Neuanschaffungen 2012

Hayriye Yerlikaya
Zwangsehen
Eine kriminologisch-strafrechtliche UntersuchungYerlikaya: Zwangsehen

Mit ihrer Dissertation geht die Autorin dem Phänomen „Zwangsheirat“ aus der Sicht der betroffenen Frauen nach, eine bisher kaum untersuchte Perspektive. Anhand von 15 Fallstudien wird herausgearbeitet, wie junge Frauen – in Deutschland oder in der Türkei mit späterem Nachzug nach Deutschland – in eine Zwangsehe gedrängt werden können und welchen Einflussfaktoren und Druckmitteln sie ausgesetzt sind. Wie haben sie diese Ehen erlebt? Welche Bedeutung nehmen sie im Lebenslauf der Frauen ein? Welche Gegenwehr konnten sie leisten? Welche Ursachen und Faktoren waren für ihre Zwangsheirat bestimmend? Wie hätten sie möglicherweise verhindert werden können?

Die Autorin nutzt die hieraus gewonnenen Erkenntnisse, einen Präventions- und Opferschutzmaßnahmekatalog zu entwickeln, der den Bedürfnissen der betroffenen Frauen angepasst ist.

Die Rechtswissenschaftlerin setzt sich schließlich mit dem 2011 in Kraft getretenen „Zwangsverheiratungsbekämpfungsgesetz“ auseinander, um ihm und dem § 237 StGB, mit dem „Zwangsheirat“ zum Straftatbestand wurde, Defizite zu attestieren. Eine sinnvolle Alternative sieht Yerlikaya in der Aufklärung der sozial schwachen und ungebildeten Initiatoren und der Stärkung der möglichen Opfer von Zwangsverheiratungen.

Hayrye Yerlikayas Arbeit wurde mit dem Dissertationspreis der Juristischen Gesellschaft Ostwestfalen-Lippe

Nomos Universitätsschriften, Recht Band 777, Baden-Baden 2012, 258 Seiten, 68,00 €



Heinrich-Böll-Stiftung und Ute Scheub
Gute Nachrichten!
Wie Frauen und Männer weltweit Kriege beenden und die Umwelt retten.Cover Gute Nachrichten

Bei dem Buch „Gute Nachrichten! Wie Frauen und Männer weltweit Kriege beenden und die Umwelt retten“ geht es den Herausgeberinnen, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Autorin Ute Scheub, weder um das Schönreden noch um das Wegschauen oder gar um das Verweigern internationaler Verantwortung. Mit 33 Reportagen aus der ganzen Welt wollen sie sich der Logik der „bad news“ widersetzen und exemplarisch zeigen, dass Veränderungen auch zum Positiven möglich sind. 
So portraitiert das Buch Akteurinnen und Akteure, die fest entschlossen sind, Missstände wie Gewalt, Missachtung von Menschenrechten, Ungleichheit von Frauen und Männern, Mangel an Demokratie, Armut oder Umweltzerstörung zu beenden. Es sind Menschen, die den Mut aufbringen, für ihre Visionen zu kämpfen und Veränderungen anzustoßen. Es ist kein Zufall, dass die meisten Geschichten von Frauen handeln. Ähnlich wie „bad news“ dominieren die Gesichter von Männern unsere Nachrichten. Das Engagement von Frauen bleibt im Verborgenen und damit auch ihr enormes friedenspolitisches Potenzial. Auch bekommen wir wenig von jenen Männern mit, denen weder an der Aufrechterhaltung ihrer Machtposition noch an der verbissenen Verteidigung traditioneller Rollenbilder liegt.

Das Buch "Gute Nachrichten!" bietet viele Beispiele dafür, wie eine Veränderung von Geschlechter- und Machtverhältnissen positive Auswirkungen hat und Frieden dauerhaft sichern kann.

Heinrich-Böll-Stiftung Berlin, 2012, 176 Seiten, kostenlos bei der Heinrich-Böll-Stiftung bestellbar


Leymah R. Gbowee
unter Mitarbeit von Carol Mithers
Wir sind die MachtGwobee: Wir sind die Macht

Die Friedensnobelspreisträgerin beschränkt sich in ihrer Autobiographie – das lässt uns schon der Titel ahnen – nicht auf ihre eigene Lebensgeschichte. Gbowee erzählt die Geschichte einer Frauenbewegung, die einem im Bürgerkrieg erstarrten Land zur entscheidenden Wende hin zum Frieden verhilft.

2003 –  Liberia wurde bereits 14 Jahre von der Willkür und dem Schrecken des Bürgerkrieges zwischen Diktator James Taylor und rivalisierenden Warlords zerrieben. In diesem Jahr rief das „Women in Peacebuilding Network“ (WIPNET), dem Gbowee vorstand, Frauen auf, sich für ein Ende des Krieges einzusetzen: In weißen T-Shirts versammelten sich muslimische und christliche Frauen, um für den Frieden zu beten, mit Sitzstreiks zu demonstrieren. Um ihre Forderungen zu unterstreichen, gewährten die Frauen ihren Männern keinen Sex. Tausende von Frauen schlossen sich ihnen an. Auch die Bevölkerung begegnete ihren Aktionen mit Zustimmung und Achtung.

Das beharrliche und unerschrockene Auftreten der Frauen bewegte Taylor schließlich zu einer Audienz, bei der er zusicherte, die  Friedensverhandlungen aufzunehmen. Um sich über den Fortschritt der Verhandlungen zu versichern, begleitet eine Frauendelegation die in Accra statt findenden Tagungen. Diese zogen sich über Monate hinweg. Der Friedenswille der Parteien verlor an Glaubwürdigkeit. Und wieder waren es die Frauen, die Männer mit ihren ganz eigenen Mitteln zwangen, den Bürgerkrieg endlich zu beenden.

