Chronik unserer Arbeit und Erfolge

TERRE DES FEMMES arbeitet seit Beginn der 90er Jahre zum Thema Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Stand zunächst die Vergewaltigung in der Ehe auf der Agenda, so verbreiterte sich im Laufe der Zeit der Focus auf Häusliche Gewalt.

Bitte entnehmen Sie den folgenden Texten die genauen Aktivitäten der vergangenen Jahre.

 

Ereignisse aus dem Jahr 2016

Sexualisierte Gewalt

Im Sommer 2016 verabschiedete der Deutsche Bundestag die Reform des Sexualstrafrechts und setzt damit erstmalig konsequent das sexuelle Selbstbestimmungsrecht im Strafrecht um. Im Zentrum der Reform steht der § 177 StGB und die von TDF lang umkämpfte „Nein heißt Nein!“-Lösung. Strafbar macht sich nun nicht mehr nur, wer sexuelle Handlungen mit Gewalt oder Gewaltandrohung erzwingt, sondern wer sich über den erkennbaren Willen einer Person hinwegsetzt. Bereits 2013 hat TDF mit einer Unterschriftenaktion eine Reform des deutschen Sexualstrafrechts gefordert. Sie legte den Grundstein für das Bündnis „Nein heißt Nein!“, das sich mit Aktionen und Protesten immer wieder hartnäckig für einen Paradigmenwechsel im Strafrecht einsetzte. Die Reform ist der größte Lobby-Erfolg in der Geschichte von TERRE DES FEMMES.

Die Reform stellte auch eine Reaktion auf die sexualisierte Gewalt dar, von der Frauen in verschiedenen deutschen Städten an Silvester betroffen waren. TDF gab im Januar 2016 zahlreiche Interviews für Reportagen und Hintergrundberichte zu dem Thema und veröffentlichte ein Statement zu den Geschehnissen, in dem jegliche Form von Gewalt klar verurteilt, ein Generalverdacht gegenüber MigrantInnen jedoch klar abgelehnt wurde.

Häusliche Gewalt

TDF setzt sich seit Jahren unermüdlich dafür ein, dass Häusliche Gewalt nicht länger tabuisiert und als Privatsache angesehen, sondern öffentlich diskutiert wird, um unsere Gesellschaft für die Problematik zu sensibilisieren und Betroffenen Auswege aufzuzeigen.

Jedes Jahr am 25. November, dem Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, lenkt TDF mit spektakulären Aktionen den Blick der Öffentlichkeit auf Missstände bei der Einhaltung der Menschenrechte von Frauen und Mädchen. Unter dem Slogan „Tür auf! Schutzräume für alle gewaltbetroffenen Frauen!“ hat TDF dieses Jahr eine Aktion gestartet, die mit einem Straßentheater auf die mangelnde finanzielle Absicherung und Ausstattung von Frauenhäusern und Beratungsstellen aufmerksam gemacht hat. Allein im Jahr 2011 mussten laut Bericht der Bundesregierung 9000 Frauen von Frauenhäusern abgewiesen werden, sei es aufgrund von Platzmangel, weil die Finanzierung nicht gesichert war oder es keinen barrierefreien Zugang gab. Von der vorgegebenen Quote der Istanbul-Konvention, ein Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häuslicher Gewalt, laut derer ein pro 10.000 EinwohnerInnen eines Staates für 1 Familie Platz sein sollte, ist Deutschland leider noch weit entfernt.

Bereits seit 2007 setzt sich TDF im Bereich Häusliche Gewalt für die Umsetzung des Konzepts der Workplace Policy ein. Unternehmen und Verwaltungen werden im Rahmen des Projektes für das Thema Häusliche Gewalt sensibilisiert, um Betroffenen Schutz und Unterstützung anbieten zu können. Bei der CARVE-Tagung (Companies Against Gender Violence) konnte TDF-Referentin Birte Rohles diese Erfahrung einbringen. Die Konferenz zum Thema „Gewalt am Arbeitsplatz“, die im Juni 2016 in Brüssel stattfand, ermöglichte VertreterInnen von Unternehmen, Gewerkschaften, aus der Wissenschaft und NGOs über das Thema zu diskutieren. Wir waren froh, mit den Ergebnissen unserer langjährigen Arbeit Möglichkeiten aufzeigen zu können, wie ArbeitgeberInnnen Betroffene von Häuslicher Gewalt unterstützen können.

Auch zu der Konferenz des WAVE (Women Against Violence in Europe) Netzwerks in Berlin hat TDF einen Beitrag geleistet. TDF-Referentin Birte Rohles hat im Rahmen der Veranstaltung einen Vortrag gehalten und tauschte sich gemeinsam mit 400 TeilnehmerInnen aus 52 Ländern über das Thema Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen aus. Besonderer Fokus lag auf der Umsetzung der Istanbul-Konvention, die Deutschland zwar unterschrieben, jedoch immer noch nicht ratifiziert hat. 

Ereignisse aus dem Jahr 2014

Sexualisierte Gewalt

Sexualisierte Gewalt kann verschiedenste Formen annehmen, die Vergewaltigung ist eine besonders schwere von ihnen. Weil sich Betroffene immer noch viel zu häufig davor fürchten  Anzeige zu erstatten, sei es aufgrund der Angst davor, sozial gebrandmarkt zu sein oder aber weil die Schilderung des Erlebten zu belastend ist, geht man von einer enorm hohen Dunkelziffer aus. Zwischen 7.000 und 8.000 Vergewaltigungen werden in Deutschland jährlich zur Anzeige gebracht – die Dunkelziffer liegt jedoch bei etwa 160.000. Und noch ein weiterer Faktor hält Betroffene davon ab, Anzeige zu erstatten: Die Verurteilungsquote in Deutschland liegt derzeit bei lediglich etwa 13 Prozent. Mit Blick auf die Dunkelziffer bedeutet dies, dass weniger als 1 Prozent der Täter bei einer Vergewaltigung bestraft werden.

Am 25. November 2013 haben wir darum die Unterschriftenaktion „Vergewaltigung – Schluss mit Straflosigkeit!“ gestartet, die bis Ende April 2014 lief. Knapp 29.000 Menschen haben unterschrieben und unterstützen unsere Forderungen nach einer Reform des Sexualstrafrechts und einem gesetzlichen Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung für Betroffene. Auch der Deutschen Juristinnenbund und das Deutsche Institut für Menschenrechte schlossen sich unseren Forderungen an und sehen Handlungsbedarf.

