Neuanschaffungen 2015

 

Soname Yangchen
Klang der Wolken
Mein Weg von Tibet zu mir selbstCover Yangchen Klang der Wolken

Vielen wird die Autorin schon bekannt sein, denn ihr erstes Buch „Wolkenkind“ war ein Bestseller, andere bewundern die Sängerin in ihr. Yangchen wurde im tibetischen Yarlungtal geboren. In einer lebensgefährlichen Flucht über den Himalaya entkam sie der chinesischen Gewaltherrschaft nach Indien, von wo aus sie nach sechs Jahren weiter nach England zog. Dort wurde schließlich ihr Gesangstalent entdeckt.

In ihrem zweiten Buch reflektiert Yangchen ihr Leben von der Warte einer Frau aus, deren Leben nach harten, entbehrungsreichen Phasen, eine unerwartet glückliche Wendung genommen hat. Als Sängerin ist sie rund um die Welt mit renommierten Menschen aufgetreten, hat fünf CDs veröffentlicht. Ihre Autobiographie hat sie auf der Frankfurter Buchmesse vorstellen können. Mit ihrem Mentor bereist sie Deutschland, um ihr Buch vorzustellen. Als ein besonderes Gut in diesem neuen Lebensabschnitt erlebt die Autorin die gewonnene Freiheit: Beim 25-jährigen Jubiläum des Mauerfalls in Berlin war sie dabei und zieht für sich Parallelen: „Wissen Sie, in meinem heutigen Leben ist jeder Tag ein Mauerfall.“

Immer wieder schweift die Autorin zurück in ihre Heimat. Sie erinnert sich gemeinsam mit ihrem Bruder an die schwerkranke Mutter, an den scheinbar unnahbaren Vater, der ihnen in der Rückschau haltgebende Lebensmaximen mitgegeben hat.

Eingehend schildert sie die strapaziöse zwei-jährige bürokratische Odyssee, die sie überwinden musste, um ihre Tochter, die sie in Indien zurück lassen musste, erst nach 16 Jahren zu sich, nach Großbritannien holen konnte.

Ihr Weg zu sich selbst ist vor allem ein spiritueller. So widmet sie einen wesentlichen Teil ihres Buches ihrer Hinwendung zum Buddhismus.

Wir lernen eine den Menschen und allem Lebendigen stets zugewandte Frau kennen, die allem Kreatürlichen mit Offenheit und Respekt begegnet. Jeder Tag wird mit Dankbarkeit und Freude bedacht.

„Genieß den Moment, egal in welcher Situation du bist, er kommt nie wieder,“ war einer der Kernsätze, die ihr Vater ihr mit auf den Weg gegeben hatte.

Integral Verlag München, 2015. 208 Seiten, 16,99 €

 

Lena Hildebrand
Die Bekämpfung der Zwangsheirat in Deutschland
Eine juristische Betrachtung der gesetzgeberischen Maßnahmen im Lichte des OperschutzesCover Hildebrand Zwangsheirat in Deutschland

Die Publikation beleuchtet das „nicht zu unterschätzende gesellschaftliche Problem“ der Zwangsheirat in Deutschland und inwiefern der Staat durch Gesetze zur Bekämpfung selbiger beitragen kann, ohne gleichzeitig ausreichenden Opferschutz zu vernachlässigen. Die Autorin widmet sich den staatlichen Maßnahmen in der Bundesrepublik aus einem juristischen Blickwinkel, um deren Bedeutung in der Erfüllung der staatlichen Schutzpflicht zu prüfen.

Einleitend wirft Hildebrand auf, dass das Thema Zwangsheirat vor allem durch die Arbeit von Betroffenen und Frauenrechtsorganisationen an die Öffentlichkeit gelangt ist und so der Druck erhöht wurde, von staatlicher Seite Unterstützung zu bieten.
Das Zwangsheiratsbekämpfungsgesetz und die Novellierung des Zuwanderungsgesetzes, genannt auch Richtlinienumsetzungsgesetz, waren erste Versuche von staatlicher Seite, rechtliche Bestimmungen zu setzen. Während die Einführung grundsätzlich begrüßt wird, werden einzelne Maßnahmen von verschiedenen Seiten aber kontrovers diskutiert.
Dies nimmt die Autorin zum Anlass, die einzelnen Bestimmungen der beiden Gesetze zu untersuchen und mit Hinblick auf Opferschutz zu bewerten. Sie stellt die Frage, ob diese dazu beitragen, der Schutzpflicht des Staates nachzukommen, und ob die getroffenen Regelungen auch in der Praxis und bei verschiedensten individuellen Problemlagen wirksam sein können.

Dazu stellt sie zuerst den Begriff der Zwangsheirat vor, insbesondere in Abgrenzung zum Begriff der arrangierten Ehe. Im Anschluss daran werden bestehende Erkenntnisse zu sozialen und situativen Kontexten dargelegt.
Einige anonymisierte Biographien von betroffenen Mädchen werden vorgestellt, um die Situationen, in denen diese sich befinden, nachvollziehbarer zu machen. Den Großteil des Buches nimmt dann die Untersuchung der strafrechtlichen Maßnahmen ein, die einzeln sehr ausführlich bewertet werden.
Auch auf Maßnahmen zu Prävention und Intervention wirft die Autorin einen kritischen Blick.