Gbowees couragiertem und mitreißendem Einsatz in der Friedensarbeit gehen aber Jahre leidvoller Erfahrungen voraus. 1989, sechs Monate nach ihrem Highschoolabschluss, bricht der Bürgerkrieg los und macht ihre Zukunftspläne zunichte: „Wir waren jetzt in einer anderen Welt, wir hatten eine Grenze überschritten.“

Der Krieg, das Leben auf der Flucht, eine Beziehung mit einem gewalttätigen Mann, mit dem sie vier Kinder hat, die Verachtung ihrer Familie, bei der sie nach der Flucht unterschlüpfen konnte, zerren am Selbstbewusstsein der jungen Frau.
Ein Praktikum im Bereich Traumaheilung und Traumaversöhnung markiert 1998 schließlich den Beginn ihrer Arbeit als Friedensstifterin und eine Wende in ihrem Leben. In der Folgezeit kümmert sie sich um behinderte Kindersoldaten, ehemalige „Taylor Boys“, denen der Krieg scheinbar jegliche menschliche Wärme ausgetrieben hat. Sie hält Workshops mit vergewaltigten und traumatisierten Frauen und erfährt, wie wichtig es für diese ist, ihre Geschichten mit anderen Betroffenen zu teilen und so ein Last ab zu werfen.

In ihrem Buch werden wir ZeugInnen, welche blindwütige Zerstörungskraft menschliches Handeln im Krieg freisetzen kann. Vor allem aber lernen wir, Frauen, dass wir fähig sein können, dieser Kraft die Stirn zu bieten und dass wir ihr unseren Friedenswillen entgegen setzen können. Wenn wir uns einig sind.

2006 gründete Gbowee das „Women in Peace and Security Network Africa“. 2011 erhielt sie gemeinsam mit Ellen Johnson Sirleaf, der ersten Präsidentin Liberias und der Jemenitin Tawakkul Karman, den Friedensnobelpreis.

Klett-Cotta, Stuttgart 2012, 319 Seiten, 21,95 € / 1,- € pro Buch geht an „Women in Peace and Security Network Africa“

Die Arbeit von Leymah R. Gbowee und der ihrer Mitsteiterin wurde 2006 auch in einem Film dokumentiert:
„Pray the Devil Back to Hell“



Ruth Hallo
Die TrostfrauenCover Die Trostfrauen

China, 1938: Meian lebt mit ihrer Familie in einem kleinem Dorf im Süden des Landes. Als sie in diesem Jahr auf Wunsch ihrer Eltern ein vermeintlich herkömmliches Stellenangebot in Shanghai annimmt, hört ihre Kindheit schlagartig auf. Wie sehr sie betrogen wurde, erkennt sie erst, als es schon zu spät ist. Meian wird Gefangene einer „Trostfrauenstation“, einem Bordell für japanische Soldaten. Sie ist 13, als sie erfahren muss, dass es für menschliche Grausamkeiten keine Grenzen gibt.

Die Geschichte Meians bleibt nicht die einzige, welche die LeserInnen in diesem Buch kennen lernen. Die Autorin verknüpft anschaulich die Biographien verschiedener weiblicher Hauptfiguren, die mit dem Thema “Trostfrauen“ in unterschiedlicher Weise in Berührung gekommen sind. In einem japanischen Gericht treffen sie zusammen, um für die Anerkennung der gegen sie und alle anderen betroffenen Frauen verübten Verbrechen und das damit verbundene Recht auf Entschädigung zu kämpfen. Anhand der Schilderung ihrer Leiden wird in dem Buch auf das Schicksal hunderttausender Frauen aufmerksam gemacht, welche dem unmenschlichen System der so genannten Trostfrauenstationen zwischen1937-1945 zum Opfer fielen. Nicht nur die Zeit während ihrer Gefangenschaft, sondern auch die gravierenden physischen und psychischen Folgen der Tag täglichen Gewalt und Vergewaltigungen, die Jahrzehnte lang anhaltenden Demütigungen, Beschimpfungen, den Ausschluss aus der Familie und Gesellschaft sowie den Umgang der chinesischen und japanischen Regierungen mit dieser Thematik verdeutlicht die Autorin mit klaren, schonungslosen Worten.

Das Buch schildert, den Kampf der Frauen, einen sooft verleugneten Teil der japanischen und chinesischen Geschichte ans Licht zu bringen und ein Stück weit Gerechtigkeit und die gesellschaftliche Rehabilitation der Frauen zu erlangen.

Ein bedeutender Roman zur geschichtlichen Aufarbeitung, der das Schicksal der „Trostfrauen“ nicht in Vergessenheit geraten lassen will!

LangenMüller, München 2012, 279 Seiten, 19,99 €


Sayime Erben
Gewalt und Ehre
Ehrbezogene Gewalt aus TäterperspektiveCover

Erben möchte mit ihrer Studie konservative Vorstellungen türkischer Männer über das Verhältnis der Geschlechter, über die Rollenteilung zwischen Mann und Frau, über innerfamiliäre Gewalt und über Geschlechterehre rekonstruieren. Für ihre Untersuchung hat sie fünf Täter aus bildungsfernen Familien, die aus dem ländlich geprägten Teil der Türkei stammen, befragt. Der Ehrbegriff, so ein Kernergebnis ihrer Interviews, hat Auswirkungen auf unterschiedliche Lebensbereiche und muss umgekehrt stets in deren Kontext gesetzt werden.

Für die Befragten war die “Ehre” stets mit der weiblichen Sexualität verbunden, die, vor allem von männlichen Familienmitgliedern, geschützt werden muss. Eine Frau, die von patriarchalischen Normen abweicht, macht sich eines Verbrechens schuldig. In der Folge wird aber eine “Beschmutzung der Ehre” dem Mann zur Last gelegt. Eine wichtige Rolle spielen zudem die traditionellen Rollenvorstellungen von Frauen und Männern sowie überholte religiöse Bräuche.

