Kekse gegen “Gefälligkeiten” – Sexuelle Ausbeutung in Krisengebieten

Foto: © Marcello Casal Jr/ABr / CC BY 2.5Foto: © Marcello Casal Jr/ABr / CC BY 2.5Dass Frauen und Kinder in Krisengebieten besonderen Schutz benötigen, steht außer Frage, denn gerade sie werden oft zu Missbrauchsopfern - sei es durch Warlords, Soldaten oder Schlepper. Sexualisierte Gewalt wird zudem nicht selten als Kriegswaffe eingesetzt. Die brutalen Vergewaltigungen durch die Milizen im Kongo sind nur ein Beispiel. Um die  geschlagenen Gegner zusätzlich zu demütigen, vergehen sie sich an deren Frauen und Töchtern.

Oft leben die Betroffenen in Teilen der Welt, in denen sie aufgrund der dort herrschenden patriarchalen Weltanschauung als wertlos erachtet werden. Missbrauch und Gewalt gehören zu ihrer ganz normalen Lebensrealität. Umso beschämender sind vor diesem Hintergrund die Taten einiger Krisenhelfer von Organisationen, die doch den Schutz der besonders Benachteiligten garantieren sollten.

Durch den Oxfam-Skandal, aufgedeckt von Sean O‘ Neill (The Times) im Februar 2018, wurde ersichtlich, dass man auch bei Hilfseinsätzen mit sexualisierter Gewalt rechnen muss. Mitarbeiter von Oxfam hatten nach dem schweren Erdbeben auf Haiti im Jahr 2010 „Sexpartys“ mit teilweise minderjährigen Prostituierten gefeiert. Aufschluss hierüber gab eine interne Untersuchung aus dem Jahr 2011. Doch anstatt die Vorwürfe öffentlich zu machen, hat Oxfam offensichtlich versucht, die Taten zu vertuschen (Oxfam selbst bestreitet dies). Einige der involvierten Mitarbeiter konnten ohne weitere Konsequenzen bei Oxfam kündigen und ließen sich daraufhin von anderen Hilfsorganisationen einstellen.

Wenn Wohltäter zu Tätern werden – Oxfam als Einzelfall?

Dass es bei Hilfseinsätzen ein massives Problem mit sexualisierter Gewalt von Seiten der „Helfer“ gibt, weiß man schon lange. Jahrzehnte, um genau zu sein. In den 90er Jahren wurden vor allem Einsätze der Vereinten Nationen angeprangert. Im Jahr 2000 wurden Berichte laut, wonach deutsche Kfor-Soldaten zum Elend minderjähriger Sexsklavinnen in Mazedonien maßgeblich beitrugen. Auch NATO-Kräfte und die UNO-Institutionen im Kosovo standen heftig in der Kritik, mitverantwortlich für Sklavenhandel und organisierte Prostitution zu sein. Die IOM, die Internationale Emigrantenorganisation wies in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Prostitution nicht trotz, sondern gerade wegen der NATO-Soldaten so floriere.

Im Juni 2002 erschien ein umfassender Bericht über die Lage von sexuell ausgebeuteten Kindern in Westafrika, der UNHCR + Save the Children UK report on the sexual exploitation of refugee children in West Africa. Hier ging es um sogenannten „transaktionalen Sex“: Mitarbeiter von NGOs wurden beschuldigt, von jungen Mädchen Sex zu erpressen und ihnen im Austausch die dringend benötigte Nahrung oder Hygieneartikel zu überlassen. Wurden die Mädchen schwanger, ließ man sie fallen oder zwang sie zur Abtreibung. Hierbei machten die einheimischen Mitarbeiter den Großteil der Täter aus, nichtsdestotrotz gab es auch etliche Fälle, bei denen sich auch internationale Mitarbeiter schuldig gemacht hatten.

Dieses System der Ausbeutung ist weit verbreitet und gilt in Krisengebieten als relativ „normal“. Es gab bis zuletzt auch kaum nennenswerte Bemühungen um Aufklärung seitens der meisten NGOs. Der Großteil der Vergewaltigungen wird nie registriert. Woran liegt das?

