Die Monatsblutung – die natürlichste Sache der Welt?

Das Buch der Tage von Sabine MaierIm April 2015 nahm die 26-jährige Schlagzeugerin Kiran Gandhi am London Marathon teil. Trotz der einsetzenden Periode entschied sie sich ohne Binden oder Tampons zu laufen. Wo hätte sie diese auf der 42 Kilometer langen Strecke auch wechseln können? „Disgusting“, ekelhaft fanden nicht wenige ihr Foto in der blutbefleckten Hose, das um die Welt ging.

Aber warum ist ein so natürliches Phänomen, das Frauen (und Transpersonen) in ihren gebärfähigen Jahren begleitet, so negativ besetzt? Warum ist es so schambehaftet? Für 18 Prozent der deutschen Frauen ist die Menstruation ein Tabu, über das sie nie sprechen würden (SCA-Matters Report des SCA, 2016).

Stigma: Monatszyklus

„Evas Strafe“ – oder der Beitrag der Religionen

Die Nachricht vom Tod einer jungen Frau, die Anfang dieses Jahres in Nepal in einer „Menstruationshütte“ erstickt war, ging durch die Medien. Einer hinduistischen Tradition entsprechend, werden auch heute noch vielerorts in Indien und Nepal Frauen während ihrer Periode aus der Gemeinschaft verbannt. Vier lange Tage müssen sie in einer abseits gelegenen Hütte ausharren. Das gleiche Schicksal könnte z. B. auch eine Frau in Venezuela ereilen.

Dass Frauen während ihrer Periode als „unrein“ galten und - oft auch heute noch gelten - ist  vielen (patriarchalen) Religionen gemeinsam: Sie werden ausgeschlossen, dürfen keine Kirchen, Moscheen oder Tempel betreten; der Geschlechtsverkehr mit ihnen ist verboten.

Im 3. Buch Mose des Alten Testaments wird der Beischlaf mit einer blutenden Frau als „Unzuchtsvergehen“ geahndet.

Die monatliche Blutung war aus Sicht der katholischen Kirche Gottes Strafe für Evas Verfehlungen. Wer hätte dem widersprechen können?

Die „wissenschaftliche“ Sicht

Das unerklärbare monatliche Bluten lieferte seit jeher den Nährboden von Irrglauben und Mythen, die Frauen nicht nur regelmüßig ins gesellschaftliche Aus verbannten, sondern auch als gefährlich brandmarkte.

Das Monatsblut galt sogar als giftig. Schon in der Antike machte Plinius der Ältere menstruierende Frauen für verdorbene Speisen, matte Spiegel und das Bienensterben verantwortlich. Der berühmte Arzt Paracelsus meinte ein Menstrualgift ausgemacht zu haben, das 1900 Menotoxin benannt wurde und 1920 mittels Experimenten vom Wiener Professor Bela Schick 1920 "nachgewiesen" werden konnte.

1912 sah der britische Arzt Sir Almroth Wright Zusammenhänge zwischen dem „krankhaften“ Gemütszustand militanter Suffragetten und deren monatlicher Regelblutungen. Der US-amerikanische Arzt Edgar Berman war in den 1970er Jahren der Überzeugung, Frauen seien aufgrund ihrer biologischen Beschaffenheit in der Politik fehl am Platz.

Obwohl 1958 der wissenschaftliche Beweis für Unschädlichkeit des Menstruationsblutes erbracht wurde, hält sich bis in die Gegenwart der Aberglaube Lebensmittel würden schlagartig schlecht, käme ihnen eine blutende Frau zu nahe. Schlagsahne ließe sich von ihnen nicht steif schlagen.

Bildungshindernis Menstruation

Vor allem in Ländern des globalen Südens sind „die Tage“ nicht nur mit einem schlechten Ruf behaftet, sondern halten Mädchen auch regelrecht vom Schulunterricht ab.