Centaurus, Reihe Sozialwissenschaften, Band 26, Freiburg 2012, 103 Seiten., 18,80 €


Martina Hahn/ Frank Herrmann
Fair einkaufen – aber wie?
Der Ratgeber für Fairen Handel, für Mode, Geld, Reisen und GenussCover Faire einkaufen

Die freie Marktwirtschaft erscheint uns heute häufig mehr als undurchsichtig, unkalkulierbar und rücksichtslos. Nicht nur, dass die Auswirkungen von politisch-wirtschaftlichen Entscheidungen und Vorgehensweisen (internationaler) Unternehmen nicht mehr ohne weiteres nachvollzogen werden können, selbst unser eigener, eigentlich überschaubarer Konsum verunsichert uns heute zunehmend. Mit unserer Kaufkraft bewirken wir Vorgänge, die wir nicht beabsichtigen, von denen wir manchmal nicht mal etwas wissen. Vorgänge, die sich aber dennoch gravierend auf die Lebenssituation anderer auswirken. Und selbst dann, wenn die Auseinandersetzung mit den negativen Auswirkungen der wirtschaftlichen Vernetzung der Welt und unserer daraus folgenden Verantwortung für unseren Konsum erfolgt ist, scheitern wir doch häufig daran, unsere Erkenntnisse in konkretes Handeln umzusetzen .

Dies mag wohl verschiedene Gründe haben. Einem dieser möglichen Gründe haben sich die AutorInnen dieses Buches angenommen: Unsicherheit. Denn sowohl in den Regalen von großen Discountern als auch von Einzelhandelsläden wirkt das Fairtrade-Sortiment mittlerweile wie ein riesiges Wirrwarr aus Fairtrade-Siegeln und Gütezeichen, welche ihre inhaltlichen und qualitativen Unterschiede nicht offensichtlich zu erkennen geben. Auch die Einhaltung und Glaubwürdigkeit von Unternehmenskodizes ist für die KonsumentInnen häufig schwer zu überprüfen. Wie können wir also sicher gehen, dass unsere Vorstellung beim Kauf eines Produktes über dessen Herstellung wirklich der Realität entspricht? Wie können wir in diesem, durchaus auch gewollten Durcheinander zwischen ernstzunehmenden Produkten und  deren Trittbrettfahrern unterscheiden? Was müssen wir wissen, wenn wir das nächste Mal in ein Supermarktregal greifen?

Mit vielen Tipps und zahlreichen Hintergrundinformationen trägt dieser herausragende Ratgeber dazu bei, dass fairness-bewusste, ökosozial orientierte VerbraucherInnen beim nächsten Einkauf, den Wagen mit Herz, Verstand und gutem Gewissen füllen zu können. Die AutorInnen beschränken sich in ihrer Publikation aber nicht auf den normalen Wocheneinkauf, auch ein interessanter Überblick über weitere Themen, beispielsweise faire Kleidung, Reisen oder Geldanlagen, wird gegeben.

Es ist ein aufschlussreiches, gut verständliches und anschauliches Buch, welches eine realistische Möglichkeit von Konsumalternativen darlegt; welches nicht suggeriert, der Faire Handel wäre die Lösung all unserer globalen Probleme, die aus der freien Weltwirtschaft resultieren. Die VerbraucherInnen werden die lang bestehenden, politisch gewollten und ungerechten Handelsstrukturen nicht von heute auf morgen durch den Kauf eines Fairtrade-Kaffees beseitigen könnten. Aber es wird anschaulich, was wir dazu beitragen können, dass diese Bewegung, die den Produzierenden einen gewissen Schutz im System des freien Welthandels bietet, sich weiter ausbreiten und etablieren kann.

Ungemein lesenswert, weil wir nicht darauf warten können, dass die Politik ihre Pflichten erfüllt.

Brandes & Apsel, Frankfurt am Main, 4. erweiterte und aktualisierte Auflage 2012. 340 Seiren, 24,90 €



Sibylle Hamann
Saubere Dienste
Ein ReportCover Saubere Dienste

Die Geburt eines Kindes. Krankheiten. Das Alter. Eine damit verbundene Pflegebedürftigkeit. Die Diskrepanzen zwischen Schulzeiten des Kindes und den elterlichen Arbeitszeiten. Die heutzutage geforderte Flexibilität von Arbeitsort und -zeitraum. Kürzungen in kommunalen Einrichtungen und in den Sozialleistungen. Jeder kennt die Herausforderungen, welche sich aus den diametralen Dynamiken der heutigen Arbeitswelt und der Versorgung bedürftiger Familienmitglieder ergeben. Daneben bleiben die fortwährenden Anforderungen des Haushalts. Die meisten Menschen kennen den Moment, an dem die verschiedenen alltäglichen Aufgaben nicht mehr alleine getragen werden können. Doch wer fängt in diesen Momenten den Stress auf? Wer ist da, wenn zwei Lebensbereiche unvereinbar auseinander klaffen?

Häufig sind es Frauen. Oftmals Migrantinnen aus den unterschiedlichsten Ländern. Ihre Motive, ihre Heimat zu verlassen, sind genauso unterschiedlich, wie ihre persönlichen Hintergründe, ihre Lebensgeschichten, die mit dem Fortgang verbundenen Verluste, die zu bewältigenden Herausforderungen und Komplikationen. Gemeinsam sind ihnen zugesprochene Stereotypen und die Vorurteile, die mit diesen einhergehen. Gemeinsam ist ihnen der Zugang in eine tabuisierte Privatsphäre und eine oftmals verschwiegene Existenz, um die Idealbilder der perfekten Familie und Karriere, des funktionierenden Sozial- und  Wohlfahrtsstaates sowie der tadellosen Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Die fehlende Anerkennung, bzw. auch die Verleugnung des Werts ihrer Arbeit, eine häufig unübersichtliche rechtliche Lage und fehlende Arbeitsstandards schaffen die Basis für eine menschenunwürdige Ausbeutung ihrer Arbeitskraft, die in nicht wenigen Fällen im Menschenhandel und der Sklaverei endet.

Sibylle Hamann schildert beeindruckend die Lebenswelt vieler Frauen, die mitten unter uns leben und dennoch häufig nicht wahrgenommen werden. In klaren Worten beschreibt sie nicht nur die vorhandenen Missstände, sondern kommt auch zu einer sinnvollen Einschätzung dessen, was getan werden muss. Ihr Buch ist ein Plädoyer, die Arbeit dieser Frauen auf der gesellschaftlichen, politischen und rechtlichen Ebene zu würdigen und ihnen den längst verdienten Platz in unserer Mitte einzuräumen.

