Neuanschaffungen 2013

Katrin Pittius / Kathleen Kollewe / Eva Fuchslocher / Anja Bargfrede (Hrsg.)
Die bewegte Frau.
Feministische Perspektiven auf historische und aktuelle GleichberechtigungsprozesseBewegteFrau

Ist die Frauenbewegung in Deutschland noch aktuell, oder aktueller denn je? Braucht sie, oder hat sie bereits ein neues Gesicht? Gehört die Frauenbewegung immer noch ausschließlich den Frauen? Wer sind eigentlich „die“ Frauen?
Der Band „Die bewegte Frau – Feministische Perspektiven auf historische und aktuelle Gleichberechtigungsprozesse“, entstanden zum 18jährigen Bestehen der WissenschaftlerinnenWerkstatt der Hans-Böckler-Stiftung, unternimmt eine Standortbestimmung der deutschen Frauenbewegung von verschiedenen Seiten und Disziplinen her.

Mit der Frage der gegenwärtigen Relevanz von Problemen der Gleichheit und Gleichberechtigung setzt sich etwa die Soziologin Dr. Ute Gerhard auseinander, indem sie insbesondere den Generationenkonflikt in den Blick nimmt. Generationenkonflikte beschäftigen auch Dr. Michaela Kuhnhenne, Sozialarbeiterin und Erziehungswissenschaftlerin, in ihrer Untersuchung der bürgerlichen Frauenbewegung seit der Weimarer Republik. Ob es einen „ostdeutschen“ Feminismus gibt und inwiefern sich dieser vom ehemaligen Westdeutschland unterscheidet, suchen die Sozialwissenschaftlerinnen Dr. Judith C. Enders und Mandy Schulze anhand von Interviews ostdeutscher Frauen herauszuarbeiten. Rechtsanwältin Dr. Esma Çakır-Ceylan beleuchtet Entstehung und aktuellen Stand der türkischen Frauenbewegung. Eva Fuchslocher, Kathleen Kollewe und Katrin Pittius stellen die Frage nach der (Notwendigkeit der) Exklusion von Männern aus der Frauenbewegung noch einmal neu, Politologin Kollewe erforscht zudem die Errungenschaften der Frauenbewegung für Politikerinnenkarrieren und kommt zu dem Schluss: Da geht noch was! Das findet auch Dr. Annette Anton in ihrem provokanten Beitrag „Mädchen für alles“ und stellt weiblicher Selbstausbeutung und scheinbar freiwilligem Karriereverzicht Handwerkszeug und Orientierungshilfen für mehr Selbstverantwortung gegenüber. Dieser und der letzte Beitrag der Künstlerin und Gestalttherapeutin Caroline Gempeler zur Erschließung der eigenen Geschichte mithilfe künstlerischer Ausdrucksmittel runden das ansonsten theoretische Werk mit zwei verschiedenartigen Praxisansätzen ab.

Zugänglich geschrieben, zeigen die Beiträge dieses Bandes, dass die Frage des Quo Vadis an die „bewegte Frau“ nicht nur eine vielschichtige ist, sondern auch unterhaltsam und nach wie vor sehr spannend sein kann. Fazit: Festlesen!

Münster: Westfälisches Dampfboot 2013; 178 S.; 19,90 €;

 

Gesellschaft für bedrohte Völker
Frauen 2014 - Stark und verletzlich?
BilderkalenderKalender2014

Leuchtkräftig und engagiert kommt der neue Kalender der „Gesellschaft für bedrohte Völker“ daher. Jeder Monat gibt Einblick in eine andere Kultur, Lebensalltag und Schwierigkeiten der Frau(en) innerhalb unterschiedlichster Strukturen und Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld zwischen Tradition und aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen.
Doch auch und gerade die Spuren und Veränderungen, die Frauen durch ihr Engagement, ihre Kreativität, ihren Mut bewirken, sollen hervorgehoben werden: „Diese Frauen erzählen Ihnen viele Geschichten, nicht nur von Opfern, sondern auch von Selbstermutigung und vom Einstehen für die eigene Kultur und Identität [...]“, so die einführenden Worte der Redaktion.

