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Ursachen Häuslicher Gewalt

"(...) Jede Beziehungsform ist sowohl Ausdruck der herrschenden Konstruktion des Geschlechterverhältnisses, als auch geprägt von der spezifischen Dynamik zwischen den beiden Partnern (...)"              (Brückner 2000: 8)

Häusliche Gewalt ist immer das Ergebnis einer (bewussten oder unbewussten) Entscheidung, denn es bestünde immer eine Handlungsalternative (nicht zuzuschlagen). Sie ist ein erlerntes, beabsichtigtes Verhalten und nicht die Konsequenz aus Stress, psychopathologischen Besonderheiten, Alkohol- und Drogenkonsum oder einer "schlecht laufenden" Beziehung. Sie ist ein Mittel, um Kontrolle über die Partnerin zu erlangen und den eigenen Willen sowie einen Machtanspruch durchzusetzen. Häusliche Gewalt kann eine Reaktion auf eine (vom Täter empfundene) Gefährdung der eigenen Machtposition sein.
Studien zeigen, dass Häusliche Gewalt häufig ausgelöst wird durch die Eifersucht und das Verlangen des Täters, die Frau zu besitzen; außerdem von dem Wunsch nach einwandfreien "Hausfrauendiensten" (wozu auch die sexuelle Verfügbarkeit der Frau zählt) und nicht zuletzt, um die männliche Überlegenheit zu demonstrieren.

Häusliche Gewalt kann daher als Konsequenz der strukturellen Ungleichheiten zwischen Mann und Frau verstanden werden. Diese wurzeln in patriarchalen Traditionen, die auch in heutigen - modernen - Gesellschaften noch immer wirken. Darin enthalten sind Männer- und Frauenbilder, die Männlichkeit als Macht, Stärke, Dominanz definieren und Weiblichkeit mit Duldsamkeit, Passivität, Unterlegenheit verbinden.

Im männlichen Selbstverständnis wird Männlichkeit noch immer definiert als Ausübung von Macht und Kontrolle, Stärke, körperliche Kraft, Führung, Erfolg, Ehrgeiz und Konkurrenz. In patriarchalischen Gesellschaften wachsen Jungen oftmals mit diesen Rollenerwartungen auf. In modernen Gesellschaften, die ihren verfassungsmäßig verankerten Anspruch auf Gleichberechtigung ernst nehmen, müssen sie zwangsläufig mit diesem Rollenverhalten scheitern. Dennoch haben viele Männer noch dieses archaische Rollenverständnis verinnerlicht. Nach ihrem Selbstverständnis ist körperliche und auch psychische Gewalt ein legitimes und männliches Mittel, die eigenen Interessen durchzusetzen.

Es gibt in unserer Gesellschaft Konzepte, die gewalttätiges Verhalten in Familien tolerieren oder begünstigen und es Frauen (und deren Kindern) erschweren, Hilfe zu erhalten:

  • So wird oft dem Opfer die Schuld für die Gewalt gegeben ("Sie hat ihn doch provoziert").
  • Die Familie wird vor die Sicherheit ihrer Mitglieder (Frauen und Kinder) gestellt.
  • Der Gebrauch von Gewalt (in der Familie) wird toleriert.
  • Männer werden privilegiert (in allen Bereichen der Gesellschaft).
  • Häusliche Gewalt wird als Privatangelegenheit verstanden.

Auf der individuellen Ebene spielen Konfliktlösungsmuster und individuelle Erfahrungen eine ursächliche Rolle. Denn Gewalt wird gelernt. Wer in der eigenen Kindheit nur gewalttätiges Verhalten und Dominanz des Stärkeren erlebt hat, wird auch als Erwachsener sehr wahrscheinlich dieses Verhalten zeigen. Gewalttätiges Verhalten ist oft auch Ausdruck von Fehlentwicklungen und Traumatisierung in der Lebensgeschichte der Täter. Manche der misshandelnden Männer sind emotional von ihren Partnerinnen abhängig und besessen von der Angst, sie zu verlieren. Dies versuchen sie mit totaler Kontrolle, mit psychischer und physischer Gewalt zu verhindern. Sie lassen von der Frau auch nach einer Trennung nicht ab.

Dennoch: Die Verantwortung für die Gewalt kann nicht auf gesellschaftliche Gegebenheiten oder die individuelle Biographie abgewälzt werden. Sie liegt immer auch beim Aggressor, denn zuzuschlagen oder nicht ist - bei einem psychisch gesunden Menschen - immer eine freie Entscheidung. Jedes Mal.

Zum Weiterlesen

Margrit Brückner zitiert in ihrer theoretischen Arbeit über geschlechtsspezifische Gewalt: "(...) Misshandlung korreliert nach einer repräsentativen Schweizer Studie (Gillioz u.a. 1997) mit ausgeprägten männlichen Anspruchshaltungen und einer starken Bindung an Dominanzvorstellungen, ausgehend von einem Verfügungsrecht über die "eigene" Frau, einschließlich ihrem Körper und allem, was sie tut, mit wem sie spricht, wie sie sich kleidet, wo sie sich aufhält (...) " (Brückner 2000: 7-8).

Eine repräsentative Studie des BMFSFJ zeigt, dass Frauen, die in der Herkunftsfamilie Gewalt erlebt haben, wesentlich häufiger Gewalt in späteren Beziehungen erleben. Jungen, die in gewaltaffinen Familien aufwachsen, haben ein größeres Risiko, später selbst zu Tätern zu werden (BMFSFJ 2004: 21).

Dass strukturelle Rollenerwartungen an Männer und Frauen Häusliche Gewalt begünstigen, deuten verschiedene Studien an: So scheint die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen ein Faktor zu sein, der Häusliche Gewalt begünstigt. Unicef interpretiert derartige Ergebnisse so: "(...) Unabhängigkeit wird als Bedrohung gesehen, die zu einer ansteigenden männlichen Gewalt führt. Das trifft vor allem zu, wenn der männliche Partner arbeitslos ist und seine Macht im Haushalt untergraben fühlt (...)" (Unicef 2000: 8)
Für einen sehr guten theoretischen, aber empirisch fundierten Überblick über Geschlechtsspezifische Gewalt siehe den Aufsatz von Margrit Brückner.

Bibliographie

BMFSFJ / Ursula Müller, Monika Schröttle (2004): Lebenssituation, Sicherheit und Gesundheit von Frauen in Deutschland. Eine repräsentative Untersuchung zu Gewalt gegen Frauen in Deutschland. Zusammenfassung zentraler Studienergebnisse, Bonn.
BRÜCKNER, Margrit (2000): Gewalt im Geschlechterverhältnis - Möglichkeiten und Grenzen eines geschlechtertheoretischen Ansatzes zur Analyse "häuslicher Gewalt", Überarbeitete Fassung des Habilitationsvortrag am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt vom 26.6.2000, Frankfurt am Main
UNICEF (2000): Domestic Violence Against Women and Girls, in: Innocenti Digest (6/2000), Florenz.