Residenz Verlag, Sankt Pölten – Salzburg – Wien, 2012, 206 Seiten, 21,90 €


Claudia Haarmann
Mütter sind auch Menschen

Was Töchter und Mütter voneinander wissen solltenCover:

Jede Mutter-Tochter-Beziehung ist eine besondere. So war es auch nicht verwunderlich, dass das bevorstehende Buchprojekt über Mütter und Töchter unweigerlich die unterschiedlichsten Reaktionen von Freundinnen und Bekannten entlockte. Eines aber ist – so die Hauptthese der Verfasserin - all diesen Beziehungen gemeinsam: Jede Mutter will ihrem Kind nur das Beste geben, aber das Leben funkt stets dazwischen. Die Psychotherapeutin Claudia Haarmann rollt in ihrem Buch die Dynamiken auf, die zwischen Müttern und Töchtern in verschiedensten Lebenssituationen entstehen.

„Liebe“, „Bindung“, „Schuld“ und „Verantwortung“ sind die immer wiederkehrenden Schlagworte.

Neueste Erkenntnisse aus Hirnforschung und Traumatherapie heranziehend, erklärt die Autorin, wie die erlebten Traumata früherer Generationen – Kriege, Gewalterfahrungen, Verluste, Schweigen – in das Verhältnis zwischen Mütter und Töchtern eingreifen können.

Haarmann konsultiert Trauma- oder Psychotherapeutinnen und lässt Mütter und Töchter zu Wort kommen. Durch die immer wieder zitierten Berichte der befragten Frauen wirkt das Buch sehr warm, herzlich und offen. Schnell finden wir eine Passage, in der wir uns wieder erkennen. So liest sich „Mütter sind auch Menschen“ nicht wie ein Lehrbuch für Beziehungstherapie. Nach der Lektüre meinen wir eher, uns den Rat einer erfahrenen Freundin geholt zu haben.

Diese Neuauflage enthält zusätzlich ein Kapitel, das den Hintergründen der Konflikte bei Kontaktabbruch zwischen Mutter und Tochter nachgeht. Ein weiteres Kapitel beleuchtet frühkindliche Bindungserfahrungen und deren Auswirkungen auf das Sexualleben Erwachsener.

Orlanda Verlag, Berlin, überarbeitete Neuauflage 2012,19,50 €


Ursula Krebs
Sophies Brautpreis
Eine afrikanische Frau erzähltCover: Krebs Sophies Brautpreis

Nach ihren Romanen „Mireille Makampé – Der Wille meines Vaters geschehe.“ und „ Rosalinde Massado: Komm, zünde meine Lampe an.“ lässt Ursula Krebs erneut eine Frau aus Kamerun ihre Lebens- und Leidens- und – schließlich - Erfolgsgeschichte erzählen.

Sophie darf als eines der ersten Mädchen ihres Dorfes zur Schule gehen. Nach der Grundschule wird das lernbegierige Kind erkennen, dass sie als Mädchen weniger Chancen auf Bildung als die Jungen hat: Die weiterführende Schule in ihrer Nähe ist nur Jungen vorbehalten.

Als gläubige Christin möchte sie keine polygame Beziehung, wie dies in Kamerun oft noch üblich ist, eingehen. Doch die Familie besteht auf einer Heirat, gesteht Sophie aber zu, ihren Ehemann selbst zu wählen. Sie geht eine Ehe mit dem mittellosen Matthias ein. Da er den Brautpreis nicht aufbringen kann, arbeitet auch Sophie dafür, das von ihrer Familie verlangte Geld aufzubringen.
Der Nachwuchs bleibt aus. Die traditionellen Heiler verordnen innere und äußere Reinigungen, Opfergaben an die Verstorbenen, während die „Medizin der Weißen“ durch Operationen und Medikamente das Problem zu beheben versucht. Beide Methoden bleiben ohne Erfolg. Matthias holt sich eine „gebärfähige“ Zweitfrau ins Haus, um seine Männlichkeit nach außen hin „beweisen“ zu können. Sophie kann ihre neue Situation nur unter großen emotionalen Gewissensbissen ertragen. Als die Zweitfrau sich aber von jeder Hausarbeit fernhält, mit der Ausrede, als gebärfähige Frau mehr „wert“ zu sein als Sophie, scheitert die Ehe und Sophie zieht aus. Um wirkliche Freiheit, Würde und Selbstachtung zu erlangen, will sie ihrem Mann den Brautpreis zurückzahlen, eine bis dahin einmalige Unternehmung in der Tradition des Dorfes. Sophie muss Klugheit beweisen und viel Arbeit und Angst auf sich nehmen, um das Geld zu erwirtschaften.

Sophie erzählt stellvertretend für viele afrikanische Frauen authentisch und berührend von Polygamie, Chancenungleichheit und der Abhängigkeit vom Mann. Aber ihre Geschichte lehrt uns, dass individueller Mut starre Traditionen aufzubrechen vermag und so dazu beitragen kann, die Gesellschaft (nicht nur für Frauen) lebenswerter zu machen.

Ursula Krebs, geb. 1941, lebte als Sozialarbeiterin selbst fast 20 Jahre lang in Kamerun. Ihre Erfahrungen machten Sophies Bericht authentisch und glaubhaft.

Lamuv Verlag, Göttingen 2008, 250 Seiten, 12,- €


Jürgen Wacker
Isaaks Schwesternisaaks_schwestern

Die auf wahren Begebenheiten basierende Erzählung des Gynäkologen Jürgen Wacker begleitet die Familie der jungen Fatimata (Fanta) in Burkina Faso, um dann über ein deutsches Paar den Bogen nach Deutschland zu schlagen.

Im Alter von sechs Jahren wird Fanta von ihrer Großmutter einer Genitalverstümmelung unterzogen.
Fantas Mutter, eine angehende Hebamme, selber beschnitten, konnte ihre älteste Tochter nicht vor dem Eingriff schützten. In ihrer Abwesenheit handelte Fantas Großmutter entgegen ihrem ausdrücklichen Wunsch, um das im Namen der Tradition Notwendige zu unternehmen.