Zwar hat Deutschland diverse internationale Übereinkommen zum Schutz von Frauenrechten unterzeichnet, kommt diesen jedoch schlicht nicht nach. Das herrschende deutsche Sexualstrafrecht ist immer noch rückständig und reformbedürftig. In seiner aktuellen Form weist das Gesetz Schutzlücken auf und steht im Widerspruch zu internationalen Menschenrechtskonventionen und der UN-Frauenrechtskonvention CEDAW. Wir haben daher Justizminister Heiko Maas dazu aufgefordert, bei der bereits angekündigten Sexualstrafrechtsreform die internationalen Abkommen endlich umzusetzen. 

Am 7. Mai 2014 übergaben die damalige TDF-Vorsitzende Irmingard Schewe-Gerigk und TDF-Referentin Birte Rohles die Unterschriftenliste an das Justizministerium. Anschließend erörterten sie unsere Forderungen in einem Gespräch mit dem parlamentarischen Staatssekretär Christian Lange.

Um unseren Forderungen noch mehr Nachdruck zu verleihen, organisierte TDF gemeinsam mit der Friedrich-Ebert-Stiftung und dem bundesweiten Koordinierungskreis gegen Menschenhandel e.V. (KOK) am 8. Oktober die Fachkonferenz Fokus Frauenrechte: Welche Konsequenzen haben die EU-Richtlinie gegen Menschenhandel und die Europaratskonvention von Istanbul?". Gemeinsam erarbeiteten die Teilnehmenden wesentlichen Punkte der Rechtsdokumente und deren Folgen für das deutsche Recht. Im Rahmen der Konferenz haben wir die Schwerpunktthemen Opferrechte und Opferschutz sowie das Sexualstrafrecht mit VertreterInnen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft sowie Zivilgesellschaft diskutiert.

In immer mehr Bundesländern besteht mittlerweile die Möglichkeit zur anonymen Spurensicherung (ASS). Nach einer Vergewaltigung können so Spuren gerichtsfest gesichert werden, ohne dass eine Anzeige bei der Polizei vorliegen muss. Damit Betroffene herausfinden können, wo die anonyme Spurensicherung angeboten wird, hat TDF eine Karte erstellt, die über unsere Homepage aufgerufen werden kann. Deutschlandweit werden hier Anlaufstellen für die anonyme Spurensicherung angezeigt. Lediglich Berlin und Thüringen bieten das Verfahren noch nicht an. Da viele Strafverfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt werden, ist die anzeigenunabhängige Spurensicherung ein wichtiges Mittel, um Spuren zu sichern, den Betroffenen aber trotz allem ausreichend Bedenkzeit einzuräumen, bevor sie sich für eine Anzeige entscheiden.

Häusliche Gewalt

Eine neue Studie der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte  (FRA) zu Häuslicher, körperlicher, sexueller sowie psychischer Gewalt hat gezeigt, wie erschreckend weit verbreitet Gewalt gegen Frauen in Europa ist. Jede dritte der befragten Frauen gab an, seit ihrem 15. Lebensjahr schon einmal körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Aufgrund der darauf folgenden hohen Resonanz in den Medien hat TDF nach der Veröffentlichung der Studie mehrere Interviews gegeben und sich dafür eingesetzt, dass Häusliche Gewalt nicht weiter als Tabuthema behandelt wird. Denn über Aufklärungsarbeit kann Betroffenen die Scheu davor genommen werden, sich an Beratungsstellen zu wenden und Hilfe zu suchen.

Eine weitere Aktion im Rahmen unserer Aufklärungsarbeit ist die Filmkooperation „Die Frau des Polizisten“, die ab März 2014 in den deutschen Kinos zu sehen war. Der deutsche Spielfilm von Regisseur Philip Gröning thematisiert häusliche Gewalt und wurde bereits bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. Er zeigt die Zerbrechlichkeit von idyllischen Familienbildern und die gefährliche Dynamik von Abhängigkeit, Intimität und Gewalt in der Beziehung eines jungen Paares.

Auch Jugendliche sind bereits früh von Beziehungsgewalt betroffen. Um bei ihnen ein Bewusstsein für diese Problematik zu schaffen, hat TDF auch 2014 ein Präventionsprojekt im Berliner Wedding weitergeführt, das wir bereits Anfang 2013 begonnen haben. Ziel ist es, Jugendliche über verschiedene Erscheinungsformen von Gewalt aufzuklären. Nicht nur eine Studie der Fachhochschule Fulda, sondern auch unsere eigenen Erfahrungen im Rahmen des Projektes zeigen, dass schon junge Menschen Gewalt und psychischem Zwang in Beziehungen ausgesetzt sind.

Im Februar und März haben die teilnehmenden Jugendlichen im Zuge des Projektes an Comic-Workshops teilgenommen, in denen sie Zeichnen gelernt haben und gemeinsam mit professionellen Comic-ZeichnerInnen und BeraterInnen an Perspektiven für gewaltfreie Beziehungsstrukturen arbeiten konnten.

ArbeitgeberInnen bleiben die massiven physischen und psychischen Belastungen, die Häusliche Gewalt hervorrufen kann oftmals nicht verborgen. Höhere Fehlzeiten und geringere Arbeitsleistung, aber auch unerwünschte Anrufe, E-Mails oder Besuche des Täters am Arbeitsplatz können Zeichen für Häusliche Gewalt sein. TDF setzt sich seit mehreren Jahren im Rahmen der Workplace Policy dafür ein, dass ArbeitgeberInnen lernen, diese Zeichen zu deuten und aktiv in die Bekämpfung von Häuslicher Gewalt eingebunden werden.

Dafür engagiert sich TDF in dem Deutschen Global Compact Netzwerk, einem Zusammenschluss von Unternehmen, die sich zur Einhaltung bestimmter Prinzipien zur verantwortungsvollen Unternehmensführung verpflichtet haben. TDF hat im Zuge dessen dieses Jahr in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk die Broschüre „Menschenrechte fördern, Unternehmen stärken“ veröffentlicht.

Auf internationaler Ebene ist TDF zudem Mitglied in dem Netzwerk DV@WorkNet, das sich im Herbst 2014 in Toronto, Kanada, getroffen hat. Ziel ist es, einen Austausch zwischen relevanten Akteuren aus dem Bereich „Häusliche Gewalt am Arbeitsplatz“ zu ermöglichen, sei es über Erfahrungen, erarbeitetes Wissen, Methoden oder aber entwickelte Maßnahmen, um dem Problem effektiv entgegenzuwirken.

