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Podiumsdiskussion in Sarajewo mit TERRE DES FEMMES-Vorstandsfrau zum Thema "Frauen im Bosnienkrieg"

Die Podiumsteilnehmerinnen (v.l.n.r.):  Godula Kosack,  Sanja Sarnavka und Jadranka Milicevic. Foto: © Deutsche Botschaft SarajewoDie Podiumsteilnehmerinnen (v.l.n.r.): Godula Kosack, Sanja Sarnavka und Jadranka Milicevic.
Foto: © Deutsche Botschaft Sarajewo
Als Vorsitzende von TERRE DES FEMMES war ich, Prof. Dr. Godula Kosack, vom 6.12. bis 8.12.2016 Gast der Deutschen Botschaft in Sarajewo. Anlass war die Teilnahme an einer Podiumsdiskussion zu der Ausstellung "Frauen im Bosnienkrieg", welche im Rahmen des Internationalen Aktionstages „Nein zu Gewalt an Frauen“ in den Räumen der EU-Delegation in Sarajevo gezeigt wird.

Am 6. und 7. Dezember bot mir die Pressesprecherin der Botschaft, Frau Garloff-Jonkers, die Gelegenheit, zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens zu treffen, die sich mit Frauenfragen befassen. Dazu gehörte:

  • Herr Olaf Deussen, Gender Beauftragter der EU-Delegation,
  • Frau Jasmila Zbanic, Regisseurin des Filmes „Grbavica“, der den systematischen sexuellen Missbrauch von Zivilistinnen durch Soldaten und Offiziere während des Bosnienkrieges thematisiert,
  • Frau Charlotte Hermelink, Leiterin des Goethe-Instituts von Sarajewo,
  • Frau Sabina Cudic, Parlamentsabgeordnete des Kantons Sarajewo für die Partei „Nasa Stranka“,
  • Frau Majda Halilovic und Frau Maida Cehajic der Atlantic Initiative, die Untersuchungen zu häuslicher Gewalt, Gender-Stereotypen sowie Vorurteilen durchführt und diese publiziert,
  • Frau Eldina Jasarevic, ARD-Korrespondentin in Bosnien und Herzegowina,
  • Frau Almedina Karic und Frau Jasminka Dzumhur, Ombudsmann für Menschenrechte in BiH
  • Frau Maja Gasal-Vrazalica, Abgeordnete im BiH Parlament und im Ausschuss für Menschenrechte,
  • Herr Sasa Leskovac von der Gender Equality Agency,
  • Frau Anesa Omanovic vom Infohouse, welches Frauenprojekte koordiniert,
  • Frau Emina Bosnjak vom Sarajevo Open Centre, das für Menschenrechte und eine offene Gesellschaft eintritt,
  • Frau Sabina Husic von Medica Zenica, die sich mit Langzeitfolgen des Krieges befasst sowie Projekte zum Empowerment von Frauen im ländlichen Raum durchführt, sowie
  • Frau Amina Berisa von Women to Women.

Meine Eindrücke

Die sichtbaren Folgen des Krieges sind in Sarajewo beseitigt, aber das Trauma des Krieges, der die bis dahin friedlich zusammenlebenden Völker und sich gegenseitig akzeptierenden Religionsangehörigen von Bosnien und Herzegowina (BiH) in dramatischer Weise zerriss, existieren fort. BiH strebt den Beitritt in die EU an. Deshalb zeigt die EU mit ihrem Info-Center Präsenz und unterstützt gleichzeitig Projekte, die die Zivilgesellschaft aufbauen. Dazu gehört, dass bei allen Projekten darauf geachtet wird, dass sie auch die Situation der Frauen stärken.

Zur Zeit des jugoslawischen Sozialismus waren die Frauen zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung gleichberechtigt. Im Krieg wurden sie in ganz brutaler Weise Opfer von Gewalt. Die Rehabilitierung der Frauen ist noch lange nicht abgeschlossen. Das vorsozialistische „traditionelle“ Frauenbild, das die Frau im häuslichen Bereich festhält und dem Manne unterordnet, konnte sich wieder etablieren und ist jetzt die akute Herausforderung für die Frauenbewegung. Die großen Parteien ignorieren weitgehend die Frauenfrage. Kleine Parteien und einzelne Abgeordnete – der Frauenanteil im Parlament liegt lediglich bei 20 % - versuchen einen Fuß in die Tür zu bekommen, sind aber ob der ihnen verfügbaren Möglichkeiten und den ihnen entgegengebrachten Vorbehalten fast resigniert. Die verschiedenen Frauengruppen und –projekte sind zu wenig miteinander vernetzt, als dass sich die Frauen mit einer Stimme Gehör verschaffen könnten. Die Tatsache, dass BiH unter einer 40 % gen Arbeitslosigkeit leidet, die für die Frauen noch um einiges höher liegt, erschwert es den Frauen weiterhin, den ihnen gebührenden Platz in der Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft einzunehmen. Auch im Bildungswesen liegt einiges im Argen. Die öffentlichen Schulen sind schlecht ausgestattet und private Schulen sind für die normale Bevölkerung unerschwinglich. Jungen Frauen scheint Konsum mehr am Herzen zu liegen als ein selbstbestimmtes Berufsleben.

Es ist den unermüdlichen Aktivitäten von engagierten Frauen (und auch Männern) zu verdanken, dass die Frauen nicht vergessen werden können. Die Aktivistinnen brauchen alle Unterstützung der internationalen Frauenbewegung und der zivilgesellschaftlichen Institutionen, damit das große Ziel der Gender Equality auch in BiH erreicht werden kann.

In der Podiumsdiskussion, zu der ich am Schluss meines Besuches geladen war, ging es u.a. um das Thema "Verhinderung / Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen im Zusammenhang mit dem angestrebten EU-Beitritt von Bosnien und Herzegowina". Ich legte dar, inwiefern durch die Zuwanderung und Flucht von Männern und Frauen aus streng patriarchalen Gesellschaften die weltweiten Frauenthemen wieder verstärkt in Deutschland ankommen: Zwangs- und Frühheirat, Häusliche und sexualisierte Gewalt, Genitalverstümmelung, Frauenhandel und Prostitution. Frauenbewusstsein stärken – in Deutschland wie in Bosnien und Herzegowina – das ist das Gebot der Stunde.