Hildebrand gelingt es, die vielfältigen Maßnahmen ausführlich zu untersuchen. Vor allem ihr Blick auf die Rechte und den Umgang mit Betroffenen trägt dazu bei, dass ihre Bewertung der gesetzlichen Regelungen kritisch ausfällt. Gerade das kann ein wichtiger Beitrag sein, um neue Forderungen an die staatliche Seite zu stellen, Gesetze zu verändern, sodass Betroffene ausreichend beschützt werden können. Somit stellt die Publikation ein wichtiges Handwerkszeug dar, mit dem die vielfältigen Maßnahmen analysiert werden können. Zudem ist das Buch gut lesbar und kein nur für JuristInnen verständliches Werk, dabei aber trotzdem anspruchsvoll und detailreich.
Rezension: Mara Linden

Schriften zur Kriminologie (2), Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2015. 398 Seiten, 98 €. 

 

Franziska Dunkel / Corinna Schneider
Frauen und Frieden?
Zuschreibungen – Kämpfe - VerhinderungenCover Dunkel/Schneider: Frauen und Frieden?

Dieser Sammelband beleuchtet Friedensaktivismus als ein zentrales Element der Frauenbewegung seit dem 19. Jahrhundert. Die Autorinnen zeigen, wie sehr das Bemühen für Frauenrechte mit dem für Frieden einherging, verzichten aber bewusst darauf, sich auf biologistische Klischees, wie das der naturgemäß "friedfertigen" Frau, einzulassen. Auf diese Weise rückt die enorme Energie, mit der sich Frauen seit über einem Jahrhundert überall auf der Welt für Frieden einsetzen, umso mehr in den Vordergrund. 

Oft ist dieser durch unermüdliche Arbeit an Brennpunkten gekennzeichnet, die lange keine internationale Würdigung erfuhren. Erst als weibliches Engagement an der Basis auch als Friedensarbeit anerkannt wurde, rückte ihr Wirken zunehmend in den öffentlichen Blick, was sich auch in der steigenden Zahl nominierter Frauen für den Friedensnobelpreis äußert. 

Dabei fehlt es auch der Frauenfriedensbewegung nicht an schillernden Persönlichkeiten - das Buch gibt Einblick in das Schaffen historischer Akteurinnen, deren sich wandelnde Haltung und Auseinandersetzung mit dem Thema Pazifismus. Es waren Frauen wie Bertha von Suttner, die einen modernen pazifistischen Diskurs mitbegründeten. Der Vergleich zwischen Aktivistinnen wie Clara Zetkin, Klara Marie Faßbinder oder Paolina Schiff zeigt, dass die Ansätze keineswegs immer gleich waren. Es macht auch deutlich, wie sehr ihr Streben durch historische Ereignisse wie die des 1. Weltkrieg zurückgeworfen wurde, wo jedes Friedensengagement mit Verrat gleichgesetzt wurde, aber auch die Ideale vom Pazifismus an der Realität des Krieges scheiterten.

Auch heutige Initiativen werden vorgestellt. Das Buch beinhaltet u.a. einen Beitrag über die Arbeit von TERRE DES FEMMES, der klar macht, dass Gewalt nicht allein ein Phänomen vergangener und ferner Kriege ist, sondern sich ebenso zerstörerisch im partnerschaftlichen Zusammenleben manifestieren kann.
Ein anderer wendet sich dem Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) in Kassel zu. Dieses bewahrt auch Nachlässe und Materialien der Frauenfriedensbewegung und bietet u.a. interessante Einblicke in weniger untersuchte Zeiträume wie die Jahre zwischen 1933 und 1968: Ein großer Teil Frauengeschichte wartet noch auf seine Erforschung.

Ein aufschlussreiches, lesenswerter Buch.
Rezension: Sermin Güven

Verlag Barbara Budrich, Opladen 2015. 198 Seiten, 24,90 €

 

 

Evelyne Leandro
Ausgesetzt
oder
Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit
Ein Tagebuch aus dem heutigen BerlinCover Leandro: Ausgesetzt oder Der Kampf mit einer längst vergessenen Krankheit

in ihrem dritten Jahr in Deutschland würde sie, die Brasilianerin, endlich richtig Fuß fassen, hatte ihr Mann ihr vorausgesagt. Und Evelyn beginnt es auch voller Erwartungen. Glücklich feiert sie ihren 30. Geburtstag in engem Freundeskreis. Die neue Arbeitsstelle ist vielversprechend.

Die vor einigen Monaten aufgetreten Flecken an Arm, Knie und Wade sind nach einer Behandlung verschwunden und vergessen.
Um so großer der Schrecken als diese nach einigen Monaten wieder auftauchen, größer werden und schmerzen. Bange Tage später fällt die Diagnose: Lepra.
„Aussatz“ wurde sie in Deutschland ursprünglich genannt. Leandros Titel „Ausgesetzt“ greift denn auch diese alte Bezeichnung auf und gibt so ihrer eigenen Erfahrung Ausdruck: Auch heute erleben Leprakranke – Dank überkommener Vorurteile - in Deutschland Ausgrenzung. Erst recht Leprakranke mit Migrationshintergrund.

Ausgesetzt war sie aber auch einer unberechenbaren Krankheit, die ihr Leben weit über ein Jahr hinweg zur „Achterbahn“ werden ließ. Ihr Heilungsprozess wird regelmäßig  durch Rückfälle gestoppt: Der verabreichte Medikamentencocktail ruft Immunreaktionen hervor. Immer wieder tauchen Flecken in Begleitung peinigender Schmerzen auf, die nur durch eine überhöhte Kortisondosis ertragbar sind. Das unverzichtbare Medikament Thalidomid (früher auch Contergan genannt) ruft Depressionen, Stimmungswechsel, Angstzustände hervor.

Die Autorin verarbeitet ihre Krankheit in dem sie Tagebuch schreibt. Dieses hat sie um E-Mail-Wechsel mit der Familie, mit FreundInnen und mit ÄrztInnen ergänzt. Zwischen den einzelnen Einträgen finden sich Erinnerungen an ihre Kindheit und ihre Jugend in Brasilien, an die ersten Jahre mit ihrem Mann. Wir lernen sie als willens- und entscheidungsstarke Frau kennen, die ihr Leben gerne selbst in die Hand nimmt.