Sexistische Werbung

Pünktlich zum Internationalen Tag „NEIN zu Gewalt an Frauen“ am 25. November hat TDF zum ersten Mal den „Zornigen Kaktus“ für besonders sexistische Werbung verliehen. Aus etwa 200 eingereichten Vorschlägen hat die Jury (bestehend aus Stevie Schmiedel/Pinkstinks, Stefanie Lohaus/Missy Magazin und Jasna Strick/#aufschrei) vier Vorschläge ausgewählt, über die abgestimmt werden konnte. „Gewinner“ war der Sportverein Füchse Berlin.

Leider werden in der Werbeindustrie immer noch viel zu häufig Geschlechterklischees und Rollenbilder genutzt, um Aufmerksamkeit zu erregen. Alltäglich ist der Anblick von leicht bekleideten Frauen, die Werbung machen für Produkte, bei denen ein inhaltlicher Zusammenhang nicht einmal im Entferntesten zu erkennen ist. Nach einer Demonstration gegen sexistische Werbung im Jahr 2013, bei der TDF-Referentin Birte Rohles bereits deutlich die Zusammenhänge zwischen frauenfeindlicher Werbung und Gewalt an Frauen aufgezeigt hat, macht TDF mit dem „Zornigen Kaktus“ weiterhin auf Missstände aufmerksam und setzt sich dafür ein, dass Rollenklischees und stereotypisierte Körperschönheitsideale aus der Werbung verbannt werden.

Ereignisse aus dem Jahr 2015

Sexualisierte Gewalt

Mit knapp 29.000 Unterstützern hat TDF letztes Jahr im Rahmen einer Unterschriftenaktion deutlich gezeigt, wie notwendig eine Reform des Sexualstrafrechts ist. Nachdem die Unterschriften Bundesjustizminister Heiko Maas mit der Aufforderung übergeben wurden, eine grundlegende Reform des Sexualstrafrechts vorzunehmen und endlich die Internationalen Abkommen, die Deutschland unterzeichnet hat, umzusetzen, hat das Bundesjustizministerium Ende 2015 diversen Verbänden, unter anderem auch TDF, einen ersten Entwurf vorgelegt. TDF bewertete den Entwurf und befand ihn schließlich für nicht ausreichend. Zwar würde die angestrebte Änderung einige Schutzlücken schließen, unserer Forderung nach einer „Nein heißt Nein“-Lösung kam der Entwurf jedoch nicht nach. Die Tatsache, dass die Strafbarkeit einer sexuellen Handlung weiterhin davon abhängig bleibt, ob das Opfer Widerstand leistet oder aber aufgrund bestimmter Umstände keinen Widerstand leisten kann, ist für uns nicht hinnehmbar. Ausschlaggebend muss der Wille der betroffenen Personen sein.

Neben einem Wechsel hin zu einem „Nein heißt Nein!“ setzt sich TDF bereits seit geraumer Zeit für ein umfassendes, deutschlandweites Angebot von Anonymer Spurensicherung (ASS) ein. Der Einsatz zeigt Wirkung: immer mehr Bundesländer ermöglichen Betroffenen sexueller Gewalt, ihre Verletzungen anonym und anzeigenunabhängig sichern zu lassen. So können wichtige Spuren auch dann dokumentiert werden, wenn Betroffene sich nicht zu direkt zu einer Anzeige entschließen können oder wollen.

Während es sowohl in Thüringen als auch in Berlin lange Zeit kein Angebot für die ASS gab, hat nun jedoch die Gewaltschutzambulanz der Charité bekanntgegeben, dass sie ein solches Verfahren ab Mitte Mai 2016 anbieten möchte. Sobald dies der Fall ist, wird TDF die Charité in die Karte auf unserer Website aufnehmen, die wir regelmäßig aktualisieren und auf der die Anlaufstellen in den jeweiligen Bundesländern angezeigt werden.

Häusliche Gewalt

Seit der umfassenden Studie des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004 ist bekannt: jede vierte Frau in Deutschland hat im Laufe ihres Lebens Häusliche Gewalt erlebt. Einer europaweiten Studie des letzten Jahres zufolge ist es sogar jede dritte Frau, die schon einmal körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt hat. Immer wieder bemüht TDF sich daher darum, aus dem Tabuthema ein gesamtgesellschaftliches Anliegen zu machen. Nur so können Betroffene einen Ausweg aus der Gewaltspirale finden.

Aus diesem Grund hat TDF die Kampagne „Schaust du hin?“ gestartet, in deren Zentrum ein Kurzfilm zum Thema Häusliche Gewalt steht. TDF-Referentin Myria Böhmecke betreute die Kampagne, die am 6. März im Schloss Bellevue im Rahmen des Symposiums „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen und Mädchen“ ihren Auftakt feierte. Bundespräsident Joachim Gauck und TDF-Bundesgeschäftsführerin Christa Stolle führten in das Thema ein. Im Rahmen des Symposiums wurde der dreiminütige Kurzfilm das erste Mal gezeigt und es folgte eine Podiumsdiskussion mit Katrin Schwedes (TERRE DES FEMMES e.V.), Gerhard Hafner (Beratung für Männer - gegen Gewalt, Berlin), Mine Kral (Polizistin, LKA), Alexandra Goy (Rechtsanwältin) und Anna Palinski (ehemals Betroffene von häuslicher Gewalt).

Das Konzept für den Kurzfilm stammt von der Kreativagentur HEYMANN BRANDT DE GELMINI, die dieses vollständig pro bono für uns erarbeitete. Produziert wurde der Kurzfilm nicht nur in Zusammenarbeit mit TDF, sondern auch mit diversen Prominenten. Statements von Nazan Eckes, Ulrike Folkerts, Claudia Michelsen, Johannes B. Kerner und Sophie von Kessel sind Teil des Projekts und rufen zu Zivilcourage bei Fällen von Häuslicher Gewalt auf. Auch Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig unterstützte die Kampagne und ruft in einer Videobotschaft zu Zivilcourage und Enttabuisierung bei Häuslicher Gewalt auf. Der Kurzfilm feierte sein offizielle Premiere am 8. März in Berlin und wurde danach anlässlich des 25. Novembers, dem internationalen Tag „NEIN zu Gewalt an Frauen“, bundesweit in 42 Kinos und bei zahlreichen Veranstaltungen gezeigt. Ebenfalls Teil der Kampagne war, neben dem Film und den Veranstaltungen, eine Homepage und eine Facebook-Seite. Dort sind ExpertInnenstatements von ÄrztInnen, Frauenbeauftragten und Beratungsstellen zu finden, die sowohl Betroffenen helfen sollten als auch solchen Menschen, die Hilfe leisten möchten.

Das hohe Maß an Unterstützung von vielen Seiten und das Engagement haben schließlich auch dazu geführt, dass die Kampagne nicht nur für den Politikaward 2015 nominiert war, sondern es auch noch unter die fünf besten Kampagnen in der Kategorie „Kampagnen gesellschaftlicher und privater Sektor“ des Magazins „politik & kommunikation“ schaffte.