Als Sängerin, Aktivistin, Widerstandskämpferin, kulturelle Botschafterin, Schamanin, Designerin, aber auch stille Existenz an der Basis: Bei aller Heterogenität sind Frauen „Trägerinnen und Wahrerinnen der Kultur“, Konstante und gleichzeitig Triebkraft von Veränderung. Wie das Motto im Monat April besagt: „Frauen sind die Eckpfeiler des Lebens: Wenn sie wegfallen, bricht alles zusammen“ (Yezidisches Sprichwort).
Nicht zuletzt dank der ExpertInnen, aus deren Feder die Beiträge zu den jeweiligen Kulturen stammen, ist dieser Kalender auch inhaltlich informativ. So gelingt weitgehend der schwierige Spagat zwischen Ästhetik und exotischer Verklärung.
Als Wermutstropfen bleibt die Frage, weshalb dieser Kalender, der doch offenbar die Frau aus ihrer „Objektrolle“ heben möchte, im Internet doch nur wieder mit der Körperlichkeit der jungen Frau aus Nigeria wirbt.

Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen, 2013. 19,50 €

 

Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe/ Hessisches Sozialministerium
Ärztliches Praxishandbuch GEWALTCover: Ärztliches Praxishandbuch Gewalt

Wie wichtig der erste Kontakt mit ÄrztInnen für Betroffene von Gewalt ist, betont Stefan Grüttner, hessischer Sozialminister und Herausgeber in seinem Vorwort des „Ärztlichen Praxishandbuches“.
Bei diesem ersten Zusammentreffen sollte herausgefunden werden, ob bestehende Verletzungen durch Unfälle geschahen, oder durch gewaltsam verursacht wurden. Alle körperlichen Schäden, der Befund und die Behandlung, müssen von den MedizinerInnen minutiös dokumentiert werden.
Nur durch die detaillierte Dokumentation kann bei einem eventuell folgenden Verfahren sichergestellt werden, dass die ärztlichen Beobachtungen vor Gericht verwertbar sind und zur Aufklärung eines Vorfalls beitragen können.

Das Praxishandbuch richtet sich daher an ein breites Spektrum ärztlicher Fachdisziplinen. Es hilft MedizinerInnen bei der Erkennung von Gewalterfahrungen und unterstützt sie beim Ergreifen von Maßnahmen zur Gewaltprävention.

Gewalt gibt es in vielen Formen. Gewalt kann selbstgerichtet sein, sie kann von einzelnen verursacht werden oder im Kollektiv. Gewalt kann physische, sexualisierte oder psychische Ausmaße annehmen.
Das Handbuch wird dieser Komplexität gerecht, indem es sich eingehend einer Vielzahl an Themen widmet; darunter so tiefgreifende wie häusliche Gewalt, sexualisierte Gewalt im Allgemeinen und gegen behinderte Mädchen und Frauen, Genitalverstümmelung und Gewalt gegen Ältere. MedizinerInnen finden im Buch konkrete Arbeitshilfen. So auch Handreichungen für ein - auch unter widrigen Bedingungen - gelingendes Gespräch. Durch eine sensible Umgangsweise sollen traumatisierte Betroffene bestmöglich versorgt werden.

Es befinden sich zudem eine Med-Doc-Card und eine Dent-Doc-Card, sowie umfangreiche Materialien zur Befunddokumentation im Anhang. Für eine Zusammenarbeit oder die Weiterleitung der PatientInnen an Jugendämter und andere Einrichtungen werden abschließend nützliche Adressen und Informationen zum Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ angegeben.

Verlag S. Kramarz, Berlin 2013. 283 Seiten, 29,90 €

 

Verena Brunschweiger
Fuck Porn!
Wider die Pornografisierung des Alltags

Mit Ihrem Buch „Fuck Porn!“ ruft Verena Brunschweiger dazu auf, unsere noch immer von frauenfeindlichem Verhalten durchflochtene Gesellschaft von Unwissenheit, Vorurteilen und Ignoranz zu befreien. Zu lange hat frau sich ihrer Meinung nach auf den Verdiensten der feministischen Streiterinnen der 1960er- und 1970er Jahre ausgeruht, zu lange wurde seither zur zunehmenden Pornografisierung des Alltags geschwiegen.
Ob sexistische Werbung, Strip-Clubs, Schönheitsoperationen oder Misswahlen – alles wird oft genug (stillschweigend) hingenommen, denn: „Kritik allgemein steht Frauen einfach nicht.“