Nicht zuletzt diese Eigenschaften – getragen von der Unterstützung ihres Mannes und ihres Freundeskreises – helfen ihr, die regelmäßig wiederkehrenden Talsohlen zu durchschreiten und ihre Krankheit nicht nur zu besiegen, sondern deren bleibenden Begleiterscheinungen als Teil ihrer Biographie anzunehmen:

„Meine Haut erzählt eine Geschichte. Mir wurde klar, dass ich meine fleckige Haut mit Stolz betrachten kann und sollte. Sie markiert das, was ich durchlebt habe.“

Selbstverlag, Berlin 2014. 224 Seiten, 14,95 €


Lepra ist eine Armutskrankheit, die nachwievor in Schwellenländern wie Indien, Nepal oder Sudan auftritt. Für Frauen haben solche Armutskrankheiten oftmals noch schlimmere Folgen als für Männer, weil sie von der Zustimmung ihrer Ehemänner abhängig sind, um sich medizinisch behandeln lassen zu können. Aufgrund der häufig erst späten Behandlung sind die Folgen und Beeinträchtigungen so groß, dass sich die Frauen nicht mehr um den Haushalt und ihre Kinder kümmern können. Kommen sie diesen von der Gesellschaft auferlegten Pflichten nicht nach, werden sie oft verstoßen, ohne jegliche Anrechte auf Unterhalt, Besitz, Kinder oder ein Erbe.


 

Germaine Tillion
Die gestohlene Unschuld
Ein Leben zwischen Resistance und EthnologieCover Tillion

In diesem Jahr wurde Germaine Tillion (1907-2008) mit einer symbolischen Überführung in den Pariser Pantheon öffentlich geehrt. Eine Ehrung, die ihre Stellung als eine der herausragendsten Französinnen des letzten Jahrhunderts unterstreicht.
Der ebenfalls in diesem Jahr erschienene Band versammelt Texte aus verschiedenen Lebensabschnitten Tillions, gibt einen einzigartigen Einblick in das Denken der französischen Widerstandskämpferin und Ethnologin.

Germaine Tillion studierte in Paris im Kreise des berühmten Ethnologen Marcel Mauss und verbrachte ihre Jugendjahre in den Bergen Algeriens, wo sie die Ethnie der Chaoui erforschte.

Eine entscheidende Wendung erfuhr ihr Leben durch den Sieg Nazi-Deutschlands über Frankreich, woraufhin sie sich der Resistance anschloss.
Im Jahr 1942 wurde sie von den Nazis gefasst und zusammen mit ihrer Mutter im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück interniert, wo ihre Mutter später ermordet wurde.

Trotz des ihr zugeteilten Status „verfügbar“, dem niedrigsten innerhalb de KZ-Systems, überlebte sie die Gräuel des Lagers. Ihre Erlebnisse verarbeitete sie in ihrer Operette mit dem Titel Le Verfügbar aux Enfers (Der „Verfügbar“ in der Unterwelt).
20 Jahre später prangerte sie die Ereignisse im Algerienkrieg an, wo sie erlebte, wie die französische Armee wieder Menschen in Lager steckte.

Dem Buch gelingt es, dieses „Jahrhundertleben“ (Gilzmer) durch die Originalzeugnisse Tillions eindrücklich abzubilden. Es verbindet ethnologische Forschungen, persönliche Erlebnisse und politisches Engagement einer bedeutenden Frau.

Leider werden interessante Aspekte ihrer Forschungsarbeit kaum berücksichtigt: Ende der 50er unternahm Tillion eine breit angelegte und durchaus kritische Untersuchung über die Stellung der Frau in der Mittelmeer-Region, welche 1966 unter dem Titel Le Harem et les Cousins  (Der Harem und die Cousins) erschien, aber bedauerlicherweise bisher nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Bis zuletzt machte sich Tillion für Menschenrechte stark und setzte sich z.B. gegen Folter im Irak ein.
Rezension: Sermin Güven

Herausgegeben und übersetzt aus der Originalausgabe  von Mechthild Gilzmer.
Aviva Verlag, 2015. 333 Seiten, 22 €.

 

Barbara Grubner und Veronika Ott (Hrsg.)
Sexualität und Geschlecht
Feministische Annäherungen an ein unbehagliches VerhältnisCover Grubner-Ott Sexualität und Geschlecht

Der Sammelband, herausgegeben im Anschluss an eine interdisziplinäre Ringvorlesung an der Philipps-Universität Marburg, widmet sich, wie schon der Titel vorausahnen lässt, dem Thema Sexualität und Geschlecht. In vielen und vor allem feministischen Zusammenhängen wird Sexualität wenig thematisiert, obwohl immer mit gesellschaftlichen Vorgängen und Verhältnissen in Beziehung; fast schon scheint es ein Tabuthema zu sein, obwohl in Bezug auf Sexualität und Geschlecht kein Abbau von Herrschaft stattfindet, sondern die bestehenden Verhältnisse umgearbeitet und abgesichert werden, so die Herausgeberinnen.

Die Texte im Band widmen sich verschiedenen Aspekten von Sexualität und Verständnissen derselben in Wissenschaft und Theorie. Alle Texte haben jedoch das Anliegen, (1) Sexualität analytisch zu fassen und unterschiedliche Konzeptionen von Sexualität transparent zu machen, (2) Verwobenheit von gesellschaftlichen Strukturkategorien sichtbar zu machen, und (3) Sexualität als Punkt gesellschaftlicher Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu identifizieren.