Hunger und Patriarchat – Die Frage nach dem Warum

Vor allem Kinder und sehr junge Frauen sind vom transaktionalem Sex betroffen. Teilweise durch Schicksalsschläge von ihren Familien getrennt, leben sie außerhalb jeglicher unterstützender und kontrollierender Systeme. Ihre Geburten wurden nicht registriert, sie sind nie zur Schule gegangen und sie sind auch nicht als EmpfängerInnen humanitärer Hilfen verzeichnet. Sie existieren quasi nicht, ihre Stimmen zählen nicht und bleiben völlig ungehört. Das Machtgefälle zwischen Betroffenen und Tätern ist immens. Die Einheimischen sind abhängig von den Gaben der Täter, die Angst in noch größere Not zu gelangen, hält sie davon ab, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Und ein weiterer Grund hindert die Mädchen: Ihre Ehre wäre öffentlich beschmutzt. Wie elementar dieser Ehrbegriff verstanden wird, sieht man daran, dass Vergewaltigungsopfer in manchen Gebieten, wie im Süden Sudans, sogar gezwungen werden, ihre Peiniger zu ehelichen, um die Ehre der Familie wiederherzustellen.

Wie betroffene Frauen in dem Bericht Report the Abuse angeben, unternimmt die örtliche Polizei in den meisten Fällen nichts gegen die Untaten und die zuständigen MitarbeiterInnen der NGOs sind oft genug selbst in die Skandale verwickelt. Laut den Betroffenen versuchen die Täter ihre Verbrechen noch nicht einmal zu verheimlichen. Eine toxische Mentalität à la „So läuft das hier halt!“ gibt ihnen darin Auftrieb. Eine Werteverschiebung findet statt - das Krisengebiet wird zu einer Blase, in der Verhaltensweisen völlig normal werden, die im Heimatland niemals geduldet würden. Die Männer decken sich in ihrem verbrecherischen Tun gegenseitig und die Ermittlungen gemeldeter Verbrechen verlaufen meistens im Sande. Auch die Organisationen selbst haben kein Interesse daran, solche Fälle publik zu machen, würde es dem eigenen Image doch erheblichen Schaden zufügen.

Doch die Gefahr sexualisierter Gewalt droht nicht nur den einheimischen Frauen.

Sexueller Missbrauch von Mitarbeiterinnen

Laut dem Bericht Stop the Sexual Assault against Humanitarian and Development Aid Workers, herausgegeben vom Feinstein International Centre, zeichnen sich auch innerhalb der NGOs erhebliche Missstände ab.

Die frauenfeindliche Gesinnung macht auch hier keinen Halt: Die eigenen Mitarbeiterinnen werden bei sexuellen Übergriffen ebenso alleingelassen, wie ihre schutzlosen Geschlechtsgenossinnen. Selbst bei den wenigen Organisationen, die entsprechende Prävention betreiben, wird derartige Firmenpolitik meistens nur unzureichend durchgesetzt. Die Trainings bleiben sporadisch und drehen sich häufig nur darum, wie Frauen sich verhalten sollten um sich besser zu schützen – das Verhalten der Männer wird nicht zum Gegenstand gemacht, auch nicht, wie sie sich präventiv verhalten könnten, wenn sie selbst Zeuge einer missbräuchlichen Handlung werden.