So nimmt uns die Autorin mit auf eine Reise von den Anfängen der feministischen Erfolge und der Entstehung der Gender Studies als Wissenschaft, bis hin zur Gegenwart und der aktuellen Lage der Frauenbewegung. Sie beleuchtet die Gebiete der weiblichen Sexualität, des Arbeitsmarktes und der Kultur und macht auf gesellschaftliche Mechanismen aufmerksam, die jede Frau, ob nun bemerkt oder unbemerkt, benachteiligen und herabstufen. Schönheitsmythen, diktiert von den Medien, werden zum Schönheitsterror und etablieren schon im Kindesalter vieler Mädchen die Fixierung auf das eigene Aussehen. Diesem Trend soll entscheidend entgegengewirkt werden.

Das Buch schließt mit einem klaren Appell an die Frauen zu mehr Selbstbewusstsein und zu mehr Mut: Sie sollten lernen, gegen den Strom zu schwimmen und NEIN zu sagen! Nur so kann, gemeinsam mit Männern und nicht in Abgrenzung von ihnen, für eine Gesellschaft frei von Stereotypen und Ungleichheiten gekämpft werden.

Tectum Verlag, Marburg 2013. 173 Seiten, 16, 95 €

 

Anonyma
Ganz oben
Aus dem Leben einer weiblichen FührungskraftCover Anonyma: Ganz oben

Bereits 2001 gab es eine freiwillige Selbstverpflichtung deutscher Unternehmen, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Heute sind von 833 Vorstandsvorsitzenden der 200 größten deutschen Wirtschaftsunternehmen nur 21 von Frauen besetzt.

In mehreren Kurzkapiteln werden die persönlichen Erfahrungen einer Frau geschildert, die es bis in die Führungsetagen der deutschen Wirtschaftselite geschafft hat. Die Autorin, die nicht ohne Grund anonym bleiben möchte, ergänzt ihre Erfahrungen um Analysen, versucht sie zu deuten und einzuordnen. Sie bringt längst überwunden geglaubte Klischees und Sozialverhalten ans Licht. Diese bestimmten ihren Arbeitsalltag und machten ihr täglich deutlich, dass Frauen sich in einem von männlicher Alleinherrschaft geprägten Unternehmen ständig neu zu beweisen haben. Sie erzählt davon, warum es attraktive Frauen so selten bis ganz nach oben schaffen, wieso in einer weiblichen Kollegin noch oft genug das „Mädchen für alles“ gesehen wird und weshalb Nachwuchs fast immer das Karriereende einläutet.

Das Buch schockiert, amüsiert und macht schnell klar, wie belastend und hinderlich geschlechtsstereotypische Vorurteile für ein souveränes Auftreten auf der Führungsebene sind. Die Autorin will mit ihrem Buch auf die teilweise noch immer katastrophalen Zustände in Großunternehmen aufmerksam machen und fordert eindringlich zur Gleichstellung in der Führungsetage auf.

Verlag C.H. Beck, München 2013, 160 Seiten, 14,95 €

 

Gabriele Berkenbusch, Katharina von Helmholt, Vasco da Silva (Hg.)
Migration und Mobilität aus der Perspektive von Frauen
Migration und Mobilität über nationale Grenzen hinweg und sind als Resultate unserer globalisierten Welt zu betrachten.Cover Migration und Mobilität

Die AutorInnen unterscheiden zwischen Mobilität, als dem Credo des beruflichen und persönlichen Fortschritts – und der damit einhergehenden Migration, die oftmals als die Kehrseite der gewünschten Mobilität empfunden wird. Migration, die im 21. Jahrhundert eine neue Qualität erreicht hat, hat sowohl auf die Herkunftsländer der MigrantInnen, als auch auf die Zielländer, wirtschaftlichen und sozialen Einfluss. Migrationsbewegungen führen zu einer zunehmenden kulturellen Heterogenität von Nationalstaaten und wirken sich zudem auf individueller Ebene auf die kulturelle Identität der einzelnen MigrantInnen aus. Ein wesentlicher Aspekt für die AutorInnen ist zudem die Frage nach den verschiedenen Migrationsmotiven der Frauen.