Der Band bietet zuerst mit zwei Texten einen Überblick über feministische Annäherungsweisen an das Thema. Daran anschließend, formulieren zwei Artikel Kritik an Foucaults „Geschichte der Sexualität“ – einem grundlegenden Werk in der Theorie um Sexualität – aus postkolonialer Perspektive und erweitern Foucaults These über den klassischen weißen Blickwinkel hinaus. Drei Beiträge widmen sich Sexualität und Geschlecht konkret zu verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen und Forschungsfeldern: ein Text zum Recht auf sexuelle Selbstbestimmung, einer zum Verhältnis von Religion und Sexualität und einer zu Sexualität und Prostitution mit Blick auf kapitalistische Marktstrukturen. Den Abschluss bilden zwei Texte mit literatur- bzw. filmwissenschaftlicher Herangehensweise an erotische und pornografische Aspekte der Sexualität.

Der Band öffnet das Panorama auf ein tatsächlich zu oft tabuisiertes Thema und beleuchtet mit der Vielfalt der Texte unterschiedliche Aspekte. Die Texte, weil interdisziplinär zusammengestellt, bieten darüber hinaus Aufschluss über verschiedene theoretische Ausprägungen feministischer Verständnisse von Sexualität und ermöglichen so einen Blick „über den Tellerrand“ der eigenen Disziplin oder des eigenen Verständnisses von Sexualität.
Rezension: Mara Linden

Band 5 der Reihe „Geschlecht zwischen Vergangenheit und Zukunft“ des Zentrums für Gender Studies und Feministische Zukunftsforschung der Philipps-Universität Marburg.
Ulrike Helmer Verlag, Sulzbach/Taunus, 2014. 200 Seiten, 19,95 €.

 

Edward Kubany, Mari McCaig und Janet Laconsay
Das Trauma häuslicher Gewalt überwinden
Ein Selbsthilfebuch für FrauenKubnany

Das Buch ist sowohl ein Selbsthilferatgeber, aber auch an ExpertInnen gerichtet, die Übungen und Inhalte aus dem Buch in Therapie, Frauenhäusern u.ä. übernehmen können. Die AutorInnen (ebenso wie die Übersetzerinnen) sind PsychologInnen, TherapeutInnen und BeraterInnen, spezialisiert auf Klinische Psychologie bzw. Traumatherapie. Die Inhalte des Buches sind also Teile erprobter Therapien, insbesondere der Kognitiven Traumatherapie, und sollen Betroffenen dabei helfen, Folgen erlittener häuslicher Gewalt zu überwinden.

Es werden klar und verständlich Folgen und Symptome Posttraumatischer Belastungsstörung beschrieben, und andere Einschränkungen, unter denen von häuslicher Gewalt betroffene Frauen leiden können. Darüber hinaus bietet das Buch Übungen, um mit Schuldgefühlen, Ärger und selbstzerstörerische Überzeugungen umzugehen und diese Schritt für Schritt zu überwinden. Außerdem sollen die Übungen dazu beitragen, einer erneuten Viktimisierung entgegenzutreten und neues Selbstbewusstsein zu schaffen.


Die kleinschrittigen Anleitungen und genauen Beschreibungen erleichtern das Verstehen. Sie können außerdem dazu beitragen, das Erlebte für Außenstehende ansatzweise nachvollziehbar zu machen und Betroffenen beizustehen und zu helfen.
Rezension: Mara Linden

Hogrefe Verlag, Göttingen, 2015. 233 Seiten, 24,95 €.

 

Ulrike Lembke (Hrsg.)
Menschenrechte und Geschlecht
Sammelband zu Geschlecht in Menschenrechtsverträgen und -diskursenCover Lembke Menschenrechte und Geschlecht

Seit dem Beginn der Diskussion um Menschenrechte ging es dabei auch immer um Geschlechter: Der Begriff des „Menschen” hat Frauen nicht selbstverständlich eingeschlossen. Frauen wurden beispielsweise 1789 in Frankreich in der Menschen- und Bürgerrechtserklärung nicht berücksichtigt, sondern übergangen. Auch heute noch ist die Debatte um Frauen- und Menschenrechte aktuell und teils umstritten. CEDAW (die UN-Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau) ist zwar von 188 Staaten ratifiziert, aber seit Einführung mit Änderungswünschen von verschiedenen Seiten überhäuft worden. Es scheint, dass noch lange kein Ende des Streits um Geschlecht in Menschenrechten abzusehen ist.

Der Sammelband bietet vor diesem Hintergrund einen guten Einblick in die theoretische Debatte um rechtliche Umsetzungen von Geschlechtergerechtigkeit über das binäre Verständnis von Mann/Frau hinaus. Das Buch beinhaltet neben einem Einstiegsbeitrag mit einem kurzen geschichtlichen Abriss zu Menschenrecht und Geschlecht einen Text, der einen genaueren Blick auf CEDAW und die Bekämpfung von Geschlechter(rollen)stereotypen wirft.

Einige der beteiligten AutorInnen schreiben zu frauenspezifischen Menschenrechtsproblemen, so z.B. bezüglich Schutz und Rechten von Flüchtlingen, (Frauen-) Menschenrechten in Konflikten, geschlechtsbezogener Gewalt oder auch zu Menschenrecht im Zusammenhang mit religiösen Geschlechter- und Sexualnormen. Darüber hinaus sind Beiträge zum Umgang mit Menschenrechte in Bezug auf Intersektionalitätskonzepte enthalten, einer davon zur UN-Behindertenrechtskonvention, einer zu Kinderrechten, und einer zu Diskriminierungen, denen die LSBTI*-Community ausgesetzt ist. Der Band schließt mit einem Text zu der Frage, wie gendergerechte Menschenrechts­konzeptionen tatsächlich umgesetzt werden können.