Auf der 86. JustizministerInnenkonferenz im Juni 2015 wurde das Bundesjustizministerium beauftragt, die Zuständigkeit von Familiengerichten in Fällen mit Gewaltbefürchtungen zu überprüfen. Der aktuellen Gesetzgebung nach ist immer das Familiengericht des aktuellen Aufenthaltsorts der Frau bzw. des gemeinsamen minderjährigen Kindes zuständig. Das kann bei Fällen von Häuslicher Gewalt fatale Folgen haben: sucht eine Mutter mit ihrem Kind Schutz in einem Frauenhaus, führt dies zu einem Wechsel des zuständigen Familiengerichts. Besonders in kleineren Gerichtsbezirken ist das Risiko für die Betroffenen dann besonders hoch entdeckt zu werden und erneut Gefahr ausgesetzt zu sein. TDF setzt sich daher dafür ein, dass die Betroffenen wählen dürfen, ob das Familiengericht des aktuellen oder des letzten gemeinsamen Aufenthaltsorts zuständig ist.

Langjährige Erfahrung hat TDF mittlerweile in dem Bereich der Workplace Policy, für deren Umsetzung wir uns nach wie vor stark machen. Häusliche Gewalt ist keine Privatsache und den Betroffenen muss die Angst davor genommen werden, sich Hilfe zu suchen. TDF arbeitet daher immer wieder mit Unternehmen zusammen, um diese für Zeichen Häuslicher Gewalt zu sensibilisieren und klärt vor Ort auf Hilfsangebote und Unterstützungsstrukturen. TDF-Referentin Anna Hellmann hielt im Rahmen des Projektes Vorträge bei Gleichstellungsbeauftragten und der Berliner Senatsverwaltung.

Ereignisse aus dem Jahr 1995

Start von BIG e.V. Berlin– das erste deutsche Interventionsprojekt gegen Häusliche Gewalt (es folgen Ende der 90er Jahre bis heute die Gründung weiterer regionaler und überregionaler Interventionsprojekte- zunächst allerdings mit sehr geringer Beteiligung des Gesundheitssystems), wissenschaftliche Begleitung der Interventionsprojekte von Jan. 1998- April 2004.

Im Bundestag wird die alte Forderung nach Bestrafung der Vergewaltigung in der Ehe debattiert. SPD, PDS und der Bundesrat legen ihre Entwürfe vor. TERRE DES FEMMES beteiligt sich an der Diskussion zur längst fälligen „Reform“ des Vergewaltigungsparagraphen § 177 StGB mit eigenen Stellungnahmen, Presseveröffentlichungen, Podiumsdiskussionen, Teilnahme an einer Fernsehsendung und weiteren Protestpostkarten.

Im Dezember ist die Sachgebietsreferentin „Gewalt an Frauen in Deutschland“ eine gefragte Expertin im Bundestag. Im Rechtsausschuss des Bundestagstags bezieht sie Stellung zur geplanten Gesetzesreform §§ 77 ff. StGB (Vergewaltigung in der Ehe) und fordert die Strafbarkeit in der Ehe ohne Wenn und Aber.

Ereignisse aus dem Jahr 2013

Sexualisierte Gewalt

Die öffentlichen Diskussionen Anfang 2013 um die Vergewaltigungsvorfälle in Indien und die #Aufschrei-Debatte haben gezeigt, dass das Thema sexualisierte Gewalt auch von TERRE DES FEMMES stärker aufgegriffen werden sollte. Deswegen wurde das Referat um diesen Themenschwerpunkt erweitert, ein neuer Flyer entwickelt und Informationen dazu auf der Homepage veröffentlicht. Nach wie vor zeigt es sich bei dem Thema, dass Vorurteile und Mythen die öffentliche Diskussion bestimmen. Der bayerische Rundfunk hat es mit einer eigenen Radiosendung, in der sie die TDF-Referentin Birte Rohles interviewt haben, auf den Punkt gebracht: wir leben in einer „Rape Culture“. Natürlich haben diese Vorurteile und bzw. Einstellungen in der Bevölkerung auch Auswirkungen auf den Strafprozess. Es ist erschreckend, dass bei Vergewaltigungen nur weniger als 1 Prozent der Täter bestraft werden. Für uns ein Grund, mit einer großen Unterschriftenaktion sowohl eine Reform des Strafgesetzes zu fordern, als auch eine bessere Unterstützung von Betroffenen durch einen gesetzlichen Anspruch auf psychosoziale Prozessbegleitung. Die Unterschriftenaktion wurde zum 25. November gestartet und sogleich von der damaligen Gleichstellungsministerin von Mecklenburg-Vorpommern, Manuela Schwesig, unterzeichnet.

Neben der psychosozialen Prozessbegleitung sehen wir es auch als notwendig an, dass die Möglichkeiten der anonymen Spurensicherung für Betroffene bundesweit zur Verfügung stehen. Doch wie weit Deutschland davon noch entfernt ist, haben wir auf der Homepage zusammengestellt. Dort findet sich eine Deutschlandkarte, die für jedes Bundesland alle Möglichkeiten der anonymen Spurensicherung auflistet.

Damit sich die Situation für Betroffene von sexueller Gewalt in Berlin verbessert, hat die Senatsverwaltung in 2013 das Berliner Netzwerk gegen sexuelle Gewalt gegründet. Auch TERRE DES FEMMES arbeitet in einer der Arbeitsgruppen mit, in der ein langer Maßnahmenkatalog mit Verbesserungsvorschlägen aufgestellt worden ist. Wir sind gespannt, was davon wirklich umgesetzt werden wird.

Referentin Birte Rohles spricht auf der Demo zur sexuellen Selbstbestimmung. Foto: © Jörg SteinertReferentin Birte Rohles spricht auf der Demo zur sexuellen Selbstbestimmung.
Foto: © Jörg Steinert
Ein weiteres Berliner Netzwerk ist das Bündnis für sexuelle Selbstbestimmung, dem auch TERRE DES FEMMES angehört. Das Bündnis organisiert jährlich die Gegendemonstration zur Veranstaltung der so genannten „Lebensschützer“, einer Gruppe von christlichen Fundamentalisten, die das Ziel haben, das Grundrecht von Frauen auf sexuelle Selbstbestimmung einzuschränken und homosexuelle Beziehungen zu verbieten.