Fantas Wunde entzündet sich, sie wird ins Krankenhaus von Dori eingewiesen. Hier wird sie von Jo Lingen, einem deutschen Arzt behandelt. Die Konfrontation mit traditionsbedingten Krankheiten, bietet Anlass für Gespräche, zuweilen heftigen Diskussionen, in denen die Hintergründe der über Generationen gepflegten Praktiken erörtert werden. Lebhaft werden auch die unterschiedlichen Einstellungen zu Schwangerschaft, Entbindung und Kindern in afrikanischen Ländern und in Europa besprochen.

Als Jo Lingens Lebensgefährtin Eva Dammert, eine Fehlgeburt erleidet und sich nur schwer von ihr erholen kann, beschließt das Paar nach Heidelberg zurück zu kehren. Um Djamila, Fantas verwaiste Cousine, vor Genitalverstümmelung zu bewahren, nehmen sie diese mit und adoptieren sie. In Deutschland macht die aufgeschlossene und eifrige Schülerin ganz andere Erfahrungen: Sie wird mit rassistischen Sprüchen belästigt und keine/r ihrer MitschülerInnen steht ihr bei. In ihrer neuen Schule nutzt der Lehrer seine Stellung aus, um SchülerInnen sexuell zu missbrauchen. Djamila flüchtet mit ihrer Freundin.

Ein Buch, das von den Erfahrungen ihres engagierten Verfassers profitiert.

Der Gynäkologe Jürgen Wacker war von 1986 – 1988 für den DED in Burkina Faso tätig, und leitet seit 1988 regelmäßig Workshops gegen Genitalverstümmelungen in Burkina Faso. 2008 gründete Jürgen Wacker den Verein „Menschen für Frauen e.V./ Deutsch-Afrikanische Freundschaftsgesellschaft in der Gynäkologie“.

Westkreuz Verlag, Berlin 2011, 214 Seiten, 19,90€

 

Ali Schirasi
Die Wüste glimmtCover

In seinem neuen Roman zeichnet Ali Schirasi ein Bild des Iran auf seinem Weg in die Revolution, die zum Sturz des Schah und zum Aufstieg der Mullahs führen sollte. In den Mittelpunkt stellt er die Geschichte der „verrückten“ Pari und des Sonderlings Gondik; zwei Menschen, die von ihrer Außenwelt als „minderbemittelt“ wahrgenommen werden.

Die beiden Hauptfiguren ziehen zunächst, einander noch nicht kennend, von einem Dorf zum nächsten, bis sich ihre Lebenswege schließlich kreuzen und sie diese fortan gemeinsam durchlaufen. Die Dorfgemeinde, geprägt durch Gemeinschaft, Tradition und tiefem Glauben nimmt sich bald ihrer an und führt sie durchs Leben; organisiert gar ihre Hochzeit, - einschließlich der Brautwerbung.

Gebannt vom Leben des Paares und der DorfbewohnerInnen gelangt man nahezu beiläufig und unbemerkt in die Wirren der iranischen Revolution, die das Leben der Dorfgesellschaft durcheinander wirbeln und die gesellschaftliche Ordnung des Iran vollständig und nachhaltig umkrempeln sollte.

Dank Schirasi können wir die Konsequenzen dieser einschneidenden Umwälzungen aus der Sicht der Menschen einer Dorfgesellschaft miterleben. „Die Wüste glimmt“ ist ein Roman, den Authentizität, Anschaulichkeit und Lebendigkeit auszeichnen.

Agenda Verlag, Münster 2011, 378 Seiten, 19,80€



Schlangenbrut.
Zeitschrift für feministisch und religiös interessierte Frauen
Schwerpunkt: Neue Medien

Schlangenbrut 116 Sie brachten uns Schnelligkeit, die allgegenwärtige Verfügbarkeit und die globale Auffindbarkeit von allem und jedem. Die neuen Medien haben unseren Alltag verändert. Nicht nur zum Guten. Aber ohne Internet wäre es aufgrund eines unbedachten Satzes, der einem Polizeibeamten entglitten war, wohl kaum so schnell zu einer internationalen Protestbewegung gekommen, wie mit den Slutwalks geschehen. Fotografien zum „Schlampenmarsch“ bebildern denn auch erfrischend die März-Ausgabe der Schlangenbrut.

Welche Bedeutung hat das Mitmach-Netz für die Geschlechterfreiheit? – dieser Frage geht Caroline Roth-Ebner in ihrem Artikel nach.
„Sind Computerkurse speziell für Frauen überhaupt noch notwendig?“ erörtert Vanessa Görtz im Gespräch mit Ines Holthaus, der Mitbegründerin des Vereins „Frauen und neue Medien“.

Aber die Beiträge zum Schwerpunkthema kreisen nicht nur um das Internet. Maren Haartje z.B. würdigt die oft übersehene Friedensabeit von Frauen. Sie zeigt, wie diese als couragierte Vermitt-lerinnen, als Medium tätig sind.
Einen Blick von außen auf die Schlangenbrut werfen die beiden Doktorandinnen Anna-Lin Karl und Edina Kiss.
Eine Bibliografie von Vanessa Görtz gibt weiterführende Lese- und Surftipps zu Internet & Co.

Schlangenbrut e.V.: Schlangebrut, 30. Jahrgang, März 2012, Ausgabe 116, 51 Seiten, 4,80 €



Marianne Neuwöhner
„Die Frau ist frei geboren und bleibt dem Manne gleich an Rechten“
Frauenrechte und der Auftrag für die Soziale Arbeit Marianne Neuwöhner: Die Frau ist frei geboren

1791 formulierte Olympe de Gouges ihre legendäre „Erklärung der Rechte der Frau und der Bürgerin“. Welchen Prozess haben die Frauenrechte seither durchlaufen? Wie sieht die aktuelle Situation der Frauen in Deutschland aus? Marianne Neuwöhner geht in ihrer fachkundigen Diplomarbeit diesen Fragen nach und deckt Handlungsbedarf auf. Ein besonderes Augenmerk widmet sie der Sozialen Arbeit als Menschenrechtsprofession und entwickelt Ansätze für die sozialarbeiterische Praxis im Bereich der Frauenrechte.

