Frauen in Führungspositionen – Kann die „gläserne Decke“ durchbrochen werden?

Business Frau mit Team . Foto: © Photographee.eu – Fotolia.comBusiness Frau mit Team.
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Am 7. Dezember 2015 lehnte der EU-Sozialministerrat eine Vorlage des EU-Parlaments ab, die europaweit eine Frauenquote für Führungspositionen in der Wirtschaft vorsah. Auch die deutsche Regierung stellte sich gegen die Quote und beharrte auf einer weiteren Prüfung. Eine weitere vertane Chance im Ringen um eine europäische Gleichstellungspolitik.

Die notwendige Zustimmung der Staats- und Regierungschefs steht bereits seit 2012 aus. Damals hatte EU-Kommissarin Viviane Reding die Frauenquote im EU-Parlament durchsetzten können. 40 Prozent der Aufsichtsräte sollten mit Frauen besetzt sein. Nur wenige der Mitgliedsstaaten verfügen bis heute über bindende Vorgaben für Geschlechtergleichheit in Führungspositionen.

Pionier Norwegen

Ein Vorbild hätten die säumigen EU-Staaten in Norwegen finden können: Dort stimmte die Regierung bereits 2003 einer gesetzlichen Frauenquote in den Führungsetagen der börsennotierten Unternehmen zu. Seit 2006 ist ein Frauenanteil von 40 Prozent bindend. Tatsächlich stieg binnen fünf Jahren der Anteil in den großen Unternehmen von neun auf 40 Prozent. Sogar in kleineren Unternehmen zeigen sich positive Effekte. Spanien, Island, Frankreich, die Niederlande, Belgien, Italien, Österreich zogen nach und einigten sich auf gesetzliche Zielvorgaben oder Empfehlungen.

So sollen in Frankreich große – auch nicht börsenorientierte Unternehmen - bis 2017 40 Prozent Frauen in Führungsgremien haben. In Italien müssen 33 Prozent der Vorstände und Aufsichtsräte der börsennotierten und staatseigenen Unternehmen von Frauen besetzt sein. In Belgien müssen seit 2011 in den höchsten Entscheidungsgremien von Aktiengesellschaften und staatseigenen Unternehmen mindestens ein Drittel Frauen sitzen. Für börsennotierte Unternehmen gilt eine Frist bis 2019. Spanien begnügt sich mit einer Empfehlung an große staatliche Unternehmen: Männer und Frauen sollten zu jeweils 40 Prozent an der Spitze vertreten sein.

Die Zahlen

Die EU-Kommission hat im Oktober 2015 Statistiken veröffentlicht, die die Entwicklung der Frauenanteile in Führungspositionen in großen gelisteten Firmen von 2010 bis 2015 spiegelt. Die gute Meldung: 2015 gibt es tatsächlich mehr Frauen in Führungspositionen. Vor allem in Ländern, in denen eine gesetzliche Zielvorgabe verabschiedet wurde oder Maßnahmen zur Gleichstellung diskutiert werden, konnte der positive Trend beobachtet werden.

Die Italienerinnen und Französinnen gehören mit einem Zuwachs von 21,2 bzw. 20,5 Prozent zu den Gewinnerinnen. 12,8 Prozent hat Deutschland zugelegt und pendelt sich damit über dem EU-Durchschnitt (9,3 Prozent) ein. Damit lag 2015 der Anteil von Frauen in Führungspositionen in Frankreich bei 32,8, in Italien bei 25,8 Prozent und in Deutschland bei 25,4 Prozent. Als EU-Durchschnitt wurden 21,2 Prozent errechnet.

Obwohl 60 Prozent der Uniabschlüsse auf das Konto von jungen Frauen gehen, ist in der EU nur einer von 14 Vorstandsvorsitzen weiblich besetzt, etwa 7 Prozent also. Noch dünner ist die Luft in der obersten Etage: Unter den CEOs sind nur 3,6 Prozent weiblich. Die „gläserne Decke“ hält weiter stand.

Die Initiative European Women on Boards (EWoB) hat die Entwicklung in den Verwaltungsräten der 600 größten europäischen Unternehmen untersucht. Der durchschnittliche Frauenanteil in den untersuchten Unternehmen liegt bei 25 Prozent, mit 22,6 Prozent bleibt Deutschland darunter.

Ungleich ist selbst die Bezahlung von Vorstandvorsitzenden. Ein männlicher Chef konnte 2015 mit durchschnittlich 2,55 Millionen Euro Einkommen rechnen. Die Arbeit einer Chefin wurde mit 1,95 Millionen Euro honoriert.

Deutschland hat die Quote

Seit Beginn dieses Jahres ist auch Deutschland dabei: Das 2015 beschlossene „Gesetz für die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentlichen Dienst“ legt eine Quote von 30 Prozent Frauen in den Aufsichtsräten der etwa 100 größten deutschen Unternehmen fest.

„Diese Unternehmen müssen die Quote ab dem 1. Januar 2016 sukzessive für die dann neu zu besetzenden Aufsichtsratsposten beachten. Bei Nichterfüllung ist die quotenwidrige Wahl nichtig. Die für das unterrepräsentierte Geschlecht vorgesehenen Plätze bleiben rechtlich unbesetzt (‚leerer Stuhl’)“, so die Ausführungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Flexibler und unverbindlicher sind die Regelungen zur Formulierung von Zielgrößen zur Erhöhung des Frauenanteils in Aufsichtsräten, Vorständen und obersten Managementebenen in etwa 3500 weniger großen Unternehmen.

Zukunftsvisionen und -wünsche

Der Bericht der EWoB kommt zu dem Ergebnis, „dass eine wichtige Rolle von Frauen in Führungspositionen von entscheidender Bedeutung für die Zukunft der europäischen Wirtschaft ist.“ Ausgeglichen mit Frauen und Männern besetzte Vorstände würden „zu mehr Innovationskraft, höherer Wettbewerbsfähigkeit, nachhaltigem Wachstum und mehr Wohlstand führen“.

Um dahin zu kommen, reicht die Quote, die als erster wichtiger und notwendiger Schritt begrüßt wird, nicht. Elke Holst und Anja Kirsch, Expertinnen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), fordern weitergehende Maßnahmen: Neben einer systematischen Verbesserung der innerbetrieblichen Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen bis in höchste Führungsebenen müssten Einstellungen, Beförderungen und Gehaltsstrukturen transparenter sowie Karrieremodelle, Arbeitszeiten und Anwesenheitspflichten flexibler gehandhabt werden.

 

Stand: 07/2016

 

Quellen und nützliche Links

European Commission : Gender balance on corporate boards. Europe is cracking the glass ceiling (10. 2015) (PDF-Datei)

EWoB - European Women on Boards (EWoB): New Study: Progress and Challenges for Women on Company Boards. (27. April 2016)

BMFSJ – Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

DIW - Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: DIW Wochenbericht Nr. 2.2016, Managerinnen-Barometer: Unternehmen. (PDF-Datei)

DIW - Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: Pressemitteilung des DIW vom 21.01.2015 zum Managerinnen-Barometer 2015

FidAR – Die Initiative für mehr Frauen in die Aufsichtsräte

European Women on Boards