Häusliche Gewalt

Eine neue Studie der Fachhochschule Fulda hat gezeigt, dass auch Jugendliche schon von Häuslicher Gewalt, oder in dem Fall besser von Beziehungsgewalt, betroffen sind. Für Jugendliche ist besonders das Thema Kontrolle und Zwang ein Problem, unter dem sie zu leiden haben. Das zeigte nicht nur die Studie, sondern diese Erfahrungen haben wir auch in unserem Projekt gemacht, das von uns seit Anfang 2013 in einem Berliner Kiez durchgeführt wird. In dem Projekt soll bei Jugendlichen ein Bewusstsein für die Problematik Beziehungsgewalt geschaffen und über verschiedene Gewaltformen aufgeklärt werden. Dafür wurden verschiedene Materialien erstellt und in 2014 werden Comic-Workshops angeboten. Zusammen mit professionellen Comic-ZeichnerInnen und BeraterInnen erarbeiten die Jugendlichen Perspektiven für gewaltfreie Beziehungsstrukturen.

Mit dem Konzept der Workplace Policy soll bei ArbeitgeberInnen ein Bewusstsein für das Thema Häusliche Gewalt geschaffen werden mit dem Ziel, dass den Beschäftigten Informationen und Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt werden. Damit das Konzept auch in Unternehmen Einzug erhält engagiert sich TERRE DES FEMMES in dem Deutschen Global Compact Netzwerk. Zusammen mit dem Global Compact und der Berliner Senatsverwaltung für Arbeit, Integration und Frauen hat TERRE DES FEMMES einen Business Lunch veranstaltet, bei dem Dilek Kolat, die Berliner Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen an die Unternehmen appelliert hat, ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auch im Falle von Häuslicher Gewalt zu schützen und zu unterstützen.

Ein weiterer Arbeitskreis, in dem sich TERRE DES FEMMES bis Ende 2013 engagierte, war im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung angegliedert mit dem Ziel, den Wissensaustausch zwischen Lateinamerika und Deutschland für das Projekt ComVoMujer in Lateinamerika zu fördern. „ComVoMujer“ (Combatir la violencia contra las Mujeres) hat die Aufgabe, Maßnahmen des Gewaltschutzes in den Ländern Ecuador, Peru, Bolivien und Paraguay – vor allem für ländliche und indigene Frauen – zu verbessern. Der Schwerpunkt für Deutschland lag auf dem Thema CSR (Corporate Social Responsibility) – in dem die Zusammenarbeit besonders mit TERRE DES FEMMES koordiniert wurde.

Vernetzung

Im Rahmen der AG Frauenrechte vom Forum Menschenrechte, bei der TERRE DES FEMMES seit vielen Jahren mitarbeitet, hat im April 2013 in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Menschenrechte die Tagung Wien +20 stattgefunden. Für diese Tagung hat die AG Frauenrechte hat das Panel „Frauenrechte sind Menschenrechte: Die besondere Rolle von Frauen in Kriegs- und Krisengebieten" organisiert.

Frauenfeindliche Werbung

TERRE DES FEMMES protestiert auf der weltweit ersten Demo gegen frauenfeindliche Werbung. Foto: © TERRE DES FEMMESTERRE DES FEMMES protestiert auf der weltweit ersten Demo gegen frauenfeindliche Werbung.
Foto: © TERRE DES FEMMES
Wo liegen die Ursachen von sexualisierter Gewalt? Wo beginnt sexualisierte Gewalt? Und was hat das Thema Werbung damit zu tun? Mit einer eindrucksvollen Rede hat die TDF-Referentin Birte Rohles auf der weltweit ersten Demonstration gegen sexistische Werbung über den Zusammenhang von frauenfeindlicher Werbung und Gewalt an Frauen gesprochen. Eindrücklich gezeigt hat das im Jahr 2013 das Unternehmen Redcoon mit seiner Werbekampagne „So viel billig hat ein Zuhause“. In den „Mini-Pornos“ wurde gar nicht mehr versucht, noch einen Zusammenhang zwischen den fast nackten Darstellerinnen und den Produkten der Firma herzustellen. Nach zahlreichen Protesten aus der Bevölkerung und von TERRE DES FEMMES wurde das Unternehmen für diese Werbekampagne vom Deutschen Werberat gerügt und hat die schlimmsten Spots zurückgezogen. Hier hat sich deutlich gezeigt: Protest lohnt sich!

Ereignisse aus dem Jahr 2012

Den grausamen Mord an der Berlinerin Semanur S. im Juni 2012 nahmen wir zum traurigen Anlass, darauf hinzuweisen, dass in Deutschland durchschnittlich alle zweieinhalb Tage eine Frau durch ihren aktuellen oder einen früheren Partner getötet wird. Im Jahr 2011 waren das 154 Mordopfer. Weil der Fall von Semanur S. besonders grausam war, wurde in sehr vielen Medien sehr ausführlich über das Problem Häusliche Gewalt berichtet. TERRE DES FEMMES stand Fernsehen, Radio und den Zeitungen Rede und Antwort.

Auch im Kino wurde die Thematik Häusliche Gewalt aufgegriffen. Der Film FESTUNG handelt von der ersten Liebe und von Häuslicher Gewalt und wurde von TERRE DES FEMMES begleitet. In 8 Städten präsentierten Städtegruppen Previews zum Film und organisierten Publikumsgespräche oder Podiumsdiskussionen. Die Kinosäle waren voll besetzt und die ZuschauerInnen waren beeindruckt von dem feinfühligen Film.  

Workplace Policy

Gastgeberin Kerstin Plehwe eröffnet den ersten Business Lunch zur Workplace Policy. Foto: © ProDialolgGastgeberin Kerstin Plehwe eröffnet den ersten Business Lunch zur Workplace Policy.
Foto: © ProDialolg
Weil das Thema Häusliche Gewalt auf vielen Ebenen thematisiert werden sollte, hat TERRE DES FEMMES vor einigen Jahren das Konzept der Workplace Policy in Deutschland eingeführt. Mit der Workplace Policy verpflichten sich Unternehmen und Verwaltungen, für das Thema Häusliche Gewalt in ihrem Betrieb zu sensibilisieren und Betroffenen Hilfe und Unterstützung anzubieten.

In 2012 ist der erste deutschsprachige Leitfaden für dieses Konzept von TERRE DES FEMMES veröffentlicht worden. „Schritt für Schritt gegen Häusliche Gewalt. Ein Leitfaden für Unternehmen und Verwaltungen zur Einführung der Workplace Policy“ kann ab sofort über den TERRE DES FEMMES-Shop bestellt werden. Die Berliner Senatorin Dilek Kolat hat den Leitfaden zusammen mit Christa Stolle der Presse vorgestellt.