Obwohl Frauen schon immer einen hohen Anteil in der Migration ausmachen, wurden sie in der Forschungsliteratur lange Zeit vernachlässigt; erst in den 1970er Jahren entstand die Frauen-Migrationsforschung.

Ziel dieses Buches ist es, Migration und Mobilität aus der spezifischen Perspektive von Frauen ins Zentrum der Betrachtungen zu rücken.

Nach einer allgemeinen Einführung zum Thema Mobilität und Migration folgen Beiträge verschiedener AutorInnen aus unterschiedlichen Fachdisziplinen. Der Fokus liegt dabei nicht etwa auf quantifizierbaren Fakten des Migrationsgeschehens, sondern auf den subjektiven Sichtweisen und Wahrnehmungen der betroffenen Frauen, die in narrativ-biographischen Interviews und Aufzeichnungen zum Ausdruck kommen. Sujata Sharma berichtet beispielsweise von den Problemen und Herausforderungen einer Japanerin, die einen deutschen Mann heiratete und nach Deutschland emigrierte. In einem weiteren Beitrag stellt Gwendolin Lauterbach zwei Kirgisinnen vor, die trotz ähnlicher kultureller, zeitlicher und lokaler Hintergründe zwei völlig unterschiedliche Geschichten erzählen. Hier werden die Bedeutung des individuellen Migrationsgrundes und die Gestaltung der eigenen Situation im Zielland besonders deutlich.

Neben einem spanischen und einem englischen Beitrag sind alle Berichte in Deutsch verfasst.

Kultur – Kommunikation – Kooperation herausgegeben von Gabriele Berkenbusch, Katharina von Helmholt. Band 8
Ibidem-Verlag, Stuttgart 2012, 279 Seiten, 29,90 €

Birger Thureson
Die Hoffnung kehrt zurück
Der Arzt Denis Mukwege und sein Kampf gegen sexuelle Gewalt.Cover Die Hoffnung kehrt zurück

„Ihr könnt nicht nur etwas tun, Ihr müsst etwas tun!“, fordert Denis Mukwege seit Jahrzehnten für die zahlreichen Frauen die während der Konflikte im Kongo vergewaltigt wurden. Mukwege lässt seinen Worten Taten folgen - für seine Arbeit erhielt er 2008 den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen.

Birger Thureson erzählt die Geschichte des engagierten Arztes, der im Oktober 2012 nur knapp einem Attentat entkam und trotzdem unverdrossen weiter im zerrissenen Kongo arbeitet. Als Gründer und Leiter des Panzi-Krankenhauses in Bukavu hat der Gynäkologe bereits Tausende von Frauen betreut und begleitet.

Thureson sprach mit vielen dieser Patientinnen. Ihre Geschichten zeugen von Trauer, Schmerz und Angst - aber auch immer wieder von Hoffnung. Mukwege will diesen Frauen wieder eine Stimme geben und tut dies mit Hilfe des Begleitprojekts Dorkas. Die Frauen werden dort nicht nur medizinisch betreut, sondern auch bei der Vorbereitung auf Ihre Rückkehr in die Gesellschaft unterstützt. Alphabetisierungskurse und Kleindarlehen bedeuten für die Frauen einen ersten Schritt in Richtung Unabhängigkeit.

Finanziert durch die Hilfsgelder der EU und der schwedischen Zentralbehörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit wurde das Krankenhaus zu einer Anlaufstelle, die bis weit über die kongolesische Landesgrenze bekannt ist.

Thureson fügt am Ende seines Buches eine Zusammenfassung über die Hintergründe der Kongo-Kriege ein und ordnet so die vorhergehenden Berichte der Patientinnen in ihren geschichtlichen Zusammenhang ein.

„Die Hoffnung kehrt zurück“ berichtet über das Schicksal von Frauen in Not und den langen Kampf um die Stärkung ihrer Rechte.

