Neuanschaffungen im Juni/Juli 2010

Titelbild des Buches ZwangsverheiratungFriederike Alfes, Asiye Balikci, Stefanie Nöthen, Isabell Zwania-Rößler
Zwangsverheiratung
Arbeitshilfe für die professionelle Beratung von Betroffenen
Lambertus, Freiburg im Breisgau, 2010, 79 Seiten, 10 Euro

Die im Projekt „JiZ – Jugend informieren über Zwangsverheiratung“ entstandene Arbeitshilfe will professionellen Beratungsstellen in ihrer Arbeit in Fällen einer drohenden oder bereits vollzogenen Zwangsheirat unterstützen.

Neben Hintergrundinformationen zum Thema Zwangsverheiratung liefert sie Wissen über rechtliche Grundlagen und Gesetzesbestimmungen wie beispielsweise Aufenthaltsbestimmungen. Die Autorinnen bieten konkrete Handlungsempfehlungen für die Beratung und zeigen an Fallbeispielen, wie diese erfolgreich ablaufen kann. Im Anhang sind wichtige Adressen und Literatur aufgelistet.

 

Titelbild des Buches 'Ich will nicht mehr schweigen'Elham Manea
Ich will nicht mehr schweigen

Der Islam, der Westen und die Menschenrechte
Herder Verlag, Freiburg 2010, 200 Seiten, 8,95 Euro

"Erst die Menschenrechte, dann die Religion!" Elham Manea plädiert in ihrem Buch für diese Reihenfolge. Sie betont die Notwendigkeit der Wahrung der Menschenrechte und zeigt die Grenzen der Toleranz gegenüber dem Islam auf. Sie berichtet von ihren persönlichen Erfahrungen mit dem Islam als Muslimin und den Umgang mit dieser Religion in der Gesellschaft.

Die Autorin steht dafür ein, einen Islam zu schaffen, der humanistisch, tolerant und modern ist sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau respektiert. Sie erklärt, wie dieser Islam aussehen sollte, welche Suren anders interpretiert werden müssten oder bei dem neuen Islam erst gar keine Beachtung finden dürften. Eine Beschränkung auf die Liebe zu Gott und den anderen Menschen, die in einigen Suren gepriesen wird, würde eigentlich ihrer Meinung nach ausreichen. Doch das würde bedeuten, dass der Koran nur noch wenige Seiten dick wäre. Für Elham Manea ist die wohlwollende, nicht unterwerfende, angsterstarrte oder kriegerisch ausgelebte Liebe zu Gott der grundlegende Baustein einer humanistischen Religion. Eine schöne Vision.

 

Titelbild des Buches 'Erfolgreiche Öffentlichkeitrsarbeit...'Dankwart von Loeper
Erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit für Asyl und Menschenrechte
von Loeper Literaturverlag, Karlsruhe 2010, 227 Seiten, 12,90 Euro

Menschen, die sich für Menschenrechte engagieren, finden noch viel zu selten den Weg in die Medien. Doch das muss nicht so sein und bleiben. Dieses Praxisbuch zeigt auf, wie Einrichtungen in der Asyl- und Menschenrechtsarbeit, Initiativen und Engagierte die Öffentlichkeit besser nutzen können.

Ganz konkret geht es darum, wie Themen für die Medien aufbereitet werden können, wie eine gute Pressemitteilung aussieht, was beim Kontakt zu Journalisten zu beachten ist, wie Internet, Blogs und Twitter für die PR-Arbeit eingesetzt werden können, und vieles mehr. Praktische Checklisten erleichtern die sofortige Umsetzung. Ein umfangreiches Lexikon der Aktionsformen gibt vielfältige Anregungen. Zusätzlich wurden dem Band eine Vielzahl aktueller Medien-Adressen und Internet-Plattformen beigefügt. So ist ein Handbuch für die Praxis entstanden, aus dem Anfänger wie Fortgeschrittene in der Medienarbeit gleichermaßen Nutzen ziehen können.

Der Autor Dankwart von Loeper ist Leiter einer Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und seit über 20 Jahren ehrenamtlich in der Asyl- und Menschenrechtsarbeit aktiv.

 

Titelbild des Buches 'Der Osten braucht dich'Elizabeth Harvey
"Der Osten braucht Dich!"
Frauen und die nationalsozialistische Germanisierungspolitik
Hamburger Edition 2010, 476 Seiten, 35 Euro

Nach dem Überfall auf Polen im September 1939 wurden deutsche Mädchen und Frauen aus dem "Altreich" für soziale und erzieherische Aufgaben für den "deutschen Osten" rekrutiert. Sie sollten unter anderem Kindergärten und Schulen für deutsche Kinder einrichten und als "Ansiedlerbetreuerinnen" volksdeutsche Familien in Haushaltsführung und Kinderpflege unterweisen.

Elizabeth Harvey rekonstruiert die Rolle von Frauen und Mädchen im Besatzungsalltag und in der deutschen Expansionspolitik. Dazu wertet sie Arbeitsberichte und NS-Veröffentlichungen ebenso aus wie Briefe und Tagebücher sowie ihre eigenen Interviews mit Frauen, die im besetzten Polen tätig waren.

 

Titelbild des Buches 'Der Islam braucht...'Seyran Ates
Der Islam braucht eine sexuelle Revolution.