Die Initiative ProDialog hat 2012 Initiative für die Workplace Policy ergriffen und TDF bei der Ausrichtung des ersten Business Lunches „Unternehmen zeigen Verantwortung“ unterstützt. Dieser fand in den schönen Räumen der Initiative statt und bei leckerem Essen hatten wir die Möglichkeit über das Konzept der Workplace Policy zu informieren und neue Unterstützer zu gewinnen.

Den feierlichen Jahresabschluss des Jahres bildete die Rede von Referentin Birte Rohles im Hamburger Rathaus beim Festempfang zum 25. November. Vor über 150 geladenen Gästen und vor dem Senator Detlev Scheel präsentierte sie das Konzept der Workplace Policy, das der Hamburger Senat zukünftig einführen möchte.

Sexualisierte Gewalt

Durch die öffentlichkeitswirksamen Fälle um Kachelmann und Strauss-Kahn zeigte sich schon 2011, dass das Thema sexualisierte Gewalt in der Öffentlichkeit zunehmend stärker thematisiert und debattiert wird. Diese Tendenz war auch 2012 sichtbar, zum Beispiel durch die Buch-Veröffentlichung der Kachelmanns und der damit einhergehenden Interviewlawine, bei der die Themen „Falschaussage“ und „Opferindustrie“ im Vordergrund standen. Wir haben darauf bei uns auf der Homepage mit einem Faktencheck reagiert um die Aussagen des Ehepaares mal in das rechte Licht zu rücken. Diese Aktion ist bei Facebook auf eine sehr hohe und gute Resonanz gestoßen.

Lobbyarbeit und Vernetzung

TERRE DES FEMMES arbeitet seit einigen Jahren in der AG Frauenrechte vom Forum Menschenrechte mit. Eine Aufgabe der AG ist es auch, so genannte Schattenberichte oder Parallelberichte zu internationalen Übereinkommen zu erstellen, wie zum Beispiel zum UPR-Verfahren. Für diesen Parallelbericht hat TERRE DES FEMMES maßgeblich dazu beigetragen, dass das Thema Häusliche Gewalt unter dem Punkt ‚Gender’ aufgenommen wurde.

Ein leicht besorgniserregendes Bild über die Versorgungssituation von gewaltbetroffenen Frauen zeichnet der erste „Bericht zur Situation der Frauenhäuser, Fachberatungsstellen und anderer Unterstützungsangebote für gewaltbetroffene Frauen und deren Kinder“, der von der Bundesregierung im Sommer veröffentlicht wurde. Mit unserer Pressemitteilung „Deutschland schlägt gewaltbetroffenen Frauen die Tür vor der Nase zu“ haben wir unserer Sorge Ausdruck verliehen, dass über 9.000 schutzsuchende Frauen im Jahr 2011 von den Frauenhäusern verwiesen werden mussten. Wir fühlen uns (leider) durch diesen Bericht in unseren Forderungen bestätigt, dass die Bundesregierung die Finanzierung von Frauenhäusern unverzüglich verbessern und eine bundeseinheitliche Finanzierungsregelung gefunden werden muss.

Besorgt sind wir auch über die Pläne der Bundesregierung zur Änderung des Sorgerechts  nicht miteinander verheirateter Eltern. Aus diesem Grund haben wir uns der Online-Kampagne des VAMV angeschlossen und den Aufruf unterstützt, dass der Gesetzgeber bei der Neuregelung des Sorgerechts nicht miteinander verheirateter Eltern darauf verzichten soll, ein rein schriftliches Schnellverfahren ohne Anhörung der Eltern oder des Jugendamtes einzuführen. Gerichtliche Entscheidungen über das Sorgerecht dürfen nicht auf der Grundlage von Vermutungen getroffen werden. Der Gesetzgeber muss daher nachbessern, sonst werden gerade die Kinder, die in eine konflikthafte Elternbeziehung hineingeboren werden, Verlierer der Reform werden.

Ereignisse aus dem Jahr 2011

Im Jahr 2011 rückte das Thema sexualisierte Gewalt verstärkt in die Aufmerksamkeit des Referats, denn es war das Jahr der Anklagen von prominenten Männern wegen Vergewaltigung. 

Besondere Aufmerksamkeit erhielt der Gerichtsprozess um den ehemaligen Wettermoderator Jörg Kachelmann. Wir haben die Aufmerksamkeit genutzt, um mit einer Pressemitteilung und einer Stellungnahme auf die prekäre Situation von Betroffenen hinzuweisen, die viel zu oft dem Verdacht der Verleumdung oder Mitschuld ausgesetzt sind. Diese Verschiebung der Schuld vom Täter auf das Opfer ist zwar nicht neu, aber durch den Kachelmann-Fall und ebenfalls durch die Vergewaltigungs-Vorwürfe um Dominique Strauss-Kahn in seiner Medienpräsenz bis dato unvergleichbar. Die TDF-Pressemitteilung wurde von vielen Medien aufgegriffen, von denen einige unsere kritische Position übernahmen. In mehreren Interviews hatten wir Gelegenheit, auf die schwierige Situation von Betroffenen hinzuweisen und unserer Sorge Ausdruck zu verleihen, dass die Anzahl von Anzeigen bei Vergewaltigungen in Zukunft noch stärker zurückgehen wird. Unsere Vorsitzende Irmingard Schewe-Gerigk war dazu in der ZDF-Talksendung Markus Lanz zu Gast.

Eine regelrechte Protestwelle löste TDF mit einem offenen Brief an den Burda Verlag aus. Unser Protest richtete sich gegen die Bambi-Preisverleihung an den für seine frauenverachtenden Texte bekannten Rapper Bushido. Mit der Veröffentlichung unseres Briefes an den Burda-Verlag auf Facebook setzte sich der Protest virtuell in Bewegung und fand immense Verbreitung weit über TDF-UnterstützerInnen hinaus. Nach der Veröffentlichung unserer Kritik in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit dem Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) berichteten zahlreiche Medien über die Protestwelle.

Im Sommer schlossen sich einige TDF-Gruppen der „Slutwalk“-Bewegung an, die ihren Ursprung in den USA hatte. Nach frauenfeindlichen Aussagen eines Polizisten gingen in Toronto Tausende Frauen und auch Männer auf die Straße, um gegen Sexismus und sexuelle Übergriffe zu demonstrieren. In Berlin demonstrierten zusammen mit TDF über 2.000 Menschen. Wir wollen den Themen Vergewaltigung und Opferrechte in Zukunft verstärkt Aufmerksamkeit widmen, da sich immer weniger Frauen dazu durchringen können, Vergewaltigungsfälle anzuzeigen. 

