Antifeminismus – zurück zu überholten Geschlechterordnungen?

2019 Cover Kate ManneEine unvollständige Skizze

„Eine Wikipedia-Auswertung zeigt, wie selten Frauen dort vertreten sind - und wie Stereotype die Einträge der Online-Enzyklopädie prägen“, konstatierte Leonie Bossemeyer im Spiegel in ihrem im Dezember 2018 erschienenen Artikel. Die Schöpfer von WikiMANNia hingegen sahen die Plattform von FeministInnen unterwandert und stellten 2009 ihr eigenes Lexikon ins Netz, um „feminismusfreies Wissen mit anderen zu teilen.“ WikiMANNia will nicht weniger als die „Antithese zur feministischen Opfer- und Hassideologie“ sein.

Den Feminismus als grundsätzlich männerhassende Bewegung zu verunglimpfen, bietet den unterschiedlichen antifeministischen Strömungen ein gemeinsames Feindbild und gleichzeitig die moralische Rechtfertigung für ihr misogynes Vorgehen. Dabei wird ein homogenes Bild des Feminismus insinuiert, ohne zwischen den einzelnen Strömungen zu differenzieren.

Der Diskursatlas Antifeminismus zählt folgende Kernforderungen auf: „die Wiederherstellung ‚natürlicher Geschlechterrollen’, die Festlegung der Frau auf die Mutter- und Hausfrauenrolle im Heim, die Abschaffung sexueller Selbstbestimmung und die Marginalisierung von Homosexuellen.“

Seit Frauen sich gegen ihre Unterdrückung wehren, werden ihre Emanzipationsbestrebungen von unterschiedlichen Kreisen in Frage gestellt und – eine neuere Erscheinung – als Gefährdung der eigenen Privilegien geortet und bekämpft.

Maskulismus: die männliche Opferideologie

Um die Jahrtausendwende wurden – vor allem im Internet – antifeministische männerrechtliche Maskulisten aktiv, die die Männer als Opfer von Frauen oder gar einer angenommenen ‚Femokratie‘ sahen (Diskursatlas).

Neben dem „feminismusfreien“ WikiMANNia tauschen sich die Teilnehmenden in Foren wie agens, MANNdat oder wgvdl.com aus. wgvdl steht für die rhetorisch gemeinte Frage „Wieviel Gleichberechtigung verträgt das Land“. Das Maß ist bereits überschritten! - darüber ist man sich in maskulistischen Kreisen einig. So kritisiert MANNdat die „einseitig an Fraueninteressen orientierte Geschlechterpolitik“, die „Männerbenachteiligung hervorgebracht" habe. Unterstellt wird die strukturell verantwortete und gewollte „bildungspolitische Benachteiligung von Jungen als Frauenfördermittel“.  

Auf wgvdl.com wird ernsthaft gefragt: „Immer mehr Schwule: Verdirbt der Feminismus Männern die Lust am Sex?“

Häufiges Thema der Beiträge in den Internetforen ist eine gescheiterte Beziehung, Sorgerechtsstreitigkeiten, der Verlust des Arbeitsplatzes.

Oft wird dafür das bewährte Feindbild, der Feminismus, in die Verantwortung genommen. Im Beruf hat die Quotenreglung der unfähigeren Bewerberin einen Vorteil verschafft und der Mann das Nachsehen gehabt; beflügelt von feministischen Wertvorstellungen zieht die Frau ihre Karriere einer Familie mit traditionellen Rollenbildern vor.

In dieser Sichtweise sind alle Männer Opfer einer Welt, in der die Feministen das Sagen haben.

Antifeminismus – offen nach rechts

2018 wollten sich die professionellen Verführungskünstler, die sogenannten Pick-Up-Artists (PUA), unter dem Motto „Return to the King“ in 165 Städten in 43 Ländern zu treffen. „Die Männer sollten weltweit ausschwärmen und den Geschlechterkampf um die verloren geglaubte sexuelle Überlegenheit aufzunehmen“, so die Schweizer Geschlechterforscherin und Soziologin Franziska Schutzbach, die den PUA in ihrem Text „dominante Männlichkeiten und neoreaktionäre Weltanschauungen“ nachweist. Für die PUA, die biologischen Unterschiede der Geschlechter betonen, sind Frauen einfach Spielobjekte, deren Willen es gilt, zu brechen.

Schutzbach zeigt, wie die in den 1980er Jahren als Selbsthilfegruppe entstandene Bewegung, sich immer weiter ausweitete und radikalisierte und schließlich mit rechtsnationalistischen Gruppen kooperierte.

Familismus & Rechtspopulismus: Feminismus „destabilisiert“ die traditionelle Ordnung

Das Wiedererstarken rechter Strömungen in Europa, den USA, aber auch in Japan gefährden die Errungenschaften der Frauenbewegung, bringen ihre Forderungen ins Hintertreffen.

Mit der Zunahme des Einflusses konservativer und rechter Gruppierungen, aber auch von religiösen FundamentalistInnen erhält ein vermeintlich überwundenes Verständnis von Gleichheit wieder Bedeutung: Die Anerkennung des ‚natürlichen Geschlechterunterschieds‘, die mit einer Aufwertung der Mutterrolle und tradierter Vorstellungen von Familie einhergeht.

Der „Familismus“ sieht die traditionelle Ordnung durch den Feminismus bedroht. Diese Form finde sich etwa bei der AfD, so der Soziologe Andreas Kemper.