Vor de Gouges berücksichtigten Menschenrechtserklärungen nur die Rechte des Mannes. Konsequenter Weise beginnt die Autorin ihren Rückblick auf die Geschichte der Frauenrechte mit der französischen Revolutionärin, fährt mit Mary Wollstonechrafts Verteidigung der Frauenrechte von 1792 fort und beschließt mit den Suffragetten in England, um sich dann den wichtigsten Meilensteinen der deutschen Frauenbewegung und ihrer Errungenschaften hin zu wenden.

In der deutschen Gegenwart angekommen klopft sie Bereiche wie Bildung, Beruf, Ehe und Scheidung ab, analysiert die Formen von Gewalt, denen Frauen auch heute noch ausgesetzt sind. Gleichberechtigung sieht sie lediglich für den Bereich der Bildung realisiert. Die Benachteiligungen, die Frauen in Deutschland erfahren, gelten ganz besonders für Migrantinnen, die oft zusätzlich - bedingt z.B. durch die patriarchalen Strukturen ihrer Herkunftsländer - weitere Hürden nehmen müssen.

Unter Bezug auf das von der UNO herausgegebene Manual „Menschenrechte und Soziale Arbeit“ fordert die Autorin nicht nur Angehörige der Sozialen Berufe zum Handel auf. Marianne Neuwöhner möchte mit ihrem Buch „Menschen einen Impuls geben, sich mit den Rechten von Frauen zu beschäftigen und dafür einzusetzen.“ Sie wird das nicht nur bei Lehrenden, Lernenden und Praktizierenden der Sozialen Arbeit erreichen.

Tectum Verlag, Marburg 2010, 200 Seiten, 24,90 €


Iana Matei
Zu verkaufen: Mariana, 15 Jahre alt.
Mein Kampf gegen den MädchenhandelIana Matei: Zu verkaufen: Mariana, 15 Jahre

Iana Matei wurde 1996 von den ChefredakteurInnen der europäischen Ausgaben von Reader’s Digest zur Europäerin des Jahres gewählt. Elf Jahre davor hatte sie die erste Zufluchtstätte für Frauen in Rumänien eingerichtet, die von international operierenden Schlepperbanden ausgebeutet wurden. So zeichnet sie mit ihrer Autobiographie auch gleichzeitig ihr Engagement für zwangsprostituierte Mädchen nach und liefert Einblicke in eine im Verborgenen operierenden Sexmafia.

Bereits im ersten Kapitel lässt sie uns an der wagemutigen Befreiungsaktion der 15-jährigen Ionela aus der Gewalt ihrer Zuhälter teilhaben. Die Geschichte dieses Mädchens, das durch halb Europa gezerrt wurde, um Männern dienstbar zu sein, deckt die Mechanismen des Menschenhandels auf und führt die Ausweglosigkeit ihrer Opfer vor Augen. Ionela ist eines der zahlreichen Mädchen, denen Matei in ihrem Frauenhaus einen Unterschlupf und die Möglichkeit eines neuen Lebensbeginns bietet.

Ein Kapitel widmet die Autorin dem „Lagebild Menschenhandel“ in Europa. Sie führt vor, wie sich die Gesetzgebung der einzelnen Länder auf das Rotlichtmilieu niederschlägt.

1989 floh Matei vor der Polizei nach Jugoslawien und emigrierte danach nach Australien, wo sie ein Psychologiestudium abschloss und sich um obdachlose Menschen kümmerte. Zurück in Rumänien gründete sie ein Projekt für Straßenkinder. Als ihr von der Polizei drei minderjährige Zwangsprostituierte anvertraut wurden, suchte sie nach einer geeigneten Unterkunft und mietete eine Wohnung, in die sie mit den Mädchen einzog. Damit war der Keim für „Reaching out“, ihr Frauenhausprojekt für „zerbrochene Puppen“ gesetzt.

Das Buch ist ein Augenöffner: Es enthüllt den Menschenhandel als moderne Sklaverei, es enthüllt die Leiden der Betroffenen, die selbst nach einer „Befreiung“ lange mit Krankheiten und Traumata leben müssen. Manche überleben nicht.

Bastei Lübbe TB, Köln 2011, 286 Seiten, 8,99

Ulrike Karner
RegenbogenlichtUlrike Karner: Regenbogenlicht

Nach ihrem Debutroman Allah und der Regenbogen führt die Psychologin Ulrike Karner in ihrem zweiten Roman die Geschichte über das Leben der jungen Türkin Ebru weiter, die nach ihrem Outing als Lesbe ihr selbstbestimmtes Leben in Wien genießt.

Vor dem Hintergrund von Konflikten, die die türkische Migrantin in Bezug auf religiöse Traditionen ihrer Familie erlebt, entspinnen sich die Erzählungen über ihre Suche nach der großen Liebe, die Entdeckung ihrer Sexualität und ihre Freundschaft zu Lena, die in Ebrus Bruder Tarik verliebt ist. Dieser soll jedoch mit einer Cousine aus der Türkei verheiratet werden, um die von seiner Schwester beschmutzte Familienehre wieder herzustellen.

Der Autorin gelingt es, Themen wie Migration und Integration in Österreich, Zwangsheiraten und Homosexualität miteinander zu verbinden und den LeserInnen durch die Erlebnisse der jugendlichen Charaktere feinfühlig und authentisch näher zu bringen.

Wie bereits in Allah und der Regenbogen ist die romanhafte Erzählweise durchbrochen von Kurztexten in Form von E-Mails, Chats oder SMS, was eine Unmittelbarkeit der Ereignisse suggeriert, sodass man während des Lesens das Gefühl hat, die Wirren des Gefühlslebens von Ebru, Lena & Co direkt nachzuvollziehen.

Auch spricht die Autorin auf diese Weise gezielt Jugendliche an, die auf der Suche nach sich selbst, nach Werten, Freundschaft und Solidarität sind. (Besprechung: Sarah Breitenbach)

Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach 2011, 290 Seiten, 19,95 €

Barbara Naziri
Grüner Himmel über schwarzen Tulpen
Ein west-östlicher Blick hinter den Schleier des IransCover Naziri: Grüner Himmel

In ihrem Roman erzählt die Autorin in poetischer Sprache von ihren west-östlichen Einsichten in die Welt zweier unterschiedlicher Kulturkreise und ergänzt durch ihre eigenen Erfahrungen das von den Medien einseitig geprägte Bild des Irans. Die Autobiographie stellt so zu einer Mischung aus Reisebericht, Geschichtsbuch und gesellschaftlichem Protestzeugnis dar, in der die politischen Verwerfungen der jüngeren iranischen Geschichte durch die Empathie der Autorin für das Land ihrer Vorfahren auf gefühlvolle Weise an den Leser herangeführt werden.