Die verschiedenen und thematisch ganz unterschiedlichen Beiträge sind anschaulich und gut lesbar. Durch den Überblick am Anfang ist der Band auch als Einstieg in das Thema denkbar.
Rezension: Mara Linden

Schriften zur Gleichstellung (38), Nomos Verlagsgesellschaft, 2014. 271 Seiten, 27,00 €

 

Marina Wiesenhofer
Zwangsheirat – Schule als Präventionseinrichtung im Schweizer Kontext
Schule als Ort präventiver Aktionen zum Thema Zwangsheiratwiesenhofer

Zum Abschluss ihres Studiums der Sozialen Arbeit hat sich die Autorin mit dem Thema Zwangsheirat auseinandergesetzt. Dabei folgt sie in ihrer Masterarbeit zwei zentralen Fragen: Welche Schlüsselfunktion kann die Lebenswelt Schule übernehmen, um Betroffene und Schulpersonal adäquat bei der Sensibilisierungsarbeit und Prävention zu unterstützen? Und können LehrerInnen und Fachkräfte angesichts der Komplexität der Problematik auch über die entsprechenden Kompetenzen verfügen, um Betroffenen wirksam helfen zu können?

Zuerst macht die Autorin deutlich, dass Zwangsheiraten ein weltweites Phänomen sind und sich nicht einem speziellen Kulturraum oder Religionskontext zuordnen lassen. Sie stellt dann heraus, dass auch in der Schweiz Zwangsheiraten ein gesellschaftliches Problem darstellen, dem durch staatliche, aber auch nichtstaatliche Institutionen Grenzen gesetzt werden sollten. Sie untersucht in der Arbeit im Schweizer Kontext ergriffene Maßnahmen, welche die Bekämpfung von Zwangsverheiratungen unterstützen sollen. Dabei geht es vor allem um Sensibilisierungsmethoden und präventive Möglichkeiten im Schulumfeld, aber auch um die adäquate Ausbildung der lehrenden Fachkräfte.

Abschließend stellt die Autorin fest, dass dem Umfeld Schule tatsächlich eine große Bedeutung in der Präventionsarbeit zukommt. Lehrkräfte können dabei die wichtige Rolle einnehmen, SchülerInnen ein anderes Weltbild zu präsentieren, im Kontrast zu einem möglicherweise stark patriarchal geprägten Bild aus dem familiären Umfeld.

Die Publikation bietet einen einführenden Blick auf die Rolle von Schule in Bezug auf Prävention, aber auch Bildung von Achtsamkeit gegenüber Fällen von Zwangsverheiratung.

AV AkademikerVerlag, Saarbrücken, 2014. 124 Seiten, 39,90

 

Rachel Moran
Was vom Menschen übrig bleibt
Die Wahrheit über Prostitution

Dieser Bericht widmet sich der „Tabuzone“ Sexindustrie, um Prostitution zu entlarven als das, was es wirklich ist. Rachel Moran verbindet sehr gut recherchierte Fakten mit eigenen Erlebnissen aus der Welt der Prostitution: sie selbst war sieben Jahre lang als Jugendliche und junge Frau als Prostituierte tätig und konnte sich schließlich mit 22 Jahren daraus befreien. Sie studierte Journalistik und ist nun Bloggerin, Referentin und Autorin. Darüber hinaus ist sie für SPACE (Survivors of Prostitution-Abuse Calling for Enlightenment) aktiv und engagiert sich gegen eine Verharmlosung und Legalisierung der Prostitution.

In ihrem Buch beschreibt Moran, wie sie, aus einer komplizierten Familiensituation stammend, in die Prostitution geriet, und berichtet von dem Sog, der Verlassenheit und der gesellschaftlichen Abgrenzung, die es Opfern erschwert, sich daraus zu befreien. Ihre Erlebnisse aus der „Parallelwelt“ unterfüttert sie mit Erlebnisberichten anderer ehemaliger Prostituierter und mit hervorragend reflektierten Erkenntnissen. Sie deckt weit verbreitete Mythen auf, darunter den von der Edelprostituierten, von Kontrolle, den die Prostituierte hat, und vom sexuellen Vergnügen der Arbeitenden. Sie beschreibt das Phänomen der Dissoziation sehr eindrücklich und zählt Überlebensstrategien betroffener Frauen auf.
Zentraler Inhalt des Buches ist, bewusst zu machen, dass selbst eine Prostituierte, die nicht in die Kategorie Zwangsprostituierte fällt oder Opfer von Frauenhandel geworden ist, keineswegs freiwillig ihren Körper verkauft. Missbrauch, Gewalt und Abhängigkeit formen den Alltag vieler Prostituierter und machen es ihnen schier unmöglich, die Kraft zu nehmen, sich daraus zu befreien.

Morans Buch ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Kraft einer jungen Frau, die sich aus den Abhängigkeiten und Beziehungen gelöst hat. Es ist ein fesselndes Buch, das kaum aus der Hand zu legen und dabei sehr informativ ist.
Rezension: Mara Linden

Tectum Verlag, Marburg, 2015. 300 Seiten, 17,95 €.

 

Johannes Ebert, Ronald Grätz (Hrsg.)
Menschenrechte und Kultur – das Menschenrecht auf Kultur“Cover Menschenrechte

Seit der Verkündung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte durch die Generalversammlung der Vereinten Nationen sind über 65 Jahre vergangen. Diese Erklärung war eine direkte Reaktion auf die Gräueltaten des Zweiten Weltkrieges und wurde bewusst mit dem Anspruch verfasst, Menschenrechte zu universalisieren.