Workplace Policy

Vor einigen Jahren hat TERRE DES FEMMES das Konzept der Workplace Policy in Deutschland eingeführt. Mit der Workplace Policy verpflichten sich Unternehmen und Verwaltungen, für das Thema Häusliche Gewalt in ihrem Betrieb zu sensibilisieren und Betroffenen Hilfe und Unterstützung anzubieten.

In Berlin tauscht sich inzwischen eine kleine Arbeitsgruppe regelmäßig über erfolgreiche Maßnahmen und neue Ideen aus. Ein wichtiger Schritt 2011 war die Entwicklung eines Leitfadens zur Umsetzung der Workplace Policy, der im Laufe des Jahres 2012 erscheinen wird. Zusammen mit der Firma Mestemacher wurde ein neuer Flyer „Unternehmen gegen Häusliche Gewalt“ entwickelt, der von der Grünen-Politikerin Renate Künast als innovatives Beispiel von Engagement gegen Häusliche Gewalt gewürdigt wurde.

Junge Zielgruppe

Um Jugendliche für den Themenkomplex Häusliche Gewalt zu sensibilisieren, vermarktet TDF weiterhin das Musiktheaterstück „Du bist unschlagbar“, das das Spielwerktheater EUKITEA zusammen mit TDF entwickelte und an Schulen aufgeführt wird.

Ein besonderes Highlight im Jahr 2011 war unsere Teilnahme an der BERMUN Konferenz im November 2011. Die Model-United-Nations-Konferenzen (MUNs) sind Planspiele, bei denen die TeilnehmerInnen in simulierten Gremien wie dem Sicherheitsrat oder der Generalversammlung als Delegierte eines Staates über weltpolitische Themen diskutieren und Resolutionen verabschieden. Die Berlin Model United Nations (BERMUN) Konferenz wird jedes Jahr von der John F. Kennedy Schule organisiert und ist mit fast 700 Teilnehmern die größte MUN Konferenz in Deutschland. Das Thema der Youth Assembly der BERMUN Konferenz war dieses Jahr Häusliche Gewalt und Gewalt an Schulen. Anabella Allgeier, Praktikantin aus dem Referat Häusliche Gewalt, hielt einen Vortrag vor der Youth Assembly und stellte dabei neben der Arbeit von TDF insbesondere den bestehenden Rechtsrahmen in Deutschland vor. Der Vortrag stieß bei den teilnehmenden SchülerInnen auf große Resonanz.

Internationales

Zunehmend ist unsere Expertise auch auf internationaler Ebene gefragt. In den letzten Jahren haben wir mit dem Projekt Kesher aus Russland kooperiert, indem wir dort über Häusliche Gewalt informierten und verschiedene Personenkreise schulten. Seit 2011 ist TDF ein angesehener Partner vom Projekt ComVoMujer des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Das Projekt ComVoMujer initiiert Aktivitäten in Ecuador zur Bekämpfung von Häuslicher Gewalt. Auch dort wird dafür mit Unternehmen kooperiert.

Ereignisse aus dem Jahr 2010

Workplace Policy

Im Mittelpunkt der Arbeit von TERRE DES FEMMES im Bereich „Häusliche Gewalt“ stand 2010 weiterhin die Workplace Policy (WPP). Dieses Konzept greift die Tatsache auf, dass Häusliche Gewalt laut Statistik rund 20% der Krankmeldungen von Frauen in Betrieben verursacht. Mit der Workplace Policy verpflichten sich ArbeitgeberInnen, sich am Arbeitsplatz gegen Häusliche Gewalt zu positionieren und betroffenen MitarbeiterInnen zur Seite zu stehen. TERRE DES FEMMES ist hierzulande die einzige Organisation, die dieses Konzept vermittelt und verzeichnete im vergangenen Jahr wachsendes Interesse.

Mit Unterstützung der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen in Berlin erstellte TERRE DES FEMMES eine Studie zu den ersten Ansätzen und Erfolgen der Umsetzungen der WPP und präsentierte die Ergebnisse mit einem Projektspot auf dem 15. Deutschen Präventionstag am 10./11. Mai 2010 in Berlin.

In Kooperation mit der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen, sowie der Hotline der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen organisierte TERRE DES FEMMES im November 2010 eine Aktionswoche zur Workplace Policy in Berlin.

Außerdem hat die Landesarbeitsgemeinschaft der bezirklichen Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten in Berlin das Bundesfamilienministerium aufgefordert, TERRE DES FEMMES finanzielle Mittel für die Verbreitung des Konzepts bereitzustellen und unterstützt so die Workplace Policy.

Kooperation mit „Project Kesher“ in Russland

Kooperation mit dem russischen „Project Kesher“, Workshop im Mai 2010 in WolgogradKooperation mit dem russischen „Project Kesher“, Workshop im Mai 2010 in WolgogradEin von der EU finanzierter Erfahrungsaustausch gelang bei zwei Besuchen von TERRE DES FEMMES bei dem russischen „Project Kesher“. Unter dem Programmtitel „Building Civil Society through Women’s Coalition“ besuchte die TDF-Referentin Serap Altinisik als Expertin für Häusliche Gewalt vom 22. bis 31. Mai 2010 Frauenorganisationen in fünf verschiedenen Städten Russlands. Neben Vorträgen zur Geschichte der Frauenbewegung in Deutschland fand ein intensiver Austausch mit engagierten Frauenrechtlerinnen statt. Weitergeführt wurde die Kooperation durch eine zweite Reise der TDF-Mitarbeiterin Ingrid Jäkel im Dezember 2010. Im Zentrum des Aufenthalts stand ein Intensivworkshop mit Studierenden in Nizhny Novgrad zur Frage des Umgangs mit Betroffenen von Häuslicher Gewalt.

Nach dem Workshop fand eine Abschlusskonferenz in den Räumlichkeiten der Europäischen Kommission statt, die mit ihrem EuropeAid Programm das zweijährige Projekt finanziert hatte. VertreterInnen aus allen fünf beteiligten Städten berichteten über ihre Arbeit an der Basis, verschiedene Personenkreise zum Thema Häusliche Gewalt zu schulen und zu informieren um zivilgesellschaftliche Strukturen zu stärken. TERRE DES FEMMES und „Project Kesher“ wünschen eine Fortsetzung der Kooperation.