Brandes & Apsel, Frankfurt a. M. 2013, 160 S., 14,90

Carina Agel
(Ehren-)Mord in Deutschland
Eine empirische Untersuchung zu Phänomenologie und Ursachen von “Ehrenmorden” sowie deren Erledigung durch die Justiz.Cover Carina Agel:

In ihrer Studie wertet die Rechtswissenschaftlerin Strafakten (versuchter) Tötungsdelikte bzw. einer versuchten Anstiftung zu einem solchen Delikt und einen vermeintlichen »Blutrache«-Fall aus. Dabei beschränkt sie sich auf Taten, die scheinbar im Kontext einer verletzten Ehre standen und sich in Hessen im Zeitraum von 1982 bis 2010 ereigneten.

Anhand der Aktenanalyse werden Einblicke in Täter-Opfer-Strukturen, Hintergründe der Taten und Tatdynamiken gewährt. Ein Hauptaugenmerk gilt der Rolle der einzelnen Familienmitglieder, insbesondere die der Mütter, in Hinblick auf das Hervorrufen des Tatentschlusses, die Tatplanung und die Tatbegehung. Dabei zeigt sich, dass nicht alle untersuchten Tötungsdelikte als »Ehrenmorde« zu klassifizieren sind.

Agel beleuchtet zugleich die justizielle Behandlung dieser Delikte vom Ermittlungs- bis zum Hauptverfahren. Sie nimmt dabei auch Stellung zur tatbestandlichen Einordnung dieser Taten und überprüft die Bewertung des kulturellen Hintergrundes im Rahmen der niedrigen Beweggründe sowie bei der Strafzumessung.

Pabst Science Publishers, Lengerich 2013, 372 Seiten, 35,00 €

Seyran Ates
Wahlheimat
Warum ich Deutschland lieben möchteCover: Seyran Ates - Wahlheimat

"Ich lebe in einem Land, das mich schützt, wenn ich wegen meiner Meinung bedroht werde. In Deutschland kann man als Freigeist vom Staat geschützt werden, in der Türkei kann man als kritischer Publizist im Gefängnis landen."
Erst, wenn wir die Freiheit verlieren, erkennen wir, dass sie durch nichts zu ersetzen ist. Seyran Ates hat um die Freiheit gekämpft – um ihre eigene und die der Frauen, deren Rechte sie verteidigt. Als in Istanbul gebürtige Deutschtürkin ist für sie das Recht auf freie Meinungsäußerung und Selbstentfaltung nichts Selbstverständliches, sondern ein Privileg, das es zu schützen gilt. Seyran Ates schreibt ein engagiertes Plädoyer für die Freiheit, die Menschenwürde und unsere Verfassung. Sie fordert auf, diese Errungenschaften gegen Angriffe von Rechtsradikalen und Fundamentalisten beherzt zu verteidigen und unsere politische Kultur aktiv mitzugestalten.

Seyran Ates lebt seit 1969 in Deutschland. 2006 zwangen sie Morddrohungen ihre Arbeit als Rechtsanwältin aufzugeben. Die Autorin erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter das Bundesverdienstkreuz. 2013 hat Ates erneut eine eigene Kanzlei im Berliner Stadtteil Wedding eröffnet. Zuletzt sind von ihr erschienen: Der Multikulti-Irrtum (2007) und Der Islam braucht eine sexuelle Revolution (2009).

Ullstein Verlag, Berlin 2013, 176 Seiten, 16,99 €


Uta Klein
Geschlechterverhältnisse, Geschlechterpolitik und Gleichstellungspolitik in der Europäischen Union.
Akteure – Themen – Ergebnisse
LehrbuchKlein Geschlechterverhältnisse EU

Die Gleichstellungspolitik der Europäischen Union wird in der deutschen Öffentlichkeit kaum beachtet. An diesem Befund hat sich auch 2013, sieben Jahre nach der ersten Ausgabe des Lehrbuches, kaum etwas geändert. Dabei, so die Autorin, habe gerade die deutsche Gesellschaft in Hinblick auf Gleichstellung von europäischen Initiativen profitiert. Eines der von Klein angeführten Beispiele ist die Elternzeit, der paritätisch aufgeteilte Elternurlaub, der den „Mutterschaftsurlaub“ ersetzt hat.

Schon der Buchtitel weist auf die Vielschichtigkeit und die Bandbreite des Inhalts hin, mit der die Autorin diesen Wissenslücken beikommen möchte.