Dieser Anspruch wurde aber auch in Frage gestellt; vor allem im Zuge der zunehmenden Globalisierung seit den 90er Jahren und durch die Ängste vor dem Verlust kultureller Identität. Immer wieder wurde auf einen verdeckten Machtanspruch des Westens verwiesen, der in dieser Forderung nach einer Durchsetzung universeller Menschenrechte mitschwinge.

Dagegen diskutiert der Philosoph Thomas Kügler in seinem Beitrag, im ersten Kapitel des Buches, die Frage nach den Machtansprüchen und Traditionen, mit welchen "Genitalverstümmelung, Todesstrafe, die Einschränkung von Freiheitsrechten für Frauen und religiöser Fundamentalismus protegiert werden".

Die AutorInnen des Sammelbandes versuchen, den Blick auf die kulturelle Dimension von Menschenrechten zu lenken und das Verhältnis von Menschenrechten und Kultur aus einer Vielzahl von Perspektiven zu betrachten: Das Buch behandelt ein weites Spektrum von Themen wie Ehre, Kunst oder Bildung in ihrem Bezug auf diesen Begriff.

Es ist dabei auch ein besonderes Anliegen des Buches, Kultur und Menschenrechte nicht als unvereinbare Gegensätze darzustellen. Die Erarbeitung möglichst allgemein anerkannter Menschenrechte wird eher als ein "im ständigen Werden begriffenes Projekt“ verstanden.

Um den Zugang in die Thematik zu erleichtern, enthält der Band die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Originalwortlaut. Rezension: Sermin Güven

Band 3 der Reihe „Perspektive Außenkulturpolitik“ einer Kooperation des Goete-Institut und des Institut für Auslandsbeziehungen (Ifa). Steidl Verlag, Göttingen 2014. 197 Seiten, 16,80 €. 

 

Diana Kuring
Selbstbestimmung. Innerkulturelle Verständniskonzepte und Völkerrecht
Diskurs um Fragen der Selbstbestimmung als grundlegendes Menschenrecht

Cover KuringDiana Kuring, die sich schon in mehreren Publikationen mit weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) in Eritrea auseinandergesetzt hat, befasst sich in diesem Buch mit der Praktik vor dem Hintergrund von FGM als Menschenrechtsverletzung. Die Frage nach Selbstbestimmung als Menschenrecht behandelt die Autorin, indem sie sich verschiedene Akteursebenen und Interventionsmaßnahmen in Eritrea ansieht. Sie fragt nach Gründen, Positionen und Motivationen von relevanten AkteurInnen auf gemeinschaftlicher, nationaler und internationaler Ebene. Es werden Strategien zur Bekämpfung von FGM diskutiert, indem die Autorin diese in bestimmten Zeitabschnitten der Entwicklung Eritreas (Unabhängigkeitskrieg, Gründung des neues Staates, Grenzkrieg mit Äthiopien) nachzeichnet. Darüber hinaus widmet sie ein Kapitel der Beschreibung der Praktik FGM und ein weiteres der Untersuchung nationaler Interventionsansätze. Schließlich versucht sie, aus den Ergebnissen Thesen für die Diskussion um FGM in nationalem sowie internationalem Kontext abzuleiten.

Die Publikation fußt auf einer breiten Informationsbasis: So hat die Autorin selber nicht nur mehrere Forschungsreisen und Feldbesuche in Eritrea unternommen, sondern zahlreiche Interviews mit verschiedenen AkteurInnen geführt. Sie interviewte unter anderem Askalu Menkerios, (zum Zeitpunkt des Interviews) eritreische Ministerin für Arbeit und Soziales und außerdem ehemalige Präsidentin der Frauenunion und Freiheitskämpferin, Luul Gebreag, aktuelle Präsidentin der eritreischen Frauenunion (NUEW) und ebenfalls Freiheitskämpferin, und Dr. Hanna Beate Schöpp-Schilling, damalige Vize-Präsidentin des UN-Ausschusses zur Frauenkonvention (CEDAW).

Die Publikation schließt eine Lücke im Forschungsstand bezüglich FGM in Eritrea ebenso wie in der Untersuchung von FGM im Hinblick auf Menschenrecht. Die Autorin teilt ihr großes Wissen und bietet ein Werk, das sehr gut recherchiert und belegt ist. Es ist ein vielseitiges und faktenreiches Buch, das aber eher für ein wissenschaftliches Publikum geschrieben ist. LeserInnen ohne Vorwissen mag die Lektüre nicht ganz so einfach fallen, am Thema Interessierte sollten jedoch einen Blick (oder mehr) hineinwerfen.
Rezension: Mara Linden

epubli Verlag, Berlin, 2014. 272 Seiten, 36,99 €.

 

Dorothea Walter
In Erwartung der Zärtlichkeit.
„Installationen der Menschenwürde“. Performances von Dorothea Walter 2002 – 2012Cover_Dorothea_Walter

Themen wie weibliche Genitalverstümmelung (FGM), Steinigung, Zwangsheirat oder "Ehren"-Mord stehen im Zentrum des künstlerischen Schaffens von Dorothea Walter.
Themen, die sich einer künstlerischen Umsetzung eher zu widersetzen zu scheinen. Aber Walter sieht gerade in der Kunst die Möglichkeit, „die tödlich-grausame Wirklichkeit vieler Mädchen und Frauen so auszudrücken, dass es das Herz erreicht und nicht nur Entsetzen im Kopf auslöst.“

Dass sie mit ihren Arbeiten die Herzen für diese in der Kunst sonst ausgeklammerten Sujets tatsächlich erreichen kann, bezeugt der vorliegende Band, in welchem sie ihr Schaffen über ein Jahrzehnt hinweg vorstellt.
Bereits die Titel ihrer „Installationen“ vereinnahmen durch ihre poetische Bildkraft: Sie heißen „Liebe die Rose. Über die Verstümmelung der weiblichen Genitalien“ oder „Die Handschuhe der Göttin. Schöpfung bis Steinigung“ oder „Es ist Mord! In allen Ehren!“ .