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Jugendmusiktheater

Szene aus dem Jugendmusiktheater „Du bist unschlagbar“. Foto ©: David BoucherieSzene aus dem Jugendmusiktheater „Du bist unschlagbar“. Foto ©: David BoucherieDas Jugendmusiktheaterstück „Du bist unschlagbar“, das im Jahr 2006 vom Spielwerktheater EUKITEA in Kooperation mit TERRE DES FEMMES entwickelt wurde, tourt weiterhin erfolgreich durch Deutschland. Es soll Jugendliche für das Thema „Häusliche Gewalt“ sensibilisieren und Aufklärungsarbeit zu der Problematik in Schulen und Jugendeinrichtungen leisten. Bisher wurden in knapp 80 Aufführungen rund 12.000 SchülerInnen erreicht. TERRE DES FEMMES informiert über das Theaterstück und Veranstaltungstermine auf der Homepage von TDF und leitet Anfragen an das Spieltheater EUKITEA weiter. Im Jahr 2010 wurde das Theaterstück im Rahmen von Projekttagen 20 Mal an Schulen und Freizeiteinrichtungen aufgeführt.

 

 

Lobbyarbeit und Vernetzung

TERRE DES FEMMES fordert seit Jahren eine pauschale und bedarfsgerechte Finanzierung von Frauenhäusern und Beratungsstellen, um von Gewalt betroffenen Frauen und Kindern sofortige Hilfe bieten zu können. Die Bundesregierung reagierte auf die im Bundestag eingegangene Forderung mit einer Analyse zur Situation von Zufluchtsorten, die 2010 abgeschlossen werden konnte. Zusammen mit der Landesarbeitsgemeinschaft Autonomer Frauenhäuser in NRW unterstützte TERRE DES FEMMES die Forderung nach kostenloser und bedarfsgerechter Hilfe für betroffene Frauen in NRW und forderte die Bundesregierung auf, sich diesem Vorhaben anzuschließen.

Ereignisse aus dem Jahr 2009

Juli

TERRE DES FEMMES beginnt mit der Datenerhebung für die Studie zur Evaluation der
Implementierung des Workplace Policy Konzeptes. Eine vergleichbare Studie wurde in Deutschland zuvor noch nicht durchgeführt. Die Studie wird von der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen in Berlin finanziert und begleitet.

Sommer 2009: Die Kampagne gegen Häusliche Gewalt nimmt weiter Fahrt auf


Mit freundlicher Genehmigung von Kameramann Franz Gottschalk

Am 21.07.2009 trat die bekannte Schauspielerin Gabrielle Scharnitzky kräftig in die Pedale eines Berliner Velotaxis, dass dann zwei Monaten mit dem Aufdruck der Kampagne "Gewalt gegen Frauen ist Alltag" für die Frauenrechtsorganisation TERRE DES FEMMES e.V. durch Berlin gerollt ist.

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Ereignisse aus dem Jahr 2003

Abschluss der Expertise „Versorgungsbedarf und Anforderungen an Professionelle im Gesundheitswesen im Problembereich Gewalt gegen Frauen und Mädchen“ (HAGEMANN-WHITE/ BOHNE) im Auftrag der Enquete-Kommision „Zukunft einer frauengerechten Gesundheitsversorgung in Nordrhein-Westfalen“ des Landtages NRW, bis dahin die umfassendste Studie für Deutschland. Arbeitskreis „Häusliche Gewalt“ bei der Ärztekammer Hamburg gegründet. Start des rechtsmedizinischen EU-Kooperationsprojektes „European Violence Prevention in Health Network“ (Träger: Institut für Rechtsmedizin UKE-Hamburg und Sozialministerium Hessen).

Ziele: europaweite Bestandsaufnahme, Erweiterung des Beitrages der Rechtsmedizin an der Gesundheitsversorgung Gewaltbetroffener, europäische Leitlinien und Praxisprotokolle.

Implementationsworkshops der BKF „Gewalt gegen Frauen und Mädchen- Rolle der Pflegeprofessionen und Hebammen in der gesundheitlichen Versorgung“ am 13./14.6.2003 in Bielefeld

Implementationsworkshops der BKF „Optimierung der ambulanten Versorgung gewaltbetroffener Frauen“ am 21./22.11.2003 in Hamburg. Interdisziplinäre Tagungen zu gesundheitlichen Folgen von Gewalt in Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen sowie regional u. a. in Düren, Minden-Lübbecke, Wesel und Rügen (M-V), veranstaltet von Anti-Gewalt-Projekten/-Netzwerken, Gleichstellungsbeauftragten, Ärztekammern etc. Fachspezifische Tagungen (Rechtsmedizin, Gynäkologie, Pflege), veranstaltet von Rechtsmedizinischen Instituten, Qualitätszirkel „Frauengerechte Gynäkologie“, Frauengesundheits- und Anti-Gewaltprojekten.

Vorträge/Workshops in den Jahrestagungen der Fachgesellschaften (z.B. Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Deutsche Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention, 2. Südwestdeutsches Notfallsymposium der Notfallmedizin, Landesverband der hessischen Hebammen) Steigende Zahl von Veröffentlichungen in Zeitungen und medizinischen Fachzeitschriften 

106. Deutscher Ärztetag in Köln fasst Beschlüsse zu Häuslicher Gewalt in der Familie: - Das Thema soll interdisziplinärer Pflicht-Unterrichtsstoff in der ärztlichen Aus-, Weiter- und Fortbildung werden.

  • Die Landesärztekammern werden gebeten, Informationsmaterialien für von Gewalt Betroffene und behandelnde ÄrztInnen zu erstellen und zu verteilen.
  • ÄrztInnen erhalten Materialien zur gerichtsverwertbaren Dokumentation und zu sozialen und psychotherapeutischen Weitervermittlungsmöglichkeiten.
  • Aufnahme der Thematik „Häusliche Gewalt“ in die (Muster-)Weiterbildungsordnung.
  • Aufbau eines Forschungsbereiches „Häusliche Gewalt in der Familie“.

Zusätzlich werden in vielen Bundesländern die Landesärztekammern von den regionalen Netzwerken gebeten, das Thema Häusliche Gewalt in das Fortbildungsprogramm aufzunehmen, z. T. wird Unterstützung bei der inhaltlichen Durchführung der Fortbildungen angeboten.

In NRW wird die Vernetzungsarbeit der regionalen Runden Tische zur Bekämpfung von Häuslicher Gewalt finanziell unterstützt (2003 für 48 Runde Tische und rund 160 Einzelmaßnahmen insges. ca 500. 000 €), Ein großer Teil dieser Aktionen diente (u. a.) der stärkeren Einbeziehung des Gesundheitssystems in die Kooperationen sowie öffentliche Veranstaltungen zur gesundheitlichen Versorgung gewaltbetroffener Frauen.

Bundesministerium der Justiz gibt Evaluation des Gewaltschutzgesetzes in Auftrag.

Ende 2003
Start des Modellprojektes „Rechtsmedizinische Untersuchungsstelle in Köln“ (Attestierung von Verletzungen und Beratung bei Häuslicher Gewalt).

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