Werden die Mädchen nicht aufgrund ihres monatlichen Zyklus vom Unterricht ausgeschlossen, stellen sich ihnen praktische Hindernisse in den Weg: In den Schulen fehlen Toiletten, sie sind nicht nach Geschlechtern getrennt und/oder nicht abschließbar. Selbst wenn Toiletten vorhanden sind, können sich die Mädchen Binden oder Tampons nicht leisten. Sie sind für viele unerschwinglich.

Aus Angst, ihre Uniformen zu beflecken bleiben sie zuhause oder benutzen andere Hilfsmittel: Lappen, Blätter, Federn oder Sand. Ohne Zugang zu sauberem Wasser erkrankten sie an Infektionen. Die Fehlzeiten der Mädchen in den Schulen sind enorm, die Konsequenzen für deren berufliche Zukunft gravierend.

Luxusgut Hygieneartikel

In vielen Ländern werden Hygieneartikel als „Luxusartikel“ versteuert. So auch in Deutschland. Hier wird der Luxusartikel Binde mit 19 Prozent besteuert, Schnittblumen fallen unter den vergünstigten Steuersatz von sieben Prozent.

Andere europäische Länder erheben auf Tampon und Co. noch höhere Steuersätze: In Österreich bezahlt frau 20 Prozent. In Ungarn sind es sogar 27 Prozent! In Griechenland wurde die Steuer auf Hygieneartikel sogar angehoben: von 13 auf 23 Prozent.

Dass Frauenhygieneartikel keine Luxusgüter sind, hat man in anderen Ländern längst begriffen. In Kanada, England, Irland, Frankreich sowie in einigen US-Staaten wurde die „Tamponsteuer“ abgeschafft oder zumindest stark gesenkt.

Auch Kenia hat 2011 die Steuern auf Hygieneartikel abgeschafft. Dennoch bleiben die Binden für viele Frauen in Kenia unerschwinglich. Deshalb geht Kenia einen Schritt weiter und verpflichtet staatliche Schulen, alle Schülerinnen mit Binden zu versorgen.

Nur: Das vorgesehene Geld reicht lediglich für eine Packung Binden im Monat – und das bei 115 Schülerinnen!

Was hilft?

Die „Golden Girls Foundation“ verteilt in Kenia Menstruationstassen an Schülerinnen. Diese halten zehn Jahre lang, müssen nur einmal täglich geleert werden und sind auf lange Sicht umweltfreundlicher als Binden oder Tampons. Für jede in Europa verkaufte Menstruationstasse spendet das Projekt eine an ein Mädchen in Afrika.

Immer mehr Initiativen nehmen sich dieser Probleme überall auf der Welt an.

Auch in westlichen Ländern hat die Zahl der Frauen, für die Hygieneartikel für ihre Periode ein unleistbarer Luxus ist, zugenommen. Im Dezember 2018 verteilte ein pinkfarbenes „Tampon-Taxi“ in London Hygieneartikel an obdachlose Frauen und zog nebenbei noch große Aufmerksamkeit auf die so genannte „period poverty“.

In Deutschland hat eine Petition gegen die „Tamponsteuer“ bereits 120.000 Unterschriften gesammelt. Auch wenn damit (noch) keine Steuersenkung erreicht wird, verschafft sie dem Thema „weiblicher Zyklus“ doch Aufmerksamkeit, bringt es ins Gespräch.

Das Schweigen brechen, mit Irrglauben aufräumen

In Japan steht den Frauen seit 1940 per Gesetz ein Menstruationsurlaub zu. Kaum eine Frau macht davon Gebrauch, um ihre männlichen Kollegen nicht auf ihren Menstruationszyklus aufmerksam zu machen. Über den Sinn und Nutzen des sogenannten paid menstrual leave, der auch in anderen asiatischen Ländern gilt und über dessen Einführung in Italien diskutiert wurde, kann und soll gestritten werden.

Aber es gilt ,die Tabus um das Thema „Menstruation“ aufzubrechen und mit Irrglauben, falschen Bildern aufzuräumen, die Frauen krank machen, von der Schule fernhalten, sie um ihre berufliche Ausbildung bringen, sie isolieren und ihr Selbstwertgefühl verletzen.