So werden wir mit den Institutionen, Organen und Konzepten der EU-Gleichstellungspolitik vertraut gemacht. Errungenschaften und Fortschritte, aber auch Beschränkungen und Blockaden einer auf veränderte Geschlechterverhältnisse zielenden Politik, werden uns dargelegt. Aber auch die Gleichstellungsfrage innerhalb dieser Institutionen wird behandelt. Ernüchternd wirkt die Auflistung des Frauenanteils in den einzelnen Gremien.

Ein eigenes Kapitel behandelt die entscheidenden Etappen europäischer Sozialpolitik und widmet sich der Entwicklung der Gleichstellungspolitik. Der Amsterdamer Vertrag 1999 markiert einen Wendepunkt in der Gleichstellungspolitik. In dem Vertrag wird Gleichstellung als eine Querschnittsaufgabe der Gemeinschaft begriffen und Gender Mainstreaming eingeführt.

Die empirische Bestandesaufnahmen der Geschlechterverhältnisse decken das nach wie vor vorherrschende Ungleichgewicht im Erwerbs- und Familienleben und an der politischen Partizipation auf. Gewalt gegen Frauen bleibt, allen Anstrengungen der EU zum Trotz, ein prävalentes Problem.

So überrascht es nicht, dass die Autorin Anlass zur Sorgen sieht: Die Einstellungsmuster gegenüber Gleichstellungsfragen zeigen eine Art „Backlash“ zu traditionellen Geschlechterbildern.

In zahlreichen Kästen bietet Klein Statistiken an, greift Definitionen heraus, veranschaulicht. So wird z.B. mit einer Chronologie der Ablauf der Entstehung einer Richtlinie nachvollziebar. Ein umfangreicher Informations- und Adressenteil lässt das Lehrbuch zum Handbuch werden.

Uta Kleins Lehrbuch sei hiermit jeder und jedem an den Mechanismen der Gleichstellung in der EU Interessierten empfohlen.

Springer VS Wiesbaden, 2. aktualisierte Auflage, 2013, 312 Seiten, 39,95 € (eBook 29.99 €)

 

Peggy Piesche (Hrsg.)
Euer Schweigen schützt Euch nicht
Audre Lorde und die Schwarze Frauenbewegung in DeutschlandCover Audre Lorde

Für den Band wurden neben Texten von Audre Lorde eine Auswahl von Beiträgen verschiedener Schwarzer Autorinnen zusammengetragen, die sich um die Anfänge der Schwarzen Frauen- und Lesbenwegung in Deutschland drehen oder sich mit derem Erbe auseinander setzen.

Audre Lorde initiierte die Bewegung Anfang der 1980er und 1990er Jahre. Die in den USA geborene, Schwarze Feministin, Autorin und Dichterin verstand Sprache als machtvollstes Mittel gegen gesellschaftliche Zurückweisungen. Sie forderte die rigorose Benennung und Selbstzuschreibung des Schwarz-Seins, Lesbin-Seins und Frau-Seins, um das Schweigen der Gesellschaft zu durchbrechen. Sich selbst bezeichnete sie stets als „black lesbian feminist mother poet warrior“. Auch 20 Jahre nach ihrem Tod gilt Lorde als eine der einflussreichsten Kämpferinnen für die Rechte Schwarzer Frauen.

Ihre Mitkämpferinnen schildern in aufgezeichneten Gesprächen, Aufsätzen und Gedichten ihre Erfahrungen im Deutschland der 1980er und 1990er Jahre, die geprägt waren von der Euphorie der Widervereinigung Ost- und Westdeutschlands und dem noch immer verbreiteten Gendankengut Nazideutschlands. Die Autorinnen berichten über alltäglichen Rassismus, Sexismus und Homophobie.
Wie etwa die Gedichte Ana Herrero Villamors. Diese spiegeln die Wurzellosigkeit und Rastlosigkeit der jungen Frau, geben aber auch der verzweifelten Wut gegen ein Land Audruck, das sie nicht haben will, sie ausspuckt.
Gleichzeitig lassen die Beiträge erahnen, wie sich mit den Anfängen der Schwarzen Frauen- und Lesebenbeweung ein Gefühl der Zugehörigkeit entwickelte.

