Neu in unserer Bibliothek

In regelmäßigen Abständen finden Sie an dieser Stelle eine Auswahl unserer Neuanschaffungen.

Viel Spaß beim Schmökern!

Neuanschaffungen 2019

 

Anna Dahlqvist
It’s Only Blood
Shattering the Taboo of Menstruation
Alice E. Olsson (englische Übersetzung aus dem Schwedischen)2018 Cover Only Blood

800,000,000 Menschen menstruieren in diesem Augenblick. Man könnte meinen, dass eine natürliche Körperfunktion, die das Leben so vieler Menschen prägt, die zudem wesentliche Voraussetzung der menschlichen Fortpflanzung ist, heutzutage kein heikles Thema mehr ist. Dass dem so nicht ist, stellt Anna Dahlqist in ihrem kritischen und feinfühlig geschriebenen Buch klar.
Mit dem monatlichen Zyklus werden häufig gesellschaftlich tabuisierte Werte in Verbindung gebracht: Sexualität, Selbstbestimmung oder reproduktive Rechte.

Die Autorin weist nach, wie dieses schambehaftete Phänomen – vor allem in Ländern des globalen Südens – zu Menschenrechtsverletzungen an Frauen und Transpersonen führt. Armut, Frühehen, Teenagerschwangerschaften und Müttersterblichkeit zählen dazu.

Die Organisation der Monatshygiene (z.B. das regelmäßige Wechseln oder Waschen der Binde) ist für Menschen, die keinen Zugang zu Toiletten, sauberem Wasser und Abfallentsorgung haben, in der Regel unrealistisch. Oft bleiben gesundheitliche Folgen nicht aus. Zudem sind Menstruationsprodukte für viele unerschwingliche Luxusartikel.

Wie kann diesen Umständen begegnet werden? Die Autorin hat hierzu menstruierende Jugendliche und AktivistInnen, sowie HygienemitarbeiterInnen und engagierte PädagogInnen befragt. So erfahren wir, wie bei Irise International in Uganda wiederverwendbare Binden hergestellt werden oder wie in Indien die Organisation Change mit der Textilbranche zusammenarbeitet, um die Gesundheitsbedingungen der ArbeiterInnen zu verbessern.

Diese Bemühungen können aber nur ein Anfang sein. Es gilt, gesellschaftlichen Assoziationen, die die Menstruation als unrein einstufen, entgegenzuarbeiten. Viele Menstruierende dürfen etwa Gotteshäuser nicht betreten oder müssen zuhause bleiben. Viele dieser Einschränkungen entstammen der patriarchalen Angst vor einer subversiver Macht der Frau, die durch gesellschaftliche Isolation und unter dem Etikett der Scham klein gehalten werden soll. Dahlqvist spricht von „der großen Stille“, wenn über die Periode in verschleiernden Begriffen und Bildern gesprochen wird, - wie der sogenannten „Ketchupwoche“ in Frankreich; oder wenn sich die Unterhaltung über die Periode auf sehr private, intime Situationen beschränken muss. Dieses Schweigen wird vielerorts durch einen Mangel an umfassender Aufklärung verstärkt. Viele junge Mädchen bleiben ahnungslos und sich selbst überlassen in ihrer ersten Konfrontation mit der eigenen Sexualität. Ihre nicht ausgesprochenen Fragen bleiben unbeantwortet. Damit beginnt ein Teufelskreis, den die Forscherin Chris Bobel treffend in Worte fasst: „Ignoranz erzeugt Scham und Scham erzeugt Ignoranz“.

Bildung und Aufklärung ist, auch für die im Buch interviewten AktivistenInnen, der ultimative Schlüssel, um diese „Menstruationsignoranz“ zu durchbrechen.
FeministInnen in Indien benutzen inzwischen das Hashtag #HappyToBleed, um auf Menstruationsprobleme in ihrem Land online aufmerksam zu machen, die NGO WASH United hat den 28. Mai zum Tag der Menstruationshygiene erklärt.

Neue Austauschmöglichkeiten über Menstruation keimen auf. Jeder und jede sollte sich an ihnen beteiligen, so Dahlqvist.

Besprechung: Lili Steffen

Zed Books Ltd, London 2018, 202 Seiten, 7,96 €

 