Barbara Naziri, deren Mutter deutsch-dänische und deren Vater iranische Wurzeln hat, ist durch ihr Umfeld früh für die Bereicherungen aber auch das Konfliktpotential interkultureller Begegnungen sensibilisiert worden. Aufgewachsen in Hamburg bereist sie nach der Geburt ihrer Kinder über zwanzig Jahre lang den Iran mit dem Ziel, ihr Leben einmal dort zu verbringen: Ein Traum, der sich angesichts systematischer Menschenrechtsverletzungen und politischer Repressalien, fundamentalistischer Mullahs und dem herrschenden Gesetz der Scharia, das vor allem die Freiheitsrechte der Frauen betrifft, schwierig zu gestalten scheint.

Naziri nimmt den Leser einerseits mit in die abwechslungsreiche Natur und Landschaft des Iran, deren Beschreibungen eine stark bildhafte Sprache anhaftet. Andererseits berichtet sie von den alten persischen Kulturstätten wie den Feuertempeln Zarathustras oder den großartigen Moscheen und Grabstätten berühmter Dichter. Auch die Anfänge und Auswirkungen der Islamischen Revolution auf die Zivilbevölkerung, die in der Mehrheit nach Frieden, Reformen und politischer Partizipation strebt, stehen im Zentrum der Handlung und formen durch ihre Eindrücklichkeit aber auch durch den humorvollen Erzählton ein neues Bild der sozialen und gesellschaftlichen Lebensumstände moderner Iranerinnen und Iraner. Dies konkretisiert sich zum Beispiel in den anschaulichen Beschreibungen der Grünen Demokratiebewegung und den Demonstrationen von 2009, in deren Verlauf vor allem die Stärke der Frauen sichtbar wird.

Barbara Naziri ist in ihrem autobiographischen Roman eine persönliche Auseinandersetzung mit den Stärken und Schwächen, den Hoffnungen und Frustrationen gelungen, mit denen die Einwohner aber auch die Exilanten dieses Vielvölkerstaates zu kämpfen haben. Über die individuelle Ebene hinaus spricht sie relevante zeitgenössische Umwälzungen in sozialen und politischen Bereichen an, die die Kultur des Iran formen und zeichnet so ein differenziertes Bild der iranischen Gesellschaft.

In dieser Hinsicht leistet die Autorin einen Beitrag zur interkulturellen Verständigung zwischen dem Westen und dem Osten, zwischen Deutschland und dem Iran. (Besprechung: Sarah Breitenbach)

Christel Göttert Verlag, 2011, 422 Seiten, 19,80 €

Sengül Obinger
Löwinnenherz

Wie ich mir meine Freiheit erkämpfte und dabei fast das Leben verlorCover Obinger: Löwinnenherz

Sengül Obinger musste afgrund eines schweren Nierenleidens ihre ersten fünf Lebensjahre fast ausschließlich im Krankenhaus verbringen. Fünf schmerzhafte Jahre, die dennoch einen Vorteil hatten: Von einer Krankenschwester, die sich hingebungsvoll um sie kümmerte, lernte sie deutsch. So war sie später in der Lage, für ihre aus der Türkei stammenden Eltern zu dolmetschen. Ihren zu Gewalt neigenden Vater, vertrat sie sogar vor Gericht. Während einer Gerichtsverhandlung wird sie vom Anblick einer souverän auftretenden Anwältin in Bann gezogen. Diese Frau wird für die junge Sengül zum Vorbild. Ihr Bild wird ihr helfen, in scheinbar ausweglosen Situationen, den Mut und den Willen aufzubringen für ihre selbst gesteckten Ziele zu kämpfen.

Sengül ist ein bildungshungriges Kind. Aber ihre Familie macht ihr in aller Deutlichkeit klar, dass Schulausbildung für Mädchen „für die Katz“ ist. Sie werden ohnehin heiraten und dann ihre Aufgaben im Haushalt erfüllen. Ihr Alltag ist von Kontrolle und Sanktionen geprägt. Im Pubertätsalter erlebt sie ihre Mutter gar als „Terrorbeauftragte zur Überwachung“ des Hymens.

Mit 18 wird sie schließlich in der Türkei gegen ihren Willen mit einem Cousin verheiratet. Jetzt ist sie und bald auch ihre Tochter, die kurz nach der Heirat zur Welt kommt, der Willkür und Brutalität ihres Ehemannes ausgeliefert. Nach fünf Jahren reicht sie schließlich die Scheidung ein. Die Schüsse, die er auf sie abfeuert, verfehlen sie wie durch ein Wunder. Ihr Mann richtet sich selbst.
Nach der langen Leidenszeit hat die junge Frau jetzt nicht nur die Rache der Familie ihres Mannes zu fürchten, sie muss auch mit der Ächtung ihrer eigenen Familie leben, die ihr die Schuld für die missratene Ehe zuweist.

14 Jahre nach der Tat schreibt Sengül Obinger ihre Autobiografie. Sie hat eine Ausbildung zur Personalfachfrau absolviert und strebt ein Jurastudium an. Sie ist glücklich verheiratet und hat eine zweite Tochter.

Sengül Obingers Biografie ist das Zeugnis einer Frau, die sich nicht brechen ließ und alles dran setzte ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Ihr Buch wird vielen Frauen in ähnlichen Situationen Mut machen.
Für uns alle ist es ein wertvoller und herausragender Beitrag im vielstimmig – und zuweilen eintönig - klingenden Chor zum Thema Integration.

Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2011, 220 Seiten, 17,95 €


Jutta Hartmann / ado e.V. (Hrsg.)
Perspektiven professioneller Opferhilfe
Theorie und Praxis eines interdisziplinären HandlungsfeldesCover Opferhilfe

Die Folgen von Straf- und insbesondere von Gewalttaten sind für die betroffen Menschen oft sehr gravierend und beeinflussen ihr Leben nachhaltig.