In sorgfältig komponierten Beiträgen wandert sie mit uns in ihrem Buch von Performance zu Performance. So ertastet sie sich – und uns – z.B. das Thema weibliche Genitalverstümmelung durch lyrische Texte, mit Beiträgen von Waris Dirie, Auszügen aus Eve Enslers Vagina Monologen, aber auch Statistiken zu in Deutschland lebenden FGM-Betroffenen und Gefährdeten.

Die genau choreographierten Fotos und die einfühlsamem Besprechungen der von ihr geschätzten Journalistin Ute Hallaschka gewähren uns Einblicke und Einsichten in das Darbietungsvermögen der Künstlerin Dorothea Walter.

Die Intensivität und Beharrlichkeit, mit der sie für ihr Anliegen einsteht, bringt besonders eindrücklich ihre Performance „cada minuto I/jede minute/every minute“ von 2006 zum Ausdruck: Auf den heißen Lavafeldern von Lanzarote alleine an einem Tisch sitzend, kündete Dorothea Walter unbeirrt Minute um Minute in Spanisch, Deutsch und Englisch über die an Frauen begangene Gewalt.

Die Künstlerin weiß aber auch um Macht der Hoffnung:
Ein Jahr bevor Eve Ensler „One billion rising“ ins Leben rief, ließ Walter in „In Erwartung der Zärtlichkeit“ die Frauen in ihre Freiheit aufbrechen. In dieser Performance hieß es: „Die Erde bebt unter den Schritten von Millionen Frauen“.

Dorothea Walter und bedeson Verlag, 2014. 176 Seiten, 29,00 €. Erhältich unter: www.do-wa.de

 

Nina Scholz (Hrsg.)
Gewalt im Namen der Ehre
Passagen ThemaCover Scholz Gewalt im Namen der Ehre

Vier AutorInnen bieten uns in diesem schmalen, aber aufschlussreichen Band eine Annährung aus jeweils unterschiedlichen Perspektiven zum Thema Gewalt im Namen der Ehre.

Moni Libisch untersucht in ihrem Beitrag das „Konzept der Ehre in traditionellen Familien in der Türkei und sein Wandel in der Diaspora“. Für den Begriff „Ehre“ werden im Türkischen drei verschiedene Aspekte unterschieden: Namus, Seref und Saygi. Sie regeln das gesellschaftliche Handeln und den Status der Geschlechter in familiären Gefügen.
Libisch macht deutlich, dass die „Ehre“ nicht einer einzelnen Person zusteht, sondern der gesamten Familie anhaftet. So wird die Ehre einer Familie gemessen am sexuellen Verhalten deren weiblichen Mitglieder.

Veranschaulicht wird diese Sichtweise in Ercan Nik Nafs Artikel, der aus seiner Tätigkeit als Jugendarbeiter berichtet. Er weist hier vor allem auch auf die Tabuisierung von Sexualität – insbesondere bei den Mädchen – hin. Sexuelle Handlungen weiblicher, unverheirateter Familienmitglieder, werden als Ehrverlust der ganzen Familie betrachtet. Um diese Familienehre wieder herzustellen wird das Mädchen im schlimmsten Fall von ihren Verwandten getötet.

Die Herausgeberin Nina Scholz liefert einen überabeiteten Redebeitrag, den sie auf einer Konferenz der Frauenrechtsorganisation „Women Without Borders“ gehalten hatte. Sie beleuchtet die Bedeutung der Jungfräulichkeit im Ehrverständnis traditioneller muslimischer Familien und deren Folgen für die betroffenen jungen Frauen.

Dem unerlässlichen Kapitel „Ursachen und Präventionsansätze“ widmet sich Ahmad Mansour, der für sein Engagement bei dem Verein „HEROES – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre und für Gleichberechtigung“ mit dem Moses-Mendelssohn-Preis bedacht wurde.

Die Beiträge ermöglichen einen differenzierten Einblick in das komplexe Thema und sind hervorragend geeignet, um sich damit vertraut zu machen.

Passagen Verlag, Wien, 2014. 95 Seiten, 11,90 €

 

Gisela Burckhardt
Todschick
Edle Labels, billige Mode – unmenschlich produziertCover des Buches Todschick

Bangladesch ist nach China der zweitgrößte Textilexporteur der Welt. 80% der Exporterlöse des Landes werden von der Textilindustrie erwirtschaftet. Fast alle bekannten Unternehmen der Bekleidungsbranche lassen hier produzieren, denn hier können sie billig produzieren lassen: Die Lohnkosten sind die niedrigsten der Welt, auch die Umweltstandards sind niedrig. Zehn Arbeitsstunden die Regel. Gewerkschafter leben gefährlich.

Am 24. April 2013 erschütterte der Einsturz der Rana-Plaza-Textilfabrik bei dem 1134 Menschen starben die Welt. 2438 konnten gerettet worden, davon waren 1800 verletzt. 98 Menschen blieben vermisst. Das neunstöckige Gebäude war 2007 mit sechs Stockwerken auf Sumpfgebiet errichtet worden. Die drei weiteren Etagen folgten in Etappen.