Eine Streitschrift
Ullstein, Berlin 2009, 219 Seiten, 19,90 Euro

Sex und Sexualität – darüber spricht man in der muslimischen Welt nicht. Jedenfalls nicht als Frau. Während alles, was die Sexualität von Frauen und Mädchen betrifft ayib, also unanständig ist, können Jungs und Männer ganz offen mit ihrer Sexualität umgehen, ja sogar damit prahlen. Frauen hingegen, die über ihre Sexualität selbst entscheiden möchten, droht mitunter sogar der Tod.

Seyran Ates ist überzeugt, dass auch muslimische Frauen ein Recht auf sexuelle Freiheit haben und fordert deshalb eine sexuelle Revolution im Islam. Seyran Ates vergleicht die Situation der muslimischen Frauen heute mit der Situation der westlichen Frauen zu Beginn der sechziger Jahre, weshalb sie auch die sexuelle Revolution der 68er als Vorbild sieht. Sie schreibt, „wie jede politische Bewegung haben die 68er nicht alles perfekt gemacht. (...) Doch die westliche Gesellschaft wäre nicht so liberal, wie sie ist, wenn es 1968 nicht gegeben hätte.“

Jedoch geht es der Autorin nicht darum, sexuelle Ungezügeltheit zu propagieren, sondern den muslimischen Frauen ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen und die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen zu überwinden. Die Unterdrückung der Sexualität, die bereits den Alltag von kleinen Mädchen durch die Angst vor Verkommenheit in einem großen Maße sexualisiert, fördert Zustände wie Zwangsheirat, eheliche Gewalt und Ehrenmorde. Die Grundvoraussetzung für eine freie und fortschrittliche Gesellschaft ist jedoch eine freie und selbstbestimmte Lebensgestaltung. „In muslimischen Gesellschaften hingegen zeigt sich in vielen Bereichen, dass die Geschlechtertrennung und die damit einergehende permanente Sexualisierung des gesellschaftlichen Lebens Stillstand und mangelnden Fortschritt bedeuten,“ so Ates.

Auch die Akzeptanz von Homosexualität im Islam liegt der Autorin am Herzen. Da Homosexualität und Islam sind angesichts des vorherrschenden partriarchalischen Familienbildes offiziell unvereinbar sind ist der Alltag von Schwulen und Lesben oft von Diskriminierung, Angst und Gewalt geprägt ist.

Bei aller Kritik geht es Seyran Ates nicht darum, dem Islam feindlich gegenüberzustehen. Vielmehr plädiert sie für einen modernen, reformierten Islam.

Besprechung von Martina Katz

 

Titelbild des Buches 'Feminismus? Feminismen.'Anne Lenz, Laura Paetaul
Feminismus? Feminismen.
Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2009, 151 Seiten, 19,90 Euro

"Was kann FeministIn sein heute überhaupt noch bedeuten?" "Vieles.", würden die Sozialwissenschaftlerinnen Anne Lenz und Laura Paetau wohl antworten. Ihr Erstlingswerk  "Feminismen und Neue Politische Generation" spricht daher von "Feminismen" in der Mehrzahl.

Dass "FeministIn" oder "Feminismus" umkämpfte Kategorien sind, erscheint zunächst als keine Neuigkeit. Was jedoch in den Interviews mit Berliner AktivistInnen zwischen 27 und 52 Jahren deutlich wird ist, wie sich solche Kämpfe vollziehen. Sie sind Prozesse von Abgrenzung und Identifikation:
Die befragten AktivistInnen distanzieren sich davon, wer und was in der Öffentlichkeit als "Feministin" oder "feministisch" wahrgenommen und gehört wird. Sie wollen weder Alice Schwarzer noch Charlotte Roche sein, wenngleich sie deren Positionen nicht vollkommen zurückweisen.

Neben Ansätzen der Dekonstruktion von Geschlecht, bildet die 'Neue Deutsche Frauenbewegung' einen weiteren Bezugspunkt. Einerseits grenzen sich die AktivistInnen von der damals vorherrschenden identitären Form der Organisierung "als Frauen" ab: "Das ist wie auf dem Schachbrett. Auf einem Feld kann immer nur einer sitzen.", so die Aktivistin Nura. Dennoch verschwinden Themen wie häusliche Gewalt gegen Frauen, Doppelbelastung oder Abtreibung nicht plötzlich, nur weil AktivistInnen die vereinheitlichende Zuschreibung 'Frau' zurückweisen. Die Aktionsformen verändern sich.

Debatten um die Verschränkung von Unterdrückungsverhältnissen oder die (Un)Eindeutigkeit von Geschlecht verbleiben zumeist auf einer theoretischen Ebene. Das Buch von Anne Lenz und Laura Paetau füllt insofern eine Leerstelle: die der alltäglichen, praktischen Umsetzung feministischer Ansätze heute - jenseits von Medien tauglichem (Pop)Feminismus.

Abschließende Antworten wollen die Autorinnen jedoch nicht geben. Vielmehr stellt das Buch eine Quelle der Inspiration dar. Es hilft Ängste zu überwinden, indem gezeigt wird, dass beispielsweise eine Hinwendung zu Ansätzen der Geschlechterdekonstruktion keinen vollständigen Abschied vom 'Erbe der Neuen Deutschen Frauenbewegung' bedeuten muss. Konkrete Verknüpfungen werden bereits gelebt. Das macht Mut.

Besprechung von Isabel Collien

 

Logo Transparenzinitiative