Es bedarf professioneller Hilfe um die verletzenden Erfahrungen zu überwinden und Folgeschäden vorzubeugen. Kompetente Opferhilfe ist also zwangsläufig ein vielschichtiges und interdisziplinäres Handlungsfeld.
Der Band, entstanden anlässlich 20-jährigen Bestehens des „Arbeitskreises der Opferhilfe in Deutschland“ (ado), vereint Beiträge von AutorInnen die aus Wissenschaft und Praxis kommen. So entstand ein Buch, das einen systematischen Zugang zum Praxisfeld der Opferhilfe aus wissenschaftlicher, rechtlicher, psycho-sozialer, praxisreflektierender sowie qualifizierender Perspektive bietet.

Wichtige Entwicklungen und Erkenntnisse sowie Verfahren und Herausforderungen der Opferhilfe werden dargelegt und Einblicke in die Opferhilfe als ein professionalisiertes Handlungsfeld Sozialer Arbeit vermittelt.

Der Band wendet sich an Lehrende und Studierende der Sozialwissenschaften sowie an SozialarbeiterInnen, PsychologInnen, JuristInnen und Akteure verwandter Disziplinen in der Praxis der Opferhilfe.

VS Verlag der Wissenschaften/Springer Fachmedien Wiesbaden. 2010, 329 Seiten, 34,95


Hedwig Kolonko
Zwei Gesichter des Isan
Das Leben in einer thailändischen GroßfamilieKolonko: Zwei Gesichter des Isan

Jake und Tine, zwei Deutsche in Thailand sind die Hauptfiguren in Kolonkos Roman. Im Norden Thailands (Isan) versuchen sie gemeinsam mit ihren thailändischen LebensgefährtInnen und deren Familien ein Leben aufzubauen. Selbst schlechte Erfahrungen können ihre Liebe zu Land und Leuten nicht schmälern. Diese Verbundenheit spürt man in den intensiven Beschreibungen der Autorin. Einer Dokumentation gleich illustriert sie mit lebhaften und farbenfrohen Bildern den Alltag der thailändischen Bevölkerung. Die LeserIn erfährt beispielsweise vom engen Familienzusammenhalt, den Ess- und Kochgewohnheiten oder der Schulbildung.

Kolonko gewährt auch kritische Blicke hinter die zweifellos wunderbare touristische Fassade: Sie beschreibt die Not der Landbevölkerung, die durch Auslandsarbeit zerrissenen Familien, die Trostlosigkeit der vielen Kinder, die nach dem Tsunami 2004 elternlos zurückgeblieben sind. Sie gibt den mittellosen „Thaimädchen",  die versuchen, sich durch eine Ehe mit einem Farrang, einem Weißen, den Lebensunterhalt und den ihrer Familien zu sichern, ein Gesicht. Mit ihrem kritischen Blick auf das Elend dieser Frauen und Mädchen relativiert sie die von Klischees verbrähmten Wahrnehmungen vieler deutscher Sex- und Heiratstouristen.

Der Roman, dem farbige Fotos beigegeben sind, will den Blick für eine arme Region schärfen, in der sich Kolonko für die Waisenkinder einsetzt. Das Buch möchte zur Finanzierung eines Kinderdorfes beitragen und Sponsoren über das Projekt informieren.

Die in Deutschland geborene Autorin lebt selbst mit ihrem Sohn seit 2001 im Nordosten Thailands. Aus dieser Erfahrung heraus ergibt sich eine authentische und lebhafte Schilderung.

Araki Verlag Leipzig, 2010, 165 Seiten, 12,50 €


Sabatina James
Nur die Wahrheit macht uns frei

Mein Leben zwischen Islam und ChristentumCover: James

Sabatina James, 1982 in Pakistan geboren, emigrierte mit ihrer Familie im Alter von zehn Jahren nach Österreich. Mit 17 entkam sie einer Zwangsverheiratung und flüchtete nach Deutschland., wo sie zum Christentum konvertierte. Seither muss sie mit den Morddrohungen ihrer Eltern leben.

Sabatina James gab nicht klein bei, sondern gründete den Verein Sabatina e.V., um anderen Mädchen und Frauen beizustehen, die sich in ähnlichen Situationen befinden.

Durch ihren Verein lernte sie viele Frauen aus ihrer Heimat Pakistan, aber auch aus Österreich und Deutschland kennen, die sich wegen erlittener physischer, psychischer und sexueller Gewalt an sie wandten. Frauenschicksale, die sich für sie in der Rechtsordnung der Scharia begründen.

Die Autorin positioniert sich klar gegen die Unterdrückung von Frauen sowohl im privaten als auch im öffentlichen Raum. Es ist ihr besonderes Anliegen, die Öffentlichkeit für die Themen Zwangsverheiratung sowie häusliche Gewalt in muslimischen Familien zu sensibilisieren und die Politik und Gesellschaft in diesem Bereich zum Positiven zu verändern.

Sabatina James’ Autobiographie ist die Geschichte einer Rebellin, die nicht aufgibt und doch ehrlich ihre Verzweiflung angesichts der Hoffnungslosigkeit einzelner Frauenschicksale zum Ausdruck bringt. Durch diese Authentizität fesselt sie die LeserInnen und vermittelt ihnen Einsichten in religiöse Welten, die nicht unbedingt nur im fernen Pakistan, sondern mitten in Deutschland existieren.

Pattloch Verlag, München, 2011, 283 Seiten, 16,99 €


Babette Cole
Prinzessin PfiffigundeCover Pfiffigunde

Alle Welt erwartet, dass eine Märchenprinzessin den Märchenprinzen heiratet. Doch Prinzessin Pfiffigunde hat übrehaupt keine Lust zum Heiraten. Um sich der Bewerber um ihre Hand zu erwehren, greift sie zu einem bewährten Mittel: Sie stellt knifflige Aufgaben.
Doch die allerkniffligste Aufgabe muss sie schließlich selbst lösen ...

Carlsen Verlag Hamburg, 2005, 14,90 €


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