Das Buch, herausgegeben zum 20. Todestag Aurde Lordes, thematisiert auf anschauliche Weise den Schwarzen Feminismus in Deutschland – ein Thema das bislang wenig Beachtung gefunden hat in der breiten Öffentlichkeit Deutschlands.

Orlanda Frauenverlag Berlin, 2012, 240 Seiten, 19,50 €

 

Annette Huland
Frauenhandel in Deutschland
Im Spannungsfeld von Abschiebepolitik und ProstitutionCover: Frauenhandel in Deutschland

Frauenhandel gilt heute als Menschenrechtsverletzung, die zu bekämpfen ist. Trotz zahlreicher Bemühungen auf nationaler und internationaler Ebene grassiert der Handel in die sexuelle Ausbeutung weiter.
Die Autorin fragt in ihrer Dissertation nach den Ursachen dieses Missstandes. Hierzu zeichnet sie die Entstehung und Entwicklung des Frauenhandelsdiskurses in Deutschland nach und geht auf den europäischen und internationalen Kontext vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis heute ein.

Hulands These: Die – vorgebliche – Komplexität des Themas Menschenhandel und die verwirrende und zum Teil falsche Verwendung der Menschenhandels-Begriffe und –Daten erfüllen verdeckt politische Funktionen und verhindern so sogar die Bekämpfung des Frauenhandels. Sie geht den dahinter stehenden Interessenkonflikten nach, insbesondere in den Bereichen der Prostitutionsregulierung und der Ausländer- und Abschiebungspolitik.

Annette Hulands Arbeit sei allen empfohlen, die sich wissenschaftlich differenziert mit dem Themenbereich Frauenhandel auseinandersetzen wollen und ernsthaft an einer Eindämmung des Problems interessiert sind.

Tectum Verlag Marburg, 2012, 408 Seiten, 34,90

 

Silvia Heinemann
Frauenfragen sind Menschheitsfragen
Die Frauenpolitik der Freien Demokratinnen von 1949 bis 1963Cover: Frauenfragen sind Menschheitsfragen

In ihrer Dissertation „Frauenfragen sind Menschheitsfragen“ beleuchtet Silvia Heinemann die Geschichte der Freien Demokratinnen im Nachkriegsdeutschland. Ihre Hauptfrage ist, wie sich die FDPlerinnen in der Auseinandersetzung um eine neue Rechtsstellung der Frau in Staat und Gesellschaft positionierten und inwiefern sie die Meinungsbildungsprozesse und Gesetzgebung von 1949 bis 1963 beeinflussen konnten.

In biografischer Einzelstudien, wie beispielsweise die von Dr. Ella Barowsky oder Dr. Hildegard Hamm-Brücher, geht sie der Motivation der einzelnen Frauen nach, sich für liberale Politik einzusetzen.
Einen weiteren Fokus richtet Heinemann auf die Analyse der Positionen, die die FDP zu verschiedenen frauenpolitischen Themen einnahm.

Ausführlich beschreibt die Autorin, wie die FDP-Politikerinnen die Aufgaben von Frauen in der Politik definieren und wie sie die politische Gleichberechtigung begründen. Sie analysiert die Konzepte und Strategien der Freien Demokratinnen im Kampf um die Anerkennung von Frauen als gleichberechtigte Partnerinnen im Partei und Parlament.
Die Freien Demokratinnen, bilanziert sie, versuchten, die Diskrepanz zwischen Verfassungsnorm und sozialer Wirklichkeit in der BRD zu schließen.

Mit ihrer Arbeit leistet Silvia Heinemann einen wichtigen Beitrag zur Geschichtsschreibung weiblicher Partizipation an der Politik im Deutschland der „Ära-Adenauer“.

