gewalt an Hochschulen können weitreichende Folgen für die Betroffenen und die Gesellschaft mit sich bringen. Neben psychischen Krankheiten, die oft auch zu einer Beeinträchtigung der akademischen Leistung führen, ist häufig zu beobachten, dass Betroffene durch „Fluchtverhalten“ versuchen, das Erlebte in Zukunft zu verhindern. Die Konsequenz: ein Seminar wird gemieden oder der Studiengang wird gewechselt. Dies ist ein trauriger Beleg dafür, dass Betroffene aus Angst vor Nachteilen sich immer noch davor scheuen, das Erlebte anzuzeigen oder publik zu machen. Ein Machtgefälle oder Abhängigkeitsverhältnis kann dafür ebenso ein Grund sein, wie die Furcht davor, gemieden zu werden oder dass das Erlebte angezweifelt wird. Victim blaming im Zusammenhang mit Sexualstraftaten ist keine Seltenheit, wie auch die Eurobarometer-Umfrage des letzten Jahres belegt. Mehr als zwanzig Prozent der Befragten gehen davon aus, dass Frauen eine Mitschuld an der gegen sie gerichteten Gewalt tragen und mindestens eine Person von zehn Befragten denkt, dass Geschlechtsverkehr ohne Einwilligung gerechtfertigt sein kann, beispielsweise, wenn die betroffene Person betrunken ist oder unter Drogen steht. Erschwerend kommt hinzu, dass der Mythos, Gewalt komme nicht in den privilegierteren, bildungsstärkeren Bevölkerungsgruppen vor, weiterhin in der Gesellschaft existent ist. Obwohl dies bereits durch etliche Studien widerlegt wurde und in keiner Weise der Realität entspricht, ist es für Frauen in höheren Bildungseinrichtungen oft schwer, sich dem Erfahrenen zu stellen und es öffentlich zu machen, widerspricht es doch oft dem eigenen Bild von einer selbstsicheren und unabhängigen Frau.

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