Selbst wenn betroffene Mitarbeiterinnen die Verbrechen melden, werden auch diese Fälle bestmöglich vertuscht. Oftmals steht der Täter in der Firmenhierarchie weit über der Betroffenen. Die Angst vor einer Kündigung nach Offenlegung eines Verbrechens ist groß und tatsächlich auch begründet, entsprechende Fälle sind bekannt und keine Seltenheit. Die NGOs sind darauf bedacht, ihre Projekte und deren Finanzierung nicht zu gefährden und üben deshalb teilweise beträchtlichen Druck auf die Opfer aus. Ihnen wird eingeredet, sie seien inkompetent und könnten die Situationslage nicht adäquat einschätzen. Frauen berichten davon, dass ihnen oft unterstellt wurde, sie hätten zur Tatzeit Alkohol getrunken oder Drogen konsumiert – deshalb seien ihre Vorwürfe nicht ernst zu nehmen. Geschah der Übergriff gar auf einer Betriebsfeier, sei mit einer gewissenhaften Verfolgung der Anschuldigungen fast nicht zu rechnen. Die Geschehnisse werden kleingeredet und als etwas dargestellt, das man für das höhere Wohl und das Team aushalten müsse: Ob man denn das ganze Projekt gefährden wolle. In Teilen wird außerdem zwischen nationalen und internationalen Mitarbeiterinnen unterschieden, erstere haben es oft noch schwerer, sich Gehör zu verschaffen. Das trifft auch auf lesbische, bisexuelle oder Trans-Personen zu. Sie müssen sich zusätzlich vor Indiskretionen bei der Bearbeitung ihres Falls fürchten.

In Anbetracht all dieser Bemühungen, den Frauen Hindernisse in den Weg zu legen, ist es Denjenigen umso höher anzurechnen, die in diversen Berichten ihre Stimme gegen die Täter erhoben haben.

Auswege aus der Misere

Was also muss sich ändern, um dem strukturellen Problem der sexualisierten Gewalt in Krisengebieten entgegenwirken zu können?

Zum einen muss sich ein System etablieren, das es den NGOs ermöglicht, vorbelastete Mitarbeiter zu erkennen. Es darf nicht möglich sein, eine Organisation aufgrund von Missbrauchsvorwürfen zu verlassen, um von einer unwissenden, in einem anderen Land ansässigen NGO wieder eingestellt zu werden.

Das Klima innerhalb der Organisationen muss sich deutlich ändern, Betroffene müssen sich sicher sein können, dass ihre Vorwürfe ernstgenommen und mit der nötigen Sorgfalt behandelt werden. Vielerorts nützt es den Frauen nichts, sich an die lokale Gerichtsbarkeit zu wenden, da diese oft nur mangelhaft ausgebaut ist. Umso wichtiger ist also die interne Aufarbeitung der Verbrechen durch entsprechende Untersuchungskommissionen.

Außerdem müssen Präventions- und Aufklärungsprogramme innerhalb der Organisationen entschiedener und konzentrierter durchgeführt werden. Es kann nicht von Mitarbeitern erwartet werden, dass sie sich einem Opfer sexualisierter Gewalt gegenüber finden und professionell damit umgehen können. Hierfür muss es geschulte ExpertInnen geben. Betroffene müssen unterstützt und beraten werden - psychologische, physische und rechtliche Hilfe muss garantiert sein.

 

Quellen und weiterführende Informationen:

Report the Abuse: Humanitarian Experiences with Sexual Violence: Compilation of Two Years of Report the Abuse Data Collection, August 2017.

UK Parliament: Sexual explotation and abuse in the aid sector, Juli 2018.

UNHCR + Save the Children UK: Sexual Violence & Exploitation: The Experience of Refugee Children in Guinea, Liberia and Sierra Leone, Februar 2002.

Feinstein International Centre: Stop the Sexual Assault against Humanitarian and Development Aid Workers, a report by Dyan Mazurana, PhD, and Phoebe Donelly, Mai 2017.

(Interview) Endres, Alexandra; Jennings, Kathleen: "Eine Umgebung, in der Missbrauch normalisiert wird", Februar 2018.

Ferris, Elizabeth G.: Abuse of Power: Sexual Exploitation of Refugee Women and Girls, März 2007.

Grady, Kate: Sex, Statistics, Peacekeepers and Power: UN Data on Sexual Exploitation and Abuse and the Quest for Legal Reform, November 2016.

Raymond, Janice G.: When Doing Good Becomes Doing Bad, Juli 2018.

Zastiral, Sascha: Wenn Helfer zu Tätern werden. August 2018.

 

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