Ulrike Helmer Verlag Sulzbach/Taunus, 2012, 496 Seiten, 49,95 €

 

Hayriye Yerlikaya
Zwangsehen
Eine kriminologisch-strafrechtliche UntersuchungYerlikaya: Zwangsehen

Mit ihrer Dissertation geht die Autorin dem Phänomen „Zwangsheirat“ aus der Sicht der betroffenen Frauen nach, eine bisher kaum untersuchte Perspektive. Anhand von 15 Fallstudien wird herausgearbeitet, wie junge Frauen – in Deutschland oder in der Türkei mit späterem Nachzug nach Deutschland – in eine Zwangsehe gedrängt werden können und welchen Einflussfaktoren und Druckmitteln sie ausgesetzt sind. Wie haben sie diese Ehen erlebt? Welche Bedeutung nehmen sie im Lebenslauf der Frauen ein? Welche Gegenwehr konnten sie leisten? Welche Ursachen und Faktoren waren für ihre Zwangsheirat bestimmend? Wie hätten sie möglicherweise verhindert werden können?

Die Autorin nutzt die hieraus gewonnenen Erkenntnisse, einen Präventions- und Opferschutzmaßnahmekatalog zu entwickeln, der den Bedürfnissen der betroffenen Frauen angepasst ist.

Die Rechtswissenschaftlerin setzt sich schließlich mit dem 2011 in Kraft getretenen „Zwangsverheiratungsbekämpfungsgesetz“ auseinander, um ihm und dem § 237 StGB, mit dem „Zwangsheirat“ zum Straftatbestand wurde, Defizite zu attestieren. Eine sinnvolle Alternative sieht Yerlikaya in der Aufklärung der sozial schwachen und ungebildeten Initiatoren und der Stärkung der möglichen Opfer von Zwangsverheiratungen.

Hayrye Yerlikayas Arbeit wurde mit dem Dissertationspreis der Juristischen Gesellschaft Ostwestfalen-Lippe

Nomos Universitätsschriften, Recht Band 777, Baden-Baden 2012, 258 Seiten, 68,00 €

 

Rola El-Halabi mit Felicia Engelmann
Stehauf Mädchen.
Wie ich mich nach dem Attentat meines Tiefvaters zur Boxweltmeisterschaft zurückkämpfte.El-Halabi Stehaufmaedchen

2009 erlangte Rola El-Halabi den WM-Titel im Boxen. Unmittelbar vor ihrer Titelverteidigung im Jahr 2011 durchschoss ihr Stiefvater mit vier Kugeln ihre Hände und Knie. Grund dafür war, dass sich Rola El-Halabi verliebt hatte.

In der nun erschienen Autobiographie erzählt El-Halabi ihre Geschichte. Sie berichtet von ihrer Jugend in Ulm, in das es ihre Familie nach der Flucht aus dem kriegszerrütteten Libanon verschlug. Sie berichtet über die Entdeckung ihrer Leidenschaft zum Boxen und dem Stiefvater, der sie zu der selbstbewussten starken Rola machte, die das Publikum im Boxring so oft bewundert. Sie berichtet aber auch von Ausbrüchen häuslicher Gewalt, die sie seit ihrer frühsten Kindheit begleiten.

Im Verlauf des Buches wird die ambivalente Beziehung zwischen Rola El-Halabi zu ihrem Stiefvater deutlich. Als Manager seiner Tochter, gestaltete er ihr Leben bis ins kleinste Detail, bestimmte sogar die Farbe ihres Rockes, den sie bei Wettkämpfen trug. Mit der Liebe zu einem Mann öffnete sie jedoch die Tür zu einem Lebensbereich der sich nicht mehr kontrollieren ließ. Als die 25-jährige ihrem Stiefvater eröffnet, dass sie sich in einen Mann verliebt hat, der kein Moslem ist und in Scheidung lebt, reagiert er mit kühler Gleichgültigkeit. Diese Gleichgültigkeit wandelt sich in irre Wut, die in Morddrohungen umschlägt und in einer Schießerei am 1. April gipfelt.

Die verletzte Ehre, die der Vater in seinem Feldzug gegen Rola El-Halabi anführt, führt diese in ihrer Autobiographie ad absurdum. Sie berichtet von der gelebten Doppelmoral ihres Stiefvaters und den fadenscheinigen Argumentationen, die er gegen sie aber auch den Rest ihrer Familie vorbringt.

Das Buch „Stehauf Mädchen“ thematisiert Gewalt im Namen der Ehre aus der Betroffenen-Perspektive und zeigt den Weg einer jungen Frau, die sich mutig in ein selbstbestimmtes Leben kämpft.  

mvg Verlag, München, 208 Seiten, 17,99 €

 

 

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