Solche Katastrophen lenken die mediale Berichterstattung auf die verheerenden Arbeitsbedingungen, veranlassen die ModefabrikantInnen zu vollmundigen Statements und wir, die TrägerInnen der dort gefertigten Kleidung werden nachdenklich, haben beim Kauf bei H&M oder C&A kurzzeitig ein schlechtes Gewissen.
Dass diese und andere BilligstanbieterInnen ihre allzu erschwingliche Mode nur Dank unwürdigster Arbeitssbedingungen anbieten können, hat sich ja rumgesprochen. Wie sieht es aber mit der Mode von teuren Labels wie Hugo Boss aus? Gisela Burckhardt bat die Research Initiative for Social Equity (RISE) in Bangladesch nach Fabriken zu suchen, in denen sowohl Luxusmarken wie auch BilliganbieterInnen produzieren ließen. Zweimal ist sie selbst nach Bangladesch gereist und hat sich dort mit Beschäftigten der Fabriken, Gewerkschafterinnen, aber auch mit einem Fabrikkontrolleur und mehreren Fabrikbesitzern unterhalten.

Die Lektüre ihres Buches öffnet die Augen: Es bietet eine umfassende Darstellung des wichtigsten Wirtschaftszweigs in Bangladesch, beschreibt die alltägliche Korruption und die Maßnahmen, die nach der Rana-Plaza-Tragödie auf Einkäufer- wie auch auf Regierungsseite ergriffen wurden.
Die Autorin schildert uns eindrücklich die Situation der Frauen im Land, lässt Überlebende des Fabrikeinsturzes zu Wort kommen, verleiht ihnen so ein Gesicht.

Die Vorstandsvorsitzende von FEMNET hat das Buch bewusst nicht für ein Fachpublikum geschrieben, denn vor allem auch wir, die KonsumentInnen können mit unserem Einkaufsverhalten Einfluss auf die Industrie ausüben. Nachlesbar im letzten Kapitel „Lieber klug konsumiert als für dumm verkauft“.

Wilhelm Heyne Verlag, München 2014, 240 Seiten, 12,99 €

Das Buch kann auch im TERRE DES FEMMES-Shop erworben werden.

 

Maria von Welser
Wo Frauen nichts wert sind
Vom weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen
Cover von Welser
Ihre erste Begegnung mit geplanter Gewalt gegen Frauen machte Maria von Welser 1992. Damals thematisierte sie für das ZDF-Frauenjournal "ML Mona Lisa" die Massen- vergewaltigungen in Bosnien. Für ihr neues Buch bereiste sie Afghanistan, Indien und den Ost-Kongo, um sich einen eigenen Einblick zu verschaffen. Die Vereinten Nationen zählen diese Länder zu den gefährlichsten der Welt für Frauen und Mädchen.
Jedem dieser Länder widmet von Welser ein eigenes ausführliches Kapitel, liefert uns die nötigen Hintergrundkenntnisse, spürt patriarchalen und religiösen Normen nach.

In Afghanistan sterben weltweit die meisten Säuglinge bei ihrer Geburt, überleben die wenigsten Mütter die Entbindung. Mädchen werden in jungen Jahren zwangsverheiratet, sind ans Haus gebunden, oft dürfen sie keine Schule besuchen. In ihrer Ausweglosigkeit ziehen viele Frauen den Freitod vor und zünden sich mit Kerosin an. Indien, die größte Demokratie der Erde, machte im letzten Jahr durch Massenvergewaltigungen international Schlagzeilen.
Indien ist ein Land mit Männerüberschuss, da jedes Jahr eine Million weibliche Föten abgetrieben, tausende neugeborene Mädchen getötet werden, um der Familie später den - offiziell verbotenen – Brautpreis zu ersparen.
Die Menschen im durch jahrelange Kriege zerstörten Ost-Kongo sind nachwievor marodierenden Milizen ausgeliefert, die das an Bodenschätzen reiche Land raubend und mordend durchstreifen. Frauen sind Freiwild: Noch immer werden jeden Tag rund 1000 Frauen vergewaltigt.

Während ihrer Recherchen hat die Journalistin die erste Frauenbank Indiens besucht, sich Krankenhäuser zeigen lassen; sie hat sich MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen angeschlossen, das Gespräch mit AktivistInnen gesucht. Sie hat Mädchen und Frauen vor Ort befragt und führt uns anhand von Einzelschicksalen deren desolate Situation vor.
So stellt sie uns die 17-jährige Mamy vor, die fünf Monate lang einem Kommandanten im Dschungel im Ost-Kongo „gehörte“. Sie wurde beim Einkaufen überfallen, von fünf Soldaten vergewaltigt und verschleppt. Schließlich konnte sie Unterschlupf in einem Freiwilligendienst finden.

Den „weltweiten Terror gegen Mädchen und Frauen“ belegen auch die Kapitel, in denen sich von Welser mit dem Thema „Weibliche Genitalverstümmelung“ auseinandersetzt und die vergewaltigten Frauen aus Bosnien in den Fokus rückt.

Aber von Welser lässt auch „Starke Stimmen“ zu Wort kommen. So die afghanische Studentin, die ihren Master-Abschluss zum Thema „Sozialer Wandel und Friedensbildung“ macht und die Einbindung der Frauen im Friedensprozess fordert.

„Wo Frauen nichts wert sind“ ist ein Buch, das die Augen öffnet, uns berührt, uns zornig macht und: Hoffnung.
„Die Zukunft? Es gibt sie die mutigen Frauen, die aufbegehren und Hoffnung haben. Denn sie machen Mut. Mut zum Aufbegehren, Mut zur Veränderung“.

Das Buch kann im TERRE DES FEMMES-Shop erworben werden.

Verlagsgruppe Random House, Verlag Ludwig, München, 2014. 320 Seiten, 19,99 €

 

 

 

 

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