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Sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten

Aufmerksame Zuhörerinnen beim Fachgespräch über sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten. Foto: © Hanns-Seidel-StiftungAufmerksame Zuhörerinnen beim Fachgespräch über sexualisierte Gewalt in bewaffneten Konflikten.
Foto: © Hanns-Seidel-Stiftung
Zu diesem Thema veranstaltete die Hanns-Seidel-Stiftung am 24. Juli 2017 ein Fachgespräch, zu dem TERRE DES FEMMES (TDF)-Vorsitzende Prof. Dr. Godula Kosack eingeladen war.

Ein Impulsstatement kam von Völkerrechtler Prof. Dr. Kai Ambos von der Universität Göttingen, der von seiner Tätigkeit als Richter des Sondertribunals Kosovo berichtete. Dort wurden vor allem vier Tathandlungen verhandelt: Vergewaltigung, Sexsklaverei, Prostitution und Zwangssterilisation. Er bedauerte die Schwierigkeit, die Täter tatsächlich verurteilen zu können. Es ist äußerst problematisch, ZeugInnen zu finden, deren Sicherheit im Anschluss an ihre Aussagen von niemandem garantiert werden kann.

Dr. Monika Hauser, Gründerin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied von medica mondiale berichtete von den Aktivitäten ihrer Organisation in Bosnien, Afghanistan, Liberia und im Nordirak. Dort wo Frauen massenhaft vergewaltigt und Zeuginnen von Gräueltaten wurden, bietet medica mondiale psychosoziale, medizinische und juristische Betreuung an und kümmert sich um einkommensschaffende Maßnahmen. All das sind wesentliche Voraussetzungen  dafür, dass die Frauen wieder ein annähernd normales Leben führen können.

Die Jesidin, Kurdin und Deutsche Düzen Tekkal, Journalistin und Kriegsberichterstatterin sowie Gründerin und Vorsitzende von Hawar.help e.V. erlebte die Atmosphäre unmittelbar vor dem Völkermord an den Jesiden durch die IS-Miliz. Das Verbrechen an den Jesiden dauere an, denn noch immer sind vor allem junge Frauen in der Gewalt ihrer Entführer. Die Therapieangebote für 1000 Jesidinnen in Baden-Württemberg stellte sie als ein gutes Zeichen der Solidarität dar, das allerdings mit den betroffenen Frauen gemeinsam entwickelt werden müsse. Denn das hier gültige Konzept von Therapie, in der „Patientinnen“ ihre Probleme vor ihnen fremden Menschen schildern sollen, ist ihnen fremd. Die Frauen müssen selber Akteurinnen sein, ihre Erlebnisse gemeinsam mit den Leidensgenossinnen herausschreien können und vor allem Wege sehen, die zu Gerechtigkeit führen. Das sei die beste Therapie.

Weitere Inputstatements kamen von Karin Nordmeyer, der Vorsitzenden von UN Women Nationales Komitee in Deutschland, sowie von Johanna Belwo da Cunha, Referentin im Referat Menschenrechte, Gleichberechtigung, Inklusion des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), die jeweils von ihren Aktivitäten berichteten.

Dr. Ruth Seifert und Prof. Dr. Godula Kosack (v.l.n.r.). Foto: © Hanns-Seidel-Stiftung:Dr. Ruth Seifert und Prof. Dr. Godula Kosack (v.l.n.r.).
Foto: © Hanns-Seidel-Stiftung:
TDF-Vorstandsfrau Godula Kosack erklärte, wie sexualisierte Gewalt gegen Frauen in kriegerischen Auseinandersetzungen bekämpft werden könnte, auch wenn ein wirkliches Ende dieser spezifischen Gewalt erst mit dem Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen zu erwarten ist.

Vergewaltigung von Frauen in Kriegen gab es vermutlich, seit Männer Kriege gegeneinander führen, doch seit den Balkankriegen in den 1990-er Jahren hat sie eine neue Dimension angenommen. In „herkömmlichen“ Kriegen war die Vergewaltigung ein Ventil für unterdrückte Soldaten, die lange den sexuellen Kontakt mit einer Frau entbehren mussten. Es war gleichzeitig eine Kompensation für erlittene Demütigungen in den hierarchischen militärischen Strukturen. Durch die Vergewaltigung von Frauen konnten sie Gewalt gegenüber Schwächeren ausüben wie bspw. auch im Zweiten Weltkrieg. Sie galt der individuellen Befriedigung derer, die die Gewalt ausübten, und wurde bisweilen von Offizieren geahndet, die sich dabei auf das Kriegsvölkerrecht beriefen, das bestimmte Regeln im Umgang mit den Kombattanten vorsah.