Verwandte im Geiste finden diese in der italienischen rechtsextremen Regierungspartei, der Lega Nord, die enge Allianzen mit der christlich-fundamentalistischen World Congress of Families hegt. 2018 erklärte Matteo Salvini dort, dass die „natürliche Familie für das Überleben der Menschheit unerlässlich“ sei.

In diesem Zusammenhang kann ein Blick auf die Lebensschutzbewegung nicht fehlen, die sich in einem Netzwerk politischer Initiativen gegen jede Modernisierung der Geschlechterverhältnisse zur Wehr setzt.

Die aktuelle Debatte um Paragraf 219a StGB und die Klagen gegen die Ärztinnen, denen Werbung für Abtreibungen vorgeworfen wurde, zeigen wie sehr ein hart erkämpftes Ziel der Frauenbewegung droht, ins Wanken zu geraten: Die Entscheidungsmacht über den eigenen Körper.

Misogynie – ein Instrument zum Erhalt des Patriarchats?

Die Philosophin Kate Manne zeigt in ihrem international viel diskutierten Buch, wie Misogynie in der Politik und im öffentlichen Leben verankert ist.

Sie begreift den Frauenhass nicht als Phänomen einzelner Männer, sondern als „Auswuchs patriarchalischer Ideologie“, mit Hilfe deren unterschieden werden kann, zwischen den »schlechten« Frauen, die die männliche Vorherrschaft angreifen, und den »guten«, die den Männern die aus ihrer Sicht natürlich zustehende Anerkennung und Fürsorge zukommen lassen.

Misogynie sei ein System, „das innerhalb der patriarchalischen Gesellschaftsordnung dafür sorgt, dass die Unterwerfung von Frauen durchgesetzt und kontrolliert und die männliche Herrschaft aufrechterhalten wird.“

UN-Bericht: Gewalt gegen Frauen wurzelt in stereotypen Geschlechterrollen

Anfang Juli veröffentlichte die UNO ihren Bericht zu Gewaltverbrechen. Zwar war die Zahl der getöteten Frauen und Mädchen mit 87.000 im Vergleich zur Gesamtzahl der erfassten Taten eher gering. Aber 70 Prozent der Taten wurden begangen, weil das Opfer weiblich war. Im Bericht werden stereotype Ansichten zur vermeintlichen Vorherrschaft des Mannes als Ursache solcher Gewalt benannt. „Wer glaube der Mann habe das Recht auf Sex oder das Recht, die Frau zu dominieren, neige eher zur manchmal auch tödlichen Gewalt,“ gibt der Spiegel den Bericht wieder.

Dass Frauen und Mädchen in den letzten Jahren mit #aufschrei oder #meToo patriarchale Dominanzgebaren aufdeckten, dem jährlichen „Marsch fürs Leben“ der rechten Lebensschützer eigene Demonstrationen entgegensetzen oder rund um die Welt regelmäßig auf One Billion Rising-Veranstaltungen tanzen, mag weitere AntifeministInnen aufschrecken, gibt aber Grund zur Hoffnung, dass Frauensolidarität der Misogynie die Stirn bieten kann.

 

Quellen und weiterführende Literatur

Kate Manne. Down Girl. Die Logik der Misogynie. Suhrkamp Verlag Berlin, 2019

Juliane Lang, Ulrich Peters (Hrsg.): Antifeminismus in Bewegung. Aktuelle Debatten um Geschlecht und sexuelle Vielfalt. Marta Press Hamburg, 2018

Franziska Schutzbach: Dominante Männlichkeiten und neoreaktionäre Weltanschauungen in der Pick-Up-Artist-Szene. In: feministische studien, 36. Ausgabe, Heft 2, 2018.

Margret Karsch: Feminismus. Geschichte – Positionen. Bundeszentrale für politische Bildung Bonn, 2016

Elke Sanders, Ulli Jentsch und Felix Hansen: „Deutschland treibt sich ab“. Organisierter „Lebensschutz“ – Christlicher Fundamentalismus – Antifeminismus. Unrast-Verlag Münster, 2014

Andreas Kemper (Hrsg.): Die Maskulisten. Organisierter Antifeminsitmus im deutschsprachigen Raum. Unrast-Verlag Münster, 2012

Diskursatlas Antifeminismus   (Zugriff am 16.07.2019, 14:58 Uhr)

Gerechtigkeit zum Nulltarif? Worum es bei Anti-Feminismus und Gender-Kritik geht (Zugriff am 11.07.2019, 16:46 Uhr)

Antifeminismus macht rechte Positionen gesellschaftsfähig (Zugriff am 08.07.2019, 19:06 Uhr)

Klischees von Weiblichkeit. Warum das Frauenproblem bei Wikipedia so tief sitzt (Zugriff am 16.07.209,16:30 Uhr)

Frauenhass und Rechtsnationalismus. Die Rache verunsicherter Männer (Zugriff am 8.7.19, 18:55 Uhr)

Antifeminismus in Nordamerika. Sie wollen nur spielen (Zugriff am 09.07.2019, 18:42 Uhr)

Die Opfer-Logik. Entlastung. Der Maskulismus gibt Frauen die Schuld am Scheitern von Männern 

Konservative AntifeministInnen in Italien. Der Kampf für die „natürliche Familie“ (Zugriff am 09.07.2019, 18:42 Uhr)

Uno-Bericht zu familiärer Gewalt. 137 getötete Frauen, jeden Tag (Zugriff am 09.07.2019, 11:34 Uhr)

Incel-Bewegung. Die Ungeliebten. (Zugriff am 8.7.19, 17:40 Uhr)

WikiMANNia (Zugirff am 8.7.19, 15:44 Uhr)

 

Stand: Juli 2019

 

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