Es gibt Anlass zur Hoffnung

Als Franziska Wartenburg ihre Bachelorarbeit über das Tabu Menstruation schreiben wollte, wurde ihr von der Koordinatorin der Hochschule abgeraten, „über solch abstruse Widerlichkeiten wie die Periode“ zu schreiben. Glücklicherweise konnte sie dennoch eine Betreuerin für ihr Thema finden. Im August 2018 verteidigte sie ihre Arbeit und bekam die Note 1,3. 20.000 Mal wurden ihre zwei Posts über ihre Arbeit auf Facebook gelikt. Wartenberg hat einen Nerv getroffen!

Und die Periode wird immer gesellschaftsfähiger: Im Februar wurde der 25-minütige Dokumentarfilm „Period. End of Sentence” mit dem Acadamy Award, dem Oscar für den besten Dokumentar-Kurzfilm, ausgezeichnet.

Bald kann ein Emoji mit einem Blutstropfen verschickt werden, der für Menstruation, aber auch für Medizin und Blutspende stehen soll.

Seit 2015 gibt es schließlich den 28. Mai, den Menstrual Hygiene Day! Haben Sie das gewusst?

Stand: Februar 2019

 

Bücher zum Thema

Sabine Maier: Das Buch der Tage. Ein Tagebuch für Frauen.
Wundergartenverlag, Wien 2018

Heike Kleen: Das Tage-Buch. Die Menstruation - alles über ein unterschätztes Phänomen
Heyne Verlag, München  2017

Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt
Avant-Verlag, Berlin 2017

Anna Dahlqvist: It's Only Blood. Shattering the Taboo of Menstruation.
Zed Books, London 2018

Helke Sander: Die Entstehung der Geschlechterhierarchie
Als unbeabsichtigte Nebenwirkung sozialer Folgen der Gebärfähigkeit und des Fellverlusts
Verlag Zukunft und Gesellschaft, Berlin 2017

 

Quellen und weiterführende Literatur

Franziska Wartenberg: Menstruation. Die große Scham. In Deutsche Hebammenzeitschirft. 2019, 71, S. 30 - 33
Menstruation - Das fatale Tabu
Zugriff am 28.02.2019, 12:01

Menstruation - in der Regel ein Tabu
Zugriff am 28.02.2019, 16:00 Uhr

Bluts­schwestern
Was hilft, wenn sich Mädchen in Afrika keine Binden leisten können?
Zugriff am 06.12.2018, 10:29 Uhr

Pink cab called ‘tampon taxi’ to distribute sanitary products to homeless women.
Zugriff am 03.12.2018, 11:54 Uhr

Es gibt jetzt ein Menstruations-Emoji – aber nicht so, wie die Erfinderinnen es wollten
Zugriff am 28.02.2019, 17:00 Uhr

"Wir müssen doch nicht so tun, als wäre es das Peinlichste der Welt"
Zugriff am 13.09.2018, 12:10 Uhr

Mythen und Fakten zur Menstruation. Ist das die Regel?
Zugriff am 27.02.2019, 11:00 Uhr

Debatte um „Tampon-Steuer“. Ungerecht, weil Männer nicht dafür zahlen?
Zugriff am 22.02.2019, 15:11 Uhr

Should Paid 'Menstrual Leave' Be a Thing?
Some countries mandate a legal right to leave for women during their periods. Is that reverse sexism or the right thing to do?
Zugriff am 26.11.2018, 12:58 Uhr

Kampf gegen Tamponsteuer: Rote Revolution
Zugriff am 26.11.2018, 15:00 Uhr

Oscar für "Period. End of Sentence." Endlich ein Film von gesellschaftlicher Relevanz
Zugriff am 26.02.2019, 12:32 Uhr

Lasst uns über Menstruation reden!
Zugriff am 06.12.2018, 14:25 Uhr

Menstrual Hygiene Day

 

Stand: 03/2019

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