Sabine Maier
Das Buch der Tage
Ein Tagebuch für Frauen

2018 Cover DasBuchderTage

Jeden Monat das Gleiche: es fließt Blut. Die Hälfte der Weltbevölkerung blutet und dennoch ist die Menstruation noch immer ein riesengroßes Tabu. Die natürlichste Sache der Welt soll bitte möglichst unsichtbar geschehen, „unsere Tage“ sollen sein wie alle Tage. Tja, sind sie aber nicht. Interessanterweise kommt derzeit Bewegung in die öffentliche Wahrnehmung der Monatsblutung: Zyklus Apps, eigene Twitter- Accounts zum Thema und die globale Debatte um die „Tampon Steuer“ verändern den Umgang mit der Menstruation. Was in Amerika unter dem Stichwort „Period Positivity“ derzeit voll im Trend ist, wird in deutschen Medien von Spiegel bis Zeit bereits „Menstruationsrevolution“ genannt. Passend zu diesem roten Umschwung legt die Journalistin und Leiterin von Frauenseminaren Sabine Maier nun ein witziges und kluges Buch vor. Kernstück des optisch besonders ansprechend gestalteten „Buch der Tage“ sind angeleitete, monatliche Tagebuchblätter sowie Fragebögen und Listen zum Selbstausfüllen. So können mit Hilfe des „Guided Journals“ Regelmäßigkeiten bei der Regel, Muster in der weiblichen Familiengeschichte und sogar magische Aspekte des „Mondbluts“ entdeckt werden. Spielerisch und unverkrampft (PMS, nein danke) plädiert die Autorin für einen neuen Blick auf ein tabuisiertes Thema, das ganz essentiell mit dem Frausein verbunden ist.

Ergänzend dazu versammelt das „Buch der Tage“ Interviews, spannende Fakten aus aller Welt und Darstellungen neuer Trends wie Free Bleeding, Thinx und #menstruationmatters.

Das Buch richtet sich an Frauen jeden Alters, egal durch welche Hormonkurve sie gerade brausen. Ganz nach dem Motto: Es wird Zeit, die Menstruation (wieder) zu dem zu machen, was sie ist – der rote Faden in unserem Leben.

Wundergarten Verlag, Wien 2018, 159 Seiten, 18,50 €

 

Jana Kießer
das bleibt unter unsJana Kiesser

Der Titel findet sich als schlichte Buchstabenzeile auf dem Rücken des Fotobandes. Das Cover weist uns ganz ohne Text den Weg zur Deutung dessen, worüber Stillschweigen gewahrt werden soll: Wir können es im Gesichtsausdruck der Abgebildeten erahnen.

Die Serie das bleibt unter uns ist eine Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der Familie der jungen Fotografin.

Seite um Seite, Bild um Bild scheinen die Innenansichten einer Versehrten aufzublitzen.
Was ist hinter dem mondbeleuchteten Fenster hinter den Kiefern passiert?
Ein Arm schwebt halb im dunklen Wasser. Sucht er Kühlung – oder ist es Todessehnsucht?
Der Flügel eines Vogels auf rauhem Kiesboden ...
Zwischen den reifen, gelbe Früchte tragenden Mirabellenbäumen zwei Männerbeine, die sich entfernen.
Werden die Luft-Wurzeln dieses Baumes Geborgenheit bieten? Oder führen sie in ein Labyrinth?

Fast versteckt finden sich im Vorder- und Rückumschlag sehr persönliche Zeugnisse in der Gestalt von Miniatur-Alben: Kindheitsfotos in dem Einen; in dem Anderen handschriftliche Tagebuchauszüge, denen maschinengeschriebene Mitteilungen des (inhaftierten) Täters gegenübergestellt werden.

Jana Kießer nimmt uns mit in die Abgründe der verletzten Seele - dunkel, fragend, unkenntlich - Einblicke ins Ungewisse, mysteriöse Orte, Zerbrochenheit, Bedrohung, Entwendung der Unbekümmertheit, Unschuld und Weiblichkeit, Schockstarre, Entwurzelung, Ohnmacht, Regungslosigkeit, Gewalt und die ständige Angst, dem Täter wieder zu begegnen.

Gewidmet hat die Fotografin ihr Buch allen Betroffenen von sexuellem Missbrauch.

self published, Berlin 2018, Edition von 50 Exemplaren; 55 €
18,5 x 27,3 cm; handgebunden, 44 Seiten; enthält 2 Einlegehefte 20 & 24 Seiten, 10 x 14 cm
Ansicht und Bestellung unter: www.janakiesser.de

 

Matthias Veit
Ein Mann steht seine Frau!
Papa macht Teilzeit, Mama Karriere und das Kind, was es will.2019 Veit MannstehtseineFrau

„Muss man eigentlich immer das Optimum erreichen und seine Umgebung maximal beeindrucken – nur weil man ein Mann ist?“ Mit dieser Frage stellt der Schriftsteller, Pressesprecher und Vater, Matthias Veit, die Redewendung „seinen Mann stehen“ in seinem Buch auf den Kopf und fordert eine Gesellschaft, in der auch Frauen die Freiheit haben, über Elternzeit und Beruf zu entscheiden, ohne dabei als egoistisch abgeurteilt zu werden.

Die Zahl der Väter, die die Elternzeit nutzen, ist in den letzten Jahren zwar gestiegen, aber dank wiederaufkeimender konservativer Wertvorstellungen, setzt sich viel zu oft das alte „Einverdiener-Modell“ durch. Mancher Vater sieht sein väterliches Engagement bereits mit seinem Krankenhausbesuch zur Geburt erfüllt; gelegentlich holt er auch das Kind aus dem Kindergarten ab. Derweil bleibt die tatsächliche Kindererziehungsarbeit den Müttern überlassen. Diese ungleiche Aufgabenaufteilung ist für alle Beteiligten unfair: Väter stehen unter beruflichem Leistungsdruck und finden kaum Zeit für die Familie, werden aber mit Beförderungen und Gehaltserhöhungen belohnt. Mütter hingegen werden aus der Karriere gedrängt und sind daher finanziell von ihren Partnern abhängig.

In einem Stellenangebot als Pressesprecher mit flexibler Teilzeit erkannte Veit die große Chance, überkommene Rollenvorstellungen zu überwinden. Seine Frau würde jetzt ihre Karriere verfolgen können, ihm bliebe die aufreibende Schichtarbeit als freier TV-Reporter erspart, dafür mehr Zeit, die er seiner Tochter widmen könnte. Eine Win-Win-Situation. Ein Privileg, für viele Familien ein unerreichbarer Traum. Deshalb brauche Deutschland eine durch Staat und Gesellschaft ermöglichte „Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ und mehr Familienautonomie. Dazu gehörten flexible Arbeitsmodelle (z.B. Gleitzeit), genügend Kinderbetreuungsplätze, besserer Lohn für ErzieherInnen, und einen Paradigmenwechsel in der Einstellung zu Müttern am Arbeitsplatz.

Veit träumt von einem „Papa 4.0“ – einem, der selbstverständlich elterliche Aufgaben teilt, nicht, um Lob einzuheimsen, sondern weil sich diese Vorstellung als gesellschaftliche Norm etabliert hat.

Seine Begeisterung für eine engagierte Vaterschaft scheint vielerorts im Buch durch: So zeichnet er unermüdlich Einhorn-Entwürfe für eine Kunstausstellung in Emmas Schlafzimmer oder begeistert sich daran, sie mit seinem Alter Ego, dem „lustigen Hasen Wackelzahn“, immer wieder in gute Laune zu versetzen.

Einige Tipps für Eltern hat er auch bereit: Elternschaft ist Teamarbeit. Elternschaft macht nicht immer Spaß und das muss einfach akzeptiert werden. Ein gelungenes Familienleben setzt Kompromisse voraus. Dazu gehört aber natürlich auch eine gewisse Menge von „radikale Albernheit“.

Besprechung: Lili Steffen

Matthias Veit/neobooks, Düsseldorf 2018, 178 Seiten, 8,99 €

 

Chimamanda Ngozi Adichie
Liebe Ijeawele...
Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden2018 Adichie

15 Vorschläge für eine feministische Erziehung hat die Autorin in diesem schmalen Band zusammengetragen. Wobei Erziehung vielleicht gar nicht das richtige Wort ist. Denn der aus Nigeria stammenden Schriftstellerin geht es weniger darum, dass Kinder in eine bestimmte Richtung gedrängt werden. Vielmehr richtet sie sich an die Erwachsenen, die sie in ihrem Leben geleiten.

Denn in diesem feministischen Manifest geht es nicht darum, möglichst aggressiv für Gleichberechtigung zu kämpfen, sondern Grundgedanken von Gleichberechtigung der Geschlechter in den Alltag einzubeziehen. Die Autorin ruft dazu auf, Töchtern starke Vorbilder zu sein.

„Sei eine vollständige Person“, beginnt sie ihren Leitfaden. „Mutterschaft ist ein großartiges Geschenk, aber definiere dich nicht nur über die Mutterrolle. Sei eine vollständige Person. Dein Kind wird davon profitieren.“ Man müsse seinen Töchtern, Enkeltöchtern und Nichten zeigen, dass Frauen keine Grenzen aufgrund ihres Geschlechts gesetzt sind, und „dass 'Geschlechterrollen' absoluter Blödsinn sind.“ Frauen können eine erfolgreiche Karriere verfolgen, wie Männer sich ihrer Vaterrolle annehmen können. Es bedarf sowohl weiblicher als auch männlicher Vorbilder, die das Leben von Kindern prägen und Stereotypen zerschlagen.

Adichie schrieb diesen Leitfaden als Brief an ihre gute Freundin, die sie um ihre feministische Meinung bat, um ihre neu geborene Tochter zu einer starken Frau heranwachsen lassen zu können. Umso ansprechender und lebendiger liest sich ihr Ratgeber, der perfekt ist für alle werdenden Eltern und alle, die Nachwuchs im Familien- und Bekanntenkreis erwarten oder gerade begrüßen durften. Das Buch passt in jede Tasche und ist schnell gelesen, wird aber nicht so schnell wieder vergessen.

Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2017, 80 Seiten, 8,00 €.

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