Die neue Dimension der sexualisierten Gewalt gegen Frauen heute ist der Einsatz der Massenvergewaltigung von Frauen als Kriegswaffe. Sie gilt der Vernichtung der feindlichen Gesellschaft und wurde erklärtermaßen erstmals im Balkankrieg gegen die muslimische bosnische Bevölkerung eingesetzt. Zehntausende Frauen wurden systematisch in Vergewaltigungscamps – in Schulen, Lagerhallen, Stadien usf. – gefangen gehalten und immer wieder missbraucht. Es war eine gezielte Methode des Genozids. Die Vergewaltigung war gegen die Männer gerichtet, da die geschändeten Töchter und Frauen nach ihrer Freilassung kein normales Leben mehr führen konnten. Eine Tochter, die keine Jungfrau mehr war, konnte nicht heiraten, eine bereits verheiratete Frau konnte keine Ehefrau mehr sein. Dem stand das Frauenbild der muslimischen Männer im Wege, das einen ausschließlichen Besitzanspruch auf eine Frau zur Bedingung der ehelichen Beziehung macht. So mussten die geschändeten Frauen nicht nur mit ihren traumatischen Erfahrungen leben, sie waren darüber hinaus Geächtete und wurden aus der Gesellschaft ausgestoßen. Bestenfalls wurden sie von ihrer Familie im verborgen gehalten.

Eine solche Gesellschaft zerfällt, wenn kein Umdenken einsetzt, denn auch die Solidarität innerhalb der eigenen Gruppe ist in den Grundfesten erschüttert. Erst 25 Jahre später brachen die bosnischen Frauen das Schweigen und forderten die Aufarbeitung ihrer Traumata und damit auch die Integration in die Gesellschaft ein. Sie sagten vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gegen ihre Peiniger aus. Sie klagten an, statt sich länger als Geschändete im Verborgenen zu halten. Das hilft das Trauma der gesamten bosnischen Gesellschaft zu überwinden.

Die gegenwärtigen Kriege brechen alle von der Völkergemeinschaft getroffenen Konventionen. Sie sind auf die physische und auf die moralische Vernichtung des Gegners ausgerichtet. Dazu ist die Massenvergewaltigung von Frauen ein Mittel. Die Gewalt, die den Frauen systematisch angetan wird, gilt unter den Tätern als ehrenhaft.

Die Vergewaltigung von Frauen als Kriegswaffe muss ihre Wirksamkeit verlieren. Hasna Al Harari, eine syrische Flüchtlingsfrau, fordert genau dies, wenn sie im Dokumentarfilm „Der Traum von Sicherheit“ öffentlich aussagt und dabei ihr Gesicht zeigt: „Bei uns ist es normalerweise die größte Schande, wenn eine Frau vergewaltigt wird. Ich glaube aber, dass das, was in den syrischen Gefängnissen passiert, keine Schande ist. Es ist ein Opfer. Die Männer opfern ihr Blut, die Frauen ihre Ehre. Die Frauen sind Heldinnen, ihre Leiden sind ein Opfer, nicht weniger als das.“

Hasna Al Hararis plädiert für ein Umdenken. Nicht mehr der Vergewaltiger – der Mann – erwirbt die Rolle des Helden, sondern die Frauen und Mädchen, die diese Gewalttaten erdulden. Frauen werden zur Zielscheibe von Gewalt, weil dadurch die Männer und die ganze Gesellschaft geschädigt werden sollen. Wenn Frauen als der weibliche Teil der Menschheit gesehen und geachtet werden, dann kann über die Gewalt an Frauen nicht mehr der Mann getroffen werden.

Dies bedeutet ein Umdenken des gesamten Frauenbildes: Solange eine Vergewaltigung nicht dem Täter, sondern der Frau angelastet wird, solange die Frau und nicht der Täter als entehrt betrachtet wird, ist die Waffe der Vergewaltigung scharf. Sie bleibt scharf, solange Väter ihre vergewaltigten Töchter und Ehemänner ihre vergewaltigten Frauen verstoßen. Sie bleibt auch in sogenannten Friedenszeiten noch scharf, solange die Familienehre über die „Reinheit“ oder „Unberührtheit“ der Töchter und die „Sittsamkeit“ der Ehefrauen definiert wird. Erst wenn Frauen, die der Gewalt der Kriegsgegner ausgesetzt waren, für ihr erduldetes Leid geehrt werden, verliert die Waffe der Vergewaltigung von Frauen ihre tödliche Wirkung.

In Deutschland garantiert das Grundgesetz (Par.3 Abs. 2) seit 1949: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Dies beinhaltet nicht nur dieselben Rechte für Männer und Frauen, sondern auch dieselbe Wertigkeit. Damit ist die Gleichstellung von Frauen und Männern die Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens  Wo dies nicht der Fall ist, ist eine Gesellschaft auf die oben beschriebene Art verwundbar. Es geht hier um die unveräußerlichen Menschenrechte, die für Männer und Frauen gleichermaßen und in jeder Hinsicht gelten müssen. Das betrifft den Zugang zu Bildung und Erwerbstätigkeit, das betrifft auch scheinbar religiös geforderte Bekleidungsvorschriften, die die Frauen in der Öffentlichkeit unsichtbar machen sollen. Eine Gesellschaft, die auf der Unterordnung und damit der Unterdrückung eines Geschlechts unter das andere aufbaut, hat Konflikte vorprogrammiert. Erst die Gleichstellung der Geschlechter ermöglicht einen dauerhaften Frieden.